In der Nacht auf den 14. Juli 2014 wurde Deutschland zum vierten Mal Fußballweltmeister, im Spiel gegen Argentinien, 1:0 in der 113. Minute. In derselben Nacht tötete Alexander Radke* (alle Namen mit * geändert) einen ihm fremden Mann, stach immer wieder auf eine ihm ebenso fremde junge Frau ein, und bis heute weiß niemand, warum.

Überall in Deutschland floss das Bier in Strömen, überall wurde der Sieg gefeiert. Auch in Bad Reichenhall, einem kleinen Alpenstädtchen in Bayern, leuchteten schwarz-rot-goldene Farben von den Wangen der Fußballfans. In der Tucha-Bar, einer Kneipe mitten im Ort, lief das Spiel auf der großen Leinwand. Die Discokugel drehte sich über der feiernden Menge. Unter den Fans waren einige Bundeswehrsoldaten, Gebirgsjäger, die in der Hochstaufen-Kaserne stationiert waren. Einer von ihnen war Alexander Radke. Der Mann, der in dieser Nacht zum Mörder werden sollte. Sein Anwalt würde später sagen: „Dies war ein besonderer Fall. Weil es einfach kein Motiv gab.“
Dieser Text ist in stern Crime erschienen. Das Magazin erzählt Fallgeschichten wahrer Verbrechen auf umfangreiche und detaillierte Weise
Radke, ein milchgesichtiger junger Mann mit dunkelblondem Haar, und seine Kameraden tranken reichlich Bier. Immer wieder bestellten sie nach, fünf Runden lang. Kurz vor Mitternacht schlenderte der 20-Jährige mit den anderen zurück in die Kaserne. Am Automaten zogen sie sich noch ein paar Flaschen, gingen damit auf die Stube und spielten eine Weile an ihren Laptops. Kurz nach zwei Uhr in der Nacht schlief Radkes Stubenkamerad vor dem Rechner ein.

Alexander Radke war in der Hochstaufen-Kaserne stationiert, ein unauffälliger, milchgesichtiger junger Kerl
© Kriminalpolizei Traunstein / Picture Alliance
Was danach kam, rekonstruierte die Polizei später folgendermaßen: Radke stand auf und ging an seinen Spind. Er stülpte sich ein schwarzes Kapuzenshirt über, auf links gedreht, sodass der helle Aufdruck nicht zu sehen war. Er schlüpfte in eine blaue Jeans und schwarze Vans-Sneaker. Dann griff er nach dem Messer in seinem Spind, einem KM 2000, seinem Kampfmesser, das er von der Bundeswehr bekommen hatte, 30 Zentimeter lang. Radke zog das Messer aus der Scheide. Die Klinge aus schwarzem Solinger Stahl, beidseitig geschliffen, vorn spitz und mit scharfen Reißzähnen, steckte er sich in den Hosenbund und verschwand in der Nacht.
Am nächsten Tag tummelten sich einige Soldaten nach dem Mittagessen in einer Raucherecke der Kaserne. Sie alle hatten gehört, was in dieser Nacht geschehen war. Dass Deutschland nicht nur den Weltmeistertitel gewonnen hatte. Sondern auch etwas Schreckliches passiert war. Im Ort sei jemand umgebracht worden, hieß es. Direkt nach dem Fußballspiel. Auch Alexander Radke war unter den Rauchenden. Er schwieg zunächst, dann sagte er: „Wisst ihr, wie lange die Polizei Fingerabdrücke speichert?“ Und schließlich: „Ich war es. Aber die finden mich ja eh nicht. Was hätte ich für ein Motiv?“
Der Soldat Wessels* sagte aus, er würde Alexander Radke als einen eher ruhigen Typen bezeichnen. Wenn Radke etwas getrunken habe, werde der überwiegend lustig.
Der Soldat Meyer* sagte aus, Radke bemühe sich bei der Bundeswehr sehr, zeige Einsatz und gebe beim Sport immer hundert Prozent. Er sei eher kleiner und ruhiger, vom Typ her nicht auffällig.
Der Soldat Lindenblatt* sagte aus, seit er Radke kenne, sei dieser noch nie so richtig ausgerastet.
(Aus dem Gutachten, das der Psychiater Matthias Hollweg dem Gericht vortrug.)
