Es war ein ganz normaler Donnerstagabend im April 1996, als meine Freundin Cornelia mir zum letzten Mal winkte. Sie war stark betrunken, konnte kaum noch stehen, ihre Freunde ließen sie einfach an…

Es war ein ganz normaler Donnerstagabend im April 1996, als meine Freundin Cornelia mir zum letzten Mal winkte. Sie war stark betrunken, konnte kaum noch stehen, ihre Freunde ließen sie einfach an...

Am 19. April 1996 wird die 26-jährige Cornelia Heinenberg tot in einer parkähnlichen Anlage in Essen gefunden. Ihre Kleidung ist durcheinander: Das Oberteil ist hochgeschoben, die Hose teilweise heruntergezogen. Für die Polizei spricht zunächst alles für ein Sexualdelikt.

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Doch die Gerichtsmedizin kommt zu einem anderen Ergebnis. Der Fundort ist der Hintereingang des Essener Hauptbahnhofs. Hier hat sich Cornelia regelmäßig aufgehalten – meist in Begleitung, meist bis spät in die Nacht. Sie kommt aus Bochum, lebt aber in Essen und bewegt sich in einem harten Milieu: Trinkerszene, Obdachlose, Drogen.

Schon mit 14 Jahren hat sie das erste Mal Drogen konsumiert, mit 18 dann Heroin. Mit 26 ist sie in einem Substitutionsprogramm, trinkt trotzdem massiv Alkohol und mischt zeitweise Rohypnol darunter. Um ihren Konsum zu finanzieren, geht sie gelegentlich anschaffen. Es gibt einen wichtigen Hinweis vorab: In vielen unserer Filme nutzen wir WDR-Archivmaterial.

In diesem Fall ist das leider nicht möglich. Deshalb verwenden wir an ausgewählten Stellen KI-Bilder, um einen besseren Eindruck vom damaligen Geschehen zu vermitteln. So haben wir auf Grundlage des Fahndungsaufrufs das Aussehen des Opfers rekonstruiert: Cornelia war 1,74 Meter groß, schlank, hatte schulterlanges braunes Haar. Als sie starb, trug sie eine graue Jacke, blaue Jeans, einen blau-weiß gestreiften Body und schwarze Cowboystiefel.

Der 18. April 1996 beginnt für Cornelia wie ein normaler Tag. Sie verbringt den Nachmittag in der Wohnung eines Freundes, trinkt, raucht, unterhält sich. Später setzt sie das am Essener Hauptbahnhof fort, zusammen mit zwei Freunden.

Irgendwann in der Nacht entscheidet die Gruppe, nach Hause zu gehen. Cornelia ist stark alkoholisiert, kaum noch in der Lage, allein zu laufen. Sie stürzt mehrfach, muss gestützt werden. Ihre beiden Freunde sind selbst stark betrunken und unter Drogeneinfluss.

Im Bereich Steeler Straße/Hollestraße geben sie auf. Sie können Cornelia nicht weiter tragen, lassen sie dort zurück. Nach ihren eigenen Aussagen war es einfach nicht mehr möglich, sie nach Hause zu bringen. Gegen 1 Uhr nachts entdeckt ein Taxifahrer die junge Frau.

Er hilft ihr in sein Auto und fährt sie zurück zum Essener Hauptbahnhof. Ab hier werden die Zeugenaussagen unsicher. Ein Fahrer eines am Bahnhof stehenden Taxis will Cornelia gegen 2:30 Uhr in Begleitung eines Mannes vom Bahnhof weggehen gesehen haben. Für die Ermittler ist dieser Mann von Bedeutung.

Nach ihrer Einschätzung könnte es sich um den Täter handeln. „Handeln könnte definitiv”, sagt Hendrik Heyer, Pressesprecher der Polizei Essen. „Wir haben nicht viel, außer der vom Taxifahrer beschriebenen Szenerie. Aber es ist die letzte Person, die Cornelia lebend gesehen hat.

” Die Personenbeschreibung führt die Polizei ins Bahnhofsmilieu. Männer, die darauf passen, werden identifiziert, ihre Wohnungen durchsucht, Kleidung sichergestellt. Doch gegen niemanden erhärtet sich ein Tatverdacht. Was in den Stunden danach passiert, bleibt unklar.

