Ich stand in einer kleinen Konditorei in Hiroshima, als ich zum ersten Mal einen Baumkuchen sah, den ein deutscher Kriegsgefangener 1919 vor laufendem Publikum gebacken hatte. Hunderte Kilometer…

Ich stand in einer kleinen Konditorei in Hiroshima, als ich zum ersten Mal einen Baumkuchen sah, den ein deutscher Kriegsgefangener 1919 vor laufendem Publikum gebacken hatte. Hunderte Kilometer...

„Karl Juchheim stand an einem Ausstellungsstand in Hiroshima und backte einen Kuchen, der wie ein Baum aussah. Die Japaner, die vorbeikamen, blieben stehen. Sie sahen, wie ein Spieß sich langsam drehte, wie dünne Teigschichten Lage für Lage aufgetragen wurden, wie eine goldbraune Oberfläche entstand. Sie probierten, und sie waren begeistert.

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Es war das erste Mal, dass Japaner dieses Gebäck sahen. Karl Juchheim wusste nicht, dass er in diesem Moment etwas auslöste, das größer war als er selbst. Er wusste nur eines: Dieses Gebäck, das er herstellte, hieß Baumkuchen, und es war in Deutschland ein König unter den Kuchen – ein Gebäck, das so aufwendig war, dass es nur wenige Meister überhaupt noch herstellen konnten. Der Baumkuchen verdankt seinen Namen dem Querschnitt.

Schneidet man ein fertiges Stück an, sieht man konzentrische Ringe, wie die Jahresringe eines Baumes. Jeder Ring entspricht einer Schicht Teig, die über einem rotierenden Spieß aufgetragen und unter Hitze gebacken wurde, bevor die nächste folgte. Ein traditioneller Baumkuchen hat zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig solcher Schichten, jede zwischen zwei und fünf Millimetern dünn. Die Herstellung klingt nach einem überschaubaren Handwerk.

Es ist das Gegenteil. Der Konditor gießt eine dünne Schicht Teig auf den sich drehenden Spieß, lässt sie bei Hitze stocken, prüft mit dem Auge, ob die Oberfläche die richtige goldbraune Farbe erreicht hat, und gießt dann die nächste Schicht auf. Zu früh aufgetragen, ist die Schicht darunter noch nicht fertig. Zu spät, ist sie bereits zu trocken, um sich mit der nächsten zu verbinden.

Ein traditioneller Baumkuchen braucht zwischen einer und zwei Stunden. Er lässt sich nicht beschleunigen. Er erfordert die vollständige Aufmerksamkeit eines ausgebildeten Konditors für die gesamte Dauer seiner Entstehung. Die frühesten schriftlichen Belege für den Baumkuchen finden sich in deutschen Kochbüchern des 17.

Jahrhunderts. Im deutschsprachigen Raum des 18. und 19. Jahrhunderts war er ein Festtagsgebäck der höheren Gesellschaft.

Er war teuer wegen des Zeitaufwands, wegen der Qualität der Zutaten, wegen des Fachwissens, das seine Herstellung verlangte. An Fürstenhöfen wurde er als Geschenk zwischen Herrschern überreicht. In wohlhabenden Bürgerfamilien wurde er zu Hochzeiten und Weihnachten bestellt. Er war nicht das Gebäck des Alltags, er war das Gebäck des besonderen Moments.

Ein Konditor, der Baumkuchen herstellen konnte, war kein gewöhnlicher Zuckerbäcker. Er war ein Spezialist. Die Ausbildung dauerte Jahre und erforderte ein fast intuitives Gespür für die Temperatur der Flamme, für die Konsistenz des Teigs, für den genauen Moment, in dem eine Schicht fertig war. Dieser Moment ließ sich nicht mit Thermometern oder Timern messen.

Er wurde mit den Augen erkannt, durch Erfahrung, durch tausende Stunden am Spieß. Die Stadt Salzwedel in der Altmark erhebt seit Jahrhunderten den Anspruch, die eigentliche Heimat des Baumkuchens zu sein. In Salzwedel gibt es seit dem frühen 19. Jahrhundert eine lebendige Tradition der Herstellung, und der Salzwedeler Baumkuchen ist seit 2007 als geschützte geographische Angabe der Europäischen Union registriert.

Das schützt die Tradition. Es schützt nicht davor, dass sie ausstirbt. Denn in Deutschland fehlt das, was eine handwerkliche Tradition am Leben hält: der Markt. Der Baumkuchen ist aufwendig und deshalb teuer.

Er ist zerbrechlich und deshalb schwer zu transportieren. Die jüngeren Generationen in Deutschland kaufen keine Baumkuchen. Die Älteren kaufen sie an Weihnachten gelegentlich. Die Nachfrage reicht nicht, um eine neue Generation von Baumkuchenkonditoren auszubilden.

