An Weihnachten 1994 verschwand meine Mutter spurlos. Ich war sechs Jahre alt und dachte mein ganzes Leben lang, sie hätte mich einfach zurückgelassen, um in Deutschland neu anzufangen. 25 Jahre…

An Weihnachten 1994 verschwand meine Mutter spurlos. Ich war sechs Jahre alt und dachte mein ganzes Leben lang, sie hätte mich einfach zurückgelassen, um in Deutschland neu anzufangen. 25 Jahre...

Der zweite Weihnachtsfeiertag 1994 beginnt in Eikost, einem verschlafenen Dorf in Niedersachsen, harmlos. Ein Spaziergänger nutzt das ruhige Wetter für einen ausgedehnten Gang und bleibt abrupt stehen: In einem unscheinbaren Wasserloch am Wegesrand treibt eine Frauenleiche. Sie liegt mit dem Gesicht nach unten im teilweise gefrorenen Wasser und rührt sich nicht mehr. Der Mann verständigt sofort die Polizei.

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Als die Ermittler eintreffen und den Körper umdrehen, stockt ihnen der Atem: Das Gesicht der jungen Frau ist durch massive Gewalteinwirkung bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Am Tatort, einem Seitenweg der Kreisstraße K59, sichern die Beamten eine einseitige Fahrzeugspur auf dem Grünstreifen – als wäre ein Auto halb auf der Straße, halb auf dem Gras gefahren. Gegenüber, im Dickicht, liegt ein brauner Mantel. Im Gras verstreut finden sich mehrere lose Zähne zwischen Blutflecken.

Sie gehören der Toten. Wer auch immer sie angegriffen hat, ist mit brutaler Härte vorgegangen. Aus der Spurenlage rekonstruiert die Polizei das Geschehen: Die Frau saß als Beifahrerin in einem Auto, wahrscheinlich einem größeren BMW. Zwischen ihr und dem Fahrer muss ein Streit entbrannt sein.

Sie floh aus dem Wagen, er folgte ihr auf die andere Straßenseite, riss ihr den Mantel vom Körper. Dann schlug er sie nieder – so schwer, dass sie Zähne verlor. Am Boden liegend, verletzte er sie weiter im Kopfbereich, vermutlich mit einem scharfkantigen Gegenstand mit Griff, vielleicht einem Beil oder Klappspaten. Die Verletzungen waren verheerend: Schädelbruch, Schädelbasisbruch, Brüche im Gesicht und Kiefer, zertrümmerter Kehlkopf.

Danach schleifte der Täter die Bewusstlose 25 Meter die Straße hinunter zum Wasserloch und warf sie hinein, mit dem Gesicht nach unten. Die Obduktion zeigt später: Die Frau lebte noch, als sie ins Wasser stieß. Der Täter muss ihr Gesicht sogar noch unter Wasser gedrückt haben, um sicherzugehen, dass sie seinen Angriff nicht überlebt – die Todesursache war letztlich Ertrinken. Doch die Polizei steht vor einem Rätsel.

Die Tote hat keine Papiere, keine Tasche, keinen Schmuck – nichts, womit man sie identifizieren könnte. Aufwendige Gesichtsrekonstruktionen werden erstellt, Fotos veröffentlicht. Die Analysen ergeben: Die Frau war etwa 25 bis 30 Jahre alt, klein und zierlich, trug schlichte Massenware-Kleidung, einen zu großen braunen Wollmantel mit notdürftig hochgenähtem Innenfutter und neue Winterstiefel aus der aktuellen Kollektion von C&A. Ihr Hintergrund deutet auf Nordafrika oder Vorderasien hin.

Ein Mann meldet sich und glaubt in den Fotos seine Bekannte Ganja Tilke zu erkennen – eine Thailänderin, die gemeinsam mit ihm Weihnachten 1994 verbracht hatte. Sie arbeitete in Wolfsburg-Fallersleben als Sexarbeiterin, unter anderem um ihre Glücksspielsucht zu finanzieren. Die Speichelprobe schließt einen Abgleich jedoch aus: Die Tote ist nicht Ganja, die weiterhin vermisst bleibt. Dennoch gibt es eine Zeugin, die Ganja im Dezember 94 im Restaurant „Chinatown“ in Wolfsburg gesehen haben will – in Begleitung einer anderen Frau, die einen braunen Mantel trug.

