Es ist kurz vor 7 Uhr morgens, als ich meiner Tochter Tabha zum letzten Mal „Hab dich lieb, Papa“ sage. Sie ist 13, stolz auf ihr Zeugnis und will nur zur Bushaltestelle, ein paar Blocks von…

Es ist kurz vor 7 Uhr morgens, als ich meiner Tochter Tabha zum letzten Mal „Hab dich lieb, Papa“ sage. Sie ist 13, stolz auf ihr Zeugnis und will nur zur Bushaltestelle, ein paar Blocks von...

Kurz vor sieben Uhr morgens weckt Buder seine Tochter Tabha. Es ist Zeit, dass sich die 13-Jährige für die Schule fertig macht. Es verspricht ein entspannter Tag zu werden. Erst gestern hat Tabha ihr Zeugnis mit nach Hause gebracht.

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Heute muss sie nicht einmal ihre Schultasche mitnehmen. Nur das unterschriebene Zeugnis, das sie am Frühstückstisch immer wieder anschaut. Tabha ist stolz auf ihre guten Noten, und ihre Eltern sind es auch. Wie in so vielen Haushalten, in denen Teenager am Frühstückstisch sitzen, ist die Stimmung verschlafen.

Große Gespräche oder Gesten gibt es an diesem Morgen nicht. Es ist einfach nur ein ganz normaler Dienstag. Buder und seine Frau Debra müssen sich für die Arbeit fertig machen, und Tabha muss sich beeilen, um ihren Schulbus zu erwischen. Aber für ein paar wichtige Worte ist auch an einem stressigen Morgen noch Zeit.

Buder hört von seiner Tochter an diesem Morgen zum letzten Mal die Worte: „Hab dich lieb, Papa. “

Nur wenige Minuten, nachdem sie sich verabschiedet hat, verschwindet Tabha. In der Schule wird sie nie ankommen. Das alles ist mehr als 20 Jahre her.

Doch es gibt Spuren, die Tabha hinterlassen hat, und diese lassen die Vermutung zu, dass sie noch heute am Leben ist. Nachbarn von Tabetha Tudas werden sich wohl immer genau an diesen Tag erinnern, an den 29. April 2003. Denn dank dieser Nachbarn weiß man, dass Tabha wirklich in Richtung Bushaltestelle unterwegs gewesen ist.

Sie hat an diesem Morgen keinen Rucksack dabei, dafür aber ihr Zeugnis, das sie zu Hause von ihren Eltern hat unterschreiben lassen. Und Buder und Debra Tudos waren sicherlich stolz, ihre Unterschrift unter so ein Zeugnis setzen zu können. Entgegen den meisten in ihrem Alter liebt die 13-Jährige die Schule und geht gern dorthin. Trotzdem ist ihr großer Berufswunsch abseits von dem, was man mit guten Noten so anstellt.

„Ich habe verträumt davon, als Sängerin groß rauszukommen“, sagt sie oft. Und bis das so weit ist, begnügt sie sich mit Karaoke-Sessions im Auto ihrer Eltern und den Auftritten mit ihrem Kirchenchor. Die Bushaltestelle von Tabha befindet sich an der Kreuzung zwischen South 14th Street und der Boskble Street in ihrem Heimatort Nashville, Tennessee. Bis zur Haltestelle sind es von ihrem Elternhaus in der Lillian Street nur ein paar Blocks.

Manchmal ist Tabha das einzige Kind, das an dieser Haltestelle wartet. Wenn das so ist, läuft sie noch einen Block weiter zur nächsten Haltestelle an der 15th Street. Dort stehen nämlich jeden Tag mehrere Kinder, die auf den Bus warten. Tabha und ihre Eltern haben das extra so eingeübt.

Die Tudos wollen nicht, dass die Schülerin morgens irgendwo allein am Straßenrand herumsteht und wartet. Auch wenn die Gegend eigentlich total unscheinbar ist – einfache Familienhäuser mit schlichten Vorgärten, ein paar parkende Autos, gepflasterte Gehwege. Das ist keine Gegend, in der man als Elternteil Bauchschmerzen haben muss, sein 13 Jahre altes Kind allein herumlaufen zu lassen. Doch an diesem Morgen passiert genau hier in der unscheinbaren Gegend irgendetwas.

