Am Dienstagmorgen fand meine Familie das Frühstück unberührt, das Handy lag noch da – aber mein Mann war weg. Nur im Garten entdeckten wir Blutspuren und eine Schleifspur bis zum Grundstücksende….

Am Dienstagmorgen fand meine Familie das Frühstück unberührt, das Handy lag noch da – aber mein Mann war weg. Nur im Garten entdeckten wir Blutspuren und eine Schleifspur bis zum Grundstücksende....

Am frühen Morgen des 13. April 2021 verließ Holger Borowski sein Haus in einem kleinen Dorf bei Goslar – und blieb für immer verschwunden. Seine Frau Maike und die beiden Söhne fanden das Frühstück unberührt in der Küche. Toast und Tee standen bereit, aber Holger hatte nichts angerührt.

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Sein Handy, seine Geldbörse, seine Medikamente und sein Arbeitsrucksack lagen noch da. Nur der Rucksack seines Sohnes fehlte. Offenbar hatte er in Eile den falschen gegriffen. Sein blauer Kleintransporter war weg.

Die Familie dachte zunächst, er habe verschlafen und sei überstürzt losgefahren. Doch als er sich den ganzen Tag nicht meldete und auch nachmittags nicht nach Hause kam, schöpften sie Verdacht. Bei seinen Arbeitskollegen in Hannover erfuhren sie: Holger war an diesem Tag nie zur Arbeit erschienen. Sie riefen mehrere Krankenhäuser an, aber niemand hatte ihn gesehen.

Gegen 20 Uhr meldete die Familie den 51-Jährigen als vermisst. Die Polizei fuhr noch am selben Abend zum Haus der Familie. Dabei fielen den Beamten sofort zwei Flecken mit roter Flüssigkeit auf – einer auf der Terrasse, einer im Garten. Es sah aus wie Blut.

Vom Fleck im Garten führte eine Schleifspur bis zur Grundstücksgrenze. Am nächsten Morgen übernahm Kriminalhauptkommissar Michael Bote den Fall. Zusammen mit der Spurensicherung besichtigte er das Gelände. Am Ende des Gartens fanden sie eine defekte Brille – sie gehörte Holger Borowski.

Die Familie erklärte, er sei ohne Brille nicht fahrtüchtig gewesen. Auch seine lebenswichtigen Tabletten, darunter Blutverdünner nach zwei Herzinfarkten, hatte er zurückgelassen. Bote hatte sofort ein ungutes Gefühl. Die Familie machte einen ehrlich bestürzten Eindruck.

Alle schilderten das Familienleben als harmonisch. Holger und sein ältester Sohn waren zusammen beim Darten und Angeln, die ganze Familie unternahm viel gemeinsam. Nichts deutete darauf hin, dass Holger freiwillig verschwunden war. Bei der Befragung der Nachbarn ergaben sich zwei merkwürdige Hinweise.

Ein Nachbar hatte zwischen 4:45 und 5:30 Uhr eine Taschenlampe im Garten der Familie gesehen – er dachte, jemand suche die Katze. Eine Frau aus der Nebenstraße berichtete von einem schwarzen Kleinwagen mit Braunschweiger Kennzeichen, der dort am frühen Morgen geparkt hatte. Zwischen 5 und 5:30 Uhr hatte sie eine Person am Kofferraum gesehen. Die Polizei suchte nach dem Halter des schwarzen Kleinwagens.

Das Problem: Es gab rund 700 Fahrzeuge dieser Marke mit Braunschweiger Kennzeichen. Eine Spur, die sich erst viel später als entscheidend herausstellen sollte. Am 16. April meldete sich ein Zeuge: Holgers blauer Kleintransporter stand auf dem ehemaligen Expogelände in Hannover, ordnungsgemäß verschlossen.

Mit einem Zweitschlüssel öffneten die Beamten das Fahrzeug. Holger war nicht darin, aber auf der Rückbank lag der Rucksack seines Sohnes. Im Innenraum entdeckten sie Spuren, die wie Blut aussahen. Wenige Tage später kam die traurige Gewissheit: Bei der roten Flüssigkeit auf Terrasse und im Garten handelte es sich zweifelsfrei um Holger Borowskis Blut.

Die Forensiker zerlegten das Fahrzeug über Tage hinweg. Mit Luminol machten sie Blut sichtbar, das zuvor entfernt worden war. Auf der Rückbank, im Einstieg der Schiebetür, am Fahrersitz und am Lenkrad fanden sie größere Mengen. Auch hier bestätigten DNA-Tests: Es war Holgers Blut.

