Ich stand in einem feuchten Raum, den Gestank von Urin so dicht, dass man ihn schneiden konnte. Vor mir glühte ein Ofen, der sechzehn Stunden lang eine schwarze Masse erhitzte. Ich suchte Gold und…

Ich stand in einem feuchten Raum, den Gestank von Urin so dicht, dass man ihn schneiden konnte. Vor mir glühte ein Ofen, der sechzehn Stunden lang eine schwarze Masse erhitzte. Ich suchte Gold und...

Im Jahr 1669 stand ein Mann in einem feuchten Keller in Hamburg vor einem glühenden Ofen. Er hatte wochenlang Urin gesammelt, hunderte Liter, mehr als fünftausend. Er hatte ihn tagelang stehen lassen, bis der Gestank unerträglich wurde. Dann hatte er ihn eingekocht, bis nur noch ein dicker, schwarzer Sirup übrig blieb.

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Diesen erhitzte er sechzehn Stunden lang in einem verschlossenen Gefäß. Er suchte Gold. Er fand etwas anderes. Aus dem Hals des Gefäßes tropfte eine wachsartige Substanz, die in der Dunkelheit von selbst leuchtete – ein kaltes, grünliches Licht, das keiner Flamme bedurfte.

Und als die Tropfen mit Luft in Berührung kamen, fingen sie Feuer. Hennig Brand hatte gerade das erste chemische Element entdeckt, das je von einem einzelnen Menschen isoliert wurde. Er wusste nicht, dass dieses Element innerhalb vonzweihundert Jahren in der Tasche fast jedes Menschen der industrialisierten Welt landen würde. Er wusste nicht, dass es die Kiefer von tausenden Fabrikarbeiterinnen zerfressen, die Straßen von Dresden in Flammen setzen und noch im einundzwanzigsten Jahrhundert als Waffe eingesetzt werden würde.

Er nannte es Phosphor, den Lichtträger. Um zu verstehen, warum diese Entdeckung die Welt veränderte, muss man sich vorstellen, wie Menschen vor dem neunzehnten Jahrhundert Feuer machten. Seit Jahrtausenden gab es zwei Methoden: Man schlug Feuerstein gegen Stahl, bis ein Funke auf trockenen Zunder fiel, oder man rieb Holz aneinander, bis Reibungshitze eine Glut erzeugte. Beide verlangten Geduld, trockenes Material und Übung.

An nassen Wintertagen konnte es Minuten dauern, bis ein Funke zündete. Im Regen war es oft unmöglich. Feuer war kostbar. Man ließ es nie ausgehen, trug glühende Kohlen in Tongefäßen von Haus zu Haus und hielt die Glut über Nacht am Leben.

Im achtzehnten Jahrhundert kamen Schwefelhölzer auf, aber sie entzündeten sich nicht von selbst. Man brauchte immer noch einen Funken von außen. Die Menschheit suchte seit Prometheus nach einer Möglichkeit, Feuer auf Kommando zu erzeugen. Hennig Brand war kein Wissenschaftler.

Er war ein ehemaliger Soldat aus dem Dreißigjährigen Krieg und ein gescheiterter Kaufmann. Getrieben von der Alchemie, glaubte er, dass sich unedle Metalle in Gold verwandeln ließen, wenn man die richtige Substanz fände–den Stein der Weisen. Die goldene Farbe des Urins, so seine Theorie, könnte ein Hinweis sein. Es war eine absurde Idee, aber sie führte zu einer der wichtigsten Entdeckungen der Chemiegeschichte.

Seine zweite Frau Margarete stammte aus wohlhabender Familie. Ihr Geld finanzierte seine Experimente. Brand sammelte Urin von Soldaten und Bierschenken, über Wochen und Monate. Mindestens fünftausend Liter.

Er ließ ihn faulen, kochte ihn ein, destillierte ein rotes Öl ab, mischte den Rest mit dem Öl und erhitzte alles sechzehn Stunden in einem verschlossenen Tongefäß. Zuerst kamen weiße Dämpfe, dann ein öliger Dampf–und dann tropfte etwas aus dem Gefäßhals. Eine wachsartige, fast durchsichtige Substanz. Brand fing sie in kaltem Wasser auf.