Etwas, das dafür sorgt, dass Tabha an diesem 29. April 2003 nicht an ihrer Schule ankommt, dass sie nicht einmal in ihren Schulbus einsteigt. Das erfahren Tabhas Eltern aber erst am Abend. Normalerweise kommt Tabha jeden Nachmittag um 16 Uhr nach Hause.

Doch an diesem Tag warten sie eine Stunde lang vergeblich auf ihre Tochter. Am frühen Abend rufen sie also beim Sekretariat der Schule an. Zum Glück erwischen sie dort noch jemanden, auch wenn die Info, die sie bekommen, ihnen einen Schlag in die Magengrube versetzen dürfte. Denn Tabha, so erfahren sie erst jetzt, ist an diesem Tag gar nicht in der Schule angekommen.

Zuvor hat sich die Schule nicht bei den Eltern gemeldet, um nachzufragen, weshalb die 13-Jährige unentschuldigt fehlt. Und so bemerkt man erst jetzt, knapp neun Stunden, nachdem Tabha zu Hause los ist, dass ihr auf dem Schulweg etwas zugestoßen sein muss. Buder und Debra handeln sofort. Schon um kurz vor 18 Uhr stellen die beiden eine Vermisstenanzeige bei der Polizei.

Zuerst scheint die Sache, wenn man das überhaupt so formulieren kann, aussichtsreich. Es kommen sehr viele Tipps zu Tabhas Aufenthaltsort rein. Das Problem ist nur: Egal wie vielen Tipps die Ermittler nachgehen, keiner führt sie zu dem 13 Jahre alten Mädchen. Wie Tabethas Eltern es später selbst einmal sagen werden: Es war, als hätte sich die Erde aufgetan und sie verschluckt.

Tabha hat zwei ältere Geschwister, Jamie und Kevin. Ihr Bruder Kevin ist 25, ihre Schwester Jamie 21. Beide leben nicht mehr zu Hause, aber als ihre Eltern anrufen und erzählen, dass Tabha verschwunden ist, zögern die beiden keine Sekunde. Jamie und Kevin machen sich sofort auf den Weg zu ihren Eltern und helfen, wo sie können.

Die Familie erstellt Flyer und verteilt sie in ganz Nashville. Auf eigene Faust fahren sie zu bekannten Lost Places in der Stadt und schauen sich dort um. Sie wollen sichergehen, dass keine Ecke der Stadt undurchsucht wird. Sie lassen auch Buttons und Armbänder mit den groben Infos anfertigen.

Es wird also wirklich nichts unversucht gelassen. Auch zahlreiche Nachbarn der Tudos und Mitglieder ihrer Kirchengemeinde schließen sich ihnen an und organisieren private Suchen. Dass ein Mädchen wie Tabha einfach so am helllichten Tag auf dem Schulweg verschwindet, nimmt natürlich alle mit. In der Familie Tudos steht man sich sehr nah.

Tabha unternimmt oft etwas mit ihren Geschwistern, auch wenn die nicht mehr zu Hause wohnen. Jedes Wochenende fährt ihre Schwester Jamie mit ihr zu Autorennen in Tennessee. Und auch zu ihren Eltern hat Tabha ein sehr gutes Verhältnis. Obwohl sie schon 13 ist, hängt sie noch sehr an ihrer Mutter und ihrem Vater.

Wo auch immer einer der beiden hingeht, Tabetha will immer mit. Und obwohl sie ihr eigenes Zimmer und ihr eigenes Bett hat, kommt Tabha in der Nacht früher oder später noch immer rüber ins Zimmer ihrer Eltern, um dort weiterzuschlafen. Als Debra ihre Tochter irgendwann gefragt hat, warum sie das noch immer macht, hat Tabha nur geantwortet: „Na, weil ich nah bei euch sein möchte. “

Und umso größer ist die Sorge von Buder und Debra Tudos, als Tabha einfach nicht mehr nach Hause kommt.

