Am Abend des 20. August 2005 wartete ich in der Lobby des Kölner Hilton, um einen vermeintlichen Auftrag zu erfüllen — ein Shooting mit einem berühmten Rennfahrer-Manager. Ich hatte mein…

Am Abend des 20. August 2005 wartete ich in der Lobby des Kölner Hilton, um einen vermeintlichen Auftrag zu erfüllen — ein Shooting mit einem berühmten Rennfahrer-Manager. Ich hatte mein...

Am 21. August 2005 betritt eine Reinigungskraft das Zimmer 715 des Kölner Hilton Hotels. Der Anblick, der sich ihr bietet, wird sie nie vergessen: Der 37-jährige Fotograf Nikolaus G. liegt in einer großen Blutlache.

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Mehr als zwanzig Mal wurde mit einem Baseballschläger auf ihn eingeschlagen. Er ist an einem Schädel-Hirn-Trauma und massivem Blutverlust gestorben. Das Radio läuft, das Licht brennt — aber Nikolaus bewegt sich nicht mehr. Nur wenige Stunden zuvor war alles noch ganz anders gewesen.

Nikolaus G. lebte in Berlin und war ein erfolgreicher Fotograf. Er hatte für den Spiegel, die Zeit und den Stern gearbeitet, Persönlichkeiten wie Wolfgang Joop und Gregor Gysi porträtiert. Doch der Sommer 2005 war finanziell schwierig für ihn.

Als Freiberufler war er auf stabile Aufträge angewiesen, und die waren nicht selbstverständlich. Seine große Hoffnung: ein Bildband zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Doch bis dahin war es noch ein Jahr hin. Am 17.

August traf sich Nikolaus mit einem Freund in einem Café. Kurz ging er vor die Tür, um zu telefonieren. Als er zurückkam, wirkte er nervös. Es dauerte nicht lange, bis er sich verabschiedete.

Ob dieses Telefonat etwas mit dem zu tun hatte, was in den nächsten Tagen geschah, ist bis heute unklar. Zwei Tage später reiste Nikolaus nach Köln. Die Stadt war voll, denn dort fand der Weltjugendtag der katholischen Kirche statt, zu dem auch der Papst erwartet wurde. Rund 1,2 Millionen Menschen kamen damals in die Stadt.

Nikolaus konnte in der Wohnung einer Freundin unterkommen, die im Urlaub war. Und dann kam ein Auftrag herein: Er sollte einen der Kardinäle fotografieren, die für den Jugendtag in der Stadt waren — Kardinal Karl Lehmann, ein wichtiger Mann der katholischen Kirche. Ein Honorar von 500 Euro wollte er nicht ausschlagen. Doch am 20.

August wartete Nikolaus vergeblich am vereinbarten Treffpunkt. Der Kardinal kam nicht. Später stellte sich heraus: Dieser Fototermin war nie vereinbart worden. Das konnte Nikolaus nicht wissen.

Er war vermutlich einfach frustriert. Dann bekam er einen weiteren Anruf. Ein anderer Auftrag, nicht weniger spannend: Er solle um 20 Uhr im Hilton Hotel sein. Dort könnte er Willy Weber fotografieren, den ehemaligen Rennfahrer und damaligen Manager von Michael und Ralf Schumacher.

Um 19:44 Uhr traf Nikolaus im Hilton ein. An der Rezeption fragte er nach einem Herrn Rodenstock. Der Hotelmitarbeiter wusste, wen er meinte: Rodenstock hatte erst eine knappe halbe Stunde zuvor eingecheckt. Er sei noch unter der Dusche, würde sich aber melden, sobald er fertig sei.

Also wartete Nikolaus in der Lobby. Um kurz vor 20 Uhr rief er seine Freundin an und hinterließ ihr eine Nachricht auf der Mailbox. Er sagte, die Auftragslage habe sich wieder geändert, aber Willy Weber sei extra für das Shooting mit ihm eingeflogen worden. Er ärgere sich über die vielen Planänderungen, sei aber froh, dass endlich etwas klappe.

„Der Auftrag wird immer skurriler“, sagte er. „Ich melde mich dann um Mitternacht oder so. “ Das war die letzte Nachricht von Nikolaus G. Nachdem er aufgelegt hatte, nahm er seine Fotoausrüstung und machte sich auf den Weg ins Zimmer 715.