Als er das Licht löschte, sah er: Sie leuchtete von selbst, ein blasses grünliches Licht, das stundenlang nicht verblasste. Und wenn er ein Stück herausnahm und der Luft aussetzte, fing es an zu brennen. Aus fünftausend Litern Urin gewann er etwa hundertzwanzig Gramm. Es war kein Gold, aber es war etwas, das noch nie ein Mensch gesehen hatte.

Brand hielt seine Entdeckung geheim und versuchte, sie zu Geld zu machen. Er führte sie zahlenden Gästen vor, ließ sie in verdunkelten Räumen über das Licht staunen. Ein Kaufmann namens Johann Daniel Kraft kaufte ihm eine Probe ab. Kraft war ein begnadeter Schausteller.

Er reiste durch Europa und führte das Wunder an den Fürstenhöfen vor–in London vor König Charles dem Zweiten, in Hannover vor dem Kurfürsten. Er tauchte seine Finger in die Substanz und schrieb leuchtende Worte in die Dunkelheit. Gottfried Wilhelm Leibniz, der berühmteste Denker seiner Zeit, war so beeindruckt, dass er persönlich nach Hamburg reiste, um Brand aufzusuchen. In England gelang es dem Naturforscher Robert Boyle 1680, Phosphor unabhängig herzustellen.

Boyles Assistent, ein junger Deutscher namens Ambrose Godfrey, erkannte das kommerzielle Potenzial. Er reiste nach Hamburg, lernte die Details des Verfahrens von Brand selbst und gründete die erste kommerzielle Phosphorproduktion. Er verkaufte etwa fünfzig Pfund im Jahr, zu einem Preis, der heute rund sechshunderttausend Pfund entspräche. Phosphor war eine Rarität, ein Luxusgut.

Niemand ahnte, dass er eines Tages in den Händen von Milliarden Menschen landen würde. Was weißen Phosphor so gefährlich macht, ist seine Chemie. Er besteht aus Molekülen von vier Phosphoratomen, angeordnet in einer dreiseitigen Pyramide. Diese Struktur ist instabil, die Bindungen stehen unter Spannung wie eine gespannte Feder.

Sie brauchen nur einen winzigen Anstoß–und der ist Luft. Weißer Phosphor reagiert so bereitwillig mit Sauerstoff, dass er sich bei nur dreißig Grad in feuchter Luft von selbst entzündet. Deshalb muss er unter Wasser gelagert werden. An der Luft oxidiert erzuerst langsam, erzeugt ein schwaches Leuchten–die Chemilumineszenz, die Brand in seinem Keller sah.

Steigt die Temperatur, kippt die Reaktion. Innerhalb von Sekunden steht der Phosphor in Flammen, brennt bei etwa achthundert Grad. Wasser kann ihn kurz ersticken, aber sobald er wieder an die Luft kommt, entzündet er sich erneut. Und er ist fettlöslich.

Wenn er auf Haut gelangt, dringt er durch das Gewebe, durch die Fettschichten, bis zum Knochen. Es gibt eine sichere Form: Roter Phosphor. Er entsteht, wenn man weißen Phosphor über längere Zeit auf etwa zweihundertfünfzig Grad erhitzt. Die Moleküle brechen auf und verbinden sich zu langen, stabilen Ketten.

Roter Phosphor entzündet sich nicht selbst, ist nicht giftig, leuchtet nicht. Dasselbe Element, aber eine andere Struktur macht den Unterschied. Diese Unterscheidung sollte hunderttausende Menschenleben kosten, weil die billigere, gefährlichere Form jahrzehntelang bevorzugt wurde. Im Jahr 1827 stellte ein Apotheker aus der englischen Kleinstadt Stockton on Tees das erste Reibholz her.

Sein Name war John Walker. Er hatte mit chemischen Mischungen experimentiert und entdeckt, dass ein Gemisch aus Antimonit und Kaliumchlorat, auf ein Holzstäbchen aufgetragen und durch Sandpapier gezogen, eine Flamme erzeugte. Am siebten April verkaufte er die erste Schachtel, fünfzig Stück für einen Schilling. Zum ersten Mal konnte ein Mensch Feuer erzeugen, indem er ein Stäbchen über eine raue Oberfläche zog.