Sie wissen, dass etwas Furchtbares passiert sein muss. Die Polizei schaut sich erst einmal im Haus der Tudos um. So versuchen sie sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie Tabha so drauf ist und unter welchen Umständen sie lebt. Und natürlich suchen sie nach Anhaltspunkten, die dabei helfen können, sie wiederzufinden.

Dabei wird festgestellt, dass so ziemlich alles von Tabha noch zu Hause liegt. Ihr angespartes Taschengeld zum Beispiel. Selbst ihr Haustürschlüssel, weil sie wusste, dass ihre Mutter um 16 Uhr schon zu Hause sein würde, um ihr aufzumachen. Alle Klamotten von Tabetha sind im Kleiderschrank, abgesehen natürlich von denen, die sie anhatte.

Auch alle der paar Make-up-Produkte, die sie sich zugelegt hatte, liegen in ihrem Zimmer verstreut. Das Zimmer von Tabha sieht aus, wie das Zimmer einer 13-Jährigen eben aussieht. Man findet nichts Außergewöhnliches. Bis einen Tag später noch ein zweites Mal in ihrem Zimmer gesucht wird.

Da stößt einer der Ermittler auf einen kleinen Notizzettel. Die Handschrift gehört Tabha. Darauf steht: TDC – N – MTL. Der erste Teil dieser Botschaft lässt sich schnell entziffern.

TDC, das sind die Initialen von Tabethas Namen. Sie hat nämlich noch einen Zweitnamen und heißt Tabetha Daniel Tudos. Das N könnte einfach stellvertretend für ein „und“ stehen. Aber wer ist MTL?

Für die Ermittler sieht das Ganze aus wie eine typische Notiz, wie sie Kinder und Jugendliche machen, die in jemanden verknallt sind. Die eigenen Initialen und die von ihrem Crush untereinander auf einem Zettel. Doch in Tabhas Schule gibt es niemanden mit den Initialen MTL, und auch ihren Eltern und Geschwistern fällt niemand ein, der damit gemeint sein könnte. Und die Notiz ist nicht der einzige merkwürdige Fund aus dem Kinderzimmer.

Denn dort liegen auch mehrere Visitenkarten. Aber nicht von kleinen Geschäften aus der Nachbarschaft oder mit den Namen von Bekannten von Tabha, sondern mit ihren eigenen Daten. Name, Adresse, Telefonnummer. Daneben ein Bild von Winnie Puuh.

Tabethas Eltern haben diese Visitenkarten zuvor noch nie gesehen und können sie sich bis heute nicht erklären. Für die Ermittler sind diese Funde natürlich höchst interessant. Vielleicht hat die mysteriöse Person mit den Initialen MTL etwas mit Tabhas Verschwinden zu tun, vielleicht auch mit den Visitenkarten. Während die Polizei dieser Sache nachgeht, werden parallel immer neue Zeugenaussagen ausgewertet.

Als einer der Ersten meldet sich ein Mitschüler von Tabha. Der Elfjährige kennt sie logischerweise gut, weshalb die Ermittler sich besonders auf seinen Tipp konzentrieren. Er berichtet nämlich, er habe beobachtet, wie Tabetha am Morgen des 29. April in ein rotes Auto eingestiegen sei – ganz in der Nähe von Tabethas Bushaltestelle an der Kreuzung zwischen South 14th Street und der Boskble Street.

Er hat das Ganze selbst von der Bushaltestelle aus beobachtet. Das Auto sei direkt aus der 14th Street in die Boskble Street eingebogen in Richtung 15th Street. Damit hätte das Auto ziemlich genau die Route abgepasst, auf der Tabha für beide ihrer möglichen Bushaltestellen unterwegs war. Und der Junge sagt, er habe nicht nur das Auto gesehen, sondern auch den Fahrer.

Er sei schwarz gewesen und habe eine Baseball-Cap aufgehabt und Tabha am Straßenrand in den Wagen steigen lassen. Dann sei er in die Richtung zurückgefahren, aus der er gekommen sei. Also weg von den beiden Haltestellen des Schulbusses – mit Tabha auf dem Beifahrersitz. Und auch das gibt bis heute Rätsel auf.

