Die ersten Olivenbäume wuchsen vor über sechstausend Jahren in der Levante, dort, wo heute Syrien, Libanon und Palästina liegen. Knorrige, widerstandsfähige Bäume mit silbergrünen Blättern, die auf kargen Hängen gediehen, wo sonst kaum etwas wuchs. Die Menschen aßen die Früchte zunächst roh, doch irgendwann entdeckte jemand, dass man sie pressen konnte. Und der Saft, der dabei herauskam, war etwas Besonderes.

Er brannte in Lampen heller und sauberer als tierisches Fett, er machte die Haut geschmeidig, er konservierte Nahrung, und er schmeckte gut. Die ältesten Hinweise auf gepresstes Olivenöl stammen aus einer Siedlung namens Ekron im heutigen Israelunter. Un Archäologen fanden dort über hundert Ölpressen aus der Bronzezeit, alle auf engem Raum, wie eine antike Fabrik. Das war keine Haushaltsproduktion mehr.
Das war Industrie, und diese Industrie produzierte für den Export, denn die Region erzeugte weit mehr Öl, als die lokale Bevölkerung verbrauchen konnte. . Die Menschen lernten, die Ernte zu optimierenunter. Un Sie pflückten die Oliven nicht einfach, sondern schlugen mit Stöcken auf die Äste, damit die reifen Früchte herunterfielenunter.
Un Sie sortierten nach Reifegradunter. Un Grüne Oliven ergaben ein bitteres, scharfes Öl, das länger haltbar warunter. Un Schwarze, reife Oliven ergaben ein mildes, fruchtiges Öl, das besser schmeckte, aber schneller verdarbunter. Un Schon vor fünftausend Jahren war Olivenöl kein einheitliches Produkt.
Es gab Qualitätsstufen, und wer die Unterschiede kannte, konnte höhere Preise verlangenunter. Un
Aber der Ort, der Olivenöl wirklich zur Grundlage einer Zivilisation machte, lag weiter westlichunter. Un Kreta,die größte Insel Griechenlands, wurde um dreitausendfünfhundert vor Christus zum Zentrum der minoischen Kultur,und diese Kultur baute ihre gesamte Wirtschaft rund um den Olivenbaum aufunter. Un In den Palästen von Knossos und Faistos haben Archäologen riesige Vorratskammern freigelegt, gefüllt mit Hunderten von Tonkrügen, die einst Olivenöl enthieltenunter.
Un Der Mino lagerten das Öl, wie eine Zentralbank ihre Goldreserven lagertunter. Un Es war ihr wichtigster Exportartikel, ihr Tauschmittel, ihr Reichtumunter. Un Die Lagerhaltung war so systematisch, dass die Mino Eigenschriftzeichen dafür entwickeltenunter. Un Die sogenannte Linear Schrift, die bis heute nur teilweise entziffert ist, enthält Symbole,die Ölmengenund Lieferungen festhieltenunter.
Un Die älteste Buchhaltung Europas drehte sich also um Olivenölunter. Un
Von Kreta aus segelten minoische Handelsschiffe nach Ägypten, nach Zypern, an die Küsten Kleinasiensunter. Un Überall tauschten sie Olivenöl gegen Kupfer, Zinn, Elfenbeinund Edelsteineunter. Un Die Handelsrouten,die sie dabei schufen, wurden zu den ersten Wirtschaftsnetzen des Mittelmeerraums,und am Knotenpunkt dieser Netze saß Kreta, kontrollierte den Fluss des flüssigen Goldesund wurde dadurch zur ersten Seemacht Europasunter.
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Dann brach die minoische Zivilisation zusammenunter. Un Um eintausendvierhundertfünfzig vor Christus, wahrscheinlich durch eine Kombination aus Naturkatastrophenund mykenischer Eroberung, verschwand diese Kultur innerhalb weniger Generationenunter. Un Die Paläste lagen in Trümmern, aber die Olivenbäume standen nochunter. Un Und das Wissen,wie man sie pflegt und ihr Öl gewinnt, starb nicht mit den Mino.
Es wanderte aufs griechische Festlandunter. Un
Für die Griechen war der Olivenbaum weit mehr als eine Nutzpflanzeunter. Un Er war heiligunter. Un Der Gründungsmythos der Stadt Athen dreht sich um einen Wettstreit zwischen zwei Götternunter.
