Ich stand mit dem Glas in der Hand auf der Terrasse und dachte, ich hätte einen Schluck italienischer Tradition in der Hand. Dann fand ich heraus, dass mein Sommerritual exakt ein Jahr hat, an dem…

Ich stand mit dem Glas in der Hand auf der Terrasse und dachte, ich hätte einen Schluck italienischer Tradition in der Hand. Dann fand ich heraus, dass mein Sommerritual exakt ein Jahr hat, an dem...

Die Sonne stand tief über der Münchener Terrasse, ein großes Glas mit leuchtend oranger Flüssigkeit in der Hand, ein paar Eiswürfel, ein Orangenscheibchen am Rand, irgendwo eine Olive. Es sah aus wie Sommer, wie Italien, wie eine jahrhundertealte Tradition des Genießens. Ein Aperol Spritz. Fast alles daran war eine Erfindung des Jahres 2003.

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Nicht das Glas, nicht das Eis, nicht einmal der Aperol selbst, der wurde tatsächlich 1919 erfunden. Aber das, was wir heute als Aperol Spritz kennen, diese Mischung, diese Präsentation, diese globale Präsenz auf jeder halbwegs modischen Terrasse, war das Ergebnis einer einzigen Marketingentscheidung einer Mailänder Unternehmensgruppe. Die Geschichte dieses Getränks beginnt nicht in Italien, sondern mit einem deutschen Verb. Im 19.

Jahrhundert war Norditalien Teil des habsburgischen Kaiserreichs. Wien regierte über Venedig. Österreichische Soldaten und Beamte lebten und arbeiteten in den Städten des Veneto und tranken den lokalen, schweren Wein. Der war ihnen zu stark.

Die Lösung war simpel: Man verdünnte den Wein mit einem Spritzer Wasser. Man spritzte etwas hinein. Spritz. Die österreichischen Soldaten baten in den Gasthäusern darum, ihren Wein zu spritzen, und das Wort blieb.

Keine romantische Geschichte, sondern eine Geschichte der Besatzung und des Komforts. Mit der Zeit veränderte sich der Spritz. Das stille Wasser wurde durch Mineralwasser ersetzt, später durch Sodawasser, dann durch Prosecco. In Venezien begann man, das Gemisch mit Bitterlikören zu verfeinern, mit einem Schuss Select, einem Schuss Campari, einem der vielen regionalen Amari.

Dieser Prozess lief über Jahrzehnte, ohne dokumentiert zu werden. Es gab keinen Moment, in dem jemand sagte: Ab heute heißt das Spritz und so wird er gemacht. Es war eine langsame Akkumulation von Gewohnheiten und Barkeeperentscheidungen. Padua, 1919.

Die Brüder Luigi und Silvio Barbieri wollten etwas Neues auf den Markt bringen. Ihre Familie produzierte seit fast hundert Jahren Liköre in Norditalien. Nach dem Ersten Weltkrieg wollten sie ein Getränk für die neue Zeit, ein leichtes Getränk. Das Schlüsselwort war leicht.

Sie entwickelten einen Bitterlikör mit ungewöhnlich niedrigem Alkoholgehalt, nur 11 Prozent, für die damalige Zeit fast provokativ wenig. Sie nannten ihn Aperol, abgeleitet vom französischen Aperitiv oder vom lateinischen aperire, öffnen, den Appetit öffnen. Die Mischung enthielt bittere Orangenschalen, Rhabarber, Chinarinde, Enzianwurzel und verschiedene Kräuter, deren genaue Zusammensetzung bis heute ein Geschäftsgeheimnis ist. Die Brüder präsentierten den Likör 1919 auf der internationalen Messe in Padua, die Reaktion war positiv.

In den folgenden Jahrzehnten blieb Aperol ein regionaler Likör. Er wurde in den Bars des Veneto als Teil des lokalen Spritz getrunken, bekannt, aber nicht berühmt. Er war der kleine Bruder von Campari, weniger alkoholisch, weniger intensiv. Außerhalb Italiens hatte niemand von ihm gehört.

Selbst in Italien existierte er neben Dutzenden anderer regionaler Amari. Der Spritz war keine einheitliche Kategorie, jeder Barkeeper hatte seine eigene Mischung. Was Aperol fehlte, war kein gutes Produkt, sondern ein Erzähler. Im Jahr 2003 kaufte die Campari Group, einer der großen italienischen Spirituosenkonzerne aus Mailand, die Barbieri-Marke.

