Der Anruf kam am 8. April 1985, einem Ostermontag, aber das wussten wir da noch nicht. Wir wurden zu einem Einfamilienhaus in Hamburg-Schnelsen gerufen, einer ruhigen, bürgerlichen Gegend. Doch der erste Eindruck trügte.

Das Haus gehörte Waldemar Dammer, einem bekannten Bordellbesitzer von St. Pauli. Als wir das Arbeitszimmer betraten, saß Dammer tot auf seinem Schreibtischstuhl, eine Schusswunde im Kopf. Weiter hinten im Haus fanden wir eine zweite Leiche: Ralf Kühne, genannt Corvetten-Ralf, wegen seiner Vorliebe für amerikanische Sportwagen.
Auch er lag mit einem Kopfschuss auf einem Treppenabsatz. Beide waren aus dem Milieu. Zunächst war es für uns ein völlig normales Tötungsdelikt. Der Tatort wirkte aufgeräumt, fast steril.
Aber die Kleidung der Männer, die Jogginghosen, der lässige Auftritt – das sprach Bände. Wir wussten schnell, dass wir es mit Zuhältern zu tun hatten. Die ersten Zeugenbefragungen auf St. Pauli brachten nichts.
Wie üblich hieß es nur: „Wir wissen nichts. “ Das Milieu schottet sich ab. Doch nur wenige Tage später klingelte mittags um Punkt zwölf das Telefon bei meinem Kollegen. Ein Mann verlangte mich zu sprechen.
Es war ein Ferngespräch, analog noch, man hörte es rauschen. Zunächst zögerte er, dann sagte er, er könne mir etwas zu den Morden an Dammer und Kühne erzählen. Aber nur unter einer Bedingung: Ich musste ihm Vertraulichkeit zusichern. Niemand dürfe erfahren, wer er ist.
Damals durften wir das noch. Heute wäre das nicht mehr möglich. Also gab ich ihm mein Wort. In den folgenden Tagen rief er immer um Punkt zwölf an.
Wir telefonierten jeweils zehn, fünfzehn Minuten. Er begann, mir Dinge zu erzählen, die mich aufhorchen ließen. Irgendwann sagte ich: „Wir müssen uns treffen. “ Er zögerte.
Er sei nicht in Hamburg, meinte er. Er nannte mir seinen Aufenthaltsort: eine spanische Insel. Wir durften uns nicht offiziell dort anmelden, sonst wäre die Vertraulichkeitszusage hinfällig gewesen. Also machten wir eine inoffizielle Dienstreise.
Ich brauchte 1000 Mark und zwei Flugtickets – der Verwaltungsbeamte wäre fast vom Stuhl gefallen. Unser LKA-Chef Wolfgang Sielaff schaltete sich ein, und dann klappte es doch. Auf der Insel ging zunächst alles schief. Wegen einer Flugplanänderung kamen wir zwanzig Minuten zu spät.
Er war nicht mehr da. Also mieteten wir uns ein kleines Auto, suchten ein Hotel und riefen in Hamburg an. „Er wird sich sicher morgen um zwölf melden“, sagten wir. Genau so kam es.
Am nächsten Tag stand er vor unserer Tür. Er klopfte uns richtig ab, ob wir ihm nicht doch mit einem Haftbefehl auflauern wollten. Wir schienen einen guten Eindruck zu machen. Am dritten Tag führte er uns an einen geheimen Ort, wo zwei weitere Personen auf uns warteten.
Und dann begannen sie zu reden – stundenlang, tagelang, von morgens um elf bis abends um elf. Sie erzählten uns von einem brutalen Revierkampf, der seit Monaten auf St. Pauli tobte. Im Zentrum stand ein Mann: Werner Pinsner, genannt Mucki.
Kein großer Name, aber auch kein unbeschriebenes Blatt. Geboren 1947 in Barmbek, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen. Schon als Jugendlicher schlug er Mitschüler, klaute, brach die Schule und Jobs ab. Er arbeitete als Gerüstbauer, Fliesenleger, Schlachter, fuhr kurz zur See.