Un Poseidon,der Gott des Meeres, schlug mit seinem Dreizack auf den Felsen der Akropolisund ließ eine Salzwasserquelle entspringenunter. Un Athene,die Göttin der Weisheit, stieß ihren Speer in die Erdeund dort,wo er auftraf,wuchs ein Olivenbaumunter. Un Die Athener entschieden sich für Athenes Geschenkund benannten ihre Stadt nach ihrunter. Un Das war natürlich ein Mythos,aber er sagt etwas Wahres darüber,wie die Griechen den Olivenbaum bewertetenunter.
Un Sie stellten ihn über das Meer,über das Salz,über die rohe Macht des Ozeansunter. Un Ein Baum,der Nahrung,Licht,Medizinund Wohlstand lieferte,war mehr wert als eine Quelle,aus der man nicht einmal trinken konnteunter. Un
Diese Entscheidung prägte die gesamte griechische Kulturunter. Un Solon,der große athenische Gesetzgeber,erließ um fünfhundertvierundneunzig vor Christus ein Gesetz,das den Olivenbaum unter besonderen staatlichen Schutz stellteunter.
Un Wer einen Olivenbaum fällte,der nicht auf seinem eigenen Grund stand,musste mit schweren Strafen rechnenunter. Un Und selbst auf dem eigenen Land durfte man pro Jahr nur eine begrenzte Anzahl von Bäumen fällenunter. Un Für einen Gesetzgeber,der gleichzeitig die Schuldsklaverei abschaffteund die Verfassung reformierte,war der Schutz von Bäumen offenbar keine Nebensacheunter. Un Olivenbäume waren Staatsangelegenheitunter.
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Die Athener exportierten ihr Öl in verzierten Ampforen,die bis nach Südfrankreichund ans schwarze Meer gelangtenunter. Un Jede dieser Ampforen trug das Bildnisder Göttin Atheneund eine Eule,das Wahrzeichen der Stadtunter. Un Man könnte sagen,es war eine der ersten Markenkampagnen der Geschichte,und das Produkt verkaufte sich prächtigunter. Un Griechisches Olivenöl durchdrang den gesamten Alltagunter.
Un Die Athleten in den Gymnasien rieben sich vor dem Training damit ein,damit der Gegner beim Ringen keinen Halt fandunter. Un Ärzte wie Hippokrates verschrieben es bei Hautkrankheiten,Entzündungen und Verdauungsbeschwerdenunter. Un Bräute wurden vor der Hochzeit mit Olivenöl gesalbt,und bei Beerdigungen goss man Öl über die Grabstätten als Opfer an die Totenunter. Un
Auch für das griechische Militär war Olivenöl unverzichtbarunter.
Un Spartanische Soldaten trugen Fläschchen mit Olivenöl im Marschgepäckunter. Un Sie benutzten es,um ihre Haut zu pflegen,ihre Waffen zu ölen und sich nach dem Kampf zu reinigenunter. Un Als die Perser unter Xerxis im Jahr vierhundertachtzig vor Christus Attika verwüsteten,brannten sie die Olivenheine rund um Athen niederunter. Un Es war ein gezielter wirtschaftlicher Angriff,denn ohne Olivenbäume kein Öl,und ohne Öl kein Wohlstandunter.
Un Der Legende nach triebder heilige Olivenbaum auf der Akropolis am nächsten Tag einen neuen Zweigunter. Un Die Athener sahen darin ein Zeichen,dass ihre Stadt überleben würde,und sie behielten rechtunter. Un
Bei den olympischen Spielen in Olympia erhielten die Sieger keine Goldmedaillenunter. Un Sie bekamen Olivenöl,am Foren voll davon,gefüllt mit dem besten Öl aus den heiligen Heinen Athensunter.
Un Ein Sieger im Stadionlauf konnte bis zu siebzig am Foren gewinnen,und jede einzelne davon war ein Vermögen wertunter. Un Die Menge reichte,um eine Familie jahrelang zu versorgen,oder man verkaufte sie und lebte vom Erlösunter. Un Olympiasieger wurden durch Olivenöl wohlhabend,manchmal sogar reichunter. Un
Aber Griechenland war nicht der einzige Ort,an dem Olivenöl eine zentrale Rolle spielteunter.