Denn wenn sich die Tudos bei einem ganz sicher sind, dann dabei, dass Tabha niemals bei jemandem ins Auto gestiegen wäre. Debra erinnert sich an eine Anekdote, als eine gute Freundin von ihr Tabha mal auf dem Heimweg gesehen und angeboten hat, sie den Rest des Weges zu fahren. Obwohl Tabha die Freundin ihrer Mutter kannte, hat sie das Angebot ausgeschlagen, mit den Worten, dass ihre Eltern ihr eingebleut hätten, bei absolut niemandem ins Auto zu steigen, wenn das nicht vorher abgemacht war. Die Ermittler vertrauen sowohl der Einschätzung der Eltern als auch der Beobachtung des Mitschülers.

Daraus leiten sie ab: Tabha muss die Person, zu der sie ins Auto gestiegen ist, gut gekannt haben. Auch wenn niemand in ihrem Umfeld eine Ahnung hat, wer der Mann mit der Baseball-Cap und dem roten Auto sein könnte. Um die Aussage von Tabhas Mitschüler weiter zu prüfen, werden Spürhunde eingesetzt. Die Suche beginnt am Haus der Familie in der Lillian Street.

Dort hält man den Hunden ein Plüschtier von Tabetha vor die Nase, damit sie ihre Fährte aufnehmen können. Die Hunde laufen zielsicher genau die Route, die Tabha auf ihrem Weg zum Bus gehen musste, bis zu einem Block zwischen der 14th und 15th Street. Dort laufen die Hunde einmal im Kreis und machen dann kehrt. Die Spur endet offenbar dort, mitten an der Straße.

Und das passt genau zu der Aussage von Tabhas Mitschüler. Im Fall Tabetha Tudos wird es lange keine konkreten Verdächtigen geben. Stattdessen konzentrieren sich die Ermittler zunächst einerseits auf Tabethas Umfeld, andererseits auf registrierte Straftäter in und um Nashville. Die erste Person, die die Ermittler sich näher ansehen, ist der damalige Freund von Tabhas Schwester Jamie.

Sein Name wurde nie bekannt gegeben. Wir nennen ihn hier einfach mal John. John ist der Einzige im näheren Umfeld von Tabhas Familie, der zur Wagenbeschreibung des Mannes im roten Auto passt. Das heißt, er ist schwarz und trägt oft Baseball-Caps.

Eine bahnbrechende Übereinstimmung ist das nicht gerade, aber vielleicht wäre er Tabha nah genug, dass sie zu ihm in ein Auto steigen würde. Bevor Jamie zu Hause ausgezogen ist, hat John sogar mal übergangsweise mit den Tudos unter einem Dach gelebt. Das wäre also auf jeden Fall die nötige Vertrauensbasis. Eben weil John mal eine Weile bei den Tudos gewohnt hat, ist es auch keine Überraschung, dass John weiß, wann Tabetha ungefähr aus dem Haus geht und welchen Weg sie zu ihrer Bushaltestelle nimmt.

Allerdings hören die Übereinstimmungen hier auch schon auf. John fährt auch kein rotes Auto. Genauer gesagt besitzt er überhaupt gar kein eigenes Auto. Außerdem hat er ein Alibi.

Ein Kumpel bestätigt, dass John am Morgen von Tabhas Verschwinden bei ihm gewesen ist. John besteht auch einen Lügendetektortest, was in beiden Teilen der USA bei Kriminalermittlungen noch immer einen gewissen Stellenwert hat. Es gibt einfach nichts, was ihn irgendwie verdächtig erscheinen lässt. Und seine Initialen passen auch nicht zu MTL, dieser mysteriösen Buchstabenkombination von dem Zettel aus Tabhas Zimmer.

Der Verdacht gegen ihn wird also recht schnell wieder fallen gelassen. Um ein MTL zu finden, müssen die Ermittler etwas weiter schauen. Fündig werden sie beim 18 Jahre alten Sohn von einem befreundeten Paar der Tudos. Allerdings stellt sich auch das als eine Sackgasse heraus.

