Meine Schwiegertochter hat vor 18 Gästen zu mir gesagt: „Renate, du zahlst doch sowieso. Mach jetzt bitte kein Theater.“ Ich habe bezahlt, 460 Euro, und gelächelt. Aber in dieser Nacht habe ich…

Meine Schwiegertochter hat vor 18 Gästen zu mir gesagt: „Renate, du zahlst doch sowieso. Mach jetzt bitte kein Theater.“ Ich habe bezahlt, 460 Euro, und gelächelt. Aber in dieser Nacht habe ich...

Meine Schwiegertochter hat vor 18 Gästen in einem Restaurant zu mir gesagt: „Renate, du zahlst doch sowieso. Mach jetzt bitte kein Theater. “ Es war die Konfirmation meines Enkels. Die Rechnung lag bei 460 Euro.

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Und sie hatte recht, ich zahlte sowieso. Seit 21 Monaten zahlte ich alles. Mein Name ist Renate Küpper, ich bin 72 Jahre alt und lebe in Recklinghausen. Bevor ich erzähle, was ich getan habe, möchte ich wissen, von wo aus Sie mir gerade zuhören.

Schreiben Sie mir Ihre Stadt in die Kommentare. Ich muss wissen, dass ich damit nicht allein bin. Angefangen hat alles mit einer Hüfte. Im Februar vor zwei Jahren bin ich auf dem Weg zum Bäcker gestürzt.

Schenkelhalsbruch. Operation, künstliche Hüfte, drei Wochen Krankenhaus, sechs Wochen Reha. Ich war in dieser Zeit tatsächlich hilflos. Das muss ich sagen, weil sonst der Rest nicht zu verstehen ist.

Ich konnte nichts, nicht einkaufen, nicht zur Bank, nicht die Rechnungen sortieren. Und mein Sohn Marco war in dieser Zeit gut zu mir. Auch das gehört dazu. Er kam fast jeden zweiten Tag ins Krankenhaus.

Er hat sich um die Post gekümmert, um die Krankenkasse, um den ganzen Papierkram. Irgendwann, in der zweiten Woche, saß er an meinem Krankenbett und sagte: „Mama, das mit den Rechnungen wird schwierig. Die Miete geht ab, gut. Aber die Nebenkosten, die Versicherungen, wenn da was kommt, kann ich nichts machen.

Ich brauche eine Vollmacht für dein Konto, sonst stehe ich bei der Bank und die lachen mich aus. “

Er hatte recht. Es war vernünftig. Es war genau das, was jeder Sohn in dieser Situation braucht.

Ich habe unterschrieben. Eine Kontovollmacht in meinem Krankenzimmer, mit einer Bankmitarbeiterin, die extra gekommen ist. Und ich sage Ihnen etwas, das ich mir bis heute vorwerfe: Ich war dankbar dabei. Ich habe mich beim Unterschreiben bei meinem Sohn bedankt.

Sechs Monate später konnte ich wieder alles. Ich gehe seitdem zweimal die Woche zur Wassergymnastik. Ich kaufe selbst ein, ich koche selbst, ich putze meine Wohnung. Ich habe zu Marco gesagt, du kannst die Vollmacht jetzt zurückgeben, es geht wieder.

Und er hat gesagt: „Mama, lass die doch bestehen. Was ist, wenn du wieder stürzt? Dann fangen wir bei null an und du liegst wieder wochenlang irgendwo. Die kostet doch nichts.

Sie hat mich am Ende 36. 400 Euro gekostet. Ich möchte kurz innehalten. Wenn Sie das kennen, wenn Sie jemandem aus Dankbarkeit einen Schlüssel zu Ihrem Leben gegeben haben, dann sind Sie hier richtig.

Bleiben Sie dran. Was ich danach getan habe, hat das alles beendet. Es fing so klein an, dass ich es nicht bemerkt habe. Marco hat weiter meine Bankgeschäfte gemacht.

