London, 1750er Jahre. Jonas Hanway geht durch den Regen, und über seinem Kopf spannt sich ein Stoffdach, das die Stadt noch nie gesehen hat. Passanten lachen, manche rufen ihm Beleidigungen hinterher. Ein erwachsener Mann mit einem Schirm – in England gilt das als lächerlich, als weibisch, als etwas, das nur Franzosen tun.

Hanway lässt sich nicht beirren. Er ist Philanthrop und Weltenbummler, er hat zu viel gesehen, um sich um Spott zu kümmern. Dreißig Jahre lang trägt er seinen Schirm durch Londons Straßen, bei jedem Wetter, Tag für Tag. Als er 1786 stirbt, ist aus dem belächelten Gegenstand ein vertrauter Anblick geworden.
Die Engländer nennen den Regenschirm noch lange zu seinen Ehren einfach nur „Hanway“. Doch die Geschichte, die Hanway möglich machte, beginnt nicht in London und nicht im Regen. Sie beginnt mit der Sonne. Das Wort „Ambrelle“ stammt vom lateinischen „umbra“ – Schatten.
Lange bevor jemand auf die Idee kam, sich damit vor Regentropfen zu schützen, diente der Schirm dazu, Menschen vor der erbarmungslosen Hitze zu bewahren. Vor etwa 4000 Jahren zeigen ägyptische Reliefs Diener, die große fächerartige Schattenspender über Pharaonen und Adlige halten. Es geht dabei nie um Komfort. Schatten bedeutet Macht.
Nur wer reich oder königlich ist, kann es sich leisten, nicht in der Sonne zu arbeiten, während die einfachen Leute darunter schwitzen. In Mesopotamien beschirmen Diener ihre Könige mit langstieligen Baldachinen. Die frühen Schirme bestehen aus Palmblättern, Federn oder gespanntem Papyrus und werden an schweren Holzstangen getragen. Sie sind zeremoniell, unpraktisch und immer ein Zeichen von Autorität.
Dann kommt China. Einer Legende nach erfindet der Zimmermann Lu Ban den Regenschirm vor etwa 2400 Jahren. Doch eigentlich ist es seine Frau, die ihm eine zusammenklappbare Abdeckung näht, damit er bei der Arbeit im Freien nicht nass wird. Archäologische Funde bestätigen: Die Chinesen bauen als Erste Regenschirme mit beweglichen Speichen.
Sie überziehen das Gestell mit gewachstem oder lackiertem Papier und machen es wasserdicht. Das ist ein Durchbruch. Aus einem starren Zeremonienobjekt wird ein tragbares Werkzeug für Sonne und Regen. Der Schirm bleibt trotzdem ein Symbol.
In China zeigt die Anzahl der Stufen eines zeremoniellen Schirms den Rang seines Besitzers an. Der Kaiser hat Anspruch auf die aufwendigsten mehrstufigen Schirme, niedrigere Beamte müssen sich mit einfacheren begnügen. In Thailand und Myanmar stehen weiße Schirme für Königtum und buddhistische Mönche, für Reinheit und spirituellen Schutz. Im antiken Griechenland tragen Frauen Sonnenschirme, um ihre helle Haut zu schützen – blasse Haut gilt als Zeichen von Adel, gebräunte verrät Arbeit im Freien.
Griechische Vasen aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus zeigen Frauen mit Schirmen, oft von Sklaven getragen. Die Römer übernehmen diese Tradition und machen den Sonnenschirm unter der Aristokratie populär. Auffällig ist: In den meisten antiken Gesellschaften wird der Schirm kaum je gegen Regen eingesetzt. Im Mittelmeerraum und im Nahen Osten ist Regen seltener als die sengende Sonne.
Der Regenschirm, wie wir ihn kennen, entsteht erst dort, wo das Klima feuchter wird. In Europa verschwindet der Schirm jahrhundertelang fast aus dem Alltag. Im Mittelalter taucht er nur bei religiösen Prozessionen auf, über Bischöfen und wichtigen Kirchenmännern gehalten – die alte Verbindung zwischen Schatten, Heiligkeit und Macht lebt fort. Erst in der Renaissance entdecken die Europäer ihn neu.
Italienische Adlige, beeinflusst durch den Handel mit Asien und dem Nahen Osten, nutzen ihn als Sonnenschutz. Von Italien wandert die Mode nach Frankreich, wo er im 16. und 17. Jahrhundert ein beliebtes Accessoire des Adels wird.
Aber als Regenschutz? In Europa gilt das bis weit ins 18. Jahrhundert als ungewöhnlich und ein bisschen weibisch. Wohlhabende Männer nehmen bei Regen eine Kutsche oder schicken einen Diener mit einem Schirm voraus.
Einen eigenen zu tragen, tun nur Arme, die sich keine Kutsche leisten können. Genau in diese Welt tritt Jonas Hanway – und hält dreißig Jahre lang dagegen. Seine Beharrlichkeit verändert die öffentliche Wahrnehmung. Als er stirbt, ist der Regenschirm auch für Männer in Großbritannien gesellschaftsfähig.