Am Morgen von Tabhas Verschwinden war er selbst in der Schule. Eine Freundin von Tabha erzählt, dass die Mädchen manchmal zusammen in der Stadtbücherei einen der Computer dort benutzt haben, um im Internet zu surfen. 2003 war das für viele Teenager noch nicht Teil des Alltags, sondern ein seltenes Highlight. Die Freundin berichtet, dass sie und Tabha bei der Gelegenheit in einigen Chatrooms unterwegs waren.

Für die Polizei ist das eine vielversprechende Spur. Vielleicht hat Tabha eine Person mit den Initialen oder dem Nicknamen MTL in einem Chat kennengelernt und sich womöglich mit ihr verabredet. Also wird der entsprechende Computer in der Bücherei abgebaut und bei der Polizei wieder angeschlossen. Man kann zwar noch feststellen, dass Tabhas Username sich wirklich von diesem Computer aus in einem Chatroom eingeloggt hat.

Es kann aber nicht mehr festgestellt werden, mit wem oder was die 13-Jährige geschrieben hat. Sollte sie in einem Chatroom wirklich auf ihren Entführer getroffen sein, so ist dieses Geheimnis irgendwo in den Untiefen von Quellcodes vergraben. Kurz nach Tabhas Verschwinden wendet sich außerdem eine Frau aus Nashville direkt an Debra Tudos. Sie erzählt ihr von einem Mann namens Paul Davis, der sieben Jahre zuvor ihrer damals 10 Jahre alten Tochter nachgestellt haben soll.

Ihre andere, damals 13 Jahre alte Tochter lief einmal von zu Hause weg. Als die Mutter ihr Kinderzimmer durchsuchte, fand sie mehrere Zettel und Liebesbriefe, auf denen der Name von Paul Davis stand. Die 13-Jährige kam zwar nach zwei Tagen zurück, aber die Polizei wusste natürlich trotzdem Bescheid. Wie sich herausstellte, soll dieser Paul Davis mehrfach blonden Mädchen im Alter zwischen 10 und 13 Jahren nachgestellt haben.

Einmal wurde er außerdem wegen Missbrauchs einer minderjährigen Person zu fünf Jahren Haft verurteilt. Zum Zeitpunkt von Tabhas Verschwinden lebte Davis zwar in Kentucky, aber er soll um diese Zeit herum einen Kurztrip nach Nashville unternommen haben. Gesehen wurde er dort unter anderem am Vorway Market – und der liegt nur eine halbe Meile vom Haus der Tudos entfernt. Das klingt alles genauso vielversprechend wie furchtbar.

Ist letztlich aber wieder einmal eine Sackgasse. Für den 29. April 2003 hat Paul Davis nämlich ein Alibi. Obwohl es am Anfang also durchaus verschiedene spannende Spuren gibt, verlaufen sie alle irgendwann im Sand.

Und langsam aber sicher wird der Fall Tabha zu einem Cold Case. Das lässt natürlich weder ihren Eltern noch der Polizei Ruhe. 2008 starten die Ermittler zum fünften Jahrestag des Verschwindens von Tabha eine große Medienkampagne. Und die hat Erfolg, denn es meldet sich noch ein Zeuge, der gesehen haben will, wie Tabha am Morgen des 29.

April in ein Auto gestiegen sei. Allerdings nicht in ein rotes, sondern in ein grünes. Der Zeuge meldet sich direkt bei Tabhas Familie, genauer gesagt bei ihrer Cousine, die in Nashville einen Tattoo-Shop leitet. Dort taucht 2008 auf einmal dieser Typ auf und sagt, die Polizei habe all die Jahre nach einem Auto in der falschen Farbe gesucht.

Weshalb der Zeuge so lange mit seiner Angabe gewartet hat, ist nicht bekannt. Trotzdem sucht die Polizei rückblickend in den Akten nach Anhaltspunkten zu einem grünen Auto und gibt diese Beschreibung noch einmal in die Öffentlichkeit heraus. Ab da dauert es aber wieder acht Jahre, bis es einen vielversprechenden Hinweis gibt. 2016 ruft eine Frau bei der Polizei an, die sagt, ihr sei jetzt erst aufgefallen, dass sie jemanden kennen würde, der 2003 ein grünes Auto gefahren ist.