Ich habe das zugelassen, weil es bequem war und weil er ja sowieso alles wusste. Er sagte: „Mama, ich gucke mir die Auszüge an. Du musst dich um nichts kümmern. “ Ich habe fast zwei Jahre lang meine eigenen Kontoauszüge nicht gelesen.

Das ist der Fehler. Wenn Sie sich einen Satz aus dieser ganzen Geschichte merken, dann diesen: Ich habe fast zwei Jahre lang meine eigenen Kontoauszüge nicht gelesen. Die ersten Sachen waren tatsächlich für mich. Eine neue Waschmaschine, als meine kaputt ging.

Ein Fernseher, weil der alte flimmerte. Marco hat das bestellt und bezahlt von meinem Konto, und ich habe mich bedankt. Dann kamen Sachen, die nicht für mich waren, aber das habe ich erst später verstanden, weil ich es ja nicht gesehen habe. Was ich gesehen habe, war anderes.

Ich habe gesehen, dass Marco und Yvonne im Sommer nach Mallorca geflogen sind mit den Kindern. Zwei Wochen all inclusive. Marco arbeitet als Lagerlogistiker, Yvonne halbtags in einer Apotheke. Ich habe mich gewundert und gedacht, sie haben eben gespart.

Ich habe gesehen, dass in ihrer Einfahrt plötzlich ein anderer Wagen stand. Ein großer Kombi, drei Jahre alt. Ich habe gesehen, dass Yvonne eine Handtasche hatte, die so viel kostet wie meine halbe Rente. Und ich habe jedes Mal gedacht, schön für sie, der Junge hat es geschafft.

Die Wahrheit stand auf Kontoauszügen, die in einem Ordner in meinem Wohnzimmerschrank lagen und die ich nicht las, weil mein Sohn gesagt hatte, er kümmert sich. Und gleichzeitig veränderte sich, wie sie mit mir umgingen. Früher hat Marco angerufen und gefragt, wie es mir geht. Irgendwann rief er an und fragte, ob ich am Samstag zu Hause bin, weil ein Paket kommt.

Früher haben wir sonntags zusammen gegessen. Irgendwann kamen sie nur noch, wenn etwas anstand. Und wenn sie kamen, brachte Yvonne nichts mit. Ich habe gekocht für fünf Personen, mit 72.

Im letzten Frühjahr wollte ich mit meiner Freundin Elfriede eine Busreise machen. Fünf Tage Mosel, 390 Euro. Ich habe Marco davon erzählt, und er hat gesagt: „Mama, das ist gerade schlecht. Auf dem Konto ist nicht so viel Luft.

“ Auf meinem Konto war nicht so viel Luft. Ich habe die Reise abgesagt. Elfriede ist allein gefahren. Ich habe mich damals geschämt.

Ich habe gedacht, ich muss besser haushalten. Ich habe im Supermarkt angefangen, auf die Angebote zu achten. Ich habe die Heizung runtergedreht. Eine Frau mit einer Rente von 1.

900 Euro und keiner Miete, weil die Wohnung mir gehört, hat angefangen zu frieren und zu sparen. Und in demselben Frühjahr flogen sie nach Mallorca. Der Abend, an dem es gekippt ist, war der 21. Mai, die Konfirmation meines Enkels Louis.

18 Personen in einem griechischen Restaurant in Herten. Ich hatte mich auf diesen Tag gefreut. Ich hatte mir extra etwas gekauft, eine Bluse, und beim Friseur war ich auch. Ich hatte Louis einen Umschlag mitgebracht, 200 Euro, weil man das so macht.

Es war ein schöner Nachmittag. Louis war stolz. Es gab Fotos. Meine Schwester Hildegard war aus Dortmund gekommen.