Ganz wie die Tote. Die Ermittler fragen sich bis heute, ob das Verschwinden der einen mit dem Mord an der anderen zusammenhängt. 2019 ändert sich der Fall schlagartig: Ein verheirateter Familienvater in Österreich meldet seine Mutter als vermisst. Sie sei seit 25 Jahren verschwunden.

Sein ganzes Leben lang dachte er, sie habe ihn verlassen, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen, als er nur sechs Jahre alt war. Doch der Brief, den sie einst aus Tunesien schickte, war ihr letztes Lebenszeichen. Jetzt erfährt der Mann die Wahrheit: Seine Mutter Sakia Mansur wurde nie freiwillig zurückgelassen – sie wurde grausam ermordet. Sie ist die unbekannte Tote aus dem Wasserloch in Eikost.

Die Ermittler rekonstruieren ihre letzten Tage: Sakia kommt am 13. Dezember 1994 am Flughafen Hannover an, mit Direktflug aus Tunesien. Ihren Sohn lässt sie bei Verwandten zurück, um in Deutschland Fuß zu fassen – sie plante, ihn nachzuholen, sobald alles geregelt war. Aus der Telefonzelle ruft sie zu Hause an, erzählt von einer neuen Freundin aus Wolfsburg, die sie im Flugzeug kennengelernt habe.

Ein Verwandter bringt kurz vor Weihnachten ein Paket mit zurück in die Heimat: Spielzeug und Kleidung für den Sohn sowie einen Brief an ihre Schwester. In dem Brief erwähnt Sakia einen Mann in Salzgitter, mit dem sie sich treffen wollte. Der Mann gibt später an, sie eine Nacht beherbergt zu haben, dann sei sie nach Wolfsburg gefahren. Auch dort verbringt sie eine Nacht, danach verliert sich ihre Spur ab dem 16.

Dezember – bis zu ihrem gewaltsamen Tod in der Nacht auf den 25. Dezember. Ein Zeuge erinnert sich, Sakia in der Diskothek „Nanu“ in Salzgitter gesehen zu haben – auffallend klein, hübsch, etwas verloren wirkend. Wann genau, weiß er nicht mehr.

Die Polizei vermutet, dass sie in den Tagen vor ihrem Tod in Hannover, Wolfsburg oder Salzgitter unterwegs war – vielleicht auf Weihnachtsmärkten oder in anderen Clubs, und hofft auf alte Fotos aus der Zeit. Ein möglicher Zusammenhang zu Ganja Tilke bleibt bestehen. Vielleicht hat die Sexarbeiterin Sakia Kontakte ins Milieu verschafft – womöglich ohne dass Sakia sich darüber im Klaren war. Vielleicht wollte sie jemand zu etwas zwingen, das sie nicht wollte, und so entstand der Streit, der zu ihrem Tod führte.

Oder Ganja war sogar als Mittäterin dabei und musste danach verschwinden, weil sie zu viel wusste. Es gab sogar die Theorie, Ganja könnte wegen Spielschulden untergetaucht sein und unter der Identität der Ermordeten weiterleben – schließlich war das Gesicht der Toten bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert. Doch da nie eine Frau unter dem Namen Sakia Mansur aufgetaucht ist, verliert diese Theorie an Gewicht. An den Schuhen der Toten sicherten die Ermittler DNA-Spuren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Täter stammen.

Sollte die Polizei einen Verdächtigen finden, kann ein Abgleich den Mörder überführen. Auffällig ist: Die Ermittler sprechen nicht nur vom Mörder, sondern auch von der „Mörderin“. Sie scheinen einen weiblichen Täter nicht auszuschließen – vielleicht wegen der Verbindung zu Ganja, vielleicht wegen einer Theorie, von der die Öffentlichkeit nichts weiß. Der Fall Sakia Mansur ist bis heute nicht gelöst.

Ihr Mörder bleibt frei, doch ihren Namen kennt man endlich. Die Polizei gibt nicht auf – und die Familie des Mannes, der 25 Jahre lang glaubte, seine Mutter habe ihn verlassen, weiß nun die Wahrheit über ihr grausames Schicksal.