„Wo bleibt Johanna bloß? Es ist schon lange nach sieben. “
Vanessa sah auf die Uhr. Ihre kleine Schwester war nie zu spät.

Sie war acht Jahre alt, zuverlässig und liebte ihr Fahrrad über alles. Wenn sie sagte, sie sei um sieben zu Hause, dann war sie um sieben da. Doch an diesem Abend im September 1999 kam Johanna nicht nach Hause. Ihr Fahrrad fanden sie an der kleinen Brücke am Waldrand – ihr selbst fehlte jede Spur.
Bobenhausen war ein Dorf mit gerade mal 500 Einwohnern, in dem jeder jeden kannte. Kinder spielten dort alleine, fuhren ohne Begleitung herum. Genau das hatte Johanna an diesem Nachmittag getan. Sie war zum Sportplatz gefahren, hatte kurz mit Freunden gesprochen, dann war sie zurück an die Bank bei der Brücke geradelt.
Ihr Vater hatte sie zum letzten Mal gesehen, als sie fröhlich davonfuhr – ihre Hausaufgaben waren gemacht, die Uhrzeit klar besprochen. Als die Polizei wenige Stunden später eintraf, begann eine der größten Suchaktionen, die die Gegend je gesehen hatte. Feuerwehr, Polizei und Dorfbewohner durchkämmten Felder, Wälder und Gräben. Vergeblich.
Johanna war wie vom Erdboden verschluckt. Es dauerte nicht lange, bis die Ermittler von einem Unglück ausgingen und eine Sonderkommission gründeten. Ihr Bauchgefühl sagte ihnen: Hier war ein Verbrechen geschehen. Der erste konkrete Hinweis kam von einem Zeugen, der kurz vor dem Verschwinden einen Wagen bemerkt hatte.
Ein VW Jetta, zweite Baureihe, Farbe eher hell, vielleicht silber. Das Kennzeichen begann mit „HG“ – Bad Homburg. Der Zeuge war sich sicher, dass der Fahrer ein Mann war, und dass der Wagen auf einer Wiese neben der Straße gestanden hatte, nur wenige Meter von der Bank entfernt, an der Johanna zuletzt gesehen worden war. Die Polizei durchsuchte die Datenbank und fand 600 Halter von VW Jetta mit Bad Homburger Kennzeichen.
Monatelang überprüften Ermittler jeden einzelnen. Sie klopften Türen ab, stellten Fragen, verglichen Fahrzeuge. Ein Mann, Michael Kornacher, gab an, an jenem Tag einen kleinen Unfall gebaut zu haben – ein Auffahren in der Stadt – und am Abend Besuch von seiner Freundin gehabt zu haben. Seine Alibis schienen zu stimmen.
Der Zeuge schloss den Wagen zudem wegen der Farbe aus. Kornacher verschwand wieder aus dem Fokus. Ein Monat später wandte sich die Kripo an „Aktenzeichen XY ungelöst“. Der Fall wurde im Fernsehen vorgestellt, Zeugen wurden gesucht.
Doch es kamen keine verwertbaren Hinweise. Die Ermittlungen liefen ins Leere, und Johannas Familie blieb ohne jede Antwort zurück. Ihre Mutter fragte sich verzweifelt, wo ihre Tochter war. Ihr Vater konnte nachts nicht schlafen, fuhr immer wieder zu der Bank, an der das Fahrrad gestanden hatte.
Sieben Monate nach Johannas Verschwinden entdeckten Spaziergänger in einem Waldstück bei Alsfeld menschliche Überreste. Ein T-Shirt mit Mickey-Maus-Aufdruck. Ein Schädel. Einzelne Knochen.
Dazu ein Seil und Klebeband. Die Beamten hatten es befürchtet: Es war Johanna. Der Täter hatte ihre Leiche nur oberflächlich abgelegt, nicht vergraben. Tiere hatten die Überreste angefressen.
Doch das Klebeband, das um ihren Kopf gewickelt gewesen war, hatte sich gelöst und lag neben den Knochen. Die Rechtsmedizin fand keine eindeutige Todesursache mehr, aber die Spuren reichten. An dem Klebeband entdeckten die Forensiker Faserspuren und einen Teil eines Fingerabdrucks. Ein Abgleich mit der Datenbank ergab jedoch keinen Treffer.
Umso mehr suchten die Ermittler nach einem passenden Verdächtigen. Sie nahmen in Bobenhausen und Umgebung Hunderte Männer zur erkennungsdienstlichen Behandlung – Fingerabdrücke, Handabdrücke, Vergleiche. Nichts führte zum Täter. Zehn Jahre nach Johannas Verschwinden stellte die Polizei ein großes Plakat mit ihrem Bild am Ortseingang auf.
Man hoffte auf Hinweise und darauf, den Täter psychisch unter Druck zu setzen. Doch auch das brachte keinen Durchbruch. Der Fall galt als Cold Case, wurde zur Akte mit Tausenden Seiten, zu einem Berg aus Papier, der immer größer wurde. 2014 übernahm Kriminalhauptkommissar Hauburger die Ermittlungen.
Er stand vor einem riesigen Stapel alter Ordner – Protokolle, Berichte, handschriftliche Notizen, Befragungen. Es war eine Flut von Informationen, die kaum zu überblicken war. Die digitale Welt hatte die Akte noch nicht erreicht. Alles lag als Papier vor, auf verschiedenen Computern geschrieben, ausgedruckt, abgeheftet, aber nicht miteinander verknüpft.
