Ich hielt das Handy meiner Tochter in der Hand und starrte auf den Bildschirm. „Steigst du nicht ein, veröffentliche ich die Bilder“, stand in der letzten Nachricht, die sie vor ihrem Verschwinden…

Ich hielt das Handy meiner Tochter in der Hand und starrte auf den Bildschirm. „Steigst du nicht ein, veröffentliche ich die Bilder“, stand in der letzten Nachricht, die sie vor ihrem Verschwinden...

Die Ermittler fanden das Handy von Ayleen, ausgeschaltet, zusammen mit ihren Schuhen, ihren Socken, ihrem Oberteil und dem Pullover, den sie ihrem Mitschüler zurückbringen wollte. In der kleinen Einzimmerwohnung von Jan P. in Waldsolms, Mittelhessen, lagen die Gegenstände des 14-jährigen Mädchens, das seit acht Tagen verschwunden war. Aber Ayleen selbst war nicht dort.

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Auch Jan P. war nicht in der Wohnung. Die Beamten hatten das Schlimmste befürchtet, als sie den Namen des Wohnungsinhabers überprüften. Jan P.

war als bekannter Sexualstraftäter registriert. Diese Erkenntnis ließ alle Alarmglocken schrillen. Ein Mann mit diesem Hintergrund hatte ein 14-jähriges Mädchen in seiner Gewalt. Die Frage war nur noch: Lebte sie überhaupt noch?

Der Kontakt zwischen Ayleen und Jan P. hatte Ende April 2022 begonnen. Über Snapchat, wo die 14-Jährige ein öffentliches Profil hatte, schrieb er sie an. Schnell wechselten sie zu WhatsApp.

Der Chat war von Anfang an stark sexualisiert. Jan P. schickte ihr einen abgespeicherten Fragebogen über ihre körperliche Entwicklung. Er stellte ein Regelwerk auf, in dem Ayleen geloben musste, ihm zu gehorchen und ihm sexuell zur Verfügung zu stehen.

Er versprach ihr Geld für intime Bilder, aber dieses Geld floss nie. Ayleen ging es auch nie um das Geld. Sie war auf der Suche nach Halt, wie so viele Jugendliche in diesem Alter, und geriet in eine Falle, aus der sie keinen Ausweg mehr fand. Die 14-Jährige versuchte, sich dem Einfluss des 29-Jährigen zu entziehen.

Mal war sie frech zu ihm und schrieb: „Lass mich in Ruhe“, mal kam sie ihm entgegen. Doch sie schaffte es nicht, den Kontakt vollständig abzubrechen. Jan P. baute enormen Druck auf.

Er drohte, ihre Nacktfotos zu veröffentlichen, ihren Eltern zu zeigen. Er drohte, sich selbst umzubringen, wenn sie nicht tue, was er sage. Und er drohte, ihren Bruder zu töten. Mit dieser perfiden Masche trieb er sie in eine Teufelsspirale.

Er forderte ein reales Treffen, um mit dem Mädchen Sex zu haben. Ayleen versuchte, das Treffen am 21. Juli 2022 noch mehrfach über Nachrichten zu verhindern. Sie schrieb ihm, dass sie das nicht wolle.

Doch Jan P. ließ sich nicht aufhalten. Nach seiner Nachtschicht bei einer Sicherheitsfirma in Frankfurt setzte er sich ins Auto und fuhr die 300 Kilometer bis nach Gottenheim bei Freiburg, wo Ayleen lebte. Ayleen hatte ihm nie ihre Adresse mitgeteilt, aber sie hatte offenbar ihren Standort bei Snapchat freigegeben.

Um 16. 45 Uhr verließ Ayleen das Haus. Ihrer Mutter sagte sie, sie wolle einem Mitschüler einen Pullover bringen. Es war der Pullover, der später in Jans Wohnung gefunden wurde.

Er suggerierte ihr: „Steigst du nicht ein, veröffentliche ich die Bilder und sage es deinen Eltern. “ Unter dem Eindruck dieser Drohung stieg sie in sein Fahrzeug. Ayleen hatte in diesem Moment erkannt, in welcher Gefahr sie schwebte, aber ein erwachsener Mann, der einem real gegenübersteht, wirkt anders als eine Chat-Nachricht. Er ist einschüchternd.