Un Am anderen Ende des Mittelmeers,in Ägypten,war das Öl ebenfalls unverzichtbar,und zwar aus Gründen,die weit über die Küche hinausgingenunter. Un Die Pharaonen liebten Olivenölunter. Un Das Problem war nur,dass in Ägypten so gut wie keine Olivenbäume wuchsenunter. Un Das Niltal war perfekt für Weizen,Gerste und Papyrusunter.
Un Aber der Olivenbaum braucht steinigen Boden,trockene Sommerund milde Winterunter. Un Also importiertendie Ägypter ihr Öl aus der Levanteund von Kreta in gewaltigen Mengenunter. Un Die Handelsbeziehungen zwischen Ägypten und den olivenanbauenden Regionen gehörten zu den ältestenund stabilsten Wirtschaftsverbindungen der antiken Weltunter. Un
Wofür brauchten die Ägypter so viel Olivenöl?
Zum Kochen natürlich,aber das war fast Nebensacheunter. Un Sie brauchten es für die Mumifizierungunter. Un Der Prozess,einen Leichnah für die Ewigkeit zu konservieren,erforderte große Mengen an Ölenund Herzenunter. Un Olivenöl spielte dabei eine zentrale Rolle,weil es konservierende Eigenschaften besaßund gleichzeitig als Trägerstoff für Duftstoffeund Harze dienteunter.
Un Wer in Ägypten ein angemessenes Begräbnis wollte,brauchte Olivenölunter. Un Wer kein Olivenöl hatte,wurde nicht ordentlich bestattetunter. Un Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Frage von Todund dem,was danach kamunter. Un Die Ägypter nutzten Olivenöl außerdem als Kosmetik,als Hautpflege,als Brennstoff für Tempellampenund als Opfergabe an die Götterunter.
Un Kleopatra soll ihr berühmtes Schönheitsritual unter anderem auf Olivenöl aufgebaut habenunter. Un Ob das stimmt,weiß niemand sicherunter. Un Aber die Tatsache,dass diese Geschichte seit über zweitausend Jahren erzählt wird,zeigt zumindest,welchen Ruf das Öl genossunter. Un Der Bedarf war so groß,dass ein Zusammenbruch der Handelsrouten echte politische Krisen auslösen konnteunter.
Un Wenn die Schiffe aus der Levante nicht ankamen,fehlte es nicht an einem Luxusartikelunter. Un Es fehlte an einem Grundstoff,ohne den religiöse und gesellschaftliche Rituale nicht stattfinden konntenunter. Un
Und dann waren da die Phönizierunter. Un Währenddie Griechenund Ägypter das Öl vor allem konsumierten,waren die Phönizierdie großen Verbreiterunter.
Un Sie waren die genialsten Händler der antiken Welt,und sie verstanden etwas,das andere Völker übersahenunter. Un Wer einen Olivenbaum pflanzt,investiert in die Zukunft,denn ein Olivenbaum braucht fünfzehn bis zwanzig Jahre,bis er vollen Ertrag bringtunter. Un Aber dann trägt er Früchte für Jahrhunderteunter. Un Von ihren Hafenstädten Tyros,Sidonund Beiblos aussegelten die Phönizier kreuzund quer durchs Mittelmeerund brachten Olivenbäumeund das Wissen um ihre Pflege an Orte,die vorher keine Oliven gekannt hattenunter.
Un Nordafrika,Sizilien,Sardinien,die spanische Küsteunter. Un Überall,wo die Phönizier Handelsstationen gründeten,pflanzten sie Olivenbäumeunter. Un Eine stille Kolonisierung durch Landwirtschaft,ohne Armeen,aber mit enormen wirtschaftlichen Folgenunter. Un
Karthago,die mächtigste phönizische Kolonie,wurde selbst zu einem bedeutenden Olivenölproduzentenunter.
