Die Ermittler in Lüneburg stehen vor einem möglichen Durchbruch in einem der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Mehr als drei Jahrzehnte nach den vierfachen Morden im Waldgebiet Görde bei Lüneburg verdichten sich die Hinweise, dass der Serienmörder Kurt-Werner Wichmann nicht allein gehandelt hat. Die Cold-Case-Abteilung der Polizei hat einen bislang unbekannten Mittäter im Visier, gegen den sich ein konkreter Tatverdacht richtet.

Noch in diesem Jahr sollen die Ergebnisse an die Staatsanwaltschaft übergeben werden, wie die Ermittler am Dienstag mitteilten.
Die Ermittlungen zu den sogenannten Gördemorden haben eine neue, dramatische Wendung genommen. Nachdem der bereits 1993 durch Suizid verstorbene Wichmann zweifelsfrei als Haupttäter identifiziert werden konnte, fahnden die Beamten nun mit Hochdruck nach einem Komplizen. Die Indizienkette gegen diese noch lebende Person verdichtet sich zusehends, wie der ehemalige Leiter der Ermittlungsgruppe, Jürgen Schubbert, im Gespräch mit ZDF True Crime bestätigte.
Wir gehen davon aus, dass Wichmann der Haupttäter ist, aber die Abläufe der Taten und Zeugenaussagen legen nahe, dass er nicht alleine gehandelt haben kann.
Die grausamen Taten ereigneten sich im Frühjahr und Sommer 1989 in der Görde, einem weitläufigen Waldgebiet nahe Lüneburg. Zunächst wurden die Leichen des Ehepaares Ursula und Peter Reinold entdeckt, die sieben Wochen zuvor als vermisst gemeldet worden waren. Nur wenige Tage später stießen Beamte der Bereitschaftspolizei, die eigentlich nach Spuren am ersten Fundort suchten, auf zwei weitere Leichen in unmittelbarer Nähe.
Die Opfer: Ingrid Warmbier und Bernt Michael Köpping, ein Liebespaar, das sich in dem Wald verabredet hatte.
Die vier Menschen wurden innerhalb kürzester Zeit auf brutale Weise getötet, die Tatorte lagen nur rund 800 Meter voneinander entfernt.
Die Bevölkerung in der Region war damals zutiefst verunsichert, wie sich der heutige Ruheständler Jürgen Schubbert erinnert, der die Ermittlungsgruppe Görde über Jahre leitete. Die Doppelmorde 1989 haben extrem für Unruhe gesorgt. Die riesige Bevölkerung war extrem nervös, weil die Angst zu groß war.
Vielleicht hat jeder befürchtet, er könnte der nächste sein. Man war sicher völlig im Unklaren, was hier passiert ist, so Schubbert. Die Angst ging so weit, dass viele Menschen das Waldgebiet mieden und Kinder nicht mehr alleine draußen spielen durften.
Die allgemeine Stimmung ist die, dass man allein nicht mehr in die Görde kann und das ist sehr, sehr traurig, zitierte die Polizei seinerzeit Anwohner.
Jahrzehntelang tappten die Ermittler im Dunkeln. Trotz intensiver Suche, bei der eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei den Wald durchkämmte, fanden sich keine heißen Spuren. Die Opferfahrzeuge wurden erst etliche Kilometer entfernt von den Tatorten entdeckt, was darauf hindeutete, dass der Täter die Wagen nach den Morden selbst bewegt hatte.
Im Fall des ersten Opferpaares stand der Wagen am Bahnhof Winsen, rund 50 Kilometer vom Tatort entfernt. Die Beamten rekonstruierten, dass in den Fahrzeugen Veränderungen vorgenommen worden waren, wollten diese besonderen Ermittlungserkenntnisse aber nicht publizieren, da es sich um Täterwissen handeln könnte.
