Ich schaute in meine Kaffeetasse und konnte plötzlich die Bilder nicht mehr ausblenden: versklavte Menschen auf Plantagen, die unter der Sonne Bohnen ernteten, während Händler in Europa den Gewinn…

Ich schaute in meine Kaffeetasse und konnte plötzlich die Bilder nicht mehr ausblenden: versklavte Menschen auf Plantagen, die unter der Sonne Bohnen ernteten, während Händler in Europa den Gewinn...

„Der Gouverneur von Mekka hat Kaffee verboten. Das Getränk berauscht und gefährdet die öffentliche Ordnung. “ Diese Worte hallten 1511 durch die Gassen der heiligen Stadt. Doch das Verbot hielt nicht lange, höhere Autoritäten hoben es wieder auf.

Thumbnail

Es war nur der erste von vielen Versuchen, das schwarze Getränk zu kontrollieren, das die Welt erobern sollte. Die berühmteste Geschichte beginnt mit einem Ziegenhirten namens Kaldi im äthiopischen Hochland. Seine Tiere fraßen rote Beeren und wurden plötzlich ungewöhnlich lebhaft, sie sprangen und schliefen nicht. Kaldi probierte die Früchte selbst und brachte sie zu Mönchen, die daraus ein Getränk zubereiteten, um während langer Gebete wach zu bleiben.

Historisch belegt ist diese Legende nicht, sie entstand erst Jahrhunderte später, aber sie erklärt, wie Menschen die anregende Wirkung der Kaffeepflanze entdeckten. Die Geografie ist dagegen real. Wilder Arabica-Kaffee stammt aus den feuchten Hochlandwäldern Äthiopiens, besonders aus der Region Kaffa im Südwesten. Dort wächst die Pflanze im Schatten größerer Bäume, geschützt vor starker Sonne und extremen Temperaturen.

Im 15. Jahrhundert verbreitete sich Kaffee als zubereitetes Getränk auf der arabischen Halbinsel. Der entscheidende Ort war der Jemen, wo Bauern Kaffee auf Terrassen in den Bergen anbauten. Sufi-Gemeinschaften tranken ihn, um während nächtlicher Gebete und religiöser Zusammenkünfte wach zu bleiben.

Sie nannten das Getränk „Kahwa“. Vom Jemen aus gelangte Kaffee über die Hafenstadt Mokka in andere Regionen. Der Jemen versuchte seine wertvollen Pflanzen und Samen zu kontrollieren und exportierte Bohnen wurden angeblich erhitzt, damit sie nicht keimten. Im Osmanischen Reich entwickelte sich Kaffee im 16.

Jahrhundert zum Massenphänomen. In Istanbul entstanden die ersten Kaffeehäuser, genannt „Kavehane“. Dort tranken Männer Kaffee, spielten Brettspiele, hörten Geschichtenerzählern zu und diskutierten über Handel, Religion und Politik. Gerade diese Gespräche machten Kaffeehäuser für Herrscher verdächtig, denn wo viele Menschen zusammenkommen, entstehen Kritik und Netzwerke.

Sultan Murad IV. ging im 17. Jahrhundert hart gegen Kaffeehäuser vor, späteren Geschichten zufolge verkleidete er sich nachts und richtete persönlich Menschen hin, die gegen seine Verbote verstießen. Trotz aller Verbote verbreitete sich Kaffee weiter.

Händler brachten ihn nach Venedig und in andere europäische Hafenstädte. Um das Getränk entstand bald eine Legende: Papst Clemens VIII. habe das muslimische Getränk probiert, für köstlich erklärt und beschlossen, es zu taufen, statt es den Ungläubigen zu überlassen. Eine verlässliche Quelle für diese Geschichte gibt es nicht, aber sie zeigt, wie fremd und zugleich faszinierend Kaffee den Europäern erschien.

Im 17. Jahrhundert entstanden Kaffeehäuser in London, Oxford, Paris und Wien. Sie wurden Orte des Informationsaustauschs. In London konnte man für den Preis einer Tasse Kaffee Gespräche über Handel, Wissenschaft und Politik verfolgen, weshalb man sie später „Penny Universities“ nannte.

Ganz demokratisch waren sie nicht, Frauen waren als Gäste meist ausgeschlossen. Doch einige Kaffeehäuser hatten enorme wirtschaftliche Bedeutung. Im Haus von Edward Lloyd trafen sich Kaufleute und Versicherer, daraus entwickelte sich später Lloyd’s of London. Im Jonathan’s Coffee House wurden Aktien gehandelt, einer der Orte, aus denen die Londoner Börse entstand.