Matthias Hollweg schlendert durch die Gänge des Justizzentrums München, einem 70er-Jahre-Bau mit senfgelben Wänden, auf dem Weg in ein Anwaltszimmer mit schweren Holztischen. Er erinnert an einen freundlichen Oberstudienrat, grauer Anzug, abgegriffene Aktentasche. Hollweg weiß genau, wo man ungestört reden kann. Er ist forensischer Gutachter und verbringt hier viel Zeit. Häufig sitzt er in den Gerichtssälen und lauscht, was über die Menschen gesagt wird, die er explorieren soll. Nicht jeder von ihnen spricht mit Hollweg, und selbst jene, die mit ihm reden, haben meist etwas zu verbergen. Darum muss er sie in der Verhandlung beobachten.
Hollweg ist 64 Jahre alt und seit über 30 Jahren Gutachter. Gelernt hat er bei Norbert Nedopil, einer Koryphäe auf dem Gebiet der forensischen Psychiatrie. Hollweg ist einer derjenigen, mit denen Alexander Radke nach seinen Taten sprach. Er erstellte das psychiatrische Gutachten, anhand dessen ein Gericht später entscheiden sollte, ob Radke bei seinen Taten schuldfähig war. Ob er geistig imstande war, zu begreifen, dass verboten war, was er getan hatte. Und ob er anders hätte handeln können, wenn er gewollt hätte. Es ging auch darum, ob er die Reife eines Erwachsenen hatte. Und welche Gefahr in Zukunft von Radke für die Allgemeinheit ausgeht. Man kann sagen, Matthias Hollwegs Aufgabe war es, das Unbegreifliche im Nachhinein begreifbar zu machen. Und das Unberechenbare berechenbar. Hollweg sagt: „Der Radke war schon ein komplizierter Fall.“

In der Hochstaufen-Kaserne von Bad Reichenhall war Radke stationiert. Er verließ das Gelände nachts, bewaffnet mit seinem Kampfmesser
© Manuel Nieberle
Es war zwanzig nach zwei in der Nacht, als Alexander Radke in seinem schwarzen Kapuzenpullover mit Kampfmesser im Hosenbund das Gelände der Bundeswehr verließ. Wenn man vor der Hochstaufen-Kaserne steht, kann man die Berggipfel der Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen sehen. Sehen, wie die Gipfel von Wolken umspielt werden, wie Nebel ins Tal nach unten drückt. Zu Fuß sind es nur wenige Minuten ins Ortszentrum, in dem sich urige Gasthäuser aneinanderreihen. Auf dem Weg traf Radke drei Kameraden. „Was hast du mit dem Messer vor?“, fragten sie ihn. Es ragte aus der Hose raus. „Ich werde es einem bringen“, sagte Radke. Die Soldaten hakten nicht nach.
Auf dem Weg in die Altstadt überquerte Alexander Radke die Saalach, die durch das Tal plätscherte. Er überquerte den Kreisverkehr, in dessen Mitte ein übergroßer Salzstreuer thront, ein Symbol für die Stollenarbeit in Bad Reichenhall. Nur wenige Minuten entfernt, in der Poststraße kurz vor dem Rathausplatz, direkt am Bürgerbräu, machte Anton Brugger* sich gerade auf den Heimweg. Der 72-Jährige war ein angesehener Malermeister in Bad Reichenhall, der trotz Rente immer noch gelegentlich Aufträge annahm. Auch Brugger hatte in dieser Nacht Fußball geschaut. Nicht in der Tucha-Bar wie Radke, sondern im P42, einer anderen Kneipe wenige Hundert Meter weiter. Auch Brugger hatte Bier getrunken und sich über den Sieg der deutschen Mannschaft gefreut. Als der Rentner am Bräustüberl vorbeiging, kreuzten sich die Wege von Radke und Brugger.

Vor dem Bräustüberl kreuzten sich die Wege von Anton Brugger und Alexander Radke. Sie kannten einander nicht
© Manuel Nieberle
Insgesamt 30 Mal stach Alexander Radke mit seinem Kampfmesser auf Brugger ein. Er zielte dabei nur auf den Kopf. Zehnmal stach er Brugger in den linken Hinterkopf, dreimal in den Nacken. 15 Stiche trafen Gesicht, Stirn und die rechte Kopfseite. Mindestens vier gingen durch den Schädel. Brugger war sofort tot. Es gab keine Abwehrverletzungen. Der Angriff hatte ihn unvorbereitet getroffen, er hatte nicht mal versucht, sich zu wehren. Radke kannte sein Opfer nicht. Er hatte es willkürlich ausgewählt.