Ich saß zwischen Hildegard und Yvonnens Mutter, einer freundlichen Frau, die mich gefragt hat, ob ich mich freue, so eine große Familie zu haben. Und dann kam die Rechnung. Der Kellner brachte sie und legte sie in die Mitte des Tisches, wie das so ist, ein Ledermäppchen, aufgeklappt, und niemand hat sie angefasst. Es entstand die Stille, die jeder kennt.

Alle sehen woanders hin. Jemand redet plötzlich sehr angeregt über das Wetter. Ich habe zu Marco gesehen. Mein Sohn hat sein Glas angeschaut.

Es waren vielleicht acht Sekunden. Es kam mir vor wie eine Minute. Und dann hat Yvonne, laut genug, dass es der halbe Tisch hörte, gesagt: „Renate, jetzt nimm sie halt. Du zahlst doch sowieso.

Mach kein Theater draus. “

Ich habe gespürt, wie mir das Blut ins Gesicht gestiegen ist. Nicht vor Wut, vor Scham. Yvonnens Mutter neben mir hat sich kurz weggedreht, so wie man das macht, wenn man etwas mitbekommt, das man nicht mitbekommen sollte.

Ich habe die Rechnung genommen, 460 Euro und ein paar Cent. Ich habe meine Karte gegeben und bezahlt, vor 18 Menschen, von denen die Hälfte nicht zu meiner Familie gehört. Und dann habe ich mich hingesetzt und weitergelächelt, weil Louis mich angesehen hat und weil es sein Tag war. Das war das Schlimmste an diesem Nachmittag, nicht der Satz, sondern dass ich danach noch anderthalb Stunden gesessen und gelächelt habe.

Meine Schwester hat mich hinterher am Parkplatz gefragt: „Renate, zahlst du bei denen immer alles? “ Und ich habe gesagt: „Nein, nur manchmal. “ Ich habe meine eigene Schwester angelogen, weil ich mich geschämt habe. Sie hat mich lange angesehen und dann gesagt: „Wenn du mal reden willst, ruf an.

Ich bin an diesem Abend nach Hause gefahren, und irgendwo zwischen Herten und Recklinghausen hat sich etwas in mir umgedreht. Es war nicht Wut. Wut hatte ich in diesen zwei Jahren oft, und sie ist immer nach zwei Tagen verschwunden. Das hier war anders.

Es war ein einziger ganz klarer Gedanke: Sie hat vor 18 Leuten ausgesprochen, was hier läuft, und keiner hat widersprochen. Nicht einmal ich. Ich bin nach Hause gekommen, habe die Jacke ausgezogen, den Ordner aus dem Wohnzimmerschrank geholt und mich an den Küchentisch gesetzt. Es war 22:30 Uhr.

Um 4 Uhr morgens war ich fertig. Ich hatte 21 Monate durchgerechnet, mit dem Taschenrechner und einem Block in zwei Spalten, so wie ich es früher in der Buchhaltung eines Sanitärbetriebs gemacht habe, bevor ich die Kinder bekam. Links alles, was für mich war. Rechts alles, was nicht für mich war.

Ich habe bei Januar des Vorjahres angefangen, ganz vorne im Ordner. Die ersten Seiten waren harmlos. Miete, Strom, Versicherung, Einkäufe, meine Apotheke. Und dann im April die erste Position, bei der ich stutzte: eine Tankstelle in Herten, 68 Euro.

Ich habe kein Auto. Ich habe seit 1999 kein Auto mehr. Ich habe weitergeblättert und angefangen, mit dem Bleistift zu markieren. Die zweite Tankstellenzahlung war zwei Wochen später, dann alle zehn Tage, dann fast wöchentlich.

Ab Juli kamen die Mobilfunkverträge dazu. Vier Stück, insgesamt 112 Euro im Monat. Ich habe ein Handy, ein altes, mit Prepaid. Im September stand eine Reisebuchung, 3.

800 Euro an ein Reiseportal. Das war der Sommerurlaub Mallorca. Sie haben mir Fotos gezeigt, als sie zurückkamen, am Küchentisch, auf Yvonnens Handy. Die Kinder am Pool.

