Die Frau schrie. Sie wusste nicht, wohin sie rannte, das Outback war schwarz wie Tinte. Sie hörte den Mann hinter sich, das Knacken von Ästen, das Atmen. Und dann das Bellen des Hundes.

Peter FCI und Joann Leis waren Mitte zwanzig, als sie ihre britische Heimat verließen. Es sollte die große Reise werden, der Traum, den so viele junge Menschen haben. Sie bereisten Asien, lernten Kulturen und Menschen kennen, erlebten Abenteuer. Und dann kam Australien.
Es begann alles ganz normal. Die beiden waren am 15. November 2000 von England aus gestartet, hatten Nepal, Malaysia, Thailand, Singapur und Kambodscha gesehen. In Kambodscha wurden sie bestohlen, verlor Geld und Rückflugtickets.
Doch sie ließen sich nicht unterkriegen, klärten alles in Bangkok und flogen weiter nach Australien. Am 16. Januar 2001 landeten sie in Sydney. Mit einem Working-Holiday-Visum wollten sie ein Jahr lang den Kontinent bereisen, zwischendurch arbeiten, um sich den Traum zu finanzieren.
Peter fand einen Job als Handwerker, Joann arbeitete in einer Buchhandlung. Sie knüpften Kontakte, fühlten sich wohl. Joann hätte ewig in Sydney bleiben können. Doch Peter wollte weiter, raus in die Natur, neue Städte sehen.
Sie kauften sich einen VW-Kombi in knalligem Orange. Die Vorbesitzer waren ebenfalls Backpacker und wollten den Wagen schnell loswerden. Peter handelte den Preis auf 1800 australische Dollar herunter. Joann war skeptisch, wegen des Zustands, aber Peter überzeugte sie.
Der Wagen sollte das geringste Problem ihrer Reise sein. Von Sydney ging es nach Adelaide. Dann weiter Richtung Darwin, mitten durchs Outback. Dreitausend Kilometer lagen vor ihnen, Tage ohne Zivilisation, ohne Handyempfang.
Sie kauften Vorräte, Peter besorgte einen kleinen Safe für ihr Geld. In Alice Springs ließen sie den Wagen noch einmal durchchecken. Man warnte sie davor, nachts über den Stuart Highway zu fahren. Aber sie wollten weiter.
Tagsüber heizte sich der Camper ohne Klimaanlage zu stark auf. Am Abend des 14. Juli 2001 waren sie auf dem Highway. Gegen 18:20 Uhr machten sie eine Pause am Barrow Creek Roadhouse, tankten, rauchten einen Joint, fuhren weiter.
Dann fiel ihnen ein weißer Toyota auf, der seit einer Weile hinter ihnen fuhr. Er überholte nicht, sondern zog auf gleiche Höhe. Der Fahrer gestikulierte, zeigte auf das Heck ihres Wagens. Joann war unwohl, aber Peter hielt an, als der Mann rief, dass Funken aus dem Auspuff kämen.
Peter stieg aus, Joann blieb im Wagen. Sie hörte die beiden Männer am Heck reden, hörte, wie sich Peter bedankte. Dann kam er zurück, holte seine Zigaretten aus dem Handschuhfach und sagte, Joann solle auf den Fahrersitz rutschen und den Motor starten, er wolle sich das selbst ansehen. Peter wirkte entspannt.
Dann hörte Joann einen Knall. Wie einen Schuss. Der Fremde war plötzlich bei ihr, hielt ihr eine Waffe an den Kopf. Er schubste sie auf den Beifahrersitz, fesselte ihre Handgelenke, zerrte sie aus dem Wagen.
Auf dem Boden wickelte er Klebeband um ihre Beine. Er versuchte, ihr den Mund zu verkleben, aber sie wehrte sich, schlug mit dem Kopf hin und her. Er gab auf, schleifte sie zu seinem Auto, zog ihr eine Stofftasche über den Kopf und warf sie auf die Ladefläche. Sie schrie, fragte, was er wolle, ob er Geld oder sie wolle.
Er sagte nur: „Nein. ”
Dann bemerkte sie, dass das Klebeband um ihre Knöchel zu locker war. Sie befreite ihre Beine, riss sich den Stoff vom Kopf und sprang aus dem Wagen. Sie rannte ins Dunkel, in die endlose Weite des Outbacks.