Gerichtsgutachter Matthias Hollweg sagt, er erinnere sich an keinen anderen Fall, bei dem das Tatmotiv so schwer nachzuvollziehen war. Der forensische Psychiater rückt seine Brille zurecht und scrollt am Laptop durch sein Gutachten, um seiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, dann sagt er: „Ach ja.“ Alle, die mit Alexander Radke in den Monaten vor den Taten zusammen waren, hätten ihn als unauffällig beschrieben, als nett, als jemanden, von dem sie nie gedacht hätten, dass er einen Mord begehen könnte. Das größere Problem sei aber gewesen, dass sich Alexander Radke zwar begutachten ließ, aber zum wichtigsten Punkt nichts sagen wollte: zur Tat an sich.

Gutachter Matthias Hollweg muss mit dem arbeiten, was die Täter mit ihm teilen. Radke teilte wenig
© Stephan Rumpf
Eigentlich gehe er jedes Mal gleich vor, sagt Hollweg. Egal, wer da vor ihm sitze und was ihm vorgeworfen werde. Er versuche, jedem Menschen unvoreingenommen zu begegnen. Als Erstes frage er sich immer, in welchem psychischen Zustand sich der Beschuldigte befinde. Für die Begutachtung sei es besser, wenn dieser sich nicht zusätzlich unwohl fühlt. „Kein Mensch ist ein Monster“, sagt Hollweg. Das seien nicht die Kategorien, in denen ein Psychiater denke. Selbst wenn jemand schreckliche Taten begangen hat.
Dann beginnt die Anamnese. Es wird nach der Biografie gefragt, Kindheit, Jugend, Eltern. Nach der Sexualität, den Hobbys, den Vorlieben. Hollweg nähert sich systematisch. Irgendwas finde man dann immer, sagt er. Das sogenannte Besondere. Bis heute interessiere er sich dafür, wo die Grenzen des Normalen liegen und warum Menschen diese Grenzen überschreiten. Dass Alexander Radke selbst für einen Mörder die Grenzen des „Normalen“ überdurchschnittlich weit überschritten hatte, war offensichtlich. Aber warum?
Zur Tat wollte Radke gar nichts sagen, nur, dass er diesbezüglich „einen Blackout“ habe. In nur einem Gespräch berichtete er knapp über seine Kindheit, sein Leben, sonst aber blieben die Aussagen vage. Hollweg musste sich auf die Unterlagen verlassen, die ihm zur Verfügung gestellt worden waren. Meist arbeitet der Psychiater dann mit Vermerken aus der JVA, in der ein Täter während der Untersuchungshaft untergebracht war, mit Beobachtungen von Vollzugsangestellten und Anstaltspsychologen. Außerdem hatte Hollweg im Fall Radke Zugriff auf diverse Vermerke aus den Akten von Jugendämtern. Und natürlich die Aussagen von Zeugen. Die Informationen waren spärlich, teils oberflächlich, Hollweg musste puzzeln.

Crime StoryEine Tote liegt am Straßenrand. Niemand weiß, wer sie ist. Denn sie ist eine Frau ohne Gesicht
Die für Hollweg wichtigste Frage der Begutachtung war allerdings verhältnismäßig leicht zu beantworten: War dieser Mensch zum Tatzeitpunkt schuldfähig? Radke war nach Meinung von Hollweg nicht psychisch krank gewesen, auch nicht so betrunken, dass er unzurechnungsfähig gewesen wäre, er hatte nicht unter Drogen gestanden. Die Untersuchungen ergaben auch: Alexander Radke hatte keine Kopfverletzung, keine neurologischen Auffälligkeiten. Hollweg kam vor Gericht zum Ergebnis, „dass weder Hinweise auf eine psychiatrische Störungssymptomatik zum Tatzeitpunkt noch auf erheblichere toxische Einflüsse vorliegen“. Alexander Radke hatte in dieser Nacht gewusst, was er tat.
