Der Anruf kam an einem Montagmorgen. Ich war gerade in der Dienststelle, als die Meldung hereinkam: In einem Einfamilienhaus in Düsseldorf seien zwei Leichen gefunden worden. Es gab konkrete Hinweise auf ein Tötungsdelikt. Was mich besonders beeindruckte, war die Brutalität, mit der die beiden Menschen umgebracht worden waren.

Das Ehepaar Wolfgang und Bärbel B. lag im Flur ihres Hauses, beide durch zahlreiche Messerstiche getötet. Die Haushaltshilfe hatte sie gefunden, als sie am Morgen ihren Dienst antreten wollte. Wolfgang B.
, ein erfolgreicher Unternehmer mit Verpackungsfabrik und mehreren Immobilien, und seine Frau wurden zwischen Sonntagnachmittag und Montagfrüh ermordet. Am Tatort bot sich ein blutiges Bild. Im Erdgeschoss, wo das männliche Opfer wohnte, waren Schubladen geöffnet und Papiere lagen auf dem Boden verteilt. Auf den ersten Blick hätte man an einen Raubmord denken können.
Doch im Obergeschoss, wo die Frau gelebt hatte, fanden wir Wertgegenstände, die problemlos hätten mitgenommen werden können. Dort war nichts durchsucht worden. Bei einem Raubmord hätten die Täter genügend Zeit gehabt, das Haus in Ruhe zu durchsuchen – die Opfer wurden erst am Montagabend entdeckt. Die Unversehrtheit der Wertgegenstände in der oberen Etage machte die Raubtheorie schnell fragwürdig.
Es gab keine Einbruchspuren. Die Täter mussten von den Opfern selbst ins Haus gelassen worden sein. Dann machte die Spurensicherung eine entscheidende Entdeckung: An der stark blutverschmierten Tür zum Wohnzimmer fanden wir einen Fingerabdruck. Das Blut war zuerst da, der Fingerabdruck kam danach.
Das bedeutete: Derjenige, dem dieser Abdruck gehörte, war in der Wohnung, als die Opfer schon stark bluteten. Er musste mit der Tat zu tun haben. Wir ermittelten die Angehörigen und suchten die Tochter des Paares auf, eine 22-jährige Frau namens Daniela K. Sie war über den Tod ihrer Mutter natürlich schockiert.
Dennoch baten wir sie, mit ins Präsidium zu kommen, um sie zu den Umständen zu vernehmen. Das tat sie auch. Sie erzählte, dass sie am Sonntagnachmittag zusammen mit ihrem damaligen Verlobten ihre Mutter und ihren Stiefvater besucht hatte. Es sei ein harmonischer Nachmittag gewesen.
Am späten Nachmittag seien sie dann zurück nach Wuppertal gefahren, wo das Paar eine gemeinsame Wohnung hatte. Die Eltern hätten noch mit dem Hund spazieren gehen wollen. Die Aussagen wirkten glaubhaft. Routinehalber nahmen wir von der Tochter und ihrem Lebensgefährten Fingerabdrücke, um die am Tatort gefundenen Abdrücke schneller zuordnen zu können.
Dann kam die Überraschung: Der Fingerabdruck, den wir am Tatort im Blut gefunden hatten, stimmte exakt mit dem Abdruck von Daniela K. überein. Wir konfrontierten sie mit dem Ergebnis. Für uns war klar: Sie musste zumindest bei der Tatausführung dabei gewesen sein, wenn nicht sogar die Täterin selbst sein.
Wir eröffneten ihr und ihrem Verlobten den Stand der Dinge. Beide wurden sofort als Beschuldigte vernommen. Nur drei Tage nach dem brutalen Mord gestand Daniela K. , ihre Eltern gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten umgebracht zu haben.
Das schnelle Geständnis überraschte uns nicht wirklich, die Spurenlage war eindeutig. Die 22-Jährige war kriminalpolizeilich nie in Erscheinung getreten. Ihr Verlobter ebenso wenig. Beide hatten bis dahin ein ganz normales Leben geführt, ohne Erfahrungen mit Polizei oder Kriminalität.
Die Tochter sagte, sie sei erleichtert gewesen, als wir kamen – sie habe „gestehen dürfen“. Das Motiv war schnell geklärt. Die 22-Jährige befürchtete, aus dem Testament ihrer sehr vermögenden Eltern gestrichen zu werden. Doch das war nicht alles: Sie gab an, von ihrem Stiefvater sexuell belästigt worden zu sein.
Sie habe sich von ihrer Mutter nicht akzeptiert gefühlt und die beiden einfach loswerden wollen. Sie beschrieb ihre Eltern als Ballast in ihrem Leben. Ihrem Lebensgefährten hatte sie das alles geschildert, und er hatte sich offenbar dadurch dazu drängen lassen, an der Tat teilzunehmen. Auch den Tatablauf rekonstruierten wir aus ihren Aussagen.
Die beiden hatten an einer Tankstelle Wodka gekauft und diesen mit Schlafmitteln versetzt. Damit der Geschmack nicht so ungewöhnlich war, versahen sie das Ganze mit einer Sahnehaube. Der Stiefvater setzte sich auf die Couch, schlief ein und schnarchte. Die Mutter spielte mit ihrer Tochter und deren Verlobtem Karten.
Doch der Plan ging nicht ganz auf: Der Stiefvater wurde wieder wach, und sie mussten improvisieren. Die Tochter ging mit ihrer Mutter in deren Wohnung im ersten Stock. Dann kam es zum entscheidenden Augenkontakt zwischen der Tochter und ihrem Verlobten – ihm war klar, dass jetzt die Tat umgesetzt wurde. Der Verlobte zog ein Messer aus dem Rucksack und ging zu Wolfgang B.
, der benommen und taumelnd aufstand. Der 33-Jährige stach zu. Doch der Unternehmer wehrte sich. Es kam zum Kampf, und die Tochter kam die Treppe herunter, um ihren Verlobten zu unterstützen.
Der Verlobte stach mehrfach auf den Stiefvater ein. Dann kam die Mutter herunter, völlig konsterniert, rief immer wieder den Namen ihrer Tochter und schrie: „Wir können über alles reden! “ Doch dann griff der Verlobte auch sie an. Schließlich nahm die Tochter das Messer und stach auf ihre eigene Mutter ein.
Als sich das Ehepaar nicht mehr bewegte, kontrollierten beide den Puls. Um einen Überfall vorzutäuschen, öffneten sie einige Schubladen und verteilten den Inhalt auf dem Boden. Danach fuhren sie zurück nach Wuppertal, warteten dort noch eine Weile, packten die Tatkleidung und die Tatwaffe ein, fuhren zum Rhein und versenkten die Tasche dort. Taucher der Polizei bargen sie später.
Daniela K. und ihr Lebensgefährte wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Bei Daniela K. stellte das Gericht zusätzlich die besondere Schwere der Schuld fest.
Aus dem Testament ihrer Eltern war sie übrigens nie gestrichen worden – vom Erbe im Wert von geschätzten sieben Millionen Euro wird die Doppelmörderin aber nichts mehr sehen.