Aber Walkers Zündhölzer rochen nach Schwefel, funkelten unvorhersehbar und warfen Funken. Walker weigerte sich, seine Erfindung patentieren zu lassen. Ein Londoner Apotheker namens Samuel Jones patentierte eine Kopie und vermarktete sie als Lucifers. Der Name blieb.

In den Niederlanden heißen Streichhölzer bis heute Lucifers. Die entscheidende Veränderung kam von einem französischen Chemiestudenten namens Charles Sauria. 1831 ersetzte er das Antimonit durch weißen Phosphor. Die Hölzer zündeten zuverlässiger, brannten gleichmäßiger und rochen weniger.

Saurias Professor teilte die Erfindung mit dem deutschen Industriellen Friedrich Kamera, der ein Patent anmeldete und die Massenproduktion einleitete. Innerhalb weniger Jahre verbreiteten sich Phosphorstreichhölzer über ganz Europa. In Stockholm eröffnete 1836 die erste Streichholzfabrik. In Frankreich arbeiteten bis 1847 über tausend Menschen in der Produktion.

Die Brüder Johann Edwardund Karl Franz Lundström gründeten in Jönköping eine Fabrik, die bis 1858 zwölf Millionen Schachteln pro Jahr produzierte. Johann Edward Lundström ging einen anderen Weg. Aufbauend auf einem Patent von 1844 entwickelte er ein Sicherheitszündholz, bei dem der Phosphor nicht im Zündkopf saß, sondern als roter Phosphor auf der Reibfläche der Schachtel. Das Holz konnte nur an dieser Fläche entzündet werden.

Auf der Pariser Weltausstellung 1855 erhielt es eine Auszeichnung–aber die Welt entschied sich gegen die Sicherheit. Sicherheitshölzer waren teurer in der Herstellung. Weißer Phosphor war billig, reichlich vorhanden und lieferte zuverlässige Ergebnisse. Fabriken auf dem ganzen Kontinent produzierten Milliarden von Streichhölzern mit weißem Phosphor.

Die Arbeitskraft war noch billiger als das Material. In den Fabriken arbeiteten vor allem Frauen und Kinder, manche erst fünfzehn Jahre alt. Sie arbeiteten zwölf bis vierzehn Stunden am Tag, tauchten Holzstäbchen in geschmolzene Phosphormischungen, verpackten die Hölzer und atmeten dabei ununterbrochen die Dämpfe ein. Niemand sprach von Gesundheitsrisiken–bis die Arbeiterinnen ihre Zähne verloren.

1839 untersuchte der Wiener Arzt Friedrich Wilhelm Lorenz eine junge Frau aus einer Streichholzfabrik. Ihre Zähne waren locker, ihr Zahnfleisch entzündet, und aus einer Wunde am Unterkiefer trat Eiter aus. Lorenz nannte die Krankheit Phosphorismus Chronikus. Innerhalb von fünf Jahren dokumentierte er zweiundzwanzig weitere Fälle.

Die Krankheit verlief immer gleich: Zahnschmerzen, geschwollenes Zahnfleisch, Abszesse. Eiter drang aus Fisteln im Kiefer, manchmal durch die Wange. Die Zähne fielen aus, der Kieferknochen starb und löste sich in Stücken. In fortgeschrittenen Fällen leuchtete der freigelegte Knochen im Dunkeln grünlich weiß.

Ohne chirurgische Entfernung des Kiefers führte die Krankheit zum Tod. Etwa elf Prozent der Arbeiterinnen, die regelmäßig mit weißem Phosphor arbeiteten, entwickelten die Krankheit. Die Sterblichkeit lag bei vierzig Prozent. Fünfundsiebzig Prozent der Betroffenen waren Frauen, die meisten um die dreißig.

Die Symptome traten nach etwa fünf Jahren Arbeit auf–fünf Jahre, in denen das Element sich langsam in ihren Knochen anreicherte. Cornelia war sechzehn, als sie nach zwei Jahren in einer New Yorker Fabrik eine offene Wunde am Kiefer entwickelte. Ein Chirurg entfernte ihren gesamten Unterkiefer. Eine zweite Operation folgte.

Annie war dreizehn und hatte vier Jahre gearbeitet, als ihre Hände begannen, im Dunkeln zu leuchten. Auch ihr wurde der Kiefer entfernt. Maggie war dreiundzwanzig. Sie hatte fünf separate Kieferoperationen hinter sich.