Europa wollte nicht mehr vom Kaffee aus dem Jemen abhängig sein. Niederländische Händler brachten Kaffeepflanzen nach Europa und in die Kolonien. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts bauten die Niederländer Kaffee erfolgreich auf Java an.

Doch dieser Erfolg beruhte nicht auf friedlichem Unternehmertum. Die niederländische Kolonialmacht zwang lokale Bauern, Kaffee für den Export anzubauen und zu festgelegten Preisen abzuliefern. In Suriname arbeiteten versklavte Afrikaner auf Plantagen. Kaffee war Teil eines kolonialen Systems, das Land, Arbeitskraft und Gewinne gewaltsam kontrollierte.

Auch Frankreich wollte einen eigenen Zugang zum Kaffee. Berühmt wurde die Geschichte des Marineoffiziers Gabriel Mathieu de Clieu, der in den 1720er Jahren eine Kaffeepflanze nach Martinique brachte. In seinem späteren Bericht schrieb er, er habe während der Überfahrt seine knappe Wasserration mit der Pflanze geteilt. Ob jedes Detail stimmt, lässt sich nicht beweisen.

Die Pflanze trug jedoch zur Ausbreitung des Kaffeeanbaus in der Karibik bei, war aber nicht der einzige Ursprung des amerikanischen Kaffees. Eine weitere berühmte Geschichte führt nach Brasilien. 1727 wurde der portugiesische Offizier Francisco de Melo Palheta nach Französisch-Guayana geschickt. Offiziell sollte er bei einem Grenzstreit vermitteln, heimlich wollte er an keimfähige Kaffeesamen gelangen.

Der Legende nach verliebte sich die Frau des Gouverneurs in ihn und versteckte die Samen in einem Abschiedsstrauß. Belegt ist die romantische Episode nicht, gut belegt ist dagegen, dass Palheta Kaffee nach Pará brachte und damit einen frühen Ausgangspunkt für den brasilianischen Anbau schuf. Brasilien wurde erst im 19. Jahrhundert zum Kaffee-Riesen.

Plantagen breiteten sich von Rio de Janeiro ins Paraíba-Tal und später nach São Paulo und Minas Gerais aus. Wälder wurden gerodet, Verkehrswege gebaut und enorme Mengen Kapital investiert. Vor allem aber wurde eine riesige Zahl versklavter Menschen eingesetzt. Der globale Erfolg des Kaffees war eng mit Sklaverei, Zwangsarbeit und kolonialer Gewalt verbunden.

In Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, produzierten versklavte Afrikaner im 18. Jahrhundert gewaltige Mengen Kaffee und Zucker für Europa. Die Plantagenordnung beruhte auf körperlicher Gewalt, Hunger, extremen Arbeitszeiten und hoher Sterblichkeit. Die Revolution von 1791 war deshalb nicht nur ein politischer Aufstand gegen Frankreich, sondern auch eine Erhebung gegen eines der brutalsten Plantagensysteme der Welt.

In Brasilien blieb die Sklaverei bis 1888 bestehen. Kaffee war im 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Motoren der Wirtschaft und zugleich ein Grund, warum Plantagenbesitzer lange am System festhielten. Versklavte Menschen rodeten Wälder, pflanzten Bäume, ernteten Kirschen und transportierten Säcke.

Die Gewinne flossen an Großgrundbesitzer, Händler und Banken. Die Menschen, deren Arbeit den Reichtum schuf, erhielten weder Freiheit noch einen gerechten Anteil. Auch nach der Abschaffung der Sklaverei verschwanden Ausbeutung und Abhängigkeit nicht. Auf vielen Plantagen arbeiteten Einwanderer und landlose Familien unter Schulden, unfairen Verträgen oder politischem Druck.

In anderen Kolonien verpflichteten europäische Mächte Bauern zum Kaffeeanbau und zwangen sie, ihre Ernte zu niedrigen Preisen abzugeben. In Nordamerika erhielt Kaffee während der amerikanischen Revolution eine besondere Bedeutung. Am 16. Dezember 1773 warfen Kolonisten in Boston 342 Kisten Tee der britischen Ostindien-Kompanie ins Hafenbecken.

Danach galt Tee in patriotischen Kreisen als Zeichen britischer Loyalität, während Kaffee als republikanische Alternative gefeiert wurde. Doch auch hier ist die populäre Version zu einfach. Kaffee ersetzte Tee nicht über Nacht, erst im 19. Jahrhundert führten Handel, sinkende Preise und neue Konsumgewohnheiten dazu, dass Kaffee in den USA zum Alltagsgetränk wurde.

Die Industrialisierung veränderte Kaffee grundlegend. Dampfschiffe verkürzten Transportzeiten, mechanische Röster ermöglichten größere Produktionsmengen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden Marken, die gerösteten Kaffee überregional verkauften.