Am nächsten Morgen gegen 7 Uhr findet eine Passantin Cornelias Leiche im Bernewäldchen – einer parkähnlichen Fläche in Essen. Die Fundsituation deutet auf ein Sexualdelikt hin. Doch die Rechtsmedizin kann das schnell ausschließen: Es gab keinen Geschlechtsverkehr. Stattdessen stellt sich heraus: Cornelia wurde vor Ort erdrosselt.

Mit einem Gegenstand – einem Seil, einer Schnur, vielleicht mit dem Riemen ihrer Handtasche, die ihr gestohlen wurde. „Das könnte ein klassischer Raubmord sein”, erklärt der Pressesprecher. „Oder jemand hat sie mit der Intention getötet, sie zu berauben. Es kann aber auch sein, dass es einen Streit mit einem Unbekannten gab, Cornelia ermordet wurde und jemand die Gelegenheit nutzte, um die Tasche zu entwenden.

Die Kleidung spricht allerdings für ein anderes Szenario. „Cornelia war im Bereich der Prostitution tätig, wenn sie Geld brauchte”, sagt Heyer. „Vielleicht hat sie Leistungen angeboten, und es kam im Rahmen dessen zu einem versuchten Tötungsdelikt. Möglicherweise gab es eine versuchte Vergewaltigung, bei der durch die Gewaltanwendung ein Tötungsdelikt entstand, bevor es zum Geschlechtsverkehr kam.

Für die Ermittler kommen mehrere Tatverdächtige in Frage: die beiden Freunde, die Cornelia liegen ließen, zwei Männer aus dem Bahnhofsmilieu, die auf die Beschreibung des Taxifahrers passten, oder die unbekannte Person, die angeblich mit ihr den Bahnhof verließ. Die beiden Kumpels geraten zunächst in den Fokus. Doch Zeugen bestätigen, dass sie später in der Nacht nicht mehr mit Cornelia zusammen gesehen wurden. Ihre Aussagen, sie hätten sie an der Steeler Straße zurückgelassen, passen zu den Beobachtungen.

Sie scheiden aus. Bei den zwei Männern aus dem Bahnhofsumfeld, die auf die Beschreibung des Taxifahrers passen, fehlt jede Verbindung zu Cornelia. Auch sie lassen sich nicht überführen. Fast 30 Jahre lang passiert nichts in diesem Fall.

Dann widmen sich spezielle Cold-Case-Ermittler dem Mordfall. Sie werten alte Spuren mit modernen Methoden aus – unter anderem mit einer Technik, mit der menschliche DNA aus Hautpartikeln gewonnen werden kann, die ein Täter am Opfer hinterlassen hat. Tatsächlich wird DNA extrahiert. Mutmaßlich vom Täter.

„Wir können nur sagen, da ist jemand, der nah an Cornelia war”, erklärt Heyer. „Er müsste erklären, warum er da war. Wenn er das nicht kann, würde er sofort in den engeren Tatverdacht rutschen. ”

Doch die DNA lässt sich keiner Person zuordnen.

Sie wird in Datenbanken in Deutschland, Europa und weltweit eingespeist – ohne Treffer. „Nicht jede Person ist erfasst”, sagt Heyer. „Sollte die Person irgendwann ihre DNA im Rahmen einer erkennungsdienstlichen Behandlung bei der Polizei abgeben, erhalten wir sofort eine Benachrichtigung. Dann ist der Täter möglicherweise identifiziert.

Deshalb gibt es Hoffnung – auch nach so vielen Jahren. Für mögliche Mitwisser hat der Pressesprecher eine klare Botschaft: „Meldet euch bei der Polizei. Vielleicht seid ihr mittlerweile in einem anderen Milieu und habt mit den Leuten von damals nichts zu tun. Trotzdem ist es immer noch wichtig, dass ihr euch meldet.

Die Ermittlungen laufen weiter. Totschlag verjährt, Mord nie. Dass Cornelias Handtasche entwendet wurde, spricht dafür, dass es sich um Mord handelt. Die Polizei Essen gibt die Hoffnung nicht auf.

Manchmal kann ein vermeintlich kleiner Hinweis den großen Durchbruch bringen. Wer etwas über die Todesumstände von Cornelia Heinenberg weiß – egal wie unbedeutend das Detail erscheint –, kann sich bei der Polizei in Essen melden. Auch anonym.