Ein grauer Ford hält neben Jay. Die Elfjährige ist auf dem Weg zur Bushaltestelle, ihre rosa Jacke leuchtet in der Morgensonne. Ihre Mutter hat ihr noch hinterhergewinkt, ihr Stiefvater beobachtet sie vom Grundstück aus. Eine Frau steigt aus dem Auto, spricht das Mädchen an.

Jay zögert, macht einen Schritt zurück. Doch dann greift die Frau zu, zieht sie zum Wagen. Jay schreit, wehrt sich mit Armen und Beinen. Da öffnet sich die Fahrertür, ein Mann kommt heraus.
Ein Elektroschocker. Jays Körper verkrampft, sie sackt zusammen, wird in den Wagen gehoben. Ihr Stiefvater hat alles gesehen. Er springt auf sein Fahrrad, tritt in die Pedale, so schnell er kann.
Aber das Auto wird kleiner und kleiner, bis es verschwindet. Er verliert es aus den Augen. Jay ist weg. Zehn Jahre lang sucht die Polizei.
Vergeblich. Die Ermittler finden keine Spur von dem grauen Ford, keine Zeugen, die mehr gesehen haben. Nach Jahren wird der Fall zu den Akten gelegt. Die meisten gehen davon aus, dass Jay tot ist.
Ihre Mutter gibt die Hoffnung nie auf, aber auch sie verzweifelt mehr und mehr. Jay erlebt derweil etwas, das sich niemand vorstellen kann. Sie wird in einen kleinen, schallisolierten Schuppen gesperrt. Nackt, gefesselt, ein Eimer als Toilette.
Tagsüber wird die Hitze unerträglich, nachts friert sie. Ein winziges Fenster, meist mit Decken verhangen, zeigt ihr manchmal ein Stück Mond. Sie singt leise das Lied, das ihre Mutter ihr früher zum Einschlafen vorgesungen hat. Ihr Entführer heißt Philip Garrido.
Er ist ein verurteilter Sexualstraftäter, der nach seiner Entlassung eigentlich als ungefährlich galt. 1972 wurde er wegen Missbrauchs angeklagt, später entführte und vergewaltigte er eine 25-Jährige. Ein Gutachten warnte vor ihm. Ein anderes bescheinigte ihm Ungefährlichkeit.
Er wurde freigelassen. Im Gefängnis hatte er seine spätere Frau Nancy kennengelernt, die ihn während eines Besuchs bei einem anderen Insassen kennenlernte und sich in ihn verliebte. Philip missbraucht Jay immer wieder. Danach weint er, entschuldigt sich und bringt ihr Fast Food.
Jay versteht nicht, was mit ihr geschieht. Irgendwann hört sie auf zu weinen. Später wird sie sagen: „Die Tränen haben mein Gesicht verbrannt. “
Sie darf ihren Namen nicht mehr aussprechen.
Nichts behalten, das an ihr altes Leben erinnert. Nur einen kleinen Schmetterlingsring versteckt sie. Später bekommt sie Barbiepuppen, aus leeren Getränkepackungen bastelt sie Möbel für sie. Sie schreibt Tagebuch.
1992 notiert sie, dass Philip ihr ein Kätzchen geschenkt hat, etwas, das sonst niemand für sie getan hätte. Es wird ihr kleiner Trost, bis es ihr eines Tages als Strafe wieder weggenommen wird. Mit 14 Jahren bemerkt Jay, dass ihr Körper sich verändert. Sie ist schwanger, ohne es zu verstehen.
Philip zeigt ihr Lehrvideos über Geburten und behauptet, er wisse, wie man entbindet. Die Geburt ist qualvoll. Er reißt die Nabelschnur mit der Hand durch und nennt das Mädchen Angel. Die schwer traumatisierte Jay ist glücklich.
„Ich war nicht mehr allein“, sagt sie später. „Ich hatte jemanden, den ich lieben konnte. “
Mit 17 wird sie zum zweiten Mal schwanger. Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter hören die Übergriffe auf – vermutlich, weil ihr Körper nicht mehr kindlich ist.
Jay bekommt mehr Freiheiten. Sie hilft in Philips Druckerei, bringt ihren Töchtern mit Hilfe von Fernsehsendungen Lesen und Schreiben bei. Sie darf gelegentlich Konzerte besuchen oder zum Nagelstudio. Nach außen tritt sie unter dem Namen Allissa auf.
Niemand kennt ihre wahre Identität. Sie wohnt mit den Kindern in einem Zelt im Garten, das Philip nach der ersten Geburt ausgebaut hat. Es hat jetzt einen Holzboden und etwas mehr Platz, bleibt aber hinter einer hohen Hecke verborgen. Sie bewegt sich frei auf dem Grundstück, doch sie ist weiterhin eine Gefangene.
Sie versucht nicht zu fliehen, spricht vor Fremden nie über ihre Vergangenheit. Die Kunden der Druckerei erinnern sich später an eine höfliche blonde Frau, die als Philips Tochter vorgestellt wurde. In ihrem Tagebuch schreibt sie 2002, dass sie Philip nicht verletzen wolle, weil er ihr ein Kätzchen geschenkt habe. Zwei Jahre später schreibt sie, sie habe das Gefühl, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren.