Erst im Jahr 2017 gelang der entscheidende Durchbruch. Bei einer erneuten Untersuchung der Asservate aus den Opferfahrzeugen mithilfe moderner DNA-Analysetechnik gab es einen Treffer. Die DNA korrespondierte mit einer Person, die bereits aktenkundig war: Kurt-Werner Wichmann.
Wir waren überrascht, plötzlich nach so vielen Jahren einen Tatverdächtigen zu haben, erinnert sich Schubbert. Wir haben uns gefragt, wer ist das eigentlich? Natürlich wussten wir den Namen, aber wir wussten nicht, wie der Kontext ist.
Wie kommt der Mann in das Auto? Wie kommt seine DNA in das Auto?
Wichmann, geboren 1953 in Adendorf bei Lüneburg, war bereits in seiner Jugend durch massive Gewalt- und Sexualstraftaten aufgefallen. Mit 14 Jahren beging er seine erste Straftat, mit 16 überfiel er eine Radfahrerin, mit 18 schoss er auf Polizeibeamte. Im Alter von 21 Jahren vergewaltigte er eine Anhalterin, die er für tot hielt und in den Kofferraum seines Wagens legte, in dem bereits ein Spaten lag.
Die Frau überlebte nur durch einen glücklichen Zufall, als sie den Kofferraum öffnen konnte und flüchten konnte. Dafür wurde er zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung lebte er unauffällig, arbeitete als Gärtner und heiratete.
Doch die Ermittler sehen in ihm einen kranken Mann, der sich an Gewalt erfreute. Er war an sich ein brutaler, ein kaltblütiger, ein berechnender Mensch, der aus meiner Sicht zu allem fähig gewesen ist, wenn er diesen Wunsch hatte, irgendetwas umzusetzen, so Schubbert.
Die Verbindung zu einem weiteren ungelösten Fall wurde schnell hergestellt. Birgit Meier, eine 41-jährige Fotografin und Mutter einer Tochter, verschwand im August 1989 spurlos aus ihrem Wohnort Brietlingen bei Lüneburg. Ihr Bruder, Wolfgang Sielaff, ehemaliger Leiter des Hamburger Landeskriminalamts, trieb die Ermittlungen über Jahre privat voran.
Er war überzeugt, dass Wichmann etwas mit dem Verschwinden seiner Schwester zu tun hatte. Doch erst 2017, nach 28 Jahren, wurden ihre sterblichen Überreste gefunden: einbetoniert in einer Werkstattgrube auf dem ehemaligen Grundstück von Wichmann. Die Obduktion ergab, dass sie mit einem Kopfschuss getötet worden war.
Für ihre Tochter Jasmin war der Fund eine grausame Gewissheit, die bis heute nachwirkt. Ich glaube, ganz schaffen kann man das nie. Jetzt wird es mit der Zeit besser durch viele auch therapeutische Hilfe, aber ich sitze hier und kann fest behaupten, es werde, wenn ich 80 bin und 100 bin, es wird nie vorbei sein, sagte sie unter Tränen.
Nachdem Wichmann als Tatverdächtiger für die Gördemorde feststand, weiteten sich die Ermittlungen rasant aus. Fast aus dem gesamten Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik meldeten sich Ermittler mit ungelösten Mord- und Vermisstenfällen. Im April 2018 wurde das ehemalige Wohnhaus und Grundstück von Wichmann ein zweites Mal durchsucht, diesmal mit schwerem Gerät und Spürhunden.
Die Beamten gruben den Garten komplett um, stellten das Haus auf den Kopf und entdeckten dabei ein schalldichtes Geheimzimmer, das nur Wichmann und sein Bruder betreten durften. In diesem Raum fanden sich versteckte Fächer mit Zeitungsartikeln über ungelöste Mordfälle, darunter auch über die Gördemorde, sowie Waffen, Messer, Säbel und eine Pistole. Im Erdreich des Grundstücks gruben die Ermittler rund 500 Asservate aus: Damenschuhe, Portemonnaies, Handtaschen, Autoteile und Bekleidung.