Das 19. Jahrhundert macht aus ihm endgültig ein Gebrauchsobjekt. Bisher sind die Rippen aus Holz oder Fischbein – schwer, bruchanfällig und unhandlich. 1852 entwickelt der britische Erfinder Samuel Fox einen Schirm mit Stahlrippen.
Fox betreibt eine Drahtfabrik und soll dabei überschüssige Stahlbestände verwendet haben. Ob das stimmt oder nicht – die Innovation ist revolutionär. Stahlrippen sind leichter, stärker und flexibler. Der Schirm öffnet und schließt sich geschmeidiger und übersteht Winde, an denen seine Vorgänger zerbrochen wären.
Gleichzeitig wird der Regenschirm zum Massenprodukt. Fabriken in England, Frankreich und den USA stellen ihn in großen Stückzahlen her. Zum ersten Mal können sich auch Mittel- und Arbeiterschicht einen Schirm leisten. Wasserdichte Stoffe, bessere Griffe und mechanisierte Produktion machen ihn bis Ende des 19.
Jahrhunderts zum Standardgegenstand in nahezu jedem Haushalt Europas und Nordamerikas. Im 20. Jahrhundert kommt die nächste Revolution. 1928 baut der deutsche Ingenieur Hans Haupt den ersten Taschenregenschirm: einen Schaft, der sich teleskopartig zusammenklappen lässt, klein genug für Hand- oder Aktentasche.
Haupt patentiert seine Erfindung unter dem Markennamen „Knirps“ – und verändert damit den Alltag weltweit. Zur selben Zeit wird der Schirm zur Ikone der Populärkultur. In Filmen, Fotos und Werbung steht er für Eleganz, Stil und manchmal für Geheimnis. Männer in Trenchcoats tragen schwarze Schirme durch verregnete Straßen, viktorianische Damen zarte Sonnenschirme, britische Geschäftsleute robuste schwarze Modelle.
In Asien fertigen Handwerker derweil weiterhin traditionelle Ölpapierschirme mit jahrhundertealten Techniken – in China, Japan, Thailand und Vietnam sind sie Gebrauchsgegenstand und kulturelles Erbe zugleich. Die heutigen Schirme profitieren von jahrzehntelanger technischer Verfeinerung. Moderne Dächer bestehen aus synthetischen, wasserabweisenden Stoffen wie Nylon oder Polyester. Fiberglas ersetzt in vielen Rippen den Stahl und bietet mehr Flexibilität.
Automatikmechanismen öffnen und schließen den Schirm per Knopfdruck. Und Ingenieure haben sich einer der ältesten Schwächen zugewandt: dem Wind. Belüftete Dächer lassen Luft durch kleine Öffnungen im Stoff strömen, wodurch der Druck abgebaut wird, der den Schirm sonst umstülpt. Verstärkte Fiberglasrippen biegen sich unter Druck und federn zurück, statt zu brechen.
Auch als Designobjekt hat der Schirm Karriere gemacht. Unternehmen bedrucken ihn mit Logos, Modedesigner entwerfen Stücke mit kräftigen Farben und Mustern, manche Städte hängen bunte Schirme über Straßen und machen sie zu öffentlicher Kunst – ein modernes Echo auf seine uralte Rolle zwischen Schutz und Stil. In der buddhistischen Tradition gehört der Sonnenschirm zu den acht Glückssymbolen und steht für Schutz vor Leiden und spirituellen Unterschlupf. In der christlichen Ikonografie dient der zeremonielle Schirm, das Umbraculum, als Zeichen päpstlicher Autorität.
Und 2014 wird der Schirm zum Symbol politischen Widerstands: Bei den pro-demokratischen Protesten in Hongkong, die als Regenschirmbewegung weltweit bekannt werden, halten Demonstranten gewöhnliche Schirme gegen Tränengas und Pfefferspray. Ein Alltagsgegenstand wird zum Emblem für Bürgerrechte und gewaltfreien Widerstand. Die wirtschaftliche Bedeutung ist heute gewaltig. Hunderte Millionen Schirme werden jährlich produziert, ein Großteil davon in China.
Der Regenschirm gehört zu den billigsten und am weitesten verbreiteten Konsumgütern der Welt. Doch die Wegwerfmentalität hinterlässt Spuren: Nach einem kräftigen Sturm landen viele Schirme im Müll. Neue Entwicklungen setzen deshalb auf langlebigere Materialien, reparierbare Designs und Initiativen, die alte Schirme zu neuen Produkten verarbeiten. Der Regenschirm der Zukunft könnte nicht nur wind- und wasserfest sein, sondern auch nachhaltig.
Was als Zeichen göttlicher und königlicher Macht begann, ist heute eines der demokratischsten Objekte der Welt. Es steckt in fast jedem Haushalt, jedem Büro, jeder Tasche – bereit, beim ersten Regentropfen oder unter der ersten harten Sonne geöffnet zu werden. Wenn Sie das nächste Mal an einem verregneten Tag Ihren Schirm aufspannen, halten Sie mehr in den Händen als Stoff und Metall.
Sie halten viertausend Jahre menschlicher Geschichte in der Hand: Erfindungsgeist, Macht, Spott, Beharrlichkeit und Wandel, zusammengefaltet in einem einfachen Gerüst aus Rippen und Stoff.