Marco mit einem Cocktail. Ich habe damals gesagt, wie schön für euch. Im Oktober begannen die Autoraten. 390 Euro jeden Monat an ein Autohaus in Marl.

Ich habe an dieser Stelle aufhören und aufstehen müssen. Ich bin in der Küche hin und her gelaufen, denn ich wusste, welche Zahl gleich kommen würde. Ich habe weiter gesucht und sie gefunden. März dieses Jahres.

390 Euro Autorate, abgebucht am 11. Am 19. März hatte Marco am Telefon zu mir gesagt, die Busreise an die Mosel sei gerade schlecht, auf dem Konto sei nicht so viel Luft. Die Reise hätte 390 Euro gekostet.

Genau derselbe Betrag, im selben Monat. Mein Sohn hat mir eine Reise ausgeredet, damit sein Auto bezahlt wird, und hat mir dabei erzählt, ich hätte kein Geld. Ich habe an diesem Punkt zehn Minuten geweint. Es war das einzige Mal in dieser ganzen Nacht.

Dann habe ich mir die Nase geputzt und weitergerechnet, weil ich es genau wissen wollte. Da waren Bestellungen bei Versandhäusern, bei denen ich noch nie etwas gekauft habe. Kleidung in Größen, die ich nicht trage. Da war ein Fitnessstudio, 58 Euro monatlich.

Da waren Abhebungen am Automaten, zwei-, dreimal im Monat, immer zwischen 200 und 400 Euro, immer in Herten. Ich habe alles zusammengezählt, dreimal, weil ich mich verrechnet haben wollte. 36. 422 Euro in 21 Monaten.

Ich habe an diesem Küchentisch gesessen, als es hell wurde, und ich habe nicht mehr geweint. Ich habe die Zahl angesehen und dann etwas gemacht, das mir selbst merkwürdig vorkam. Ich habe sie ordentlich auf ein sauberes Blatt geschrieben, in großen Ziffern, und das Blatt an meinen Kühlschrank gehängt, damit ich nicht wieder weich werde. Es hing dort vier Monate.

Am Montagmorgen um 9 Uhr stand ich vor meiner Bankfiliale, bevor sie aufmachte. Und hier fängt der Teil an, in dem ich etwas richtig gemacht habe. Ich bin nicht zu Marco gefahren. Ich habe ihn nicht angerufen.

Ich habe kein Wort gesagt. Ich hatte in der Nacht auf einem Zettel aufgeschrieben, was ich brauche, weil ich Angst hatte, im Gespräch weich zu werden. Auf dem Zettel standen fünf Punkte. Ich habe um einen Berater gebeten.

Man hat mich in ein Büro geführt, zu einer Frau Anfang 40, Frau Özdemir. Ich habe den Zettel auf den Tisch gelegt und gesagt, ich möchte fünf Dinge, und ich möchte sie heute. Erstens, die Kontovollmacht für meinen Sohn Marco Küpper wird mit sofortiger Wirkung widerrufen. Zweitens, die Karte, die auf mein Konto ausgestellt ist und die er besitzt, wird gesperrt, jetzt, während ich hier sitze.

Drittens, alle Daueraufträge und Lastschriften werden mir aufgelistet, und ich entscheide bei jedem einzelnen, ob er bleibt. Viertens, ein neues Konto bei einer anderen Filiale, auf das meine Rente ab sofort läuft. Keine Vollmacht für irgendjemanden. Fünftens, ich brauche die vollständigen Kontoauszüge der letzten 24 Monate, gedruckt, mit Stempel.

Frau Özdemir hat mich angesehen und dann gefragt, ob etwas vorgefallen sei. Ich habe ihr den Block gezeigt mit den zwei Spalten. Sie hat ihn genommen und durchgeblättert und dann etwas gesagt, das mir gut getan hat. Sie sagte: „Frau Küpper, wir sehen das öfter, als Sie glauben, und die meisten kommen nie.