Als Ayleen um 21. 51 Uhr immer noch nicht zu Hause war, rief ihre Mutter die Polizei an. Verzweifelt berichtete sie, dass ihre Tochter seit dem Nachmittag spurlos verschwunden sei. Ayleen sei noch nie so lange weggeblieben.

Das schüchterne, zurückhaltende Mädchen, das in eine kleine Mädchenclique integriert war, hätte nie alleine Gottenheim verlassen. Es war sehr ungewöhnlich, dass sie am helllichten Tag verschwand. Die Polizei nahm den Fall von Anfang an ernst und intensivierte die Ermittlungen. Noch in der Nacht startete die Polizei in Freiburg eine großangelegte Suche.

Mit weit über 100 Mann der freiwilligen Feuerwehr, Kräften der Bereitschaftspolizei, Mantrailern des DRK, Polizeihunden und einem Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera wurde alles unternommen, was möglich war. Doch Ayleen blieb verschwunden. Die Ermittler versuchten, ihr Handy zu orten, aber das war schwierig. Ayleen hatte kein Guthaben mehr, so dass Telefon- und Internetkontakt nur über W-LAN möglich war.

Die Analyse ihrer Social-Media-Aktivitäten ergab Standortdaten mitten auf dem Tuniberg, einem zehn Kilometer langen Höhenzug. Tausend Möglichkeiten, wo sich jemand verstecken konnte. Die Beamten ließen nicht locker. Sieben Tage nach Ayleens Verschwinden fanden sie tatsächlich Fragmente von Standortdaten.

Die Telefonprovider meldeten, dass Ayleens Handy am Tattag an drei verschiedenen Orten eingebucht war. Einmal in Gottenheim, und dann zweimal in Butzbach und Langgöns in Hessen. Die Ermittler ließen aufhorchen: Was machte dieses junge Mädchen nachts in Hessen? Dann entdeckten sie sogenannte Kreuztreffer.

Ayleens Handy wurde von einem anderen Handy begleitet. Der Anschlussinhaber dieses Handys war ein gewisser Herr P. Als die Polizei ihn überprüfte, schrillten alle Alarmglocken. Er war als bekannter Sexualstraftäter hinterlegt.

Die Polizei musste extrem schnell reagieren, denn es war unklar, ob Ayleen noch lebte oder gewaltsam festgehalten wurde. In der Nacht durchsuchten hessische Spezialeinsatzkräfte die Wohnung von Jan P. in Waldsolms. Sie brachen die Tür auf und drangen ein, fanden aber keine Personen vor.

Die Wohnung wurde akribisch durchsucht. In der kleinen Einzimmerwohnung fanden die Beamten schnell Gegenstände, die Ayleen zuzuordnen waren: ihr Handy, ihre Schuhe, ihre Socken, ihr Oberteil und den Hoodie. Das machte die Situation noch brisanter. Man wusste, man war an der richtigen Stelle, aber nicht, wo Ayleen war.

Jan P. schien auf dem Nachhauseweg zu sein. Die Beamten wussten: Wenn er nach Hause kommt, merkt er, dass die Polizei ihm auf der Schliche ist. Deshalb wurde er im Laufe des Vormittags im Raum Frankfurt vorläufig festgenommen.

Er wurde auf eine Dienststelle in Frankfurt gebracht, wo ein Ermittlerteam auf ihn wartete. Die Vernehmung war unergiebig. Jan P. bestritt, Ayleen zu kennen.

Er wüsste nicht, warum man ihn festnehmen würde. Auf Vorhalte reagierte er nicht, er war wortkarg. Für die Ermittler ein Albtraum: Der Verdächtige schweigt, und von Ayleen fehlt jede Spur. Parallel untersuchten die Kollegen in Frankfurt das Handy von Jan P.

Dort waren Standortdaten hinterlegt. Man konnte sehen, dass er sich in der tatrelevanten Nacht vom 21. auf den 22. Juli im Bereich des Teufelsees bei Echzell aufhielt.

Die Kripoleitung bat die Ermittler, schnellstmöglich dorthin aufzubrechen. Der Teufelsee ist ein ehemaliger Tagebau, heute ein dicht bewachsenes, schwer zugängliches Naturschutz- und Vogelschutzgebiet. Ayleen war jetzt seit acht Tagen verschwunden. Die Ermittler stellten sich an einer Vogelbeobachtungsstation auf und versuchten, sich einen Überblick über den See zu verschaffen.