Die Ermittler waren sich sicher: Er hatte so viel Blut verloren, dass er das nicht überlebt haben konnte. Sie richteten eine Mordkommission ein. Die Beamten gingen davon aus, dass Holger am frühen Morgen auf seiner Terrasse oder im Garten angegriffen, schwer verletzt und über das Grundstück gezogen worden war. Der Täter müsse ihn mit dem Kleintransporter weggebracht haben.

Doch wohin? Die Leiche blieb unauffindbar. Auch die Frage, wie der Täter nach dem Abstellen des Wagens in Hannover zurückgekommen war, blieb zunächst offen. Dann stießen die Ermittler auf drei rätselhafte Puzzleteile, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten.

Erstens: Mitte März hatte Holgers Sohn im Garten einen Pfeil gefunden – kein Spielzeug, sondern ein Pfeil für eine Handarmbrust, eine echte Waffe. Zweitens: Auf Holgers Handy, das in der Küche zurückgeblieben war, fand sich ein seltsamer Chat. Eine unbekannte Nummer hatte ihm geschrieben – es ging um einen Brief und einen Treffpunkt auf einem Friedhof. Die Nummer führte zu einem Mann, der seit Jahren in der Schweiz und auf Malta lebte und nichts mit der Familie zu tun hatte.

Dessen Personalausweis war vor Jahren am Flughafen Hannover verschwunden. Drittens: der Brief selbst. Irgendwann im November 2020 war er anonym am Auto von Holger Borowski befestigt. Ein angeblicher guter Freund teilte Holger darin mit, seine Frau habe eine Affäre.

Er solle zum Friedhof kommen, um Beweisfotos abzuholen. Holger fuhr hin, fand dort aber nur einen weiteren Brief mit denselben Vorwürfen. Holgers Frau stritt die Affäre ab. Holger erzählte ihr, ihm sei auf dem Weg zum Friedhof ein weißer Kleinwagen aufgefallen.

Die Ermittler standen vor einem Rätsel. Dann kam der Durchbruch – durch den schwarzen Kleinwagen mit Braunschweiger Kennzeichen. Knapp drei Wochen lang hatte eine Kollegin die rund 700 Fahrzeuge abgearbeitet. Dann stieß sie auf eine Autovermietung, die einen solchen Wagen in ihrer Flotte hatte.

Und tatsächlich: Das Fahrzeug wurde am 13. April, dem Tag von Holgers Verschwinden, angemietet – von einem 50-jährigen Mann namens Stefan W. Stefan W. war für die Ermittler kein Unbekannter.

Er wohnte in derselben Gemeinde wie die Familie Borowski und war der beste Freund des Opfers. Nach Holgers Verschwinden war er regelmäßig bei der Familie zu Hause gewesen. Niemand hatte ihn als Verdächtigen in Betracht gezogen. Die Polizei behielt die Erkenntnis zunächst für sich.

Und dann kam eine weitere erschreckende Entdeckung: Stefan W. hatte immer dann Autos gemietet, wenn etwas im Umfeld der Familie Borowski passiert war. Einen Mietwagen am Tag, als der Sohn den Pfeil im Garten fand. Einen Mietwagen an dem Tag, als Holger auf dem Friedhof den Brief abholen sollte – einen weißen Kleinwagen, genau wie Holger seiner Frau beschrieben hatte.

Stefan W. war Polizist bei der Bundespolizei. Er hatte früher unter anderem am Flughafen Hannover gearbeitet – genau dort, wo der Personalausweis des Mannes mit der unbekannten Handynummer verschwunden war. Die Schlussfolgerung war unausweichlich: Stefan W.

musste den Ausweis an sich genommen haben, um mit einer fremden SIM-Karte anonym zu kommunizieren. Nun ermittelte die Polizei gegen einen eigenen Kollegen. Eine heikle Angelegenheit. Ein Polizist weiß, worauf er achten muss – keine Fingerabdrücke am Brief, keine Spuren im Auto.

Stefan W. nutzte sein Wissen. Doch der entscheidende Durchbruch kam, als die Ermittler Holgers Ehefrau erneut vernahmen. Der anonyme Brief hatte ihr eine Affäre vorgeworfen – das hatte sie bisher abgestritten.

Jetzt gab sie es zu: Sie hatte über Jahre eine Affäre mit Stefan W. gehabt. Er wollte eine feste Beziehung, sie wollte bei ihrer Familie bleiben und hatte Schluss gemacht. Das Motiv war klar: Stefan W.

wollte den Ehemann seiner ehemaligen Geliebten aus dem Weg räumen. Am 18. Mai 2021, genau fünf Wochen nach Holgers Verschwinden, sollte Stefan W. festgenommen werden.

Die Ermittler wussten, dass er seine Dienstwaