Meine Schwester starb, weil ihr Ehemann glaubte, sie betrüge ihn. Ein Gerücht. Eine bloße Vermutung. Und am Ende waren zwei unschuldige Menschen tot.

Ich heiße Seid, und Sadia war nicht nur meine kleine Schwester. Sie war mein bester Freund. Alles in einem: Mutterfigur, Ratgeberin, Vertraute. Oft hatte ich das Gefühl, sie sei die Ältere von uns beiden.
Sie bedeutete mir alles. Ich denke jeden Tag an sie. Jeden Tag. Wir wurden im Irak geboren und kamen 1995 mit unseren Eltern nach Norddeutschland.
Wir gehören zur jesidischen Glaubensgemeinschaft. Mit sechzehn lernte Sadia auf einer Hochzeit ihren späteren Ehemann kennen. Kurz darauf heirateten sie, und 2011 kam ihr erster Sohn zur Welt, danach noch zwei Töchter. Sie lebten in Delmenhorst.
Doch ihr Mann entwickelte eine krankhafte Eifersucht. Es störte ihn, dass Sadia selbstständig und selbstbewusst war. Dass sie den Führerschein hatte, morgens die Kinder zur Schule fuhr und nachmittags abholte. Dass sie allein zum Arzt gehen konnte und allein einkaufen.
Die normalsten Dinge der Welt. Für ihn waren sie ein Affront. Sadia behielt ihre Probleme für sich. Weder ich noch meine Eltern ahnten, wozu ihr Mann fähig war.
Er wirkte wie ein Familienmensch, war täglich bei uns, machte mit Sadia Späßchen wie ein verliebtes Pärchen. Einen Tag vor der Tat traf ich ihn sogar noch. Wir redeten, rauchten zusammen eine Zigarette. Ich merkte nichts.
Nichts. Am 3. Oktober 2021, gegen 18:30 Uhr, traf sich Barsan H. mit vier Cousins und seinem Bruder.
Er war gerade von einer zweimonatigen Reise aus dem Irak zurückgekehrt. In dieser Zeit hatte er sich offenbar radikalisiert. Er war rasend vor Eifersucht und glaubte, Sadia betrüge ihn mit einem anderen Mann. Es gab nie eine Affäre.
Die beiden Toten kannten sich nicht einmal richtig. Sie hatten sich nie ernsthaft getroffen oder kontaktiert. Doch Barsan, sein Bruder und die Cousins glaubten an die Affäre. Für sie war die Ehre der Familie verletzt.
Deshalb sollten Menschen sterben. Sie beschlossen, der Nebenbuhler müsse sterben. Die Cousins fuhren zu einer Sportsbar wenige Kilometer entfernt. Dort vermuteten sie den Mann.
Sie stellten fest: Er war da. Er war allein. Sie riefen Barsan an. Er kam mit seinem Bruder.
Zeugen sahen, wie er mit einem waghalsigen Fahrmanöver vor der Bar vorfuhr. Das Gericht sah darin später sogar einen Beleg für seine Zurechnungsfähigkeit. In der Bar saß der Mann, den er für den Liebhaber seiner Frau hielt, mit dem Rücken zur Tür. Ohne Warnung griff Barsan ihn von hinten an und stach immer wieder zu.
Insgesamt fünfundzwanzigmal. Einer seiner Verwandten rief noch: „Lass gut sein, er ist doch längst tot. “ Ein anderer sagte beim Hinausgehen: „Gut gemacht, Bruder. “ Der einzige unabhängige Zeuge saß im Hinterraum an einem Spielautomaten und sah den Täter fliehen.
Der Angegriffene starb noch am Tatort. Doch für Barsan war die Ehre damit noch nicht wiederhergestellt. Er fuhr nach Hause, zu seiner Frau. In der gemeinsamen Wohnung fiel er über Sadia her.
Einundzwanzigmal stach er auf sie ein. Ihre achtjährige Tochter sah alles mit an. Sie ging irgendwann dazwischen. Barsan sagte später sogar zur Polizei: „Ich habe aus Mitleid mit meiner Tochter nicht so häufig zugestochen.
“
Der Lärm alarmierte zwei Nachbarinnen. Sie riefen die Polizei. Barsan floh Richtung Bremen. Während der Fahrt prahlte er in einem Facebook-Live-Video mit den Morden: „Ich habe meine Frau getötet und ihn habe ich auch getötet.
Ich habe diese Sache nicht aus Spaß gemacht. Ich habe diese Sache wegen der Ehre gemacht. Ich habe meine Ehre nicht in den Dreck gezogen. “
Kurz vor Mitternacht wurde er festgenommen.
Ich war an diesem Abend unterwegs zu meinen Eltern. Später wollte ich noch meine Schwester besuchen. Plötzlich klingelte mein Telefon. Es war mein Bruder.