Die schämen sich, weil es die eigenen Kinder sind. “

Es hat eine Stunde und 20 Minuten gedauert. Die Vollmacht wurde widerrufen. Die Karte wurde gesperrt, und ich habe zugesehen, wie sie es auf ihrem Bildschirm eingegeben hat.

Zwei Wörter: Karte gesperrt. Dann sind wir jede Lastschrift durchgegangen. Ich habe elf gekündigt. Vier Mobilfunkverträge, das Fitnessstudio, zwei Streamingdienste, ein Zeitschriftenabonnement, das ich nie bekommen habe, und drei Versandhauskonten.

Die Autofinanzierung konnte ich nicht einfach stoppen, das ist ein Vertrag mit dem Autohaus. Aber ich konnte die Lastschrift von meinem Konto widerrufen. Ab dem nächsten Monat lief sie ins Leere. Und das neue Konto war um 10:30 Uhr eröffnet.

Als ich aus der Bank kam, habe ich auf der Bank am Marktplatz gesessen und eine halbe Stunde nichts gemacht. Und dann bin ich zu einem Anwalt gegangen. Ich hatte am Wochenende im Internet gesucht, in der Stadtbibliothek, weil ich zu Hause keinen Computer habe. Eine Kanzlei in Recklinghausen, Fachanwältin für Bank- und Kapitalmarktrecht, Frau Dr.

Weinhold. Ich habe einen Termin für den nächsten Tag bekommen. Sie hat sich zwei Stunden Zeit genommen. Sie hat jeden Kontoauszug angesehen, jede Position, die ich markiert hatte.

Und dann hat sie mir erklärt, wie meine Lage aussieht. Ehrlich, ohne Beschönigung. Sie sagte: „Frau Küpper, eine Kontovollmacht berechtigt den Bevollmächtigten, in Ihrem Interesse zu handeln. Sie berechtigt ihn nicht, sich selbst zu bedienen.

Was hier passiert ist, ist im Zivilrecht eine ungerechtfertigte Bereicherung, und strafrechtlich kommt Untreue in Betracht. “

Ich habe gefragt, ob ich das Geld zurückbekomme. Sie sagte, der Anspruch besteht. Ob sie ihn realisieren können, hängt davon ab, ob Ihr Sohn zahlungsfähig ist.

Bei 36. 000 Euro wird das ein langer Weg. Und dann hat sie etwas gefragt, das ich nicht erwartet hatte. Sie fragte: „Was wollen Sie eigentlich?

Wollen Sie das Geld, oder wollen Sie, dass es aufhört? “ Ich habe darüber nachgedacht und gesagt: „Beides. Aber wenn ich mich entscheiden muss, dann will ich, dass es aufhört, und ich will, dass er es zugibt. “

Sie hat genickt und gesagt, dann machen wir es so.

Wir haben ein Schreiben aufgesetzt. Es ging drei Tage später raus. Darin stand: Widerruf der Vollmacht, Aufstellung sämtlicher unberechtigter Verfügungen über 21 Monate, Gesamtsumme 36. 422 Euro, Aufforderung zur Rückzahlung binnen 14 Tagen, andernfalls Klage und Prüfung einer Strafanzeige wegen Untreue.

Als Anlage 21 Seiten Kontoauszüge, jede Position markiert. Ich habe Marco vorher nichts gesagt. Und jetzt kommt der Tag, an dem sie es gemerkt haben. Bevor ich das erzähle, tun Sie mir bitte einen Gefallen und drücken Sie auf Abonnieren.

Was jetzt kommt, dafür brauche ich Zeugen. Sie haben es nicht durch den Brief erfahren. Der Brief kam erst am Donnerstag. Sie haben es am Dienstagnachmittag gemerkt, in einem Möbelhaus in Oberhausen.