Fünfmal hatten Chirurgenstücke ihres Kiefers herausgesägt. Fünfmal hatte sie die Infektion überlebt–und sie ging zurück in die Fabrik, weil sie keine andere Arbeit fand, weil Streichhölzer billiger waren als Menschenleben. In London betriebdie Firma Bryant and Mayeine der größten Streichholzfabriken Europasin Bow. Die Belegschaft bestand fast ausschließlich aus Frauen und Mädchen, viele irischer Herkunft.

Die Bedingungen waren brutal: vierzehnstündige Arbeitstage, keine sauberen Essräume. Die Frauen aßen am Arbeitsplatz, kontaminiert mit Phosphor. Ein System von Geldstrafen dezimierte ihren Lohn: drei Pens für schmutzige Füße, fünf für Verspätung, einen Schilling für verbrannte Hölzer, sechs Pens für ein fallen gelassenes Tablett. Am 23.

Juni 1888 veröffentlichte die Journalistin Annie Besant gemeinsam mit Herbert Burrows einen Artikel in der Zeitung The Link. Der Titel: White Slavery in London. Weiße Sklaverei. Der Artikel beschrieb die Arbeitsbedingungen bei Bryant and Mayin schonloser Detailgenauigkeit–die Löhne, die Strafen,die Krankheiten,die verstümmelten Gesichter.

Die Firmenleitung reagierte, indem sie die Frauen zwang, eine Erklärung zu unterschreiben, die den Artikel als unwahr bezeichnete. Die Frauen weigerten sich. Als die Leitung daraufhin eine Arbeiterin entließ, legten die anderen die Arbeit nieder. Am 6.

Juli 1888 traten etwa vierzehnhundert Frauen und Mädchen in den Streik. Eine Delegation, darunter Sarah Chapmanund Mary Cummings, reiste ins Parlament und traf sich mit Abgeordneten. Nach zehn Tagen gab Bryant and May nach. Die Strafen wurden abgeschafft, ein sauberer Essraum eingerichtet, und die Frauen gründeten die Union of Women Matchmakers, die größte Frauengewerkschaft des Landes.

Der Sieg zeigte, dass organisierte Arbeiterinnen Macht hatten. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf die Frage: Warum benutzte man immer noch weißen Phosphor, wenn eine sichere Alternative existierte? Die Antwort war: Geld. Sicherheitshölzer waren teurer, und solange Regierungen weißen Phosphor nicht verboten, hatten die Fabrikbesitzer keinen Grund umzusteigen.

Also begannen die Verbote: Finnland 1872, Dänemark 1874, Frankreichund die Schweiz 1898, die Niederlande 1901. Die Berner Konvention vom 26. September 1906 schuf eine internationale Regelung: Achtundvierzig Staaten verboten Herstellung, Import und Verkauf von Streichhölzern mit weißem Phosphor. Sie trat 1912 in Kraft.

Großbritannien erließ sein Verbot 1908, die Vereinigten Staaten folgten 1912. Aber der weiße Phosphor war nicht verschwunden. Er hatte nur den Arbeitsplatz gewechselt. Bereits im Ersten Weltkrieg erkannten Militärstrategen seinen taktischen Wert.

Wenn er verbrennt, erzeugt er einen dichten weißen Rauch, der Feuchtigkeit aufsaugt und sich in Phosphorsäure verwandelt. Dieser Rauch ist dichter und langlebiger als jeder andere, den die Technik kannte. Die britische Armee führte Ende 1916die erste Weißphosphorgranate ein. In Flandern und an der Somme dienten sie als Nebelwand.

Nach dem Krieg setzte die Royal Air Force Weißphosphorbomben in der irakischen Provinz Anbar ein, um den Aufstand von 1920 niederzuschlagen. Aber die Soldaten bemerkten schnell: Der Rauch war nicht das einzige. Die brennenden Partikel frasen sich durch Uniformen, durch Haut, durch Fleisch. Im Zweiten Weltkrieg wurde weißer Phosphor zur Standardmunition.

Zwanzig Prozent der amerikanischen 81 Millimeter Mörsergranaten bestanden aus weißem Phosphor. Bei der Befreiungvon Schabur 1944 feuerte ein einziges Mörserbataillon 87. 11899 Weißphosphorgranaten in die Stadt. Die Militärdoktrin beschrieb ihn als effektivsten Nebelwirkstoff–aber er war mehr als Nebel.