Das ist die deutsche Seite der Geschichte: eine Geschichte des langsamen Vergessens. Die japanische Seite der Geschichte beginnt mit einem Krieg, einem Kriegsgefangenen und einem Ausstellungsstand in Hiroshima. Karl Juchheim wurde im Jahr 1886 in Westerburg im Westerwald geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Konditor und suchte sein Glück in der weiten Welt.

Im Jahr 1908 reiste er nach Tsingtau, einer Stadt, die damals unter deutschem Kolonialschutzgebiet stand. Juchheim eröffnete dort eine Konditorei und belieferte die deutsche Kolonie mit mitteleuropäischem Gebäck, Torten und Pralinen. Er heiratete Elise, eine Frau aus seiner Heimat, die ebenfalls nach Tsingtau gekommen war. Dann begann der Erste Weltkrieg.

Im Jahr 1914 griff Japan, das auf der Seite der Entente stand, das deutsche Kolonialgebiet in China an. Nach einer kurzen Belagerung kapitulierte die deutsche Garnison. Karl Juchheim, ziviler Kolonist, wurde zusammen mit den deutschen Soldaten als Kriegsgefangener interniert und nach Japan gebracht. Die deutschen Kriegsgefangenen wurden relativ human behandelt.

Viele durften handwerklich tätig sein. Die Japaner waren fasziniert von den Deutschen, von ihrem Handwerk, ihrer Kultur. Die Deutschen brachten den Japanern das Brotbacken bei, die Herstellung von Wurst, das Brauen von Bier. Und Karl Juchheim wartete, konditionierte, dachte an seine Konditorei in Tsingtau und bereitete sich auf das vor, was kommen würde.

Am vierten März des Jahres 1919 fand in Hiroshima eine Ausstellung statt: die Ausstellung südmeerischer Produkte aus deutschem Kolonialbesitz. Karl Juchheim stand an einem Ausstellungsstand, und er backte Baumkuchen. Es war das erste Mal, dass Japaner dieses Gebäck sahen. Was die Japaner in diesem Moment sahen, war nicht nur ein fremdes Gebäck.

Sie sahen ein Gebäck, das eine tiefe Übereinstimmung mit japanischen ästhetischen und symbolischen Vorstellungen hatte. Die konzentrischen Ringe des Baumkuchens erinnerten an Wachstum, an Zeit, an Beständigkeit. In der japanischen Kultur ist das Bild des Baumes, der Ringe, der Schichtung ein positives, bedeutungsvolles Symbol. Das war kein bewusster Marketingschachzug.

Es war ein kultureller Zufall. Aber Zufälle dieser Art ändern manchmal die Geschichte. Karl Juchheim blieb in Japan. Im Jahr 1920 eröffnete er in Yokohama eine Konditorei, das „Haus Juchheim“.

Elise half beim Aufbau des Betriebs. Das Erdbeben von Kantō im September 1923, eines der verheerendsten Erdbeben der japanischen Geschichte, zerstörte Yokohama und vernichtete auch die Konditorei. Aber die Familie baute neu auf, in Kōbe, und dann größer, mit einem Café mit deutschen Spezialitäten und einem Ruf, der sich in Japan langsam, aber sicher verbreitete. Das Herzstück seines Angebots wurde der Baumkuchen.

Er war das Aufwendigste, das Exklusivste, das Unbekannteste – und das machte ihn zum Begehrtesten. In der japanischen Hierarchie der Geschenke, in der die Qualität und Seltenheit des Geschenks die Wertschätzung des Gebers ausdrückt, fand der Baumkuchen seinen Platz. Der Zweite Weltkrieg unterbrach diese Geschichte. Als Japan 1945 kapitulierte, wurden deutsche Staatsbürger als Angehörige einer Feindnation behandelt.

Karl und Elise Juchheim wurden im Alter von fast sechzig Jahren aus Japan ausgewiesen. Karl Juchheim starb 1949 in Berchtesgaden, wenige Jahre nach seiner Rückkehr. Er hatte Japan nie wiedergesehen. Aber er hatte etwas hinterlassen, das größer war als er: Die japanischen Mitarbeiter seiner Konditorei in Kōbe, die die Technik des Baumkuchens von ihm gelernt hatten, führten das Unternehmen weiter – unter japanischer Leitung, aber unter dem Namen Juchheim, weil der Name Vertrauen bedeutete, weil der Name Baumkuchen bedeutete.

Das Unternehmen wuchs in den Nachkriegsjahrzehnten zu einem der bekanntesten Süßwarenkonzerne Japans. Heute betreibt es über dreihundert Filialen in ganz Japan und produziert täglich tausende Baumkuchen. Und es blieb nicht allein. Das Japan des 20.

Jahrhunderts entwickelte eine Eigendynamik, die weit über das ursprüngliche deutsche Rezept hinausging. Japanische Konditoren begannen, den Baumkuchen zu interpretieren. Sie verwendeten japanische Zutaten: Matcha, das feine grüne Teepulver; Sakura, Kirschblütenextrakt; Yuzu, eine japanische Zitrusfrucht; schwarzen Sesam; Sake. Der Baumkuchen verwandelte sich.