Bis zum Ufer waren es vielleicht 40 bis 50 Meter, aber wegen der Büsche war es nicht sehr detailliert einsehbar. Auf die andere Seite des Sees konnte man nicht sehen. Dann traf zeitgleich der Polizeihubschrauber ein. Aus der Luft kam die Meldung: Ein weiblicher Körper trieb am anderen Seeufer, genau gegenüber von ihnen, im Wasser.

Die Ermittler stiegen ins Auto, fuhren um den See herum und schlugen sich durch das Dickicht. Sie liefen einen Fußweg von etwa 250 bis 300 Metern durch wirklich unwegsames Gelände. Dann kamen sie am Ufer an und sahen sofort einen weiblichen Körper im Wasser treiben. Bis zu diesem Moment hatte der Ermittler noch die Hoffnung, dass Ayleen leben könnte.

Als er den Leichnam im Wasser sah, war die Hoffnung zerstört. Es war ein Schock für die erfahrenen Mordermittler. Die Rechtsmedizin wurde eingeschaltet. Etwa zwei bis drei Meter vom Ufer entfernt lag eine Person bäuchlings im Wasser.

Einer der Ermittler ging mit einer Gummistiefelhose der Feuerwehr ins Wasser und fotografierte aus der Distanz. Dann wurde entschieden, den Leichnam zu bergen. Mit ein, zwei Feuerwehrleuten traten sie an den Leichnam heran, wickelten Tüten um die Hände, damit die Haut so bleibt, wie sie ist, und bargen den Körper. Der Leichnam passte von der Statur her zu einem jungen Mädchen.

Durch Fäulnisprozesse und die Liegezeit im Wasser war eine Identifizierung nicht möglich. Aber die Veränderungen deuteten darauf hin, dass die Liegezeit etwa einer Woche entsprechen könnte. Als die Ermittler gemeinsam mit der Rechtsmedizin dort standen, war ihnen relativ schnell klar: Das muss der Leichnam von Ayleen sein. Der Leichnam wurde noch am Abend ins Institut für Rechtsmedizin in Gießen gebracht.

DNA-Proben wurden entnommen und noch am gleichen Tag analysiert. Die Probe konnte Ayleen zugeordnet werden. Die traurige Gewissheit war da. Die 14-Jährige war tot, fast 300 Kilometer entfernt von ihrem Heimatort, in einem See in Hessen.

Die Nachricht von Ayleens Tod erschütterte Deutschland. In Gottenheim trauerten die Menschen. Am Rathaus legten sie Blumen und Botschaften nieder. Der Bürgermeister sagte: „Ich habe Gottenheim noch nie so ruhig und still erlebt.

“ Jeder zog sich zurück, jeder musste diese Information verarbeiten. Die Polizei informierte auf einer Pressekonferenz in Freiburg über den Stand der Ermittlungen. Anhand der digitalen Spuren konnte man sagen, dass Ayleen in einem Fahrzeug von Gottenheim in Richtung Hessen gefahren ist. Ob sie freiwillig mitfuhr oder wie sie ins Fahrzeug verbracht wurde, war noch offen.

Die Ermittler sichteten alle Überwachungskameras auf der Strecke. Schließlich entdeckten sie Aufnahmen, die belegten: An einer Raststätte, Renchtal Ost in Baden-Württemberg, um 21. 15 Uhr, saß Ayleen offenbar lebend auf dem Beifahrersitz, während Jan P. die Tankstelle aufsuchte.

Zu diesem Zeitpunkt wussten die Ermittler: Als sie in Richtung Hessen fuhr, lebte sie noch. Der Tatort der Tötung lag mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in Hessen. Jan P. schwieg immer noch.

Für die gegründete Sonderkommission LACUS war das ein Problem. Es fehlte der Beweis, dass Jan P. Ayleen getötet hat. Die Ermittler arbeiteten das Leben des Täters auf.

Sie wollten feststellen: Ist das eine Affekttat? Gibt es ähnlich gelagerte Taten? Dabei stellten sie fest: Jan P. hatte mit 14 Jahren eine fast ähnlich gelagerte Tat begangen wie jetzt bei Ayleen.

Die Ermittler waren auf einen Serientäter gestoßen. Ein 29-jähriger Mann, der bereits als Sexualstraftäter bekannt war, der frei kam und überwacht wurde, bis die Überwachung endete. Und dann verschwand Ayleen.