„Zimt.“ stand auf der Verpackung, und ich habe es jahrelang einfach geglaubt. Bis mir jemand aus der Lebensmittelbranche sagte: „Was du da zu Hause hast, ist überhaupt kein Zimt.“ Ich lachte – bis…

„Zimt.“ stand auf der Verpackung, und ich habe es jahrelang einfach geglaubt. Bis mir jemand aus der Lebensmittelbranche sagte: „Was du da zu Hause hast, ist überhaupt kein Zimt.“ Ich lachte – bis...

„Zimt. “ steht auf der Verpackung. Aber weißt du wirklich, was in dem Glas steckt, das in deinem Gewürzregal steht? Ich habe es lange nicht gewusst.

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Und als ich es herausfand, habe ich verstanden, dass diese kleine Lüge eine Jahrhunderte alte Geschichte ist – eine Geschichte aus Mythen, Kriegen und Betrug, die bis heute andauert. Es begann im alten Ägypten, vor über 4000 Jahren. In den Werkstätten der Einbalsamierer am Nil lag Zimt neben Harzen und Ölen. Er war kein Küchengewürz, sondern ein heiliger Stoff, der den Toten den Weg ins Jenseits ebnen sollte.

Er war so wertvoll, dass er in der Bibel neben Gold und Edelsteinen genannt wurde. Doch niemand wusste, woher er wirklich kam. Die Griechen und Römer zahlten riesige Summen für Zimt, denn sie hielten ihn für ein göttliches Wunder. Ein Pfund kostete mehr als das Doppelte seines Gewichts in Gold.

Die arabischen Händler, die den Zimt über geheime Routen nach Europa brachten, erzählten dafür die unglaublichsten Geschichten. Herodot berichtete von einem Riesenvogel namens Cinnamologus, der in einem fernen Land lebte. Dieser Vogel baute seine Nester aus Zimtstangen auf steilen Klippen. Um an den Zimt zu kommen, legten die Händler schwere Fleischstücke in die Nähe der Nester.

Die Vögel trugen das Fleisch zu ihren Nestern, und unter dem Gewicht brachen die Nester von den Felsen. Dann sammelten die Händler den Zimt einfach vom Boden auf. Aristoteles erzählte eine andere Version: Die Einheimischen schossen mit bleibeschwerten Pfeilen auf die Nester. Andere sprachen von geflügelten Schlangen, die die Zimtbäume in gefährlichen Tälern bewachten.

Jede Geschichte hatte die gleiche Botschaft: Zimt zu beschaffen ist lebensgefährlich, also beschwer dich nicht über den Preis. Diese Lügen funktionierten 800 Jahre lang. Die Händler verlangten Aufschläge von bis zu 500 Prozent, und die Europäer zahlten. Sie glaubten an die Magie, denn Zimt war ein Statussymbol.

Der Kaiser Nero verbrannte bei der Beerdigung seiner Frau den gesamten Zimtvorrat Roms – ein Vermögen, das in einer Nacht in Rauch aufging. Erst im 13. Jahrhundert kamen erste Zweifel. Ein italienischer Missionar berichtete, dass Zimt an einem ganz normalen Baum auf einer Insel namens Sri Lanka wächst.

Keine Riesenvögel, keine Schlangen – einfach Bäume. Die Wahrheit sickerte langsam durch, aber die arabischen Händler kontrollierten weiterhin jede Handelsroute. Dann änderte sich alles. Als die Osmanen 1453 Konstantinopel eroberten, blockierten sie die Handelswege nach Osten.

Europa brauchte dringend einen neuen Weg zu den Gewürzen. Das löste das Zeitalter der Entdeckungen aus. Kolumbus segelte nach Westen und fand Amerika, obwohl er Indien suchte. Im Jahr 1505 erreichten die Portugiesen die Küste Sri Lankas.

Was sie dort fanden, veränderte die Welt: Zimtbäume, die einfach in den Wäldern wuchsen. Kein Geheimnis, keine Magie – nur Bäume. Die Portugiesen übernahmen die Kontrolle. Sie schlossen Abkommen mit lokalen Herrschern und errichteten ein Fort in Colombo.

Die Zerstörung von Zimtbäumen stand unter Todesstrafe. Der König von Kandy bemerkte bald, dass die Portugiesen ihm seinen Reichtum wegnahmen. Also suchte er neue Verbündete: die Niederländer. Im Jahr 1638 unterschrieb er einen Vertrag mit der niederländischen Ostindien-Kompanie.

Die Holländer versprachen militärische Hilfe gegen die Portugiesen – im Austausch für das Monopol auf den Zimthandel. Doch der Vertrag hatte einen Haken. In der singhalesischen Version stand eine Klausel, die dem König ein Mitsprachrecht einräumte. In der niederländischen Version fehlte diese Klausel.