Dazwischen immer wieder kleinere Haftstrafen. 1975 überfiel er mit zwei Mittätern einen Supermarktleiter beim Einwurf einer Geldkassette in den Nachtresor. Der Mann wurde erschossen. Wer genau geschossen hatte, konnte nie geklärt werden.
Pinsner wurde wegen Raubes mit Todesfolge zu zehn Jahren verurteilt. Kurz vor Haftantritt lernte er in einer Disco seine spätere Frau Jutta kennen, eine zurückhaltende Angestellte, die ihn geradezu vergötterte. Sie heirateten 1976 in der Haftanstalt. Der Hamburger Strafvollzug war damals liberal.
Besucher wurden kaum durchsucht, Insassen kamen leicht an Drogen. Auch Pinsner begann Kokain und Heroin zu konsumieren. Sein letztes Haftjahr verbrachte er im offenen Vollzug in Vierlanden. Tagsüber durfte er raus.
Dort besorgte er sich einen Revolver und deponierte ihn in seinem Schließfach, das nicht durchsucht wurde. Und er knüpfte Kontakte ins Rotlichtmilieu. In der Haft lernte er Armin Hockauf kennen, einen 24-jährigen Kfz-Mechaniker, der seit 1981 als Wirtschafter in den Bordellen von Josef Peter Nusser arbeitete, genannt Wiener-Peter. Nusser war ein Aufsteiger, gehörte zur sogenannten Hans-Albers-Platz-Gruppe, auch Chicago-Bande genannt, um den Zuhälter Reinhard „Ringo“ Klem.
Doch auch für Nusser wurde das Geschäft Ende der 70er Jahre schwieriger. Die Konkurrenz wuchs, die Aidskrise traf die Reeperbahn, die Freier wurden vorsichtiger. Nusser hielt nichts vom alten Ehrenkodex, nach dem Streitigkeiten mit Fäusten und ohne Waffen geklärt wurden. Er suchte jemanden ohne Skrupel, einen Mann fürs Grobe.
Pinsner bot sich an. Noch während seines offenen Vollzugs verübte er mit Hockauf 1984 einen Überfall auf einen Geldboten, 70. 000 Mark Beute. Abends kehrte er unbehelligt in die JVA zurück, die Waffe im Schließfach.
Damit bewarb er sich für weitere Aufträge – und hatte Erfolg. Noch im Juli 1984, kurz vor seiner Entlassung, beging er für den Wiener-Peter den ersten Auftragsmord. Es sollte nicht der letzte bleiben. Die Informanten nannten uns Namen und Daten.
Sie gaben uns Einblick in die Revierkämpfe und die Hintermänner. Ihnen wurde klar: Wenn das stimmte, was sie erzählten, hatten wir es mit einer Mordserie ungeahnten Ausmaßes zu tun. Pinsner habe für Nusser Konkurrenten und lästige Geschäftspartner aus dem Weg geräumt, mal mit Hockauf, mal mit einem weiteren Handlanger namens Siegfried Träger. Auf dem Kiez habe es geheißen: „Vom Wiener trennt man sich nicht, vom Wiener wird man getrennt.
“
Warum erzählten sie uns das alles? Aus Angst. Es gab damals den Satz: „Ich kann nicht schneller laufen als eine 9-Millimeter fliegt. “ Viele im Milieu stammten noch aus der Zeit, in der man Streitigkeiten mit den Fäusten klärte.
Jetzt war da jemand unterwegs, der keine Skrupel kannte und zusehends außer Kontrolle geriet. In einem Waffenladen in der Hamburger Innenstadt wunderte man sich, warum auf einmal so viele schusssichere Westen bestellt wurden. Die Angst ging um. Unsere Gesprächspartner machten klar: Wenn wir den Pinsner nicht bis zum Herbst schnappten, würden sie sich selbst um ihn kümmern.