Zwei Jahre lang kam auch er nicht richtig voran. Dann übernahmen 2016 drei neue Ermittler den Fall. Sie waren jung, engagiert und ließen sich von dem Berg aus Papier nicht abschrecken. Ihre Idee war so einfach wie revolutionär: Sie wollten die komplette Akte digitalisieren.
Rund 168 Ordner wurden eingescannt, Tausende Heftklammern entfernt, jede handschriftliche Notiz erfasst. Es dauerte Wochen, aber am Ende war die Akte durchsuchbar. Plötzlich traten Zusammenhänge zutage, die vorher unsichtbar gewesen waren. Ein Name tauchte immer wieder auf, an versteckten Stellen, in Verbindung mit anderen Straftaten, sogar mit Sexualstraftaten.
Michael Kornacher. Derselbe Mann, der damals unter den 600 Jetta-Haltern überprüft, aber wegen der Farbe ausgeschlossen worden war. Jetzt, in der digitalen Akte, wurde er zum zentralen Verdächtigen – nicht nur wegen des Autos, sondern wegen seiner gesamten Vorgeschichte. Drei Jahre vor Johannas Verschwinden hatte Kornacher ein achtjähriges Mädchen auf offener Straße attackiert.
Zwei Radfahrer kamen dazwischen und verhinderten Schlimmeres. Später wurde ihm ein sexueller Übergriff auf eine Elfjährige im Schwimmbad nachgewiesen. Er war ein Mann mit dunkler Vergangenheit, der nie wirklich zur Rechenschaft gezogen worden war. Im Februar 2017 standen die Ermittler mit einem Durchsuchungsbeschluss vor seiner Wohnungstür.
Die Wohnung war verwahrlost, ein Sammlerparadies voller Gegenstände. Auf dem Dachboden fanden sie eine Kunststoffkiste mit Klebebandrollen und Seilen. Auf Datenträgern entdeckten die Beamten kinderpornografisches Material und selbst gedrehte Filmaufnahmen von kleinen Mädchen auf dem Schulweg. Doch das reichte nicht, um Kornacher wegen Mordes an Johanna festzunehmen.
Die Ermittler brauchten handfeste Beweise, die ihn mit dem Klebeband an Johannas Kopf verbanden. Sie richteten eine neue, große Sonderkommission in Gießen ein, rund um die Uhr besetzt. Die Forensik kam erneut ins Spiel. In der blauen Kiste aus Kornachers Wohnung befand sich ein kleines Klebebandknäuel, das offenbar aus einem Fahrzeug stammte.
Als die Experten es untersuchten, fanden sie dieselben Fasern wie an dem Klebeband vom Leichenfundort. Ein eindeutiger Treffer. Zusätzlich wurde Kornerkchers digitaler Fingerabdruck genommen. Der Vergleich zeigte: Der Teilabdruck auf dem Klebeband, das um Johannas Kopf gewickelt gewesen war, stammte von seinem linken Daumen.
Die Beweiskette war geschlossen. Am frühen Morgen des 25. Oktober 2017, über 18 Jahre nach Johannas Verschwinden, wurde Michael Kornacher verhaftet. Sein erster Anruf ging an seinen Anwalt.
Die Ermittler befürchteten, er würde schweigen. Doch dann sagte er plötzlich: „Ich muss nachdenken. Danach können wir uns unterhalten. “
Und dann sprach er.
Er erzählte von dem Nachmittag im September 1999, an dem er mit seinem VW Jetta auf der Suche nach einem Mädchen gewesen war. Er habe Johanna an der Bank am Sportplatz gesehen, sie habe ihm gefallen. Er sei mit dem Auto über den Radweg gefahren, habe sie gepackt, mit Betäubungsmittel ruhiggestellt und in den Kofferraum gelegt. Unterwegs sei sie aufgewacht, habe geschrien und gegen den Deckel getreten.
Er habe sie geschlagen, damit sie still war. Später, als er den Kofferraum öffnete, war sie tot. Er habe sie im Wald abgelegt, mit Klebeband umwickelt. Er beteuerte, er habe sie nicht töten wollen.
Es sei ein Unfall gewesen. Die Ermittler glaubten ihm nicht. Fünfzehn Meter Paketklebeband waren um Johannas Kopf gewickelt worden – dreimal so viel, wie nötig. Bei einer solchen Menge war es unmöglich, die Nase frei zu lassen, wie er behauptete.
Das Gericht folgte der Anklage: Wer so handelte, nahm den Tod des Kindes billigend in Kauf. Im Jahr 2019, über 19 Jahre nach Johannas Verschwinden, verurteilte das Landgericht Kornacher wegen Mordes, versuchter sexueller Nötigung und Besitzes von Kinderpornografie zu lebenslanger Haft. Die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Für die Ermittler war es der Lohn jahrelanger Arbeit.
„Die Verurteilung war ein ganz besonderer Moment“, sagte Hauburger später. „Da habe ich große Erleichterung gespürt. “
Doch was blieb, war die Erkenntnis, dass niemand rückgängig machen konnte, was Kornacher getan hatte. Ein kleiner Junge hatte einen Geburtstag gefeiert, den er nicht mehr erleben sollte.
Ein Dorf hatte seine Unschuld verloren. Und eine Familie trug für immer eine Wunde, die nie ganz verschwinden würde.