Ich weiß das so genau, weil Yvonne es mir später am Telefon vorgeworfen hat, dreimal, in allen Einzelheiten, als hätte ich ihr etwas angetan. Sie waren dort, um eine Küche zu bestellen, eine Einbauküche für ihre Wohnung. Der Termin stand seit Wochen. Sie hatten geplant und ausgemessen.

Es gab einen Küchenberater und einen Vertrag über 11. 200 Euro. Und für die Anzahlung, 3. 400 Euro, hat Marco die Karte hingelegt.

Meine Karte. Er wollte eine Küche für seine Wohnung mit dem Konto seiner Mutter anzahlen, während seine Mutter die Heizung runterdrehte. Die Karte wurde abgelehnt. Der Berater hat es noch einmal versucht.

Wieder abgelehnt. Yvonne hat mir erzählt, wie peinlich das war. Sie hat das Wort peinlich viermal benutzt. Der Berater habe so geguckt.

Die Leute an den anderen Tischen hätten es mitbekommen. Sie haben dann versucht, mit Marcos eigener Karte zu zahlen. Die ging auch nicht, weil auf seinem Konto nicht genug war. Sie sind ohne Küche nach Hause gefahren.

Und dann hat mein Sohn angerufen. Ich habe abgenommen. Ich hatte mir vorgenommen, abzunehmen, weil ich diesen Anruf hören wollte. Er war zuerst besorgt.

Er sagte: „Mama, mit deinem Konto stimmt was nicht. Die Karte geht nicht. Hast du das gesperrt? Ist da was mit Betrug?

“ Er hat wirklich gefragt, ob jemand mein Konto betrügt. Ich habe gesagt: „Ja, Marco, da war was mit Betrug, aber das ist jetzt geregelt. “ Es war still am Telefon. Dann sagte er, und seine Stimme war anders: „Was heißt das?

“ Ich habe gesagt: „Das heißt, dass ich am Montag bei der Bank war. Die Vollmacht ist widerrufen, die Karte ist gesperrt, elf Lastschriften sind gekündigt, und meine Rente läuft auf ein neues Konto, zu dem du keinen Zugang hast. “

Er hat angefangen zu reden, schnell, dass ich das falsch verstehe, dass er alles erklären kann, dass vieles davon ja für mich war, dass er das Geld selbstverständlich zurückzahlt. Er habe es sich sowieso nur geliehen.

Ich habe ihn ausreden lassen. Es hat fast fünf Minuten gedauert. Und dann habe ich gesagt: „Marco, ich habe 21 Monate durchgerechnet. 36.

422 Euro. Am Donnerstag bekommst du Post von meiner Anwältin. “ Und da hat mein Sohn den Satz gesagt, den ich nie vergessen werde. Er hat gesagt: „Mama, du kannst doch deinen eigenen Sohn nicht anzeigen.

“ Und ich habe gesagt: „Doch, Marco, genau das kann ich. Das ist ja das Erstaunliche. “ Dann habe ich aufgelegt. Was danach kam, war hässlich, und ich will es nicht beschönigen.

Yvonne hat mich angerufen und geschrien. Sie hat gesagt, ich zerstöre die Familie wegen Geld. Sie hat gesagt, ich hätte doch genug. Sie hat gesagt, in ihrer Familie würde man so etwas nie machen.

Sie hat auch gesagt, ich sei eine bittere alte Frau, die niemandem etwas gönnt. Ich habe einmal geantwortet und dann nie wieder. Ich habe gesagt: „Yvonne, ich habe im März eine Busreise für 390 Euro abgesagt, weil dein Mann mir gesagt hat, auf meinem Konto sei nicht so viel Luft. Im selben Monat habt ihr 390 Euro Autorate von diesem Konto abgebucht.

Genau derselbe Betrag. Denk mal darüber nach. “ Sie hat aufgelegt. Marco hat auf das Anwaltsschreiben reagiert.

