Ich stand an einem Sarg, als ich zum ersten Mal dachte: Der Mann, der mir tröstend die Hand hält, ist der Grund, warum ich meine Lebensversicherung nicht mehr habe. Er sagte mir: „Ich brauche das…

Ich stand an einem Sarg, als ich zum ersten Mal dachte: Der Mann, der mir tröstend die Hand hält, ist der Grund, warum ich meine Lebensversicherung nicht mehr habe. Er sagte mir: „Ich brauche das...

Am 9. Dezember 2024 sprach das Landgericht Rostock das Urteil: zwei Jahre und neun Monate Haft wegen gewerbsmäßigen Betrugs in elf Fällen. Der Mann, der in den Medien bald als „Trauerschwindler” bekannt wurde, hatte genau das ausgenutzt, was Menschen in den dunkelsten Stunden ihres Lebens fühlen: Verletzlichkeit, Verzweiflung und die Sehnsucht nach Trost. Enrico B.

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war kein Fremder, der anonym zuschlug. Er war der Mann, der Beerdigungen vorbereitete, der an Särgen stand, während Familien weinten. Er war derjenige, der Hände hielt, wenn andere keinen Halt mehr fanden. Und genau diese Rolle nutzte er aus, um sich über Jahre hinweg mehrere hunderttausend Euro zu erschleichen.

Aber wie wird aus einem ganz normalen Leben ein Mensch, der Trauernde systematisch betrügt? Die Akten zeigen einen Mann, der nach der Schule eine Ausbildung zum Tischler machte, dann eine weitere zum Schlosser. Er arbeitete als Altenpfleger, heiratete, bekam zwei Kinder. 1998 kaufte er ein Haus für seine Familie, nahm dafür einen hohen Kredit auf.

Dann zerbrach die Ehe. Die Bank kündigte den Kredit, das Haus wurde zwangsversteigert. Zurück blieben Schulden von über 250. 000 Euro.

Die meisten Menschen würden sich in dieser Lage nach einer Lösung umsehen, einer legalen. Enrico B. tat das nicht. Ab diesem Zeitpunkt begann seine kriminelle Karriere, die sich über zwei Jahrzehnte hinzog.

Insgesamt 13 Mal wurde er zwischen 2001 und 2015 verurteilt: wegen Betrugs, Subventionsbetrugs, Steuerhinterziehung. Er war arbeitslos, gegen ihn wurde die Zwangsvollstreckung veranlasst – doch die blieb erfolglos. Enrico B. schien unsichtbar zu sein: kein eigenes Bankkonto, keine Vermögenswerte, kein pfändbares Einkommen.

Menschen wiederholen Verhalten, das ihnen etwas bringt. Für Enrico B. brachte der Betrug offenbar mehr Nutzen als Kosten. Mit jedem Mal wurde er selbstsicherer, dreister.

Er mietete unter falschem Namen Baumaschinen, ohne die Rechnungen zu zahlen. Er gab sich als Inhaber eines ambulanten Pflegedienstes aus und hinterzog Krankenkassenbeiträge. Dazu kam der unerlaubte Besitz einer Schusswaffe. Die Strafen wurden immer wieder zur Bewährung ausgesetzt.

Dann entdeckte er ein neues Feld: das Bestattungswesen. In Deutschland braucht man dafür keine Genehmigung, keine festgelegte Ausbildung. Jeder kann sich Bestatter nennen. Und Enrico B.

nannte sich Bestatter. Sein erstes bekanntes Delikt in diesem Beruf beging er 2013. Eine Hinterbliebene zahlte 6. 559,82 Euro aus einer Sterbegeldversicherung für eine Bestattung, die eigentlich nur 2.

400 Euro gekostet hätte. Wie genau er das geschafft hat, wissen wir nicht. Aber die Berichte seiner späteren Opfer zeichnen ein klares Bild: Enrico B. war außergewöhnlich gut darin, die Bedürfnisse anderer Menschen zu erkennen.

