Es war spät in der Nacht, als Bernd von der Disco nach Hause kam. Er sah Licht in der Küche, ging hinein und fand seinen Pflegevater Joseph Milata regungslos auf dem Boden liegen. Sofort rief er Polizei und Krankenwagen. Als er näher hinsah, entdeckte er ein Kabel mitsamt Kaffeemaschine um den Hals des Mannes.

Der Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen. Bergkamen, September 1986. An diesem Abend bekam Joseph Milata Besuch von zwei Männern. Was genau in seiner Wohnung geschah, lässt sich bis heute nicht vollständig rekonstruieren.
Die beiden Männer betraten die Wohnung, tranken eine Cola, rauchten eine Zigarette. Spätestens in diesem Moment beschlossen sie, Milata Geld zu stehlen. Die Richter gehen von zwei Szenarien aus: Entweder attackierten sie ihn sofort, um an sein Geld zu kommen, oder erst, als er den Diebstahl bemerkte und sie zur Rede stellen wollte. Joseph Milata wurde mit einem Messer schwer verletzt – 22 Mal stach ein Angreifer auf ihn ein.
Der andere wickelte das Kabel einer Kaffeemaschine um seinen Hals. Er bekam keine Luft mehr und starb. Das Gericht ging später davon aus, dass beide mit der Absicht zu töten handelten. Welcher Täter welche Tat begangen hatte, konnte nicht mehr geklärt werden – auch weil der Angeklagte den Namen seines Komplizen nie nannte.
Joseph Milata hinterließ zwei Pflegesöhne, Bernd und Peter. Sie erinnern sich bis heute an diese Nacht, in der sich ihr Leben für immer veränderte. Sie wollen anonym bleiben. Torsten Sziesze, Sprecher der Polizei Dortmund und seit über 40 Jahren Polizist, kennt solche Fälle gut.
„Mord verjährt nie, und deshalb wird ein Verfahren bei einem Tötungsdelikt nie eingestellt”, sagt er. „Es ruht manchmal, wenn es keine neuen Ermittlungsansätze gibt. Aber wenn neue Techniken helfen, Spuren auszuwerten, wird der Fall wieder aufgenommen. ” In vielen Behörden wurden Cold-Case-Ermittlungsgruppen eingerichtet, die sich mit diesen alten, „angestaubten” Fällen beschäftigen – erfolgreich, wie man sieht.
Der Fall Joseph Milata wurde von den Justizbehörden neu geprüft. Die Polizei holte die Asservate aus der Asservatenkammer, wo sie 40 Jahre gelegen hatten. Die Spuren wurden noch einmal untersucht. DNA-Spuren sind nach so langer Zeit oft noch verwertbar, wenn sie damals gut gesichert wurden.
„Die Kollegen vor 40 Jahren haben wirklich gut gearbeitet”, sagt Sziesze. „Die DNA-Spuren sind so aufbewahrt worden, dass sie auch heute noch auswertbar sind. Heute kann man aus viel kleineren Spurenträgern DNA gewinnen als früher. ” Die Arbeit einer Cold-Case-Einheit beschreibt er wie ein Puzzlespiel: „Es liegen ganz viele Teile auf dem Tisch, die man irgendwann eingesammelt hat.
Man hat sie schon mal zusammengesetzt, vielleicht passten sie nicht. Jetzt geht man hin und setzt sie etwas anders zusammen – vielleicht mit anderen Leuten, die einen anderen Blick darauf haben. ”
Die Ermittler fanden 1986 wichtige Fingerabdrücke auf Gläsern und einer Colaflasche in der Wohnung. Diese alten Beweismittel wurden später von der Cold-Case-Einheit der Dortmunder Polizei erneut untersucht – und sie fanden DNA-Spuren, die sie einem Mann zuordnen konnten.
Er wurde in Bergkamen verhaftet. Vor dem Landgericht Dortmund stritt der Angeklagte zunächst komplett ab, jemals in der Wohnung von Joseph Milata gewesen zu sein. Das Gericht hielt das für wenig überzeugend. Später räumte er ein, zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein – aber selbst nicht der Täter gewesen zu sein.