Un Die fruchtbaren Ebenen im heutigen Tunesien eigneten sich hervorragend für den Anbau,und die Karthager perfektioniertendie Pressentechnikunter. Un Einer ihrer Agrarschriftsteller,Mago,verfasste ein mehrbändiges Werk über Landwirtschaft,das ausführlich den Olivenanbau behandelteunter. Un Die Römer schätzten dieses Werk so sehr,dass der Senat nach der Zerstörung Karthagos im Jahr einhundertsechsundvierzig vor Christus seine Übersetzung ins Lateinische anordneteunter. Un Es war das einzige karthagische Buch,das diesen Befehl erhieltunter.
Un Alles andere sollte vernichtet werden,aber die Anleitung zum Olivenanbau war zu wertvoll,um sie zu verbrennenunter. Un Genau dieser Punkt wird oft übersehenunter. Un Die Römer erbeuteten nicht nur Goldund Sklaven,sie erbeuteten das landwirtschaftliche Wissen der Karthagerund vor allem ihre Olivenheineunter. Un
Die Römer hatten schon vorher Olivenöl verwendet,aber in bescheidenem Umfangunter.
Un Es waren die eroberten nordfrikanischen Plantagenund das karthagische Knowhow,das Rom in die Lage versetzten,Olivenöl im industriellen Maßstab zu produzierenunter. Un Ab dem ersten Jahrhundert vor Christus veränderte sichdie Rolle des Olivenöls im römischen Reich grundlegendunter. Un Es war nicht mehr nur ein Handelsgut,es wurde zu einer strategischen Ressource,vergleichbar mit dem,was Erdöl heute für moderne Volkswirtschaften istunter. Un
Die Römer brauchten Olivenöl für allesunter.
Un Sie kochten damitunter. Un Sie wuschen sich damit,denn Seife war in der römischen Welt kaum verbreitetunter. Un Stattdessen rieben sich die Römer mit Öl einund schabten den Schmutz anschließend mit einem gebogenen Metallwerkzeug ab,dem sogenannten Stridiliesunter. Un Sie beleuchteten ihre Häuser,Straßenund Tempel mit Öllampenunter.
Un Sie schmierten damit ihre Maschinen,ihre Waffen,ihre Scharniereunter. Un Olivenöl war buchstäblich der Schmierstoff ihrer Zivilisationunter. Un
Die Logistik hinter dieser Versorgung war atemberaubendunter. Un Rom importierte allein aus der Provinz Betika,dem heutigen Andalusien in Südspanien,jedes Jahr Millionen von Litern Olivenölunter.
Un Die Schiffe fuhren den Guadalkivir hinunter bis nach Hispalis,dem heutigen Sevilla,und von dort über das Mittelmeer nach Ostia,dem Hafen Romsunter. Un Jedes Schiff trug hunderte von Ampforen,jede einzelne mit einem Fassungsvermögen von rund siebzig Litern,und jede Ampfor war gestempeltunter. Un Die Stempel verrieten,wer das Öl produziert hatte,wer es kontrolliert hatte,und wohin es geliefert werden sollteunter. Un Es war ein Rückverfolgungssystem,das man sich in dieser Perfektion erst wieder im zwanzigsten Jahrhundert ausdenken würdeunter.
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Und jetzt kommt ein Detail,das wirklich verblüfftunter. Un Olivenölampfooren konnten nicht wieder verwendet werdenunter. Un Anders als Weinampforen,die man ausspülenund neu befüllen konnte,sog sich der Ton der Ölamforen mit Fett vollunter. Un Das Öl wurde ranzig,drang in die Poren ein,und der Krug stankunter.
Un Man konnte ihn nicht mehr benutzenunter. Un Also warfen die Römer die Lehren am Foren weg,Millionen davonunter. Un Und sie warfen sie an einen bestimmten Ort am Ufer des Tiberunter. Un Über die Jahrhunderte wuchs dort ein Hügel aus zerbrochenen Tonscherben,der Monte Testaciounter.
Un Heute ist dieser Hügel fünfunddreißig Meter hochund hat einen Umfang von fast einem Kilometerunter. Un Er besteht aus schätzungsweise fünfundzwanzig Millionen am Forenunter. Un Das ist kein Hügelunter. Un Das ist ein Müllberg als Denkmal für den Konsum einer ganzen Zivilisationunter.