Er hat einen eigenen Anwalt genommen. Das war für mich der schwerste Moment der ganzen Sache. Nicht der Anruf, nicht der Streit. Der Moment, als ich begriffen habe, dass mein Sohn jetzt einen Anwalt gegen mich hat.

Sein Anwalt hat zuerst versucht, die Sache formal anzugreifen. Er hat behauptet, ich hätte die Vollmacht in Kenntnis aller Umstände erteilt und über zwei Jahre nicht widersprochen, also hätte ich stillschweigend zugestimmt. Frau Dr. Weinhold hat mir erklärt, dass das ein Standardargument ist.

Sie sagte, das kommt immer, und es funktioniert nie, wenn der Vollmachtgeber die Auszüge nachweislich nicht gesehen hat. Wir konnten das belegen, denn Marco hatte, das kam bei der Bank heraus, im Jahr davor auf Papierauszüge umgestellt und die Postzustellung auf seine Adresse umgeleitet. Die Bank hatte das dokumentiert. Er hat sich selbst das Genick gebrochen.

Wenn er mir die Auszüge einfach in den Ordner gelegt hätte, hätte er behaupten können, ich hätte sie gesehen. Dann hat sein Anwalt versucht zu argumentieren, dass ein Teil der Beträge Schenkungen gewesen sein. Frau Dr. Weinhold hat zurückgeschrieben, dass eine Schenkung eine Einigung voraussetzt und dass eine Mutter, die nichts davon wusste, nichts geschenkt haben kann.

Danach kam ein Vergleichsangebot. Es gab davor noch ein Gespräch, an das ich oft denke. Frau Dr. Weinhold hat mich angerufen und gesagt: „Frau Küpper, Sie können hart bleiben.

Sie haben die besseren Karten. Aber ich muss Ihnen sagen, was das bedeutet. Ein Verfahren über zwei bis drei Jahre, Zeugenvernehmungen, Ihre Schwiegertochter im Gerichtssaal, und danach eine Zwangsvollstreckung gegen Ihren eigenen Sohn. “ Ich habe eine Woche darüber nachgedacht und dann gesagt: „Machen wir den Vergleich.

Ich will die letzten Jahre nicht in einem Gerichtssaal verbringen. “

Wir haben uns geeinigt. Er zahlt 22. 000 Euro zurück, in Raten über sieben Jahre, 300 Euro im Monat.

Notariell beurkundet und vollstreckbar. Das mit der Vollstreckbarkeit war Frau Dr. Weinholds Idee, und es war das Wichtigste am ganzen Vergleich. Es bedeutet, wenn er aufhört zu zahlen, muss ich nicht erst klagen.

Ich gehe zum Gerichtsvollzieher, und der pfändet. 22 statt 36. Ich habe zugestimmt, weil Frau Dr. Weinhold gesagt hat, mehr sei bei seinen Verhältnissen nicht zu holen, und ein Prozess über Jahre bringe mir nichts.

Auf eine Strafanzeige habe ich verzichtet. Das war Teil des Vergleichs. Ich habe es nicht seinetwegen getan, sondern wegen Louis und seiner Schwester. Er zahlt seit 14 Monaten, jeden dritten.

Bisher keine einzige verspätete Rate. Und noch etwas ist passiert, das ich nicht geplant hatte. Sie mussten das Auto abgeben. Als die Lastschrift von meinem Konto wegfiel, konnten sie die Raten nicht bedienen.

Das Autohaus hat den Wagen nach drei Monaten zurückgeholt. Yvonne hat mir das am Telefon vorgeworfen, in einem der letzten Gespräche, die wir hatten. Sie hat gesagt, wegen dir muss Marco jetzt mit dem Bus zur Arbeit. Ich habe gesagt: „Nein, Yvonne.

Wegen mir muss er sein eigenes Auto selbst bezahlen. Das ist ein Unterschied. “ Die Küche haben sie nie bekommen. Das ist jetzt anderthalb Jahre her.