Hinter ihr hörte sie den Mann und einen Hund. Sie versteckte sich unter einem Busch, hörte den Mann stundenlang umherstreifen. Dann sah sie die Scheinwerfer seines Autos, der Lichtkegel traf ihr Versteck. Sie hielt die Luft an.
Nach einer Weile fuhr er davon. Gegen 0:35 Uhr entdeckte sie die Scheinwerfer eines Lastwagens. Zwei Trucker, Vince und Rodney, fanden sie am Straßenrand. Sie war völlig aufgelöst, schrie immer wieder, sie sollten nach Peter suchen.
Ihr Freund sei angeschossen worden. Die Trucker brachten sie zum Barrow Creek Roadhouse, wo die Polizei verständigt wurde. Am Morgen begann die Suche nach Peter. Am Stuart Highway fand man eine große Blutlache, die DNA-Test ergab, dass es Peters Blut war.
Doch keine Schleifspur, keine weiteren Abdrücke. Nichts. Von Peter fehlte jede Spur. Eine Belohnung von 250.
000 australischen Dollar wurde ausgelobt. Joann sprach mit den Medien, gab Hinweise. Mehr als 300 Tipps gingen ein. Doch bald richteten sich Zweifel gegen sie.
Manche hielten ihre Geschichte für unglaubwürdig. Die Polizei verhörte sie, und ein Ermittler sagte ihr auf den Kopf zu, sie solle doch sagen, wo sie die Leiche versteckt habe. Joann war geschockt. Ihre Kleidung wurde forensisch untersucht.
An ihrem Shirt fand man winzige Blutspuren. Die DNA passte weder zu Joann noch zu Peter noch zu ihren Rettern. Die Spur wurde aufbewahrt. Auch die Aussagen anderer Zeugen stützten Joanns Darstellung.
Mehrere Autofahrer berichteten von einem Mann, der sie auf jenem Streckenabschnitt bedrängt hatte. Einer sagte, er sei mit seiner Familie ein Jahr zuvor von einem Mann herangewunken worden, der dem Phantombild von Joanns Beschreibung glich. Die Ermittler suchten einen Mann mit weißem Toyota-Truck und einem Hund. Und sie fanden ihn.
Bradley John Murdock, 43 Jahre alt, lebte von gelegentlichen Autoreparaturen und Drogenschmuggel. Sein eigener Vater und mehrere Freunde erkannten ihn auf dem Überwachungsvideo einer Tankstelle in Alice Springs, das aus der Nacht aufgenommen worden war, in der Joann gefunden wurde. Die Polizei suchte ihn auf, aber sein Auto und sein Aussehen passten nicht zu Joanns Beschreibung. Er wurde auf eine Liste von Personen von Interesse gesetzt, mehr nicht.
Im Mai 2002 wurde ein Kumpel von Murdock wegen Drogenschmuggels verhaftet. Um sich selbst zu entlasten, erzählte er von einem Gespräch mit Murdock, in dem dieser darüber gesprochen hatte, wie man eine Leiche entsorgen würde. Außerdem habe Murdock am Wochenende von Peters Verschwinden bei einer Drogensache gefehlt und gesagt, er habe unterwegs Stress gehabt. Kurz darauf habe er sein Aussehen und die Farbe seines Autos verändert.
Die Polizei holte sich diskret eine DNA-Probe von Bradleys Bruder. Es gab ein Match. Die DNA vom Shirt, von den Fesseln und vom Lenkrad des Campers stammte von Bradley John Murdock. Doch der Bruder hatte Bradley gewarnt.
Murdock floh ins Outback. Am 22. August 2002 wurde er festgenommen – allerdings wegen der Entführung und Vergewaltigung zweier Frauen, einer Mutter und ihrer Tochter. Er hatte sie Stunden festgehalten und wieder laufen lassen.
Es hieß, er habe sie als Geiseln nutzen wollen, falls die Polizei ihm wegen Peter auf die Schliche käme. Im Prozess wegen der Entführung wurde er freigesprochen, aber keine Minute auf freien Fuß gesetzt. Er wurde sofort erneut verhaftet, diesmal wegen des Mordes an Peter Falconio und der versuchten Entführung von Joann Lee. Im Jahr 2005 begann der Prozess.