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Die Römer überließen die Ölversorgung nicht dem freien Marktunter. Un Das Risiko war zu großunter. Un Wenn die Öltransporte ausblieben,gab es keine Beleuchtung,keine Körperpflege,keine funktionierende Infrastrukturunter. Un Also schuf der Staat die Anona,ein System der öffentlichen Versorgung,das unter anderem auch Olivenöl an die Bevölkerung verteilteunter.
Un Ähnlich wie die Getreideverteilung,die Rom schon länger praktizierte,war die Ölversorgung eine staatliche Aufgabeunter. Un Und genau wie beim Getreide hing Stabilität des Reiches davon ab,dass die Lieferungen nicht abrissenunter. Un Kaiser,die die Ölversorgung sicherstellten,waren beliebtunter. Un Kaiser,die sie vernachlässigten,riskieten Aufständeunter.
Un Septimius Severus,der um zweihundert nach Christus regierte,stammte selbst aus der nordfrikanischen Provinz Leptis Magna,einer Region,die für ihre Olivenölproduktion berühmt warunter. Un Er erweiterte die Anonaund sorgte dafür,dass Olivenöl systematischer an die Bevölkerung verteilt wurdeunter. Un Es war kein Zufall,dass ein Kaiser aus einer Ölprovinzdie Bedeutung dieses Rohstoffs so klar erkannteunter. Un
Das gleiche Öl,das Roms Lampen erleuchtete,schmierte auch die militärische Maschinerie des Imperiumsunter.
Un Legionäre erhielten Olivenöl als Teil ihrer täglichen Rationunter. Un Es diente als Nahrung,als Wundpflegeund als Schutz gegen Kälteund Sonnenbrandunter. Un Römische Soldaten rieben sich vor dem Marsch mit Öl ein,um die Haut vor Aufschörfungen zu bewahrenunter. Un In den Provinzen,in denen die Legionen stationiert waren,pflanzten die Römer Olivenbäume,wenn das Klima es zuließunter.
Un Der Olivenanbau folgte den Legionen wie ein Schatten,und wo der Baum gedie,entstand dauerhafte Siedlungunter. Un Die Olivenheine in Südfrankreich,in Spanienund in Nordafrika sind Überreste dieser militärisch-agarischen Ausbreitungunter. Un
Dann kam der Fall Romsunter. Un Im fünften Jahrhundert brach das weströmische Reich zusammen,und mit ihm zerfielen die Handelsrouten,die den Olivenölfluss über tausende von Kilometern aufrechterhalten hattenunter.
Un Die großen Plantagen in Nordafrikaund Hispanien produzierten weiter,aber es gab niemanden mehr,der die Logistik organisierteunter. Un Kein Anonasystem,keine koordinierten Schiffsflotten,keine zentrale Verteilungunter. Un Der Olivenölhandel schrumpfte auf lokale Märkte zusammenunter. Un Eine Infrastruktur,die Jahrhunderte gebraucht hatte,um aufgebaut zu werden,verschwand innerhalb weniger Jahrzehnteunter.
Un In weiten Teilen Europas verschwand Olivenöl fast vollständig aus dem Alltagunter. Un Nördlichder Alpen hatte es ohnehin nie eine eigene Produktion gegebenunter. Un Jetzt,wo die Importe ausblieben,wichen die Menschen auf Butter,Schmalzund tierische Fette ausunter. Un Die Trennlinie zwischen Butterkulturenund Ölkulturen,die Europa bis heute durchzieht,hat ihren Ursprung in genau dieser Phaseunter.
Un Es war die Folge eines logistischen Zusammenbruchs,nicht einer bewussten kulinarischen Entscheidungunter. Un
Im Osten sah die Sache anders ausunter. Un Das Byzantinische Reich,der Nachfolgestaat Ostroms mit seiner Hauptstadt Konstantinopel,hielt die Olivenölproduktion aufrechtunter. Un Griechenland,die Ägäisund die Küsten Kleinasiens lieferten weiterhin Öl,und Konstantinopel blieb ein Markt,der riesige Mengen verbrauchteunter.
Un Die Byzantiner nutzten Olivenöl sogar als Waffeunter. Un Das berüchtigte griechische Feuer,eine Brandwaffe,die auf dem Wasser brannteund feindliche Schiffe in Flammen setzte,enthielt nach einigen Quellen Olivenöl als einen seiner Bestandteileunter. Un Die genaue Rezeptur war ein Staatsgeheimnisund ist bis heute nicht vollständig geklärtunter. Un
Aber im Mittelmeerraum selbst überlebte die Olivenkulturunter.