Im Hintergrund schrie meine Mutter. Ich solle sofort kommen. Irgendetwas sei passiert, ein Messer sei im Spiel. Als ich am Haus meiner Schwester ankam, waren überall Polizei, Krankenwagen, Presse.
Mir wurde klar: Das war nicht nur eine Bedrohung mit einem Messer. Da musste etwas Schlimmes passiert sein. Ich musste auf der Straße warten. Dann sah ich, wie sie auf einer Trage heruntergetragen wurde, bewusstlos.
Blut tropfte auf den Boden. Da wusste ich: Jetzt müssen wir beten, dass sie nicht stirbt. Sadia kam in ein Krankenhaus nach Oldenburg. Auf der Intensivstation stabilisierte sich ihr Zustand zunächst.
Wichtige Organe waren nicht getroffen. Es klang so, als würde sie bald nach Hause kommen. Doch am nächsten Tag hatte ich ein ganz komisches Gefühl. Ich wollte unbedingt noch einmal mit ihr reden.
Ich rief im Krankenhaus an. Die Schwester am Telefon sagte nur: „Ich darf keine Informationen weitergeben. “ Ich fragte mich: Warum? Gestern war doch alles okay.
Am Abend, gegen 23 Uhr, kam die Polizei zu uns nach Hause. Sie sagte uns, dass Sadia verstorben sei. Ganz plötzlich, an einer Hirnblutung. Am 5.
Oktober 2021, zwei Tage nach der Tat. Die Ärzte sahen die Hirnblutung als Folge des Messerangriffs. Ich musste meiner Mutter und meinen Geschwistern sagen, dass sie gestorben war. Dann brach zu Hause das Chaos aus.
Jeder weinte, jeder schrie. Es war ein sehr, sehr schlimmer Tag für meine Familie. Im März 2022 erhob die Staatsanwaltschaft Mordanklage gegen Barsan H. Vor dem Landgericht Oldenburg trafen sich die Familien der beiden Opfer und des Täters.
Die Stimmung war angespannt. Der Mörder deiner Schwester sitzt genau gegenüber von dir, nur ein paar Meter entfernt. Und dann kam noch die Enttäuschung über seine Familie dazu. Sie war wie meine eigene Familie gewesen.
Und dann erfuhr ich, dass sie alle hinter meinem Rücken einen Mord an meiner Schwester geplant hatten. Dass kein einziger vernünftiger Mensch gesagt hatte: „Stopp! “ Das war eines der schwierigsten Dinge. Im Februar 2023 wurde Barsan H.
wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Eine vorzeitige Haftentlassung ist damit ausgeschlossen. Die Beweislage war klar: Es gab Zeugen und vor allem das Facebook-Live-Video.
Zwanzig Minuten lang hatte er darin mehrfach gesagt: „Ich habe sie umgebracht und ich habe ihn umgebracht. “
Sadias Tod gilt als sogenannter Ehrenmord. Dabei töten Männer Frauen, die aus ihrer Sicht gegen ihren Machtanspruch verstoßen. Wer als Mann seine Frau nicht beherrschen kann, gilt in manchen patriarchalischen Gesellschaften als ehrlos.
Ich habe dafür kein Verständnis. Für mich gibt es keinen Ehrenmord. Was bedeutet denn Ehrenmord? Das hat mit keiner Religion zu tun.
Keine dieser Religionen sagt: „Bring deine Frau um. “ Es hat doch niemand das Recht, einen Menschen umzubringen. Und erst recht nicht, weil man sich im eigenen Ego gekränkt fühlt. Was hat das mit Ehre zu tun, wenn man zu einem Messer greift und eine wehrlose Frau angreift?
Jeder, der das unterstützt und als Ehrenmord sieht, ist genauso schlimm wie der Täter. So sah es auch das Gericht. Nach dem Urteil gegen Barsan H. wurde gegen seine Verwandten ermittelt.
In einem zweiten Prozess wurden vier von ihnen wegen Beihilfe zum Mord zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach der Verhandlung ging ich aus dem Gerichtsgebäude hinaus. Es war einfach vorbei, aber meine Schwester war trotzdem nicht da. Der Schmerz war wie vorher.
Das Leben war wie vorher. Es hat sich eigentlich nichts verändert, außer dass er für immer eingesperrt ist. Aber einen richtigen Seelenfrieden bringt das nicht. Sadia wurde nur 27 Jahre alt.
Sie hinterlässt einen Sohn und zwei Töchter. Die Kinder wachsen jetzt bei unserer Familie auf. Wir gehen oft ans Ufer der Weser, an einen Ort, an dem wir viel Zeit mit ihr verbracht haben. Im Sommer waren wir dort mit den Kindern.
Sadia war mein Herz. Sie fehlt mir jeden Tag.