Wir mussten ihnen klarmachen, dass das nur nach rechtsstaatlichen Prinzipien laufen würde. Nach unserer Rückkehr gingen wir sofort zu LKA-Chef Sielaff und trugen alles vor. Innerhalb einer Stunde war die Soko 855 gegründet – so etwas hatte ich in meiner Dienstzeit nie wieder erlebt. Die Zahl stand für den Gründungsmonat Mai 1985.
Sielaff wollte keine reißerische Bezeichnung wie „Soko Killer“, sondern eine neutrale hansische Nennung. Die Soko bestand aus handverlesenen Ermittlern verschiedener Bereiche: Mordkommission, organisierte Kriminalität, Zuhälterei, Rauschgift, Menschenhandel. Dazu kamen zwei junge Staatsanwälte, Martin Künkel und Wolfgang Bistri. Wir bekamen abgeschirmte Büroräume im zwölften Stock des alten Polizeipräsidiums, einen großen Sitzungssaal als Großraumbüro.
Der Staatsanwalt hatte ein Zimmer direkt bei uns. Das machte uns handlungsfähiger. Als wir anfangs polizeiliche Vorladungen verschickten, kam niemand. Bei einer polizeilichen Vorladung muss man nicht erscheinen.
Also sagte Bistri: „Ab jetzt verschicken wir nur noch staatsanwaltschaftliche Vorladungen. “ Die ersten, die nicht kamen, ließen wir vorführen. Danach kamen alle. Im Mai 1985 stellten die Staatsanwälte ein Hypothesenpapier zusammen.
Darauf standen fünf Morde, für die Pinsner als Täter in Frage kam. Der erste geschah am 7. Juli 1984 in Kiel. Das Opfer: der ehemalige Bordellbesitzer Jehuda Arzi, erschossen in seiner Wohnung in einer Hochhaussiedlung.
Die Kieler Mordkommission hatte keine Verbindung ins Milieu gefunden. Doch die Tatwaffe änderte alles: ein Revolver der Marke Arminius, Kaliber 38 Special, mit zehn statt der üblichen sechs Zügen und einem Rechtsdrall. Dieser kriminaltechnische Fingerabdruck tauchte auch bei zwei weiteren Morden auf. Der zweite Mord: Peter Pfeilmeier, genannt Bayern-Peter, ein Geschäftspartner von Nusser, der Kokain verkaufte und selbst konsumierte.
Er galt als unkontrolliert und schwierig, hatte kurz vor seinem Tod Prostituierte verprügelt und damit Freier vergrault. Er wurde erschossen in seinem Fahrzeug auf einem Garagenhof in Barmbek gefunden. Das dritte Opfer: Dietmar Traub, ebenfalls Nussers Geschäftspartner, gemeinsam betrieben sie einen Teil des Palais d’Amour auf der Reeperbahn, ein Laufhaus mit fünf Etagen und 240 Zimmern. Traub, genannt Lackschuh-Heini, wurde bei einem Aufenthalt in München in einem Waldstück durch einen Kopfschuss getötet.
Auch hier führte der Abgleich der Tatwaffe zur Soko. Von beiden Morden profitierte Peter Nusser – im Fall Traub erbte er dessen Anteile am Palais d’Amour. Die letzten beiden Morde waren der Doppelmord vom Ostermontag 1985 an Dammer und Kühne, der die Ermittlungen ins Rollen gebracht hatte. Die Informanten hatten Pinsner klar als Täter benannt.
Bei den Nachforschungen stellten wir fest: Nur wenige Tage vor dem Doppelmord hatte Dammer Nusser in dessen Bordell von zwei Schlägern verprügeln lassen, vor den Augen der Prostituierten. Der Mord war Rache – und ein Signal an die Konkurrenz. Wir hatten also eine Liste mit fünf Morden, wir kannten die mutmaßlichen Täter und ihre Hintermänner. Doch wir hatten keine Sachbeweise, keine Tatwaffe, keine offiziellen Zeugen.
Nichts davon war gerichtsfest. Die richtige Arbeit fing gerade erst an. Wir bauten einen enormen Ermittlungsdruck auf. Jeder Verdächtige, jeder potenzielle Zeuge wurde vorgeladen.
