Eine neue Dokumentation legt schonungslos offen, wie die Spitzen der Wehrmacht in nie gekanntem Luxus lebten, während sie einen Vernichtungskrieg planten und deckten.
Die gut ausgestatteten Stäbe, das bessere Essen, der persönliche Wagen und das zahlreiche Personal waren keine privaten Annehmlichkeiten neben dem Krieg, sondern folgen genau jenes Krieges, der als Raub und Vernichtungsfeldzug geführt wurde. Wer den Alltag dieser Männer betrachtet, blickt zugleich auf die Funktionsweise einer Kriegsmaschine, die für Eroberung, Ausbeutung und Vernichtung gebaut wurde.
Komfort und Status an der Spitze des Heeres waren nicht von den politischen Entscheidungen des Regimes getrennt, sondern an sie gebunden. Die Wehrmacht entstand als bewaffnete Macht eines totalitären Deutschlands, geschaffen um eine aggressive Politik der Eroberung und einen rassistisch begründeten Krieg in die Tat umzusetzen. Viele ihrer Generäle stammten aus dem traditionellen preußischen Offizierschor mit dessen Standesbewusstsein, Disziplin und Vorstellung von soldatischer Ehre.
Doch im Jahr 1934 leisteten sie einen persönlichen Eid auf Adolf Hitler und banden sich damit unmittelbar an den Diktator und an seine Ziele. Dieser Schritt verband das Schicksal des Offizierskorps mit dem Schicksal einer Diktatur, die von Beginn an auf Expansion und Gewalt ausgerichtet war. Am Ende dieser Betrachtung wird ein Verständnis stehen, das sich durch alle Etappen zieht.
Die Vorgeschichte beginnt bei der Reichswehr der Weimarer Republik, jenen verkleinerten Heer, das der Vertrag von Versailles im Jahr 1919 auf 100. 000 Mann begrenzte. Diese Beschränkung empfanden viele Offiziere als nationale Demütigung, als eine Fessel, die man bei der ersten Gelegenheit abzustreifen gedachte.
Schon in den Jahren der Republik betrieb die militärische Führung eine heimliche Aufrüstung, umging die Bestimmungen des Vertrags und bereitete im Verborgenen die künftige Stärke vor.
Als Adolf Hitler im Jahr 1933 an die Macht kam, versprach er der Generalität genau das, wonach sie sich sehnte: eine massive Wiederbewaffnung, die Wiederherstellung der allgemeinen Wehrpflicht und die Aufhebung der Versailler Schranken. Für die militärische Elite eröffneten sich damit neue Möglichkeiten der Karriere, des Aufstiegs und des Einflusses, dazu Ressourcen und ein Ansehen, das in den Jahren der Republik undenkbar gewesen war. Die Versuchung war groß und sie wurde angenommen.
Der entscheidende Moment kam mit dem Eid vom 2. August 1934. An diesem Tag, unmittelbar nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, schworen die Soldaten und Offiziere nicht mehr auf die Verfassung und nicht mehr auf das Vaterland im abstrakten Sinne, sondern auf die Person Adolf Hitlers.
Aus einer Treue zum Staat wurde eine Treue zum Führer. Aus einer rechtlichen Bindung eine persönliche Gefolgschaft.
Für viele Offiziere war dies eine pragmatische Entscheidung, die sich aus nüchternen Erwägungen speiste: Stabilität nach Jahren des politischen Chaos, die ersehnte Remilitarisierung und ein tiefer Antikommunismus. Doch dieser pragmatische Schritt hatte eine weitreichende Folge: Er machte das Offizierskorps zu einem Bestandteil des nationalsozialistischen Machtapparats. Wer dem Führer persönlich verpflichtet war, konnte sich später nur schwer auf die Trennung von militärischer Pflicht und politischem Verbrechen berufen.
Mit dem Überfall auf Polen im Jahr 1939 begann die Reihe der Feldzüge, in denen sich die Generäle als Planer und Vollstrecker bewährten. Befehlshaber wie Gert von Rundstedt und Stabsoffiziere wie Erich von Mannstein entwarfen und führten die Operationen, die Polen in wenigen Wochen niederwarfen. Während die Truppen vorrückten, folgten in ihrem Rücken die Einsatzgruppen, jene mobilen Mordkommandos, die gezielt polnische Eliten, Geistliche und Juden verfolgten und erschossen.
Die militärische Führung wusste von diesen Taten und sie leistete in vielen Fällen Unterstützung: Bereitstellung von Logistik, Absperrung ganzer Gebiete und eine duldende Haltung gegenüber den Erschießungen. Es gab Offiziere, die sich an einzelnen Exzessen stießen, doch das System als solches wurde getragen und nicht gebrochen. Schon der erste Feldzug zeigte das Muster, das sich später ins Ungeheure steigern sollte.