*

An der Bushaltestelle traf Radke auf ein paar Jugendliche. Er rauchte eine Zigarette mit ihnen. Und sagte: „Ich hab grad einen umgebracht“
© Manuel Nieberle
Es war nun Viertel vor drei. Radke ließ sein Opfer in seinem Blut vor dem Braustüberl liegen. Er verließ den Platz, bog ein Stück um die Ecke und spazierte vorbei am Stachus. Der Weg ist nur wenig beleuchtet. In der Bushaltestelle am Rathausplatz warteten vier Jugendliche darauf, von ihren Eltern abgeholt zu werden. Auch sie hatten das Fußballspiel gesehen. Radke setzte sich zu ihnen und bot ihnen eine rote Gauloise an. Er zündete sich auch selbst eine Zigarette an. Die Jugendlichen sagten später vor Gericht, er habe ruhig und bedächtig geraucht. Ohne eine Gefühlsregung. Radke plauderte ein bisschen mit ihnen, erzählte dies und das. Irgendwann sagte er: „Ich hab grad einen umgebracht.“
Im Urteil wird über diese Szene später stehen: „Die Hände des Angeklagten waren blutverschmiert, der Angeklagte war mit Blut besudelt, auf der Jeans und den Schuhen waren Blutspritzer; am hellen Sohlenrand der Schuhe war das Blut deutlich zu erkennen.“ Trotzdem hielten es die Jugendlichen für einen makabren Scherz. Sie schauten hinter der Bushaltestelle um die Ecke und sahen nichts.
Zum Zeitpunkt der Tat war Alexander Radke 20 Jahre alt. Hollweg erinnert sich noch daran, wie unreif Radke auf ihn wirkte. Auch äußerlich: die überraschend jugendlichen Gesichtszüge dieses Mörders, blass, die Haut ein bisschen unrein, nahezu kein Bartwuchs. Auf einem Video, das später vor Gericht abgespielt wurde, tollte Radke mit seinen Kameraden betrunken über die Flure einer Bundeswehrunterkunft in Hammelburg. Harmlos wirkte er, wie ein kleiner Junge. Hollweg kam zum Schluss, dass dieser Soldat noch nicht die Reife eines Erwachsenen besaß und vor Gericht wie ein Jugendlicher behandelt werden sollte. Auch diese Frage war relativ leicht zu beantworten gewesen.
Doch woher rührte dieser vernichtende Gewaltausbruch in jener Nacht? Wie ließen sich Radkes Taten aus seiner Persönlichkeit erklären?
Alexander Radke hatte sich zwei Jahre zuvor entschieden, nach einer abgebrochenen Lehre zur Bundeswehr zu gehen. Vor allem Auslandseinsätze in Krisengebieten sollen ihn gereizt haben. Zu seinen Lieblingsfilmen zählten „Pearl Harbor“ und „Der Soldat James Ryan“. Auf seiner Facebook-Seite likte er die Gruppe „Du trägst Dolce und Gabbana, ich trag. Heckler und Koch“. Radke spielte stundenlang „Skyrim“, ein Computerspiel, bei dem man als fiktiver Charakter durch eine dunkle Welt wandelt, Abenteuer besteht und gegen Monster kämpft. Radke nannte sich in dem Spiel der „Nachtwanderer“. Im Gutachten heißt es, Radke habe „aus Langeweile“ gespielt. Aggressionsbereiter sei er dadurch nicht geworden.
Dann hatte es eine Zeit gegeben, in der sich Radke als semiprofessioneller Kickboxer versuchte, kurz vor dem Eintritt in die Bundeswehr. Radke nahm an Wettbewerben teil, er soll ziemlich gut gewesen sein und alle Kämpfe gewonnen haben. Radke selbst sagte zu Hollweg, das Kickboxen habe ihn nicht aggressiver gemacht, es sei ein Ausgleich gewesen. Er sei beim Sport runtergekommen. Hollweg konnte in Radkes jüngerer Vergangenheit keine eindeutigen Hinweise auf eine außergewöhnlich hohe Gewaltbereitschaft erkennen.