Peter Leiche war nie gefunden worden. Bradley Murdock plädierte auf nicht schuldig. Seine Verteidigung baute auf zwei Säulen. Erstens: die Identifizierung durch Joann sei wertlos.
Die Ermittler hatten ihr in England mehrere Fotos gezeigt. Sie hatte auf das von Bradley gezeigt. Doch vorher hatte sie im Internet einen Artikel über seine Verhaftung mit einem Foto von ihm gesehen. Die Verteidiger sprachen von Kontaminierung.
Zweitens: Peter sei gar nicht tot. Er habe seine eigene Ermordung vorgetäuscht. Ein Paar behauptete, Peter sei eine Woche nach seinem Verschwinden in einer Tankstelle in New South Wales aufgetaucht, in Begleitung eines ungepflegt aussehenden Mannes mit einem Hund. Die Staatsanwaltschaft wies das zurück, denn die Beschreibungen der beiden Zeugen wichen voneinander ab.
Die Verteidigung brachte zudem eine Affäre von Joann mit einem Mann namens Nick zur Sprache. Joann hatte Peter in Sydney betrogen, noch bevor er verschwand. Die Familie von Peter stand dennoch zu ihr. Für die Verteidigung war es ein weiteres Mittel, um ihre Glaubwürdigkeit anzugreifen.
Sie legten auch kleinste Abweichungen in ihren Aussagen vor Gericht aus, etwa die Länge des Halsbandes vom Hund des Täters. Doch die Beweise der Anklage waren erdrückend. Bradleys eigener Vater und seine Freunde hatten ihn auf dem Tankstellenvideo wiedererkannt. Joann hatte ihn auf einem Foto identifiziert.
Bradley besaß einen Hund, der zu ihrer Beschreibung passte. Seine DNA war an Joanns Kleidung, an den Fesseln und im Inneren des Campers gefunden worden. Und er war direkt nach der DNA-Probe seines Bruders untergetaucht. Die Verteidigung behauptete, die DNA sei durch Kontaminierung übertragen worden.
Joann und Peter sowie Bradley Murdock hätten am selben Tag dasselbe Restaurant in Alice Springs besucht. Bradley habe dort Hühnchen für sich und seinen Hund gekauft. Doch es gab ein Indiz, gegen das die Verteidigung kein Argument fand. Joann hatte ausgesagt, sie habe während des Entführungsversuchs ein Haarband mit einer silbernen Klammer verloren.
Als die Polizei Murdocks Waffe beschlagnahmte, war genau dieses Haarband um den Pistolengriff gewickelt. Als man es ihm vorlegte, schwieg er. Bradley Murdock wurde des Mordes an Peter Falconio für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt. Alle Berufungsanträge wurden abgelehnt.
Er schwieg weiterhin darüber, wo Peters Leiche geblieben war. Im Jahr 2019 wurde bei ihm Halskrebs diagnostiziert. 2025 kam er in Palliativbehandlung und starb am 15. Juli 2025, genau 24 Jahre und einen Tag nach Peters Verschwinden.
Die Familie von Peter war erleichtert, dass der Mörder tot war. Aber bis zuletzt hatte sie gehofft, dass Bradley das Versteck des Leichnams preisgeben würde. Er nahm das Geheimnis mit ins Grab. Die Polizei sucht bis heute nach Peters Überresten.
2025 wurde die Belohnung auf 500. 000 australische Dollar erhöht. Bislang ohne Erfolg. Um den Fall ranken sich weiterhin zahlreiche Theorien.
Trotz der dichten Beweiskette gibt es Menschen, die von Murdocks Unschuld überzeugt sind. Es gibt Lücken und Ungereimtheiten. Doch juristisch ist der Fall gelöst. Der Verurteilte stritt bis zuletzt ab, ein Mörder zu sein.
Vielleicht reicht das manchmal, um Zweifel zu säen, die man bei der Betrachtung des Falls nicht loswird. Das Haarband von Joann Lee, das um die Pistole des Mörders gewickelt war, bleibt für viele das eindeutigste Zeichen seiner Schuld.