Un Mönche in Klöstern von Südfrankreich bis Sizilien pflegten ihre Olivenheine weiter,presen ihr Ölund bewahrten das Wissen über Anbauund Ernte durch die Jahrhunderteunter. Un Benediktiner Mönche behandelten ihre Heine mit derselben Sorgfalt,mit der sie ihre Manuskripte kopiertenunter. Un In den orthodoxen Kirchen des östlichen Mittelmeerraums blieb Olivenöl ein zentraler Bestandteil der Liturgieunter. Un Die Salbung mit Öl bei der Taufe,bei der Priesterweihe,bei der Krankensalbungunter.
Un Ohne Olivenöl kein Gottesdienstunter. Un Die Kirche wurde zum stillen Hüter einer Tradition,die ohne sie vielleicht verloren gegangen wäreunter. Un
Die entscheidende Wende kam im achten Jahrhundert,und zwar von einer Seite,die man nicht erwarten würdeunter. Un Die Araber eroberten die iberische Halbinselund brachten eine landwirtschaftliche Revolution mit sichunter.
Un Nicht mit dem Schwert allein,sondern mit Bewässerungstechnik,neuen Anbaumethodenund einem tiefen Verständnis für den Olivenbaumunter. Un Alandalus,das arabisch regierte Spanien,wurde zum Zentrum einer neuen Blütezeit des Olivenanbausunter. Un Die Araber legten systematisch Heine an,verbesserten die Pressentechnikund schufen Bewässerungssysteme,die einige der trockensten Regionen Spaniens in fruchtbares Ackerland verwandeltenunter. Un Die Azekias,gemauerte Wasserkanäle nach arabischem Vorbild,leiteten Flusswasser kilometerweit zu den Heinenunter.
Un Einige dieser Kanäle funktionieren bis heuteunter. Un Im Koran wird der Olivenbaum mehrfach erwähnt,und das Öl galt als gesegnetunter. Un Der Prophet Mohammed soll gesagt haben,man solle Olivenöl essenund sich damit einreiben,denn es stamme von einem gesegneten Baumunter. Un Diese religiöse Wertschätzung trieblich anunter.
Un Was die Minoa vor dreitausend Jahren auf Kreta begonnen hatten,perfektioniertendie Araber in Andalusienunter. Un Die Region um Córdoba,Jaénund Sevilla entwickelte sich zu dem Olivenölzentrum,das sie bis heute geblieben istunter. Un
Als die christlichen Königreiche im Zuge der Reconquista nach und nach die Kontrolle über die iberische Halbinsel zurückeroberten,übernahmen sie die arabischen Olivenheineund die Anbautechniken gleich mitunter. Un Die Bäume standen ja noch,und die neuen Herrscher wussten genau,was sie an ihnen hattenunter.
Un Diese Übernahme war auch wirtschaftlich motiviertunter. Un Olivenöl ließ sich gut handeln,gut lagernund gut besteuernunter. Un Kastilischeund aragonesische Könige förderten den Anbau aktiv,weil die Steuereinnahmen aus dem Ölhandel ihre Kriegskassen fülltenunter. Un Es war dieselbe Logik,die schon die Minoa,die Griechenund die Römer angetrieben hatteunter.
Un Wer das Öl kontrolliert,kontrolliert den Reichtumunter. Un
Vierzehnhundertzweiundneunzig segelte Christoph Kolumbus nach Westenunter. Un An Bord seiner Schiffe befanden sich neben Proviantund Waffen auch Olivensetzlingeunter. Un Die Spanier brachten den Olivenbaum in die Neue Welt,nach Mexiko,Peruund Kalifornienunter.
Un Die Bäume brauchten allerdings Jahrzehnte,um in der fremden Erde Fuß zu fassenunter. Un In Mexiko gelangen die ersten erfolgreichen Pflanzungen im sechzehnten Jahrhundert,als Franziskaner Mönche Olivenheine rund um ihre Missionen anlegtenunter. Un In Kalifornien dauerte es bis ins achtzehnte Jahrhundert,bis die Missionsstationen der Franziskaner ernsthaft Olivenbäume kultiviertenunter. Un Die Bäume,die sie pflanzten,stehen zum Teil noch heuteund tragen Früchteunter.