Sie war absichtlich entfernt worden. Die Holländer hatten nie vorgehabt, etwas zu teilen. Bis 1658 hatten die Holländer die Portugiesen vertrieben. König Rajasinghe hatte einen Kolonialherrn gegen einen anderen getauscht – und der neue war effizienter.

Die Kompanie baute ein rücksichtsloses Monopol auf. Sie verbrannte 1760 in Amsterdam 2000 Tonnen Zimt, nur um das Angebot zu verknappen und die Preise in die Höhe zu treiben. Als die Zimtschäler rebellierten, wurden sie zur Zwangsarbeit auf den ersten Plantagen Asiens gezwungen. 1796 kamen die Briten.

Sie erbten das Zimtsystem, aber die Welt hatte sich verändert. Andere Kolonien bauten billigere Zimtvarianten an – Cassia. Der Wettbewerb ließ sich nicht mehr aufhalten. Die Briten erhöhten die Produktion auf über 2000 Tonnen pro Jahr, und der Preis stürzte ab.

Was einst wertvoller als Gold war, wurde zur gewöhnlichen Backzutat. Damit hätte die Geschichte enden können. Aber sie hat noch ein letztes Kapitel – und das betrifft dich direkt. Denn es gibt zwei Arten von Zimt.

Da ist Ceylon-Zimt, wissenschaftlich Cinnamomum verum – „verum“ bedeutet „der Echte“. Er wächst in Sri Lanka und hat eine dünne, feine Rinde, die in vielen Schichten aufgerollt wird. Sein Geschmack ist süß und mild. Er enthält praktisch kein Cumarin.

Und dann gibt es Cassia-Zimt. Er wächst in China, Indonesien und Vietnam. Seine Rinde ist dick und hart, der Geschmack schärfer und bitterer. Und er ist viel billiger in der Produktion.

Rate mal, welcher von beiden in 80 bis 90 Prozent aller Zimtprodukte steckt, die du im Supermarkt kaufen kannst? Cassia. Das Problem ist die Kennzeichnung: Auf den meisten Verpackungen steht einfach nur „Zimt“. Es gibt in der EU keine gesetzliche Pflicht, die Sorte anzugeben.

Verbraucherschützer fordern das schon lange, aber eine Forderung ist kein Gesetz. Das wird gefährlich, wenn es um Kumarin geht. Cassia-Zimt enthält bis zu 3000 Milligramm Kumarin pro Kilogramm. Ceylon-Zimt nur 0,004 Prozent – ein Unterschied um den Faktor 1000.

In hohen Dosen kann Cumarin die Leber schädigen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, dass ein Erwachsener nicht mehr als 6 Milligramm Cumarin pro Tag aufnimmt. Das entspricht etwa zwei Gramm Cassia-Zimt – ungefähr einem gehäuften Teelöffel. Für Kinder liegt die Grenze deutlich niedriger: Sechs Cassia-Zimtsterne überschreiten bereits das tägliche Maximum für ein Kleinkind.

Jetzt kennst du den Unterschied. Bei Zimtstangen ist er leicht zu erkennen: Ceylon-Zimt besteht aus vielen dünnen Schichten, ist hell und bricht leicht. Cassia ist eine dicke, harte Rinde, dunkler und robuster. Bei gemahlenem Zimt hast du nur eine Möglichkeit: auf die Verpackung schauen.

Steht „Ceylon-Zimt“ drauf, bekommst du den echten. Steht nur „Zimt“ drauf, bekommst du mit ziemlicher Sicherheit Cassia. Das soll nicht heißen, dass Cassia ein schlechtes Gewürz ist. Wer ab und zu Zimtsterne backt, muss sich keine Sorgen machen.

Aber wer täglich Zimt isst – im Porridge, in Smoothies, in Backwaren – sollte wissen, was er kauft. Die Geschichte des Zimts ist die Geschichte eines Gewürzes, das immer zu wertvoll war, um die Wahrheit darüber zu erzählen. Arabische Händler erfanden Mythen, um ihren Reichtum zu schützen. Drei Kolonialmächte führten Kriege und versklavten Menschen, um diesen Reichtum zu übernehmen.

Die Kompanie verbrannte Ernten, nur um den Preis zu manipulieren. Und die moderne Lebensmittelindustrie nutzt eine Lücke im Gesetz, um dir ein Produkt zu verkaufen, ohne dir zu sagen, was es wirklich ist. Das Glas in deiner Küche steht unauffällig zwischen Paprika und Pfeffer. Es kostet ein paar Euro.

Aber hinter diesem einen Wort verbergen sich 4000 Jahre Riesenvögel, Schlangenlegenden, Kolonialkriege, Zwangsarbeit und ein stiller Etikettenschwindel, der bis heute funktioniert. Alles für die Rinde eines Baumes.