Die US-Panzer führten die M64 mit einer 75 Millimeter Weißphosphorgranate, offiziell als Markierungs- und Nebelmunition. Die Soldaten gaben ihm einen eigenen Namen: Willy Pete. Im Vietnamkrieg setzten amerikanische Truppen Weißphosphorgranaten ein, um Tunnelkomplexe des Viet Kong zu zerstören. Der brennende Phosphor verbrauchte den Sauerstoff in den Gängen und erstickte die Soldaten darin.

In Falludschaim November 2004 beschrieb ein Artikel in der Fachzeitschrift des amerikanischen Artilleriecors eine Taktik namens Shake and Bake. Weißphosphorgranaten wurden abgefeuert, um Kämpfer aus ihren Stellungen zu treiben. Dann folgten Sprenggeschosse. Erst 2005 bestätigte das Verteidigungsministerium offiziell, dass weißer Phosphor dort als Brandwaffe gegen Kombattanten eingesetzt worden war.

Die Rechtslage ist ein Meisterwerk der Mehrdeutigkeit. Protokoll 3 der Konvention über bestimmte konventionelle Waffen von 1980 verbietet den Einsatz von Brandwaffen gegen Zivilisten. Aber es definiert Brandwaffen als Waffen, die in erster Linie dazu bestimmt sind, Brände zu verursachen. Weißphosphormunition wird offiziell als Rauch- und Beleuchtungsmittel klassifiziert, nicht als Brandwaffe.

Ihre primäre Bestimmung ist die Erzeugung von Nebel. Dass sie nebenbei menschliches Gewebe bei achthundert Grad verbrennt, gilt als Nebeneffekt. Die Chemiewaffenkonvention klassifiziert ihn nicht als chemische Waffe. Er darf legal eingesetzt werden, solange er als Nebelwirkstoff dient.

Im Oktober 2023 dokumentierte Human Rights Watch den Einsatz von 155 Millimeter Weißphosphorartilleriegeschossen über dem Hafen von Gazaastadt. Jedes Geschoss verteilt beim Aufschlag etwa hundertsechzehn brennende Filzkeile über eine Fläche von 125 bis 250 Metern Durchmesser. Augenzeugen beschrieben weiße Linien, die sich erdwärts bewegten, und einen stechenden Geruch nach Knoblauch–den charakteristischen Geruch von brennendem Phosphor. Berichte des Euromediterranen Menschenrechtsmonitors dokumentierten über tausend Weißphosphorangriffe seit dem 7.

Oktober 2023. In einem einzigen Vorfall am 15. November wurden dreihundert Einschläge innerhalb vonvierzig Minuten in Beitlahia im Norden des Gazastreifens gezählt. Dreihundertfünfzig Jahre nach Hennig Brands Entdeckung brennt der Phosphor noch immer.

Hennig Brand starb nach 1692 verarmt und vergessen. Er hatte das erste chemische Element der Geschichte entdeckt, aber nie verstanden, was er gefunden hatte. Er suchte Gold und fand ein Licht, das die Dunkelheit vertrieb, ohne dass man es anzünden musste. Er nannte es den Lichtträger.

Und wie sein mythologischer Namensgeber Luzifer, der gefallene Engel des Lichts, wurde Phosphor zu etwas, das zugleich Segen und Fluch war. Er gab der Menschheit das sofortige Feuer, die Flamme auf Kommando. Er machte das Kochen einfacher, das Heizen schneller, die Nacht heller. Er steckte jedem Menschen Feuer in die Tasche–und dann frß er die Kiefer der Frauen, die ihn in Streichhölzer verwandelten.

Er regnete als brennender Regen auf Städte herab, brannte sich durch die Haut von Soldaten und Zivilisten. Die Gesetze, die ihn hätten stoppen sollen, ließen gerade genug Lücken, damit er weiterbrennen konnte. Das Element hat sich nie verändert. Vier Atome, gespannt wie eine Feder, wartend auf den Moment, in dem sie Luft berühren.

Was sich verändert hat, ist, was wir mit ihm gemacht haben–und wem wir erlaubt haben, den Preis dafür zu zahlen.