Wir konnten uns diese Dinge zunächst nicht erklären, räumte ein Ermittler ein. Es ist ja unüblich, seinen Garten mit der Art Gegenständen zu schmücken. Wir haben nichts finden können, womit wir vielleicht die ehemalige Trägerin identifizieren könnten.
Die Herkunft dieser Gegenstände bleibt bis heute ungeklärt, doch die Beamten gehen davon aus, dass sie mit weiteren Gewalttaten in Verbindung stehen könnten.
Die Frage, ob Wichmann noch mehr Menschen getötet hat, beschäftigt die Ermittler bis heute. In seiner Biografie fanden sich Anhaltspunkte für weitere mögliche Taten, etwa im Fall der 1968 in Lüneburg erschossenen Ilse Gerkens oder der 1969 vergewaltigten und ermordeten Ulrike Burmester. Auch im Fall der 1986 verschwundenen Jutta Schneefuß gab es Zeugen, die Wichmann in der Nähe des Vermisstenorts gesehen haben wollen.
Ganz klar kann man feststellen, kriminologisch bewertet, dass er verantwortlich sein dürfte für die Vierfachtötung in der Görde, dass er verantwortlich ist für die Tötung an Birgit Meier. Und wenn man sich dann diese Lebensschritte einmal anschaut, dann ist es durchaus sehr naheliegend, dass er auch noch weitere Taten begangen haben dürfte, so die Einschätzung der operativen Fallanalytiker des LKA Niedersachsen.
Doch der Fokus der aktuellen Ermittlungen liegt auf der Frage nach einem möglichen Mittäter. Die Beamten haben eine konkrete Person im Visier, die bisher jegliche Aussage verweigert. Unsere Aufgabe ist es, auch entlastende Momente zu sammeln, um zu prüfen, ob der Tatverdacht aufrechterhalten werden kann oder sich zerschlägt, erklärte die Polizei.
Die Ermittler hoffen, dass moderne forensische Methoden, insbesondere die Analyse von Haaren und DNA-Spuren aus den Opferfahrzeugen, weitere Erkenntnisse liefern. Im Institut für Rechtsmedizin in Freiburg werden die Asservate derzeit untersucht. Die Spuren sind eine Herausforderung, gibt Sabine Lutz-Bohnengel, die Leiterin des DNA-Labors, zu bedenken.
DNA kann sich sehr lange halten, insofern sie trocken, dunkel und kühl gelagert wurde. Bei feucht-warmer Lagerung wird die DNA angegriffen und unsere Analysen laufen vielleicht erfolglos. Dennoch konnten bereits Proben zusammengeführt werden, die denselben Hablotyp zeigen, ohne dass die Wissenschaftlerin Details preisgeben darf.
Für Jürgen Schubbert, der 2022 nach 45 Jahren bei der Polizei in den Ruhestand ging, wäre die Aufklärung des Falls die Krönung seiner Karriere. Das Ziel ist natürlich, einen Täter zu ermitteln, ihn möglichst zu überführen, so dass die Staatsanwaltschaft in die Lage versetzt wird, eine Anklage zu erheben und am Ende hoffentlich ein Gericht zu einem Urteil kommt, sagte er. Jasmin Meier, deren Mutter eines der bekannten Opfer Wichmanns ist, appelliert derweil an mögliche Mittäter, ihr Schweigen zu brechen.
Die dürfen nicht übersehen, dass es da Leute gibt, die vielleicht daran zerbrechen, die es vielleicht nicht schaffen, das noch länger auszuhalten, weil die auch das Recht haben zu wissen, was den Verstorbenen passiert ist, sagte sie. Die Ermittlungen dauern an, und die Hoffnung, dass einer der dunkelsten Kapitel der deutschen Kriminalgeschichte endlich vollständig aufgeklärt wird, ist so groß wie nie zuvor.