Un Manche sind über zweihundert Jahre altunter. Un Das Ergebnis war ein Olivenanbau,der sich zwar über die halbe Welt verbreitete,aber nie die Dominanz des Mittelmeerraums brechen konnteunter. Un Die Böden,das Klima,die Jahrhunderte an Erfahrung gaben den europäischen Produzenten einen Vorsprung,den auch die Neue Welt nicht aufholen konnteunter. Un
Im neunzehnten Jahrhundert kam die Industrialisierung,und mit ihr veränderte sichdie Olivenölproduktionvon Grund aufunter.
Un Die alten Steinmühlenund Holzpressen,die sich seit der Antike kaum verändert hatten,wichen hydraulischen Pressenund später maschinellen Zentrifugenunter. Un Ein einzelner Betrieb konnte plötzlich so viel Öl produzieren,wie früher ein ganzes Dorfunter. Un Die Produktionsmengen stiegen,die Preise fielenunter. Un Olivenöl,das jahrtausendelang ein kostbares Gut gewesen war,wurde zum Massenproduktunter.
Un Gleichzeitig beganndie Eisenbahndie Transportwege zu verkürzenunter. Un Öl aus Andalusien konnte innerhalb weniger Tage in den Häfen von Cádizoder Málaga seinund von dort in die ganze Welt verschifft werdenunter. Un Italienische Händler,vor allem aus Ligurienund der Toskana,bauten ein Netzwerk auf,das mediterranes Olivenöl bis nach Argentinien,Australienund in die Vereinigten Staaten brachteunter. Un Italienische Einwanderer nahmen ihre Esskultur mit,und das Olivenöl reiste in ihren Koffernunter.
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Aber mit dem Massenmarkt kam ein Problem,das die antike Welt in diesem Ausmaß nicht gekannt hatteunter. Un Fälschungunter. Un Olivenöl war schon immer eines der am häufigsten gefälschten Lebensmittel der Welt,und die Industrialisierung machte den Betrug einfacherund profitablerunter. Un Händler mischten billiges Sonnenblumen,Sojaöloder Rapsöl unterund verkauftendie Mischung als reines Olivenölunter.
Un Manche gingen noch weiterund färbten minderwertige Öle mit Chlorophyll,damit sie aussahen wie frisch gepresstes Extra Vergineunter. Un In den neunziger Jahrenund zu Beginn der zweitausender Jahre deckten Ermittler in Italien mehrere groß angelegte Betrugsnetzwerke auf,bei denen hunderte Millionen Liter gefälschtes Olivenöl auf den Markt gebracht worden warenunter. Un Die italienische Mafia war tief in dieses Geschäft verstricktunter. Un Zwar lukrativerals Drogenhandel,und die Strafen waren deutlich milderunter.
Un Tom Muller,ein amerikanischer Journalist,recherchierte jahrelang zu diesem Themaund veröffentlichte seine Ergebnisse in einem Buch,das die Branche erschütterteunter. Un Er schätzte,dass ein erheblicher Teil des als italienisch verkauften Olivenöls in Wirklichkeit aus Spanien,Tunesienoder der Türkei stammteund nur in Italien umgefülltund umetikettiert wurdeunter. Un Wenn man darüber nachdenkt,hat sich in fünftausend Jahren erstaunlich wenig verändertunter. Un Die Minoa stempelten ihre Ampforen,um die Herkunft zu garantierenunter.
Un Die Römer hatten ihr Rückverfolgungssystem,und heute streiten Behörden,Produzentenund Verbraucherschützer darüber,ob das,was auf dem Etikett steht,auch wirklich in der Flasche istunter. Un
Heute produziert Spanien rund die Hälfte des gesamten Olivenöls weltweitunter. Un Die Provinz Jaén in Andalusien allein erzeugt mehr Olivenöl als ganz Griechenlandund Italien zusammenunter. Un Sechzig Millionen Olivenbäume stehen dort in endlosen Reihen,von Horizont zu Horizontunter.