Dieses Zimmer sollte er nicht mehr lebend verlassen. Am Vorabend, um 19:10 Uhr, hatte ein Mann mit einer Golftasche die Lobby des Hilton betreten. Er gab sich als Lars Rodenstock aus und bat um ein Doppelzimmer für sich und seine Ehefrau. Sie werde in etwa einer Stunde nachkommen und seinen Ausweis mitbringen.

Der Mann hatte eine bandagierte Hand, also füllte der hilfsbereite Rezeptionist das Buchungsformular für ihn aus. Auch eine Kreditkarte hatte der Gast nicht dabei — er bezahlte bar. Seine Frau werde eine Karte zum Hinterlegen mitbringen, versicherte er. So erhielt er die Schlüssel für Zimmer 715.

Das Problem: Es gab keine Ehefrau. Und Lars Rodenstock gab es auch nicht. Die Überwachungskameras in der Lobby zeichneten alle drei Sekunden ein Bild auf. Sie zeigten den Mann mit der Golftasche und, 19 Minuten später, einen zweiten Mann mit einem silbernen Metallkoffer.

Beide hatten sich Baseballkappen tief ins Gesicht gezogen. Die Polizei ging davon aus, dass die beiden Täter den Fotografen unter dem falschen Vorwand eines Auftrags ins Zimmer 715 gelockt hatten. Nikolaus betrat das Zimmer um etwa 20 Uhr. Dort wurde er sofort angegriffen.

Um 20:09 verließ der erste Mann die Lobby, um 20:11 der zweite. Der Mord und die Reinigung des Tatorts hatten nicht einmal zehn Minuten gedauert. Licht und Radio waren angeschaltet worden, damit das Zimmer bewohnt wirkte. Die Täter waren bestens vorbereitet.

Die Tatwaffe war verschwunden — vermutlich in der Golftasche des einen und dem silbernen Koffer des anderen versteckt. An den Tatorten waren Spuren gezielt verwischt worden. Ein Raubmord schloss die Polizei aus: Außer Nikolaus‘ Handy fehlte nichts, und die teure Fotoausrüstung hatte man nicht angefasst. Monatelang tappte die Polizei im Dunkeln.

Im Dezember 2005 wurde der Fall in der Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ vorgestellt, doch wertvolle Hinweise blieben aus. Es war die unermüdliche Polizeiarbeit, die den Fall schließlich löste. Die Ermittler überprüften sämtliche Kontakte von Nikolaus — darunter auch eine Ex-Freundin namens Monika K. , eine Fernsehschauspielerin.

Über sie kamen die Ermittler auf einen Mann, der verdächtig wirkte: Daniel C. , ein 29-Jähriger. Als im Sommer 2006 bekannt wurde, dass er verdächtigt wurde, saß Daniel C. bereits im Gefängnis.

Er hatte im November 2005 gefälschte Konzerttickets für Bon Jovi und die Pet Shop Boys bei eBay verkauft und damit rund 160. 000 Euro gemacht. Bei seiner Festnahme trug er zudem eine geladene Schusswaffe. Und nicht nur das: Daniel C.

war seit 2002 auf der Flucht gewesen. Damals war er aus einer Justizvollzugsanstalt abgehauen und in Deutschland untergetaucht. Er hatte zahlreiche falsche Identitäten benutzt: Ulbrecht Pollens, Franz Xaver Panzer — und am 20. August 2005: Lars Rodenstock.

So kreativ wie mit den falschen Namen war Daniel C. auch mit seinen Telefonnummern. Zur Vorbereitung des Mordes hatte er vier verschiedene Nummern benutzt. Eine davon hatte er auch für seinen Ticket-Betrug verwendet.

So kam man ihm schließlich auf die Schliche. Nachdem Daniel C. mit den Vorwürfen konfrontiert wurde, benannte er einen Mann als zweiten Täter: Agron B. , einen ehemaligen Karatetrainer aus einem Stuttgarter Fitnessstudio.