Der Kaufpreis lag bei etwa 52 Millionen Euro, aus heutiger Sicht eines der besten Geschäfte in der Geschichte der Getränkeindustrie. Campari erkannte drei strategische Stärken: den niedrigen Alkoholgehalt, der für gesundheitsbewusste Konsumenten attraktiv war, die leuchtend orange Farbe, die in einer Zeit aufkommender visueller Kommunikation außergewöhnlich fotogen war, und die regionale Tradition, die als authentische Basis für eine globale Geschichte dienen konnte. Was Campari dann tat, war ein Lehrbuchbeispiel moderner Markenentwicklung. Das Unternehmen entwickelte eine standardisierte Rezeptur für den Aperol Spritz: drei Teile Prosecco, zwei Teile Aperol, ein Splash Sodawasser, dazu eine Scheibe Orange, Eis und ein großes Weinglas.

Diese Formel, bekannt als die 3-2-1-Formel, wurde auf Bierdeckeln gedruckt, auf Plakaten, auf laminierten Kärtchen. Barkeeper wurden in der Zubereitung dieser spezifischen Kombination geschult, Restaurants wurden mit gebrandeten Gläsern beliefert. Ein Spritz war nicht mehr das, was der Barkeeper in die Mischung gab. Ein Spritz war exakt diese Mischung, diese Proportionen, diese Präsentation.

Der Spritz existierte schon Jahrzehnte, aber der Aperol Spritz als globales Markenerlebnis begann 2003. Die Marketingkampagne begann in Italien und breitete sich systematisch nach Norden aus. Österreich war das erste Nachbarland, nicht zufällig, denn Österreich hatte eine historische Verbindung zu Venezien. Von dort übersprang der Aperol Spritz die Grenze nach Bayern, in die Schweiz, nach Deutschland.

Was die Marketingverantwortlichen bekamen, war ein Phänomen. Zwischen 2007 und 2015 explodierte der Aperol-Absatz in Deutschland. Das Getränk wurde zum Statussymbol des städtischen deutschen Sommers. Der Erfolg hatte mehrere Gründe.

Der Alkoholgehalt lag in der Standardmischung bei etwa acht bis zehn Prozent, deutlich weniger als ein Glas Wein, perfekt für ein Konsumklima, das zunehmend auf moderaten Alkoholkonsum achtete. Die Farbe Orange kam in der Getränkewelt selten vor, war warm, einladend und fotografierte sich gut, genau das Richtige für die aufkommende Instagram-Ära. Der Name Spritz klang für Deutsche und Österreicher vertraut, fast heimelig, ein deutsches Wort, das nach Italien gereist war und nun mit einer italienischen Herkunftserzählung zurückkehrte. Dazu kam der Prosecco-Boom, die beiden Produkte aus derselben Region verstärkten sich gegenseitig.

Und schließlich die Einfachheit der Zubereitung, jeder konnte einen Aperol Spritz machen, zu Hause, auf dem Campingplatz, im Garten. Und weil jeder ihn machen konnte, machten viele ihn. Und weil viele ihn machten, wurde er normal. Und weil er normal wurde, wurde er Tradition.

Die Konkurrenten schafften es nicht. Hugo hatte einen kurzen Moment der Popularität, blieb aber regional. Verschiedene neue Aperitive verschwanden nach ein oder zwei Sommern wieder. Aperol Spritz gewann, weil er drei Dinge gleichzeitig hatte: einen konkreten Geschmack, den die meisten mochten, eine visuelle Identität, die sich aufdrängte, und einen Marktführer im Rücken, der die Geduld und das Kapital hatte, Jahre in einen Markt zu investieren.

Dann erschien im April 2019 ein Artikel in der New York Times mit dem Titel „Aperol Spritz is not a good drink“. Der Autor argumentierte, der Aperol Spritz sei zu süß, zu harmlos, zu kommerziell, er schmecke überall gleich, weil er überall nach derselben Formel gemacht werde. Die Reaktion war immens, der Artikel wurde hunderttausende Male geteilt. Die Diskussion wurde zu einer Diskussion über etwas Größeres: Kann ein Getränk, das durch Marketing groß geworden ist, eine authentische Kultur repräsentieren?

Italienische Kommentatoren reagierten gespalten. Einige Venezianer sahen den weltweiten Boom als Verfälschung ihrer regionalen Trinkkultur. Der Spritz in Venedig enthält manchmal Select statt Aperol, manchmal Campari, er ist keine Formel, sondern eine soziale Praxis. Andere nahmen das Phänomen gelassener.