Wir führten Razzien in Nussers Bordellen durch, auch in einem, in dem Pinsner zeitweilig als Wirtschafter gearbeitet hatte. Wir sagten den Frauen offensiv, dass wir in einer Mordserie ermittelten, und beorderten sie am nächsten Tag zu staatsanwaltschaftlichen Vernehmungen. Die Strategie der tausend Nadelstiche. Wir wollten die Akteure verunsichern, bis einer der Mitwisser offiziell auspackte oder sich verriet.
Durch unsere Informanten und Abhörmaßnahmen waren wir extrem gut informiert – die Leute merkten das. Ich erinnere mich an ein abgehörtes Telefonat, in dem einer sagte: „Woher zur Hölle wissen die das alles? “ Die Verunsicherung im Milieu war groß. Sogar ein Mord an einem jungen Luden wurde durch einen Hinweis meines Informanten innerhalb weniger Stunden aufgeklärt.
Doch im Zentrum standen wir immer noch ohne offiziellen Zeugen. Im Herbst 1985 luden wir die vier Verdächtigen vor: Pinsner, Nusser, Hockauf und Träger. Erlaubt war nur eine Vernehmung als „verdächtige Zeugen“, denn für eine Beschuldigten-Vernehmung reichte die Beweislage nicht. Wir konfrontierten sie mit den Tatumständen.
Sie widersprachen sich gegenseitig und auch ihren früheren Aussagen bei den Mordkommissionen in Hamburg, Kiel und München. Wir überprüften jede Angabe und konnten fast alle Alibis widerlegen. Hockauf behauptete etwa, nie in der Wohnung von Peter Pfeilmeier gewesen zu sein – doch eine aufmerksame Nachbarin hatte sich die Kennzeichen aller Besucher notiert, auch seines. Es waren Hinweise, aber bis zum dringenden Tatverdacht war es ein langer Weg.
Bei der Vernehmung von Werner Pinsner waren wir nicht dabei, das machten Kollegen. Erst viel später erfuhren wir eine Besonderheit: Pinsner hatte angeblich seine Waffe dabei gehabt und hätte sich, falls man ihn festgenommen hätte, den Weg freischießen wollen. Ob das stimmt, können wir nicht bestätigen, aber angesichts der späteren Ereignisse im Sommer 86 klingt es nicht unwahrscheinlich. Inzwischen war es Februar 1986.
Zehn Monate arbeitete die Soko 855 unter Hochdruck. Doch wir scheiterten langsam an der Mauer des Schweigens. Kein Zeuge war bereit, offen auszusagen. Das letzte Quäntchen, das es für einen Haftbefehl brauchte, fehlte.
Dazu kam: Die Soko sollte bald aufgelöst werden. Wir trafen uns sogar schon zu einer Abschiedsfeier bei mir zu Hause. Dann, Anfang März 1986, meldete sich eine Prostituierte bei der Polizei. Sie war bereit, gegen ihren Lebensgefährten auszusagen.
Gert Gabriel, auf dem Kiez „Erzengel Gabriel“ genannt, war Chef des Hamburger Straßenstrichs, Geschäftspartner und enger Vertrauter von Peter Nusser. Aufgrund der Aussage erwirkten wir einen Haftbefehl und verhafteten ihn am Nachmittag in seiner Wohnung. Die Vernehmung dauerte bis in die Nacht. Über Stunden redeten wir auf ihn ein.
Wir ließen ihn wissen, dass wir ihn wegen Zuhälterei belangen konnten. Und wir deuteten an, ihm möglicherweise zeitnah auch die Anstiftung zu einem Tötungsdelikt nachweisen zu können – mit einem der Mordopfer, Peter Pfeilmeier, hatte er Geschäfte gemacht. Er sagte kein Wort. Wir wollten schon aufgeben.
Doch dann, inzwischen war es 23 Uhr, brach Gabriel plötzlich sein Schweigen. Mit einem einzigen Satz. Und der sollte alles verändern.


