Ich stand früh auf, um loszufahren, als ich die Schüsse hörte. Zuerst dachte ich, es wäre ein Feuerwerkskörper, doch dann hörte ich meinen Nachbarn schreien: „Lasst meine Frau in Ruhe!“ Sekunden…

Ich stand früh auf, um loszufahren, als ich die Schüsse hörte. Zuerst dachte ich, es wäre ein Feuerwerkskörper, doch dann hörte ich meinen Nachbarn schreien: „Lasst meine Frau in Ruhe!“ Sekunden...

Um sechs Uhr morgens, als die Stadt Bradbury noch im Schlaf lag, rissen Schüsse die Stille auseinander. Als die Polizei wenig später vor dem Anwesen der Familie Thompson eintraf, war das Bild eindeutig. Trudy Thompson lag mit dem Gesicht nach unten in der Einfahrt, nur wenige Meter weiter vor der Garage ihr Mann Mickey. Beide waren tot, erschossen auf dem eigenen Grundstück.

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Der Name Mickey Thompson war in der Welt des Motorsports eine Legende. Der gelernte Drucker, der nebenbei an Autos herumschraubte, hatte sich durch eigene Erfindungen und waghalsige Rekordfahrten einen Namen gemacht. 1960 wurde er als erster Mensch der Welt auf vier Rädern auf 654 Stundenkilometer gebracht, eine Geschwindigkeit, die mehr als doppelt so hoch war wie die eines damaligen Schnellzugs. Sein Leben war eine einzige Jagd nach neuen Grenzen, bis ihn Mitte der Siebziger ein schwerer Unfall mit einem Speedboot von der Hüfte abwärts lähmte.

Die Ärzte gaben ihm keine Hoffnung, jemals wieder zu laufen. Doch mit der Unterstützung seiner Frau Trudy, die er kennenlernte, als sie als Sekretärin für ein Motorsportmagazin arbeitete, kämpfte er sich zurück. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen zwischen den beiden, und auch Mickeys Sohn aus erster Ehe mochte seine neue Stiefmutter. Nach seiner aktiven Karriere baute sich Mickey ein neues Imperium auf: eine eigene Rennstrecke und eine Marketingagentur für Motorcross-Events.

Trudy arbeitete mit ihm zusammen, oft bis zu achtzehn Stunden am Tag. Der Erfolg zahlte sich aus, die beiden lebten komfortabel. Doch der Erfolg brachte auch Neid. Es gab Menschen, die ihm das große Geld nicht gönnten.

Mickey selbst hatte das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Er äußerte sogar die Angst, dass ihm jemand etwas antun könnte. Doch seine größte Sorge galt nicht sich selbst, sondern seiner Frau. Der Gedanke, dass Trudy wegen seiner Geschäfte etwas angetan werden könnte, war für ihn die schlimmste Vorstellung überhaupt.

Diese Angst sollte sich als berechtigt erweisen. Bei den Leichen der Eheleute fanden die Ermittler leere Patronenhülsen und einen Elektroschocker, der nicht den Thompsons gehörte. Zuerst vermuteten sie einen Raubmord, doch der Täter hatte Bargeld und Trudys Schmuck zurückgelassen, dessen Wert allein bei mehr als 70. 000 Dollar lag.

Für die Polizei war klar: Hier ging es um etwas Persönliches. Ein Nachbar hatte die Schüsse gehört. Erst mehrere Schüsse, dann Stille für zehn bis fünfzehn Sekunden, dann hörte er Mickey schreien, man solle seiner Frau nichts antun. Eine weitere Schussserie folgte, dann war alles still.

Der Nachbar sah zwei schwarze Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren vom Grundstück fliehen. Er konnte sie so genau beschreiben, dass Phantombilder erstellt wurden. Weitere Zeugen bestätigten die Beobachtung. Nur Tage vor dem Mord war ein blaugrüner Chevy vor dem Haus der Thompsons aufgefallen, der Fahrer war weiß, der Beifahrer schwarz.

Einer der Männer hatte ein Fernglas dabei, um das Grundstück auszuspähen. Trudy und Mickey hatten eine strikte Routine: Jeden Morgen um sechs Uhr verließen sie das Haus. Ein Täter, der sie nur ein paar Tage beobachtete, konnte das herausfinden. Die Tat war sorgfältig geplant, doch ein paar Details wirkten amateurhaft: die Flucht mit Fahrrädern und der zurückgelassene Elektroschocker.

Die Polizei vermutete, dass die Täter das Ehepaar ursprünglich betäuben und entführen wollten, aber etwas war schiefgegangen. Womöglich hatte einer der Schützen die Nerven verloren. Die Ermittler waren sich sicher, dass die beiden Männer nicht selbst den Auftrag gegeben hatten, sondern für jemand anderen handelten, der eine offene Rechnung mit Mickey hatte. Die gesamte Motorsportszene war erschüttert.

Die Familie setzte eine Belohnung von 260. 000 Dollar aus, doch erste Hinweise blieben aus. Erst nach der Ausstrahlung in Fernsehsendungen wie „Unsolved Mysteries“ gingen hunderte Hinweise ein. Einer davon führte die Ermittler direkt zu Michael Goodwin, Mickeys ehemaligem Geschäftspartner.

Eine Frau meldete sich und behauptete, Goodwins Ex-Freundin zu sein. Sie erzählte, Michael habe ihr einmal beim gemeinsamen Ansehen einer Krimiserie gestanden: „Ich werde diesen Motherfucker umbringen. Ich werde Mickey umlegen. Ich bin zu schlau, um erwischt zu werden.

Die Ermittler waren bereits auf Goodwin aufmerksam geworden. Erst kurz vor dem Mord hatten Mickey und Michael einen heftigen geschäftlichen Streit gehabt. Goodwin war in Mickeys Business eingestiegen und hatte eine Motorradshow namens Supercross organisiert. Doch aus der Zusammenarbeit wurde ein Albtraum.

In der Buchhaltung von Mickeys Firma fehlten tausende Dollar, und Mickey vermutete, dass Goodwin sich das Geld unter den Nagel gerissen hatte. Ein Gericht bestätigte den Verdacht und verurteilte Goodwin zur Rückzahlung von 51. 000 Dollar. Doch Goodwin zahlte nicht und legte stattdessen einen Insolvenzantrag ein.

Der Streit zog sich zwei Jahre hin, bis das Urteil endgültig zu Mickeys Gunsten bestätigt wurde – nur Wochen vor dem Doppelmord. Mickeys Familie war sich sicher, dass Michael Goodwin hinter dem Tod von Trudy und Mickey steckte. Vor allem Mickeys Schwester Coline war überzeugt, dass er der Drahtzieher war. Doch sie konnte es nicht beweisen.

Coline war bekannt dafür, hartnäckig zu sein. Sie hatte bereits einmal einen Mordfall gelöst, als ihr eigener Sohn von zwei Geschäftspartnern getötet wurde. Weil die Polizei damals nicht vorankam, hatte sie die Ermittlungen selbst in die Hand genommen und der Polizei ein heimlich aufgezeichnetes Geständnis präsentiert. Nun ließ sie nicht locker, den Mord an ihrem Bruder aufzuklären.

Doch obwohl Goodwin das Motiv und die implizite Ankündigung hatte, fehlten die Beweise. Die Polizei machte ihn zum Hauptverdächtigen, konnte ihn aber nicht festnehmen. Goodwin lebte vorerst unbehelligt weiter, die Scheidung seiner Frau und die Abwendung vieler Bekannter brachten ihn aber in Bedrängnis. Er bezeichnete sich selbst als „drittes Opfer“ im Mordfall Thompson.

Fünf Monate nach der Tat verließ er die USA mit seiner Yacht und segelte in die Karibik, wo er fortan auf dem Boot lebte. Jahre später kehrte er in die USA zurück, doch sein Abstieg setzte sich fort. Er wurde wegen finanzieller Vergehen verurteilt und verbrachte dreißig Monate im Gefängnis. Sein Vermögen war dahin, er lebte bei seinem Vater in einem Wohnwagen.

Doch der Tiefpunkt sollte erst noch kommen. Anfang der 2000er Jahre meldeten sich neue Zeugen bei der Polizei, die aussagten, Goodwin habe ihnen gegenüber angekündigt, Mickey töten zu wollen. Insgesamt sollten es fünfzehn Zeugen werden. Die Ermittlungen wurden wieder aufgenommen.

Bei einer Gegenüberstellung erkannte der Zeuge, der den blaugrünen Chevy gesehen hatte, den Fahrer sofort wieder: Michael Goodwin. Goodwin und sein Anwalt hielten dagegen. Goodwin behauptete, er sei das Opfer einer Verschwörung der Polizei und von Mickeys Schwester Coline, die Bürgermeisterin einer kleinen Gemeinde in Kalifornien war. Doch seine Verteidigungsstrategie konnte nicht überzeugen.

Nach sechs Wochen Verhandlung entschied die zwölfköpfige Jury einstimmig. Im August 2007 wurde Michael Goodwin zu zwei lebenslangen Haftstrafen verurteilt – mehr als achtzehn Jahre nach dem Mord an Trudy und Mickey Thompson. Doch die Gerechtigkeit war unvollständig. Nur Goodwin wurde verurteilt, die beiden Schützen, die Zeugen damals am Tatort gesehen hatten, wurden bis heute nie gefasst.

Bis heute bestreitet Goodwin jede Verantwortung für den Mord. Handfeste Beweise wie DNA-Spuren oder Aufnahmen gibt es nicht. Doch er war der einzige Mensch, der ein Motiv hatte. 2015 versuchte Goodwin, seine Verurteilung anzufechten.

Der Antrag wurde einstimmig abgelehnt. Mittlerweile sitzt der Mann, der stark auf die achtzig zugeht, immer noch im Gefängnis. Die Namen der beiden Schützen hat er nie verraten. Dafür müsste er seine Schuld eingestehen, und das weigert er sich bis heute.

Besonders tragisch bleibt, dass Trudy Thompson kaltblütig ermordet wurde, obwohl sie nie Teil der Geschäfte zwischen den Männern war. Sie arbeitete zwar für Mickey, doch sie schloss keine Deals ab. Ihr einziger Fehler war, dass sie Mickeys Frau war.