Der Mann sei Lateinamerikaner gewesen und habe nur ein paar Blocks von den Tudos entfernt gewohnt. Er heißt Juan und war zum Zeitpunkt von Tabhas Verschwinden 19 Jahre alt. Den Ermittlern wurde erzählt, dass Tabha ihn manchmal heimlich besucht haben soll, wenn ihre Eltern nach der Arbeit einen Mittagsschlaf gemacht haben. Sie hat dort heimlich ein paar Zigaretten abgestaubt.

Er wird von der Polizei befragt. Allerdings stellt sich heraus, dass es ein Missverständnis gegeben hat. Die Person, die der Polizei von Juan erzählt hat, hat gelogen. Warum, weiß man bis heute nicht.

Juan und Tabha kannten einander gar nicht. Er konnte als Verdächtiger ausgeschlossen werden. Leider ist das nicht der einzige falsche Tipp, der über die Jahre reinkommt. 2015 meldet sich jemand, der behauptet, Tabha würde heute in Nebraska leben.

Das Ganze stellt sich als ein Hoax heraus. Die Ermittlungen sind also nicht nur von einer dünnen Spurenlage, sondern auch von falschen Tipps geplagt – und das über Jahre hinweg. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb sich die Polizei 2020 entscheidet, einen tieferen Einblick in die Ermittlung zu geben und eine Theorie aufstellt, die die Vermutung zulässt, dass Tabha noch lebt. Der Fall Tudos wird zu einem der bekanntesten Cold Cases in ganz Tennessee.

Und wie das so ist bei Cold Cases, die Gerüchteküche schläft nicht – fast zwei Jahrzehnte nach dem Verschwinden von Tabha nicht. 2020 entscheidet sich einer der leitenden Ermittler deshalb, ein Interview zu geben. Er wird mit einigen Gerüchten aufräumen und an anderer Stelle eingestehen, dass einige Gerüchte sich näher an der Wahrheit bewegen könnten, als man es zunächst glauben machen will. Denn in seinem Interview gibt Detective Stephen Jolly bekannt, dass schon von Anfang an viele Tipps in eine bestimmte Richtung gedeutet hätten – und zwar in die, dass Tabha unter Drogen gesetzt und in die Prostitution gezwungen wurde.

Er nennt sogar die konkrete Gegend, in der das möglicherweise geschehen ist: die Dickerson Road und die Gegend rund um Trinity Lake. Sollte das stimmen, dann wäre Tabha nach ihrem Verschwinden noch weiter in ihrer Heimatstadt Nashville gewesen, ganz in der Nähe der Polizei – und vor allem ihrer Eltern. Weiterhin verrät Detective Jolly, dass diese Tipps sogar zu mehreren konkreten Personen geführt hätten, die als Verdächtige geführt wurden und noch immer werden. Darunter zu einem Mann, der in East Nashville an Prostitutionsgeschäften beteiligt gewesen sein soll und 2020 gerade eine langjährige Haftstrafe in einem Bundesgefängnis absaß.

Er sagt auch, dass im Umkreis von nur einer Meile rund um das Zuhause der Tudos mehrere Personen gewohnt hätten, die registrierte Sexualstraftäter sind. Auch die würden alle auf eine Beteiligung an der Entführung von Tabha überprüft werden. Außerdem distanziert sich der Detective ganz klar von der Theorie, dass Tabha einfach eine Ausreißerin sein könnte. Er weist darauf hin, dass in ihrem Zimmer viele Sachen zurückgeblieben sind, die eine Teenagerin sicherlich mitgenommen hätte.

Außerdem war Tabha clever. Hätte sie von zu Hause weglaufen wollen, hätte sie sich nicht auf den Weg in Richtung Schulbus gemacht, wo Nachbarn sie unterwegs sahen. Die traurige Theorie, dass Tabha gegen ihren Willen festgehalten und von erwachsenen Personen ausgebeutet wurde, hält der Detective offenbar für die wahrscheinlichste. Wenn Tabha von einem erwachsenen Mann unter Druck gesetzt und gegroomt wurde, könnte das die Notiz in ihrem Zimmer erklären.