Sie wisse nicht mehr, ob ihre Gedanken wirklich ihre eigenen seien. Auf die Frage, ob sie Gefühle für Philip gehabt habe, sagt sie später klar: Nein. Sie habe ihn nicht geliebt, sondern nur getan, was nötig gewesen sei, um zu überleben und ihre Kinder zu schützen. Nach außen inszeniert Philip eine heile Familie.
Nancy gilt als Mutter der Kinder, Jay wird als ältere Schwester ausgegeben. Jay lebt in ständiger Angst, dass man ihr die Töchter wegnehmen könnte. Diese Angst hält sie davon ab, Hilfe zu suchen oder sich jemandem anzuvertrauen. Philip driftet derweil immer weiter in religiösen Wahn ab.
2008 gründet er eine eigene Glaubensgemeinschaft namens „God’s Desire“. Er sieht sich als Auserwählten Gottes und predigt in der Nachbarschaft. Die Familie wirkt seltsam, aber niemand schöpft ernsthaften Verdacht. Jays Familie leidet unterdessen weiter.
Ihr Stiefvater gerät wiederholt unter Verdacht, weil er sie zuletzt gesehen hat. Er wird immer wieder befragt, obwohl es keine Beweise gibt. Die Ermittlungen, das Medieninteresse und das Gefühl des Versagens setzen ihm zu. Er und Jays Mutter trennen sich.
Beide leiden unter Depressionen. Am 24. August 2009 wird ein Polizeibeamter auf dem Universitätsgelände in Berkeley auf Philip und zwei Mädchen aufmerksam. Sie verteilen religiöse Flugblätter.
Die Kinder wirken blass und verunsichert. Auf Nachfrage sagen sie, ihre Schwester heiße Allissa und Philip sei ihr Vater. Der Beamte wird misstrauisch. Er überprüft Philips Vergangenheit und findet heraus, dass dieser ein verurteilter Sexualstraftäter auf Bewährung ist.
Es wird ein Termin mit der Familie vereinbart. Zwei Tage später erscheinen Philip, Nancy, Jay und die Mädchen beim Polizeirevier. Jay gibt sich weiter als Allissa aus, wirkt aber angespannt. Als ein Beamter ihr sagt, dass sie ehrlich sein darf, flüstert sie, dass sie es nicht sagen dürfe.
Man reicht ihr Zettel und Stift. Sie schreibt einen Namen auf das Papier. Jay Lee Doug. Sie ist 29 Jahre alt.
18 Jahre ihres Lebens hat sie in Gefangenschaft verbracht. Ihre Töchter sind elf und fünfzehn. In diesem Moment erfahren die Mädchen, dass die Frau, die sie ihre Schwester nannten, in Wahrheit ihre Mutter ist. Die Ermittler reagieren sofort.
Philip und Nancy werden festgenommen. Die Anklage umfasst Entführung, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und weitere Straftaten – insgesamt rund 29 Anklagepunkte. Jay und ihre Kinder werden medizinisch untersucht. Alle drei sind körperlich unversehrt.
Nur wenige Stunden später folgt das Wiedersehen mit Jays Mutter. Als die Polizei Pamela informiert, glaubt sie zunächst an einen schlechten Scherz. Erst als man ihr erlaubt, mit ihrer Tochter zu telefonieren, begreift sie, dass Jay wirklich noch lebt. Es ist das erste Gespräch seit über 18 Jahren.
Später werden schwere Versäumnisse der Behörden bekannt. Mehr als sechzig Mal hatte die Polizei in den vergangenen Jahren direkten oder indirekten Kontakt zu Philip. 1993 verbüßt er wegen Verstoßes gegen seine Bewährungsauflagen mehrere Monate im Gefängnis – in dieser Zeit hätte Nancy Jay freilassen können, tat es aber nicht. 2006 meldet eine Nachbarin, dass Philip Kinder in Zelten im Garten wohnen lasse.
Ein Beamter fährt zum Haus und spricht mit Philip vor der Tür, sieht sich aber weder Grundstück noch Garten an. Bei mehreren Kontrollen wird Jay selbst gesehen, doch sie gibt sich als jemand anderen aus. 2011 bekennen sich Philip und Nancy Garrido im Rahmen eines Deals schuldig. Philip wird zu 431 Jahren Haft verurteilt, Nancy zu 36 Jahren.
Philip spricht später in einem Interview davon, dass er durch ein religiöses Erwachen geheilt worden sei. Jay zieht sich danach weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Sie schreibt zwei Bücher über ihre Geschichte: „Gestohlenes Leben“ und „Freiheit“. Darin erzählt sie vom schwierigen Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben.
Sie lebt heute mit ihren Töchtern an einem geheimen Ort. Kalifornien stellt ihr 20 Millionen Dollar Entschädigung zur Verfügung, für Sicherheit, Therapie und Privatsphäre. Sie gründet eine Stiftung für Opfer von Entführung und sexueller Gewalt, hält aber Abstand zu den Medien. Jay Lee Doug hat das Schweigen gebrochen.
Nach 18 Jahren Gefangenschaft hat sie die Kontrolle über ihr Leben zurückerlangt.