Doch die Kammer war nach der Beweisaufnahme überzeugt: Der Angeklagte war einer der Täter. Die Motivation war klar: Geld. Joseph Milata hatte 1500 D-Mark abgehoben, davon waren nur noch 1070 da. 430 Mark fehlten.
Die Ermittler konnten nachweisen, dass die Männer mit dem Ansatz in die Wohnung gegangen waren, ihm Geld zu stehlen. Es kam zu einer Auseinandersetzung, die zu seiner Tötung führte. Es gibt Hinweise, dass Joseph Milata homosexuell gewesen sein könnte. Er traf sich häufiger mit jungen Männern, vornehmlich türkischen Männern, heißt es in Zeugenaussagen.
Er war bekannt dafür, in einer Gaststätte in Bergkamen zu verkehren und immer Geld bei sich zu haben. Auch die beiden Täter lernten ihn dort kennen. Sie gingen mit ihm in seine Wohnung – ob zum Sex oder aus einer anderen Motivation, darüber gibt es unterschiedliche Schilderungen. Was in der Wohnung genau geschah, bleibt unklar.
Fakt ist: Joseph Milata wurde durch 22 Messerstiche und Würgemale durch ein Kabel am Hals getötet. Todesursächlich waren das Würgen und die Stiche, mit groben Verletzungen innerer Organe. Beide Verletzungen wären für sich alleine genommen tödlich gewesen. Im August 2025 kam das Urteil: Der Verurteilte war 18 Jahre alt, also volljährig, als er Joseph Milata tötete.
Trotzdem entschieden die Richter, Jugendstrafrecht anzuwenden – möglich, wenn der Täter zum Tatzeitpunkt das 20. Lebensjahr noch nicht vollendet hat und eine Entwicklungsverzögerung vorliegt. In diesem Fall war das so. Für die beiden Pflegesöhne war das späte Urteil eine Erleichterung.
„Endlich hat wenigstens einer seine gerechte Strafe bekommen”, sagen sie. Das ist schon mal was wert. Doch was ist mit dem zweiten Täter? „Uns ist aufgrund der Spurenlage klar, dass eine zweite Person da war”, sagt Sziesze.
„Einer hat gestochen, der andere hat gewürgt. Das kann man nicht gleichzeitig tun. Es ist klar, dass es unterschiedliche Tathandlungen gegeben hat. Welcher Täter welche Tat begangen hat, spielt für das Ergebnis keine Rolle – der Mann ist tot, und verantwortlich sind beide.
”
Mord verjährt nie. Der Deckel ist nicht zu. Solange nicht ausgeschlossen werden kann, dass es einen zweiten Täter gab, wird weiter ermittelt. Der Tatverdacht gegen den damals 18-Jährigen bestand übrigens schon früher – aber nur als latenter Verdacht, nicht als dringender.
Viele Spuren am Tatort stammten berechtigt vom Wohnungsinhaber selbst oder von eingeladenen Familienmitgliedern. Auch der junge Mann gab zu, in der Wohnung gewesen zu sein und dort Spuren hinterlassen zu haben. Die Kunst war, zu klären, ob er als Spurenleger auch für die Tat in Frage kommt. Manche rechtliche oder sachliche Bewertung ändert sich im Laufe der Zeit – aus einem latenten Verdacht kann ein dringender werden.
„Da steckt viel intrinsische Motivation drin”, sagt Sziesze. „Man ist wie ein Puzzler, arbeitet sich in den Sachverhalt ein, denkt sich in die Köpfe von Täter und Opfer hinein und rollt die Dinge von hinten nach vorne auf. Wenn man so ein Delikt nicht aufklären kann, enttäuscht das. Und wenn menschliche Schicksale dahinterhängen, ist das noch schlimmer.
Wenn dann am Ende einer aufgeklärt wird, freuen sich auch die Kollegen von damals – viele sind längst in Pension, aber sie werden mit Sicherheit hören und lesen, dass die Tat aufgeklärt ist, und sich freuen. ”
Die Pflegesöhne haben zumindest einen Täter verurteilt bekommen. Für sie ist das eine Erleichterung. Einer bekommt seine gerechte Strafe.
Und der zweite Täter? Die Ermittlungen laufen weiter.