Doch Agron B. geriet ausschließlich aufgrund der Aussagen von Daniel C. unter Verdacht — und das sollte später entscheidend werden. Die Polizei konnte den Tagesablauf von Daniel C.

am Tattag rekonstruieren: Schon Anfang 2005 hatte er versucht, Nikolaus in Berlin zu treffen, um einen vermeintlichen Auftrag zu besprechen, den Termin aber kurzfristig abgesagt. Im August 2005 gab es in Köln weitere Versuche. Kurz vor der Tat kauften Daniel und sein Mittäter Baseballkappen und eine Golftasche. Deshalb war auch der Termin mit dem Kardinal geplatzt: Daniel war zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Weg nach Köln und musste mit einem Mietwagen anreisen.

So wurde offenbar ein zweites angebliches Shooting — mit Willy Weber — organisiert. Dort lief Nikolaus in die tödliche Falle. Doch die wichtigste Frage blieb offen: Warum wollte Daniel C. tot sein?

Im August 2007 standen die beiden Verdächtigen in Köln vor Gericht. Das angenommene Motiv: Eifersucht. Zum Zeitpunkt der Tat war Daniel C. mit Monika K.

verlobt und hatte mit ihr zwei Kinder. Daniel soll ihre Tagebücher gelesen und daraus erfahren haben, dass sie früher für Nikolaus geschwärmt hatte — Jahre bevor sie Daniel traf. Trotzdem soll das so starke Eifersucht ausgelöst haben, dass er beschloss, Nikolaus zu töten. In der Vergangenheit war Daniel bereits gegenüber Monika und einer der gemeinsamen Töchter gewalttätig geworden.

Das Gericht beschrieb ihn später als intelligent, redegewandt, geschäftstüchtig, luxusliebend, unehrlich, menschenverachtend, sehr einnehmend, überzeugend und manipulativ. Daniel C. stritt vor Gericht nicht ab, für den Tod von Nikolaus verantwortlich zu sein. Aber es habe sich nicht um Mord gehandelt.

Vielmehr habe man dem 37-Jährigen eine „Abreibung“ verpassen wollen — jedoch nicht wegen der Beziehung zwischen Nikolaus und Monika. Die habe es nämlich nie gegeben, so sein Verteidiger. Daniel habe Nikolaus einen Auftrag gegeben: 5. 000 Euro dafür, dass Nikolaus sensible Fotos von Monika aus dem Internet entfernt.

Obwohl Nikolaus das Geld angenommen habe, habe er sich nicht an die Abmachung gehalten. Daniel habe ihn im Hotelzimmer zur Rede stellen wollen und den Mitangeklagten als Unterstützung dabei gehabt. Vor Ort sei die Situation dann eskaliert, weil sich Nikolaus so heftig gewehrt habe. Doch das Gericht sah es anders.

Die heimtückische Vorgehensweise und die Schnelligkeit der Tat sprachen gegen diese Erzählung. Für das Gericht war klar: Daniel C. war ein Mörder. Beim zweiten Angeklagten sah das anders aus.

Es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Agron B. im August 2005 in Köln gewesen war. Das Einzige, was ihn belastete, war die Aussage von Daniel C. — und der war mit seinen zahlreichen Fake-Identitäten und Betrügereien keine zuverlässige Quelle.

Deshalb wurde Agron B. freigesprochen. Die Kammer ging zwar weiterhin davon aus, dass eine zweite Person beteiligt war, aber es gab keine Anhaltspunkte dafür, dass es Agron B. war.

Wer der Mann mit dem silbernen Koffer war, ist bis heute ungeklärt. Er ist davongekommen. Anders als Daniel C. : Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er Nikolaus G.

in die tödliche Falle gelockt und im Hotelzimmer brutal ermordet hatte. Im November 2007 wurde er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Er legte Revision ein, doch der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil und den Freispruch für den Mitangeklagten. Es ist eine gruselige Vorstellung, dass der zweite Täter nie gefasst wurde.

Der Mord an Nikolaus G. war sinnlos. Dass Eifersucht wegen einer vergangenen Schwärmerei einen Menschen zu einem Mord treiben kann, ist unbegreiflich. Nikolaus hatte sogar eine feste Freundin.

Daniel war verlobt und Vater. Es gab keinen echten Konflikt — nur das Ego eines Täters mit einer langen Strafakte.