*

Radke spazierte an den Wiesen bei der Burg Gruttenstein vorbei. Der Weg war menschenleer
© Manuel Nieberle
Die Jugendlichen am Rathausplatz wurden von einem der Väter abgeholt, Radke wanderte weiter durch die Nacht, eingehüllt in seinen schwarzen Kapuzenpullover. Etwa zu der Zeit wurde Anton Brugger in seiner Blutlache liegend gefunden. Er war tot. Radke ging vorbei an der alten Saline in Bad Reichenhall, stieg eine dunkle Straße zur Burg Gruttenstein hinauf. Es gibt hier keine Straßenlaternen. Auch wenn im Ort der Weltmeistertitel gefeiert wurde, traf Radke auf diesem Teil der Strecke niemanden. Er wanderte vorbei an Wiesen und staubigen Fußwegen. 20 Minuten muss es gedauert haben, bis Radke von der Bushaltestelle am Rathausplatz auf die Berchtesgadener Straße gelangt war.
Dort befinden sich ein Supermarkt und Wohnhäuser und auch wieder Straßenlaternen. Gerade als Radke auf die Berchtesgadener Straße einbog, war auch Julia Hallberger* hier unterwegs, eine 17-jährige Auszubildende. Sie fuhr auf ihrem Fahrrad stadtauswärts, musste aber am Berg absteigen und schob ihr Rad die Steigung hoch. Hallberger* war wie Brugger im P42 gewesen. Auch sie hatte das Fußballspiel angeschaut, mit einer Freundin. Hallberger hatte ihre Freundin nach Hause begleitet, um sicherzugehen, dass diese auch heil ankam. Während Hallberger ihr Rad den Hang hochschob, schickte sie ihrer Freundin eine letzte Nachricht über Whatsapp. Die Freundin wollte wissen, ob auch Julia zu Hause sei. „Ja, in zwei Sek. War ein cooler Abend“, antwortete Hallberger.
Radke kam die Berchtesgadener Straße runtergeschlendert. Gerade als Hallberger ihr Handy in der Handtasche verstaute, bemerkte sie den Mann. Radke ging dem Mädchen entgegen, mit „lässigem, coolem Schritt“, steht im Urteil. Er verbarg die Arme hinter dem Rücken. Julia Hallberger überlegte noch, ob sie die Straßenseite wechseln sollte. Sie entschied sich dagegen. „Hallo“, sagte Radke. „Hey“, erwiderte Hallberger.

Auf der Berchtesgadener Straße traf Radke wieder auf jemanden. Eine junge Frau kam ihm entgegen
© Manuel Nieberle
Sie war schon einige Schritte an Radke vorbeigegangen, das Fahrrad an ihrer Seite, da spürte sie einen Schlag in den Nacken, wie sie zunächst dachte. Nur war es kein Schlag. Radke hatte ihr von hinten in den Kopf gestochen, knapp hinters Ohr. „Hey, hör auf, lass mich!“, schrie Hallberger. Das Rad fiel scheppernd auf den Asphalt.
Das erste Opfer von Radke war sofort tot gewesen. Julia Hallberger nicht. Die junge Frau kämpfte um ihr Leben. Ein Rechtsmediziner sagte später vor Gericht: Ihre Schädeldecke sei dicker als die des Rentners, deshalb habe der Täter ihr nicht direkt bis ins Gehirn stechen können. Hallberger drehte sich um, versuchte Radkes Stiche mit ihrem linken Arm abzuwehren. Wie bei Brugger stach der Angreifer ihr wieder und wieder und wieder ins Gesicht. Sie ging zu Boden, krümmte sich, versuchte sich tot zu stellen. In der Hoffnung, der Mann würde endlich von ihr ablassen. Das tat er nicht.
Radke zog sie an den Haaren wieder hoch, stach weiter auf sie ein. Offenbar merkte er, dass er ihr nicht durch den Schädel stechen konnte, deshalb stieß er Hallberger das Messer in die Brust. Wieder ging die junge Frau zu Boden. Sie bekam kaum noch Luft. Mit letzter Kraft raffte sie sich auf und rannte, so schnell es denn ging, einem Lichtschein entgegen. Sie rettete sich hinter eine Hecke, in einen Hauseingang. Radke ließ von ihr ab. Julia Hallberger klingelte an der Haustür um ihr Leben. Sie wurde gehört.