Mit dem Westfeldzug im Jahr 1940 veränderte sich der Alltag der Generäle auf eine Weise, die ihren Lebensstil deutlich macht. Die Stäbe richteten sich in requirierten Schlössern, Landhäusern und Palästen ein. Die Verpflegung verbesserte sich spürbar, Wein aus den eroberten Gebieten stand zur Verfügung und für den persönlichen Gebrauch dienten Wagen der Marken Horch und Mercedes.
Ein Stab von Adjutanten, Ordonnanzen und Fernsprechern hielt den Betrieb am Laufen.
Der Kontrast zu den Bedingungen der einfachen Soldaten war groß. Während diese in Quartieren und Stellungen lebten, arbeiteten die Generäle in einer Umgebung, die an einen bürgerlichen Haushalt gehobener Art erinnerte. Diese Organisation der Stabsarbeit hatte tiefe Wurzeln und erlaubte es der Spitze, sich ganz auf die großen Linien der Operationen zu konzentrieren, ohne den unmittelbaren Schrecken des Gefechts zu teilen.
Der Übergang vom Westen in den Osten im Jahr 1941 war kein bloßer Wechsel des Schauplatzes, sondern der Eintritt in einen Krieg von anderer Art. Der Vernichtungscharakter des Ostkrieges wurde schon vor dem ersten Schuss in Befehlen festgelegt. Im Mai 1941 erging der sogenannte Barbarossa-Erlass, der die Zuständigkeit der Kriegsgerichte für Taten deutscher Soldaten gegen die Zivilbevölkerung weitgehend aufhob.
Im Juni folgte der Kommissar-Befehl, der die sofortige Erschießung gefangener politischer Offiziere der Roten Armee anordnete.
Die Generäle kannten diese Richtlinien und sie machten sie zur Grundlage ihres Handelns. Wer später behauptete, von all dem nichts gewusst zu haben, verschwieg, dass diese Vorgaben den Krieg von Anfang an bestimmten. Die Annehmlichkeiten des Stabslebens waren konkret und greifbar: bessere Verpflegung, Zugang zu Weinen und Lebensmitteln aus den besetzten Gebieten, persönliche Automobile und ranghohe Befehlshaber konnten zeitweise sogar über einen eigenen Zug verfügen.
Zu den Annehmlichkeiten der höchsten Führung gehörten Jagdausflüge in den Wäldern der besetzten Gebiete, beschlagnahmte Kunst und Wertgegenstände und eine Kultur der Aneignung. Persönliche Köche, Ordonnanzen und Fahrer sorgten dafür, dass der Alltag der Befehlshaber von den Mühen des Krieges weitgehend frei blieb. Während einfache Soldaten um eine warme Mahlzeit und um trockene Stiefel kämpften, konnte ein General in einem geheizten Quartier bei Wein und gutem Essen über die Bewegungen ganzer Armeen entscheiden.
Der Geist, der dieses Kommando durchdrang, lässt sich an konkreten Befehlen ablesen. Im Oktober 1941 erließ Feldmarschall Walter von Reichenau einen berüchtigten Befehl über das Verhalten der Truppe im Osten, der ein hartes, gnadenloses Vorgehen gegen Juden forderte. Erich von Mannstein gab im November auf der Krim eine ähnliche Weisung heraus.
Solche Befehle waren keine Entgleisungen einzelner Hitzköpfe, sondern Ausdruck einer Haltung, die in der Führung verbreitet war.
Wie weit die militärische Führung den Gedanken der Auslöschung mittrug, zeigte die Belagerung Leningrads. Die deutsche Führung entschied, die Stadt nicht zu stürmen, sondern sie einzuschließen und auszuhungern, in der ausdrücklichen Absicht, ihre Bevölkerung dem Tod zu überlassen. Über mehr als zwei Jahre hinweg starben in der eingeschlossenen Stadt hunderttausende, nach Schätzungen mehr als eine Million Menschen an Hunger und Kälte.
Die Versorgung der Front und die Sicherung des Hinterlandes waren eng verzahnt. Die Militärverwaltung der besetzten Gebiete arbeitete mit den Mordkommandos zusammen. Viele Befehlshaber zogen es vor, sich auf die rein militärische Seite der Operationen zu konzentrieren und die Vorgänge im Rücken der Front als politische Angelegenheiten zu betrachten.
Andere unterstützten diese Vorgänge aktiv. In beiden Fällen lief das Ergebnis auf dasselbe hinaus: Die Maschine der Vernichtung funktionierte, weil die militärische Führung sie funktionieren ließ.