Ich bin im September mit Elfriede an die Mosel gefahren. Fünf Tage, 390 Euro, das gleiche Angebot wie damals. Ich habe es von den ersten Raten bezahlt. Wir haben eine Schifffahrt gemacht und Wein probiert, und ich habe an einem Abend auf einer Terrasse gesessen und gedacht, dass ich das vor zwei Jahren abgesagt habe, damit mein Sohn eine Autorate zahlen kann, von der ich nichts wusste.

Meine Wohnung ist wieder warm. Ich habe die Heizung nicht mehr runtergedreht, seit die Vollmacht weg ist. Ich lese jeden Monat meine Kontoauszüge, jede Zeile. Es dauert 20 Minuten, und ich mache es am Ersten, mit einem Kaffee.

Zu Marco habe ich seit dem Vergleich kaum Kontakt. Er ruft zu meinem Geburtstag an und zu Weihnachten. Wir reden höflich. Er hat sich nie entschuldigt.

Er hat einmal gesagt, es tue ihm leid, wie das alles gelaufen sei. Wie das gelaufen sei, nicht, was er getan hat. Die Enkel sehe ich. Das war mir wichtig, und ich habe darauf bestanden.

Louis ist jetzt 16 und kommt manchmal allein vorbei, mit dem Bus. Er weiß, glaube ich, ungefähr, was passiert ist, und wir reden nicht darüber. Meine Schwester und ich telefonieren wieder jede Woche. Ich habe ihr am Parkplatz damals gesagt, ich zahle nur manchmal.

Ich habe ihr später die Wahrheit erzählt, und sie hat gesagt: „Renate, ich hab’s geahnt. Ich habe mich nicht getraut zu fragen. “ Wir trauen uns alle nicht zu fragen, das ist das Problem. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben, und es ist sehr praktisch.

Wenn Sie sich nur eine Sache merken, dann bitte diese hier: Eine Kontovollmacht ist kein Gefallen. Sie ist ein Schlüssel zu Ihrem ganzen Leben. Wenn Sie eine erteilen müssen, weil Sie krank sind, dann tun Sie das. Aber tun Sie zwei Dinge dazu.

Erstens, setzen Sie ein Ende. Sagen Sie bei der Bank, dass die Vollmacht befristet ist, drei Monate, sechs Monate. Man kann das eintragen lassen. Dann müssen Sie hinterher nicht darum bitten, sie zurückzubekommen.

Sie läuft einfach aus. Zweitens, und das ist das Wichtigste, lesen Sie trotzdem Ihre Auszüge, jeden Monat, jede Zeile, auch wenn sich jemand kümmert, besonders dann. Ich habe 21 Monate lang nicht hingesehen, weil mein Sohn gesagt hat, er kümmert sich. Diese 21 Monate haben mich 36.

000 Euro gekostet. Eine Reise, einen Winter mit runtergedrehter Heizung und das Vertrauen zu meinem eigenen Kind. Es hätte mich 20 Minuten im Monat gekostet, das zu verhindern. Ich bin Renate Küpper.

Ich bin 72 Jahre alt. Am Ersten jedes Monats setze ich mich mit einem Kaffee an meinen Küchentisch und lese meine Kontoauszüge. Ganz oben steht meine Rente, darunter die Miete für die Garage, der Strom, die Versicherung, mein Einkauf. Und am dritten Werktag steht dort eine Überweisung, 300 Euro.

Absender: Marco Küpper. Ich hake sie ab und lege den Auszug in den Ordner. Es ist kein schönes Gefühl. Ich will nicht behaupten, dass ich mich darüber freue.

Aber jeden Monat, wenn ich diesen Haken mache, weiß ich wieder, dass ich einmal in meinem Leben um 4 Uhr morgens an diesem Tisch gesessen und aufgehört habe, wegzusehen. Und das war der Morgen, an dem ich mein Leben zurückgeholt habe.