Er verhielt sich genau so, dass er den Eindruck vermittelte, genau der Mensch zu sein, den sie sich im Moment am meisten wünschten. Er wirkte vertrauenswürdig. Er kümmert sich um die Nähe zur Polizei, ließ sich mit Polizisten sehen, bekam sogar Aufträge über sie. Wer von der Polizei gerufen wird, dem vertraut man.

Das war sein Kalkül. Eine der drei Frauen, die ihn schließlich vor Gericht brachten, fand über die Polizei zu ihm. Ihr junger Sohn war gestorben. Enrico B.

wurde gerufen, um die Bestattung zu organisieren. Er bot Beistand an – und dann mehr. Seine Zuneigung ging schnell über das Professionelle hinaus. Nach der Beerdigung blieben sie in Kontakt, erst freundschaftlich, dann wurde daraus eine Beziehung.

Er stellte ihr ein gemeinsames Leben in Aussicht. Was er verschwieg: Er führte bereits eine langjährige Beziehung mit einer anderen Frau, mit der er zwei Kinder hatte. Menschen, die Verliebtheit bewusst erzeugen, wissen, dass Verliebte kaum daran zweifeln, dass das Gegenüber nur das Beste will. Er spielte den Offenen, den Transparenten, ließ sie scheinbar an seinem Leben teilhaben.

Und dieses Leben war eine einzige Lüge, durchsetzt mit winzigen Elementen der Wahrheit, um bei Zweifeln etwas Vorzeigbares zu haben. Dann erfand er Notsituationen. Eine Person, die verliebt ist, hilft der Person, die sie liebt, wenn diese in Not ist. Das war seine Strategie.

Er brauchte Geld – angeblich nur zur kurzfristigen Überbrückung, bis Fördermittel eingehen würden. Oder für eine einmalige Investitionschance. Die Frauen gaben ihm Geld. Immer wieder.

Und je mehr sie gaben, desto schwerer war es zuzugeben, dass sie manipuliert worden waren. Enrico B. führte gleichzeitig mehrere Frauen mit derselben Masche hinters Licht. Auch seine zweite Ehefrau, mit der er zwei Kinder hatte, ließ er im Dunkeln über seine Geschäfte.

Psychologen sprechen bei ihm von einer auffälligen Fähigkeit: Er hatte eine sehr gute kognitive Empathie. Er verstand genau, was in seinen Opfern vorging. Aber diese Fähigkeit war mit vollkommener Kälte verbunden. Er verstand die Gefühle – und nutzte sie aus, ohne dass ihn je ein Anflug von Reue oder Zweifel zu stoppen schien.

Erst über das Internet fanden sich die betrogenen Frauen zusammen. Sie tauschten sich aus, erkannten das Muster, vernetzten sich – auch mit der zweiten Ehefrau von Enrico B. Unter dem gemeinsamen Druck zahlte er zumindest Teile der geliehenen Summen zurück. Am 4.

Juli 2022 erhob die Staatsanwaltschaft Rostock Anklage. Zu großen Teilen war das das Verdienst der investigativen Arbeit dieser Frauen. Für sie hatte der gemeinsame Kampf auch eine heilende Wirkung: Sie fühlten sich verstanden, nicht mehr allein. Gemeinsam nahmen sie ihm die Macht über ihre Situation und kämpften für Gerechtigkeit.

Das Urteil des Landgerichts Rostock umfasste nicht nur die Fälle der drei Frauen. Insgesamt elf Einzelstrafen wegen diverser Delikte aus der Vergangenheit tauchten auf. Das Gericht verhängte eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Das Urteil ist rechtskräftig, Enrico B.

hat seine Haft angetreten. Ob weitere Taten ans Licht kommen, ist ungewiss. Der Schaden, den er angerichtet hat, bleibt trotzdem. Auf hochmanipulative Menschen hereingefallen zu sein, hat nichts mit Naivität zu tun.

Sie wissen genau, wie sie die Gefühle anderer aktivieren und steuern, um ihre Ziele durchzusetzen. Der beste Schutz ist, diese Strategien zu kennen und zu verstehen – gerade in dem Moment, in dem ein anderer Mensch starke positive Gefühle in uns auslöst.