Bereits im Winter 1941, als der Vormarsch vor Moskau im Schnee stecken blieb, kam es zur ersten großen Krise zwischen Hitler und seinen Generälen. Der Diktator verlangte, jede Stellung um jeden Preis zu halten. Der Oberbefehlshaber des Heeres Walter von Brauchitsch wurde entlassen, Hitler übernahm den Oberbefehl selbst.
Auch Gert von Rundstedt und Heinz Guderian verloren vorübergehend ihre Posten. Damit begann jene Phase wachsenden Misstrauens, in der die fachliche Eigenständigkeit der Generäle Schritt für Schritt der Willkür des Führers wich.
Nach der Katastrophe von Stalingrad und der gescheiterten Offensive bei Kursk 1943 verschärfte sich der Druck auf die Generalität. Hitler griff immer tiefer in die Führung ein, betrieb Mikromanagement der Fronten und setzte Befehlshaber ab. Die Generäle verbrachten mehr Zeit in Bunkern, ihr Spielraum schrumpfte.
Selbst erfolgreiche Befehlshaber wie Erich von Mannstein stießen immer häufiger auf den Widerstand des Führers.
Der 20. Juli 1944 wurde zum Wendepunkt. An diesem Tag versuchte eine Gruppe von Offizieren Hitler durch ein Attentat zu töten.
Viele Generäle waren in die Verschwörung verwickelt. Das Scheitern löste eine Welle der Rache aus: Hinrichtungen, Schauprozesse und erzwungene Selbstmorde. Erwin Rommel, der mit den Verschwörern in Verbindung gebracht wurde, erhielt die Wahl zwischen Verfahren und stillem Tod und nahm Gift.
An die Stelle von Loyalität aus Überzeugung trat vielfach eine Loyalität aus Zwang und Angst.
Das Ende des Krieges traf die Generäle in einer Welt, die zusammenbrach. Die letzten Hauptquartiere waren von Enge, Erschöpfung und dem Bewusstsein der nahenden Niederlage geprägt. Nach dem Krieg begann eine neue Phase, in der die überlebenden Befehlshaber ihre Rolle neu erzählten.
In Verhören und Memoiren stellten sie sich als reine Fachleute dar, die nur ihre Pflicht erfüllt und von den Verbrechen nichts gewusst hätten. Sie zeichneten das Bild einer sauberen Wehrmacht.
Diese Erzählung kam nicht nur den ehemaligen Militärs entgegen, sondern auch einem Teil der westlichen Alliierten zu Beginn des Kalten Krieges. Die Forschung und die Archive zeichnen jedoch ein anderes Bild. Erich von Mannstein wurde 1949 von einem britischen Gericht wegen seiner Verantwortung für Kriegsverbrechen zu einer langen Haftstrafe verurteilt, die er nur zu einem geringen Teil verbüßte.
In seinen Erinnerungen beklagte er verlorene Siege und wollte von den Verbrechen nichts gewusst haben.
Die Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen des Regimes war systematisch und keine Ausnahme. Von den fast sechs Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen starben über drei Millionen an Hunger, Kälte, Krankheit und durch gezielte Tötung. Die Verantwortung lag bei der militärischen Verwaltung.
Die Zusammenarbeit mit der SS und den Einsatzgruppen, die Ausbeutung der besetzten Gebiete und der Einsatz von Zwangsarbeit gehörten zum Kern der Kriegführung im Osten.
Der Lebensstil der Generäle war vor diesem Hintergrund kein getrennter Aspekt des Krieges, sondern ein untrennbarer Teil derselben Maschine, die den Vernichtungskrieg führte. Der Komfort der Stäbe und die Härte der Befehle entsprangen demselben System. Wer das tägliche Dasein der Führung verstehen will, muss es als Bestandteil dieser Ordnung begreifen und nicht als private Episode neben dem großen Geschehen.
Der Mythos der sauberen Wehrmacht hält den Dokumenten und Tatsachen nicht stand. Die Generäle dienten einem Regime, dem sie persönlich geschworen hatten. Ihr Lebensstil spiegelte eine Hierarchie, in der militärisches Können in den Dienst einer Ideologie der Expansion gestellt war.
Gegen Ende des Krieges gerieten viele in Intrigen, wurden Opfer von Säuberungen oder kamen ums Leben. Doch das hebt ihre Rolle in den Jahren zuvor nicht auf.
Die neue Dokumentation zwingt dazu, hinter dem ordentlichen Schein des Stabsalltags die Ordnung der Gewalt zu erkennen, der er diente. Es ist keine Geschichte über allgemeingültige Beispiele der Führung, sondern über ein bestimmtes historisches System und über den Preis, den es von allen forderte, die sich in es einfügten. Genau in dieser Nüchternheit liegt die bleibende Bedeutung dieser Betrachtung.