Un Die Ernte ist teilweise mechanisiertunter. Un Riesige Rüttelmaschinenumklammern die Stämmeund schütteln die Oliven in Auffangnetzeunter. Un In einer Nacht kann eine solche Maschine die Arbeit von fünfzig Handpflückern erledigenunter. Un
Gleichzeitig gibt es eine Gegenbewegungunter.
Un Kleine Produzenten in Griechenland,Kroatien,der Türkeiund Tunesien setzen auf handverlesene Oliven,traditionelle Pressungund kurze Wege vom Baum in die Flascheunter. Un Ihre Öle gewinnen internationale Preiseund erzielen Flaschenpreise,die an guten Wein erinnernunter. Un Auf der Insel Istrien an der kroatischen Küste gibt es Produzenten,die weniger als tausend Liter pro Jahr herstellenund damit Preise gewinnen,die sonst nur an spanische oder italienische Großbetriebe gehenunter. Un Es ist dieselbe Spannung,die den Olivenölmarkt seit der Antike prägtunter.
Un Masse gegen Qualität,Industrie gegen Handwerkunter. Un
Parallel dazu entdeckte die Wissenschaft das Olivenöl neuunter. Un In den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts untersuchte der amerikanische Physiologe Ancel Keysdie Ernährungsgewohnheiten in sieben Ländernund stellte fest,dass die Menschen auf Kretaund in Süditalien deutlich seltener an Herzkrankheiten starbenals Amerikaneroder Nordeuropäerunter. Un Der auffälligste Unterschiedin ihrer Ernährung war unter anderem Olivenölunter.
Un Keys Sieben-Länder-Studie begründete das Konzept der Mittelmeerdiätund machte Olivenöl vom regionalen Grundnahrungsmittel zum globalen Gesundheitsproduktunter. Un Plötzlich wollten auch Menschen in Ländern,die nie eine Olivenöltradition gehabt hatten,dieses Öl auf ihrem Tisch habenunter. Un
Und dann ist da noch die Frage des Klimawandelsunter. Un Die steigenden Temperaturenund die zunehmende Trockenheit im Mittelmeerraum setzen den Olivenbäumen zuunter.
Un In den Erntejahren zweitausendzweiundzwound zwanzigdrei brachen die Erträge in Spanien um fast die Hälfte ein,weil eine historische Dürre die Bäume austrockneteunter. Un Die Olivenölpreise verdoppelten sich innerhalb eines Jahresunter. Un Verbraucher in ganz Europa spürten den Preisanstieg im Supermarktunter. Un Der Olivenbaum,der jahrtausendelang eines der widerstandsfähigsten Gewächse des Mittelmeerraums war,stößt an seine Grenzenunter.
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Fünftausend Jahreunter. Un So lange begleitet der Olivenbaumdie Menschheit jetztunter. Un Er hat den Mino ihren Reichtum gegeben,den Griechen ihre Identität,den Ägyptern ihre Ritualeund den Römern ihre Infrastrukturunter. Un Er hat die arabische Blüte in Spanien befeuert,die Entdeckung der Neuen Welt begleitetund die Industrialisierung der Landwirtschaft überlebtunter.
Un Ganze Zivilisationen sind aufgestiegenund untergegangen,aber der Olivenbaum steht immer nochunter. Un
Auf Kreta gibt es einen Olivenbaum in der Nähe des Dorfes Wofs,der nach Schätzungen über dreitausend Jahre alt istunter. Un Er trägt immer noch Früchteunter. Un Dieser Baum war schon alt,als die klassische griechische Kultur ihren Höhepunkt erreichteunter.
Un Er überlebte die Römer,die Byzantiner,die Venezianerund die Osmanenunter. Un Er steht dort knorrigund zerklüftetund produziert jedes Jahr Oliven,so wie er es seit der Bronzezeit tutunter. Un Wenn irgendetwas auf dieser Welt die Idee verkörpert,dass manche Dinge Bestand haben,dann ist es ein alter Olivenbaum am Mittelmeerunter. Un
Die Frage,welches Öl im Supermarktregal tatsächlich das ist,was drauf steht,können wir vielleicht nicht abschließend beantwortenunter.
Un Aber die Geschichte,die in jeder Flasche steckt,reicht weiter zurück als die meisten Zivilisationen,die wir kennenunter. Un