Vielleicht wäre MTL in diesem Szenario wirklich der Täter. Und auch die Visitenkarten von Tabha mit dem Winnie-Puuh-Bild erscheinen vor diesem Hintergrund in einem unheilvollen Licht. In einigen Online-Blogs heißt es, auf diesen Visitenkarten hätte noch gestanden: „Ruf mich an“ und „Sexy Girl“, wobei Letzteres durchgestrichen und durch „Ghetto Girl“ ersetzt wurde. In diesen Blogartikeln heißt es aber auch aus anderer Hand, die Karten seien von einer Freundin von Tabha angefertigt worden und hätten nichts mit ihrem Verschwinden zu tun.

Allerdings sind diese Infos eben nur von Blogs, nicht von verifizierten Quellen. In einem Interview, das Tabethas Eltern 2024 gegeben haben, wird nur erwähnt, dass die Visitenkarten eben in ihrem Zimmer lagen und dass ihre Anschrift und ein Winnie-Puuh-Bild darauf waren. Von den Notizen auf den Karten oder davon, dass sie nichts mit dem Verschwinden zu tun haben, wird von ihren Eltern nichts gesagt. Es ist also unklar, ob diese Spur wichtig ist oder nicht.

Falls aber ja, dann passt das leider gut zu der Theorie, über die Detective Jolly offen spricht. Tatsächlich gibt es nur wenige Monate nach dem Interview von Detective Jolly eine neue Durchsuchungsaktion im Fall Tabetha Tudos. Ein beinahe drei Hektar großes Grundstück im Hickman County wird abgesucht, in der Back Piny Road. Dieser Ort ist etwa eine Autostunde entfernt von dem Ort, an dem Tabha im April 2003 zuletzt gesehen wurde.

Ein Polizeisprecher erklärt damals, man würde das Grundstück absuchen, um eine Theorie zum Fall Tabetha zu überprüfen. Demnach habe es mehrere ältere und neuere Hinweise gegeben, wonach Tabha sich im Laufe des Jahres 2003 auf diesem Grundstück aufgehalten haben könnte. Weiterhin heißt es, dass man möglicherweise ein Wohnmobil aus dem Jahr 1994 gefunden habe, das demselben Mann gehörte, der 2003 auf dem Grundstück an der Back Piny Road wohnte. Die Durchsuchung des Grundstücks läuft sehr gründlich und dauert gleich mehrere Tage.

Dennoch müssen die Einsatzkräfte das Gebiet ohne neue Hinweise oder Indizien wieder verlassen. Bemerkenswert sind diese Maßnahmen trotzdem, denn sie zeigen ja, dass auch nach Jahren noch weiter ermittelt wird und dass die Suche nach dem Täter weitergeht. Tabethas Eltern wohnen noch heute in ihrem Haus in der Lillian Street. Sie haben in der Vergangenheit oft darüber nachgedacht, umzuziehen und Nashville hinter sich zu lassen.

Aber das wollen sie nicht, bis Tabha nicht gefunden wurde. Denn solange noch die Chance besteht, dass ihre Tochter am Leben ist, wollen sie, dass sie weiß, dass ihre Eltern noch zu Hause sind und auf sie warten – dort, wo sie sie finden kann. Nach wie vor steht Tabha als ein Entführungsopfer auf der Most-Wanted-Liste des FBI. Das FBI selbst bietet 50.

000 US-Dollar als Belohnungssumme für Hinweisgeber, die Angaben zu der Person – oder ausdrücklich auch zu den Personen – machen können, die Tabha entführt haben. Außerdem befindet sich auf der Webseite dazu ein Foto, das zeigt, wie Tabetha heute aussehen könnte. Das spricht sehr dafür, dass das FBI die Theorien aus den letzten Jahren sehr ernst nimmt.

Auch die außergewöhnlich hohe Belohnungssumme lässt die Vermutung zu, dass es hier möglicherweise um organisiertes Verbrechen geht und dass man beim Auffinden von Tabetha Tudos vielleicht nicht nur sie selbst noch retten kann, sondern auch andere Personen, die womöglich unter ihren Entführern leiden müssen.