Er blieb in seiner Technik erkennbar deutsch – die Ringe, der Spieß, die Schichtung. Aber in seinem Geschmack wurde er japanisch. Eine Hybridform entstand, die es in Deutschland nie gegeben hatte. Heute ist der japanische Markt für Baumkuchen einer der bedeutendsten der Welt.

Die japanische Präfektur Nagano hat sich zu einem überraschenden Zentrum entwickelt. Lokale Produzenten verwenden Äpfel aus der Region, Walnüsse, Honig von Nagano-Bienen und kombinieren diese mit der klassischen Baumkuchentechnik zu Produkten, die als Souvenir für Reisende verkauft werden. Der Baumkuchen ist in Nagano zu einem Symbol regionaler Identität geworden – genauso wie der Lebkuchen in Nürnberg oder der Stollen in Dresden, nur dass Nagano nie in der Nähe Deutschlands war. In Japan wird Baumkuchen zu Hochzeiten verschenkt.

Er wird in den prächtigen Lebensmittelabteilungen der großen Warenhäuser verkauft. Er wird in spezialisierten Boutiken hergestellt. Es stellt sich die Frage, die bei jedem kulturellen Produkt irgendwann gestellt wird: Wem gehört der Baumkuchen? Die formale Antwort ist einfach.

Der Salzwedeler Baumkuchen ist EU-geschützt. Der japanische Baumkuchen heißt „Baumkuchen“, was schlicht die phonetische Übertragung des deutschen Wortes ist, und er wird von japanischen Konditoren hergestellt, ohne geographischen Schutz. Aber die eigentliche Frage ist eine andere. Sie lautet nicht: Wer hat rechtlichen Besitz an dem Gebäck?

Sie lautet: Wo lebt das Gebäck wirklich? Und die Antwort im Jahr 2025 ist eindeutig: in Japan. In Japan gibt es Menschen, die ihr Leben dem Baumkuchen gewidmet haben. In Deutschland gibt es nur noch wenige solcher Menschen, und die, die es gibt, kämpfen gegen eine Gleichgültigkeit an, die das eigentliche Gegenteil von Japan ist.

Es gibt seit einigen Jahren eine Gegenbewegung. Junge deutsche Konditoren, zum Teil inspiriert durch die japanische Baumkuchen-Renaissance, beginnen den Baumkuchen neu zu entdecken. In Berlin, in Hamburg, in einigen mittelgroßen Städten entstehen kleine Werkstätten, die Baumkuchen wieder auf traditionelle Weise herstellen. Manche dieser jungen Konditoren sind nach Japan gereist, um dort zu lernen.

Sie haben in japanischen Betrieben gearbeitet, japanische Techniken beobachtet, japanische Varianten probiert – und sie sind zurückgekehrt nach Deutschland, zur deutschen Technik, zum deutschen Grundrezept, aber mit einem anderen Bewusstsein dafür, was möglich ist, wenn man das Handwerk ernst nimmt. Das ist eine der merkwürdigsten Wendungen der Geschichte: Ein deutsches Gebäck, das nach Japan reiste, wurde dort so lebendig gehalten, dass es von Japan nach Deutschland zurückkehren musste, um deutsche Konditoren an ihre eigene Tradition zu erinnern. Karl Juchheim wollte seinen Landsleuten in Tsingtau Heimatgeschmack bieten. Er hatte keine Absicht, einen kulturellen Austausch zu stiften.

Er war ein Konditor, der sein Handwerk kannte, und er praktizierte es dort, wo er war. Aber indem er es praktizierte, indem er an einem Märztag in Hiroshima einen Baumkuchen auf einem Spieß drehte und eine Menge japanischer Besucher zuschauen ließ, löste er etwas aus, das größer war als er selbst. Die Ringe des Baumkuchens wachsen langsam, Schicht um Schicht. Jede Schicht braucht Zeit, um zu stocken.

Man kann sie nicht beschleunigen. Man kann sie nicht überspringen. Ein Baumkuchen mit zwanzig Ringen enthält zwanzig Momente vollständiger Aufmerksamkeit – zwanzig Entscheidungen, zwanzig Mal, in denen ein Mensch sein Handwerk gegen die Ungeduld des Augenblicks gestellt hat. Vielleicht ist das der Grund, warum Kulturen, die Geduld schätzen, in diesem Gebäck etwas erkannt haben, das über den Geschmack hinausgeht.

In Japan haben sie diese Lektion gelernt. In Deutschland lernen sie sie gerade wieder – Schicht für Schicht, Ring für Ring, so wie es der Baumkuchen selbst verlangt. Und vielleicht wächst in den Ausbildungswerkstätten der wenigen verbliebenen Meister, in den kleinen Konditoreien, die das Handwerk noch nicht aufgegeben haben, gerade eine neue Schicht – eine Schicht, die von Japan gelernt hat, was Deutschland fast vergessen hatte.