Wenn die ganze Welt plötzlich einen venetischen Spritz will, ist das vielleicht ein Kompliment. Es gibt eine Ironie in dieser Geschichte. Das Unternehmen, das Aperol groß machte, Campari selbst, ist das bekannteste Beispiel für einen bitteren, komplexeren Likör. Campari wurde 1860 erfunden, hat 28 Prozent Alkohol und gilt in Bars weltweit als ernsthaftes Produkt.

Ausgerechnet der jüngere, leichtere, zugänglichere Bruder hat den älteren und komplexeren überholt. Aperol ist heute umsatzstärker als Campari selbst. Chemisch betrachtet entsteht der Geschmack aus dem Zusammenspiel mehrerer Bitterstoffe. Bittere Orangenschalen enthalten Limonin, die Chinarinde liefert Chinin, der Enzian Amarogentin, eine der bittersten natürlichen Substanzen.

Das Zusammenspiel dieser Bitterstoffe mit dem Zucker und dem niedrigen Alkoholgehalt ergibt einen Geschmack, der für einen Bitterlikör ungewöhnlich zugänglich ist. Aber der niedrige Alkoholgehalt hat auch eine Konsequenz. Alkohol ist ein Aromaträger, weniger Alkohol bedeutet, dass bestimmte aromatische Verbindungen weniger gut in Lösung gehalten werden. Nach der Verdünnung mit Prosecco und Sodawasser hinterlässt Aperol einen verhältnismäßig flachen Geschmack.

Das ist der Kern des New-York-Times-Arguments. Das Ergebnis ist angenehm, erfrischend, leicht, aber nicht komplex. Es ist kein Getränk, das man analysiert, sondern eines, das man trinkt. Und dann ist da noch der Preis.

In deutschen und österreichischen Bars kostet ein Aperol Spritz zwischen sieben und zwölf Euro. Die Rohstoffkosten liegen selbst bei großzügiger Schätzung bei ein bis zwei Euro. Die Marge ist enorm. Aperol Spritz kostet wie ein anspruchsvoller Cocktail, ist aber in der Zubereitung so simpel wie Wein einschenken.

Der Gast zahlt für das orange Glas auf der Terrasse und für das Gefühl, das damit verbunden ist. Die eigentliche Frage, die der Aperol Spritz aufwirft, ist nicht die nach dem Geschmack. Ist eine Tradition echt, wenn sie von einem Marketingteam erschaffen wurde? Die schnelle Antwort lautet nein.

Das 3-2-1-Rezept ist eine Marketingformel, die orange Farbe ist kalkuliert, das Weinglas ist kalkuliert, das Orangenscheibchen ist kalkuliert. Aber die langsamere Antwort ist komplizierter. Wenn Millionen von Menschen über zwanzig Jahre lang an einem Sommernachmittag ein Glas Aperol Spritz trinken, auf einer Terrasse mit Freunden in der Wärme, dann wird dieses Ritual real, auch wenn es erfunden wurde. Das Gespräch ist echt, die Entspannung ist echt, das Gefühl, das sich mit dem ersten Schluck verbindet, Urlaub, Wärme, Gemeinschaft, ist echt, auch wenn das Getränk dahinter eine Marketingentscheidung war.

Traditionen werden immer irgendwann erfunden. Sie werden zu Traditionen, weil Menschen sie wiederholen, weil sie mit Momenten verknüpft werden, die zählen. Was beim Aperol Spritz anders ist: Wir wissen, wann und warum er erfunden wurde. Wir kennen das Datum, 2003.

Wir kennen den Ort, die Campari Group in Mailand. Wir kennen die Strategie. Bei den meisten Traditionen ist der Ursprung vergessen oder mythologisiert. Bei Aperol Spritz nicht.

Er ist jung genug, dass die Menschen, die ihn erfunden haben, noch leben. Das macht den Aperol Spritz zu einem Experiment in der Frage, ob wir eine Tradition akzeptieren können, wenn wir wissen, dass sie eine ist. Die Antwort, die sich in den Verkaufszahlen und in den orangenen Gläsern auf Millionen von Terrassen zeigt, scheint zu lauten: Ja, wir können. Weil das Glas im Sommer auf der Terrasse keine Geschichte braucht.

Es braucht nur den Moment. Campari verkauft die Flasche. Alles andere, der Sommer, die Terrasse, das Gespräch, die Wärme, bringen die Menschen selbst mit.