Matthias Hollweg fällt es verhältnismäßig leicht, zu akzeptieren, dass er einen Täter nicht komplett durchdringen kann, weil dieser seine Gedanken, Gefühle und Motive nicht teilen will. Er könne und dürfe ja niemanden zwingen, bestimmte Angaben zu machen, sagt der Psychiater. Doch es gibt Menschen, die erheblich mehr unter der Ungewissheit leiden. Vielen Überlebenden und Hinterbliebenen hilft es bei der Bewältigung ihres Traumas, zu wissen, was in dem Menschen vorging, der ihr Leben aus der Bahn geworfen hat. Die Angehörigen von Anton Brugger und auch Julia Hallberger, die durch die Tat auf einem Auge erblindet ist, wollen sich heute dazu nicht mehr äußern.
Aber auch für das Umfeld des Täters kann die Frage nach dem Warum quälend sein. Und die Fragen, die damit einhergehen. Wie konnte man sich so in einem Menschen irren? Hätte man verhindern können, dass er zum Mörder wurde? Radkes Mutter reagiert nicht auf Anfragen, sein Bruder gab an, er habe „mit allem abgeschlossen“. Doch einer, der ihm nahestand, spricht heute noch über Radke: Thomas Kunz. Er hat Radke über dessen ganze Jugend hinweg begleitet, viele der Informationen für Hollwegs Gutachten stammen von ihm. Und wie der Psychiater kann auch er sich nicht erklären, was genau bei Radke so sehr schiefgelaufen ist, dass er zum Mörder wurde. Es ist Kunz’ Beruf, dabei zu helfen, dass bei jungen Menschen nicht allzu viel schiefläuft. Das ist keine leichte Aufgabe. Thomas Kunz war der Leiter des Heims, in dem Radke seit dem sechsten Lebensjahr untergebracht war.
Radke sei immer ein anständiger Kerl gewesen, sagt Kunz, einer, der in der Gruppe funktioniert habe. Die meiste Zeit sei er gut in der Schule gewesen. In der 8. Klasse habe er sogar einen Vorlesewettbewerb gewonnen. Kunz erinnert sich, dass Radke ein guter Fußballer war, dass er auf Freizeiten einen aufgeweckten, ausgelassenen Eindruck gemacht habe. Radke habe seine Anweisungen immer befolgt. Er war ein Kind, das weniger Probleme bereitete als viele andere. Im psychiatrischen Gutachten schreibt auch Hollweg: „Mir gegenüber teilte Herr Radke mit, dass er in den Heimen schon klargekommen sei, dass er zwar ein besseres Schicksal hätte haben können, dass er allerdings schon seine Privatsphäre gehabt habe und dass es ansonsten keine besonderen Vorkommnisse oder belastenden Erlebnisse in seiner Kindheit gegeben habe.“

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Natürlich, sagt Kunz, habe auch dieser Junge manchmal Auffälligkeiten im Sozialverhalten gezeigt. Weiblichem Betreuungspersonal habe er den Respekt verweigert. Ein paarmal sei er mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, vor allem wegen kleinerer Diebstähle und Einbrüche. Autos habe er demoliert, und mit anderen sei er mal in eine Leichenhalle eingebrochen. „Die haben sie ziemlich verwüstet“, sagt Kunz. Aber damals sei ein neuer Junge in die Gruppe gekommen, schlechter Einfluss, Radke sei in der Pubertät gewesen und habe einfach mitgemacht. Am Ende hätten sich die Jugendlichen entschuldigt und alles wieder aufgeräumt. Radke sei auch ab und an handgreiflich gegenüber anderen Kindern geworden, vor allem gegenüber kleineren. Dominanzverhalten nennt es Kunz: „So nach dem Motto: Ihr nervt mich. Und zack, hatten sie eine im Vorbeigehen.“ Ein Aufenthalt im Heim sei nun mal nicht der leichteste Start ins Leben, aber er habe schon wesentlich auffälligere Kinder betreut. „Wir haben uns alle gefragt, was da passiert ist“, sagt er. „Andere stürzen ja auch nicht ab.“
Im Nachhinein findet er gar nicht mal die kleinen destruktiven Ausbrüche und pubertären Grenzüberschreitungen am auffälligsten. Sondern etwas anderes: Irgendwann sei der Junge immer mehr zum Einzelgänger geworden, er habe sich in eine Traumwelt geflüchtet. „Als Superheld oder als was weiß ich er sich gesehen hat“, sagt Kunz. Auch später bei der Ausbildung zum Metallbauer sei es zu so einem inneren Rückzug gekommen. Radke sei ein vorbildlicher Lehrling gewesen, doch dann, auf halber Strecke, habe er von jetzt auf gleich nicht mehr hingehen wollen. Er könne es sich bis heute nicht erklären, sagt Kunz. Radke wollte nicht mal mehr aus dem Bett aufstehen. Kunz habe zu ihm gesagt, wenn er nicht zur Arbeit gehe, könne er nicht in der Wohngruppe bleiben, immerhin sei er schon volljährig. Kunz will den jungen Mann bekniet haben. Ohne Erfolg. Radke habe auch nicht zum Arzt oder Psychologen gewollt. Er habe einfach, von jetzt auf gleich, resigniert. Kunz musste ihn auffordern, die Jugendhilfeeinrichtung zu verlassen. Dieser ging, ohne zu murren.
Heute, wo er weiß, wozu Radke imstande war, sieht Kunz im Rückblick Abzweigungen, bei denen etwas schiefgelaufen sein könnte. Aber es gibt ja auch noch die Zeit vor dem Heim.
Radkes Vater soll Alkoholiker gewesen sein. Immer wieder habe er die Mutter geschlagen, sagte Radke. Um Schlägen und Vergewaltigung durch den Ehemann zu entgehen, soll die Mutter laut Radke häufig in das Bett des Jungen geflohen sein. Bei Hausbesuchen durch das Jugendamt sollen die Kinder der Mutter Dreck über den Kopf gekippt haben. „Die Mutter war total überfordert“, sagt Kunz. Alexander kam ins Heim.
Man kann diese biografischen Details als Hinweise darauf werten, dass etwas Gewaltiges in Radke rumorte, bis es irgendwann ausbrach. Und doch bleibt das letztlich spekulativ. Psychiater Hollweg formulierte sein Gutachten für das Gericht entsprechend vorsichtig. Er erkenne ein „wahrscheinlich erhöhtes Aggressionspotenzial“ bei Radke. „Auffälligkeiten im Sozialverhalten“ seien im Lauf der Jahre zwar seltener geworden, jedoch könnte „die Intensität von (selteneren) Aggressionshandlungen“ größer geworden sein. Vielleicht hat Radke gelernt, seine Aggressivität besser zu verbergen, aber sie ist zugleich vernichtender geworden. Um das genauer einzuschätzen, hätte der Psychiater von Radke mehr über die Tat erfahren müssen. Die Prahlereien gegenüber Kameraden könnten aber Hinweise auf eine „Mordlust“ sein, schrieb Hollweg. Man müsse „eventuell von einer hohen Wahrscheinlichkeit für künftige Gewaltdelinquenz“ ausgehen.
Im Gerichtssaal konnte auch Heimleiter Kunz kurz ein paar Worte an seinen einstigen Schützling richten. Er fragte den jungen Mann, der in Handschellen auf der Anklagebank saß: „Alexander, Mensch, wo bist du gelandet?“
Am Tag nach der Tat schickte Radke eine Chatnachricht an einen Bekannten: „ja so was wollte ich schon immer mal machen xDD erst dachte ich mir jackpot dann habe ich es noch mal angemacht geschaut und denk mir ahh^^ – ich bin der mörder“.
Sofort nach dem Angriff auf Julia Hallberger hatte er ihre Jacke und ihr Handy in ein Gebüsch geworfen, das Fahrrad weggeschoben und es hinter Sträuchern versteckt. Sein Messer und ihre Handtasche legte er am Waldrand ab. Nur eine Sache nahm er mit. Einen kleinen Klapphandspiegel aus der Handtasche. Eine Trophäe.
Zurück in der Kaserne ging Radke duschen und steckte die blutbefleckte Kleidung in seinen Spind. Auf dem Weg ins Bett hielt er ein Schwätzchen mit einem Kameraden, sprach noch mal über das Fußballspiel. Zwei Tage später fuhr er mit seiner Kompanie zu einer Schießübung nach Hammelburg. So, als wäre nichts passiert. Die Polizei hatte ihn zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Täter identifiziert, die Bundeswehrkameraden, gegenüber denen er mit der Tat angegeben hatte, sprachen erst später mit der Polizei.
Nach der Schießübung fuhr Radke für einige Tage zu seiner Mutter und buchte schließlich einen Flug nach Norwegen. Erst drei Wochen nach den Taten schrieb die Polizei den 20-Jährigen zur Fahndung aus. Die Soldaten hatten nun endlich vom Geständnis berichtet. Die Messerscheide, die zur Tatwaffe passte, war in seinem Spind gefunden worden, außerdem die blutige Kleidung. Die Jugendlichen von der Bushaltestelle hatten Radke identifiziert.
Am 5. August 2014 nahm die norwegische Polizei ihn in der Nähe von Trondheim fest. Knapp zwei Monate saß er in Auslieferungshaft, dann wurde er nach Deutschland geflogen. Auf der Autofahrt von München zur JVA Traunstein, im Polizeiwagen, fragte ein Beamter den Beschuldigten, warum er gemordet habe. „Ich weiß es nicht“, sagte Radke.
Bis heute hat Radke das Schweigen nicht gebrochen. Er brach es nicht einmal, als es ihm von Nutzen gewesen wäre: Selbst mit seinem Anwalt Harald Baumgärtl wollte er nicht über die Tat und sein Motiv sprechen. Auf seiner Homepage wirbt Baumgärtl mit einem Grundsatz des Bundesgerichtshofs: „Der Strafverteidiger ist verpflichtet, seinen Mandanten bestmöglich zu verteidigen!“ Aber dieser Mandant machte ihm die Arbeit schwer. Er ließ Baumgärtl kaum Spielraum in seiner Verteidigungsstrategie, ohne Geständnis, ohne Aussage über die Beweggründe, ohne die Andeutung von Selbsteinsicht, mit der zumindest eine Strafminderung denkbar gewesen wäre.

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Wie alle anderen, die Radke begegnet sind, hat auch Baumgärtl ihn als höflichen jungen Mann erlebt. Und wie alle anderen kann auch er sich nicht erklären, warum sein Mandant in einer Nacht, in der alle feierten, einen wildfremden Menschen brutal tötete und einen anderen fast tötete. Aber Baumgärtl hat zumindest eine Theorie, warum der Mörder sein Motiv nie preisgab. Der Verteidiger glaubt, dass Radke sich wohl nicht selbst strafrechtlich belasten wollte. Aber er vermutet noch einen anderen Grund: Es könnte Radke um Macht gegangen sein. Das Wissen über die Tat könnte für ihn ein Schatz sein, den nur er besitzt und den er hütet.
Im Juli 2015 wurde Alexander Radke nach 16 Verhandlungstagen vom Landgericht Traunstein wegen Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu einer Haft von 14 Jahren verurteilt. Radke galt als voll schuldfähig, wurde aber aufgrund seiner mangelnden Reife nach Jugendstrafrecht verurteilt. Das Gericht folgte in beiden Punkten der Einschätzung des Gutachters Matthias Hollweg.
Der Richter ordnete auch eine vorbehaltliche Sicherungsverwahrung an. Ob sie später zum Einsatz kommt, wird davon abhängen, wie ein Gericht die Gefahr einschätzt, die von Alexander Radke für die Allgemeinheit ausgeht. Er wird sich dafür erneut einem Gutachter stellen müssen, und er wird die Richter davon überzeugen müssen, dass er nicht wieder mordet. Das dürfte schwierig werden, wenn er immer noch nicht erklärt, warum er es damals getan hat, in der Sommernacht in Bad Reichenhall.
Die Autorin und der Fotograf
Als VICKY BARGEL das erste Mal in Bad Reichenhall war, fand sie die reinste Kurort-Idylle vor. Das Alpenpanorama und die vielen älterenTouristen im Örtchen ließen die Taten der Nacht des WM-Finales 2014 – neben dem fehlenden Motiv – noch grausamer erscheinen. Während der Recherche überraschte sie vor allem, wie harmlos und kindlich der Täter gewirkt haben muss. Sein Anwalt sagte über ihn, dass er ungewöhnlich angenehm im Umgang gewesen sei, viel höflicher als andere Gewaltstraftäter. MANUEL NIEBERLE ist Fotograf und hatte sich vorgenommen, den Weg, den der „WM-Mörder“ in jener Nacht gegangen war, zu visualisieren und die Atmosphäre um diesen willkürlichen Mord festzuhalten. Angefangen bei der Kaserne des ehemaligen Soldaten über die Brücke der Saalach zur Ortsmitte bis hin in die absolute Finsternis auf dem Weg zur Burg Gruttenstein.