Während des amerikanischen Bürgerkriegs bekamen Soldaten der Unionsarmee Kaffeebohnen als Teil ihrer Rationen, mahlten und kochten sie im Lager und betrachteten das Getränk als Wärmequelle und moralischen Trost. Die Konföderierten litten wegen der Seeblockade unter Kaffeemangel und stellten Ersatzgetränke aus Zichorie, Getreide, Süßkartoffeln oder Eicheln her. Im Ersten Weltkrieg stieg der Bedarf an löslichem Kaffee stark an. Soldaten tranken ihn in den Schützengräben bei Nachtwachen und während langer Transporte.

Im Zweiten Weltkrieg gehörte Kaffee erneut zur militärischen Versorgung. Die amerikanische Regierung rationierte ihn zeitweise für Zivilisten, während große Mengen an die Streitkräfte gingen. Instantkaffee war praktisch, weil er leicht, schnell zuzubereiten und lange lagerfähig war. Nach dem Krieg wurde Kaffee in den Vereinigten Staaten endgültig Teil des Alltags.

Doch der Massenmarkt hatte einen Preis. Viele große Röster konzentrierten sich auf niedrige Kosten und einen gleichbleibenden Geschmack. Dunkle Röstungen und billige Mischungen verdeckten oft Herkunft und Qualität der Bohnen. 1971 eröffneten Jerry Baldwin, Zev Siegl und Gordon Bowker in Seattle ein Geschäft namens Starbucks.

Anfangs verkauften sie geröstete Bohnen, Tee und Zubehör. 1982 kam Howard Schultz zum Unternehmen. Nach einer Reise nach Mailand 1983 war er von der italienischen Espressokultur beeindruckt. Er wollte nicht nur Kaffee verkaufen, sondern einen Ort schaffen, an dem Zubereitung und Atmosphäre zusammengehörten.

Schultz kaufte Starbucks 1987 und baute das Unternehmen zu einer internationalen Kette aus. Er war jedoch nicht der Einzige, der hochwertigen Kaffee entdeckte. Firmen wie Peet’s Coffee und unabhängige Röster hatten bereits vorher gegen die Gleichförmigkeit des Massenmarktes gearbeitet. Später entstand die Third-Wave-Bewegung, die Kaffee stärker wie Wein behandelte: Herkunft, Sorte, Röstung und Zubereitung sollten transparent und geschmacklich erkennbar sein.

Heute ist Kaffee zugleich Massenware und Spezialprodukt. Brasilien ist der größte Produzent, Vietnam folgt vor allem mit Robusta. Kolumbien, Äthiopien, Indonesien und Honduras spielen wichtige Rollen. Rund um den Äquator bauen Millionen Familien Kaffee an.

Viele von ihnen sind jedoch von schwankenden Weltmarktpreisen, Klimarisiken und steigenden Produktionskosten bedroht. Der Handel ist bis heute ungleich organisiert. Zwischen der Kaffeekirsche auf einer kleinen Farm und dem Getränk im Café liegen viele Stufen, an denen der Wert steigt, aber der Anteil der Bauern bleibt häufig gering. Der Klimawandel verschärft die Lage.

Arabica reagiert empfindlich auf Temperatur und Krankheiten. Steigende Temperaturen verschieben geeignete Anbauzonen in höhere Lagen, Dürren und Schädlinge machen Ernten unsicherer. Für Konsumenten bedeutet das möglicherweise höhere Preise, für Bauern kann eine einzige schlechte Saison Schulden oder den Verlust des Landes bedeuten. Die Zukunft des Kaffees entscheidet sich deshalb nicht nur in Röstereien, sondern vor allem auf den Feldern.

Der Kreis schließt sich zur äthiopischen Heimat des Arabica-Kaffees. Regionen wie Yirgacheffe, Sidama und Guji sind heute bekannt für komplexe, florale oder fruchtige Kaffees. Doch die romantische Sprache der Spezialitätenbranche darf nicht verdecken, dass auch dort Bauern oft nur einen kleinen Anteil des Preises erhalten, den Konsumenten in reichen Ländern bezahlen. Kaffee ist nicht einfach ein Getränk, das zufällig populär wurde.

Er war religiöses Hilfsmittel, Handelsgut, Kolonialprodukt, Soldatenration, Industrieartikel und Lifestyle-Symbol. Er schuf Begegnungsorte und prägte Alltagskulturen. Ein großer Teil seines historischen Erfolgs beruhte auf Sklaverei, Zwang und ungleicher Macht.

Die nächste Tasse enthält keine sichtbaren Spuren dieser Ereignisse, aber ihre Geschichte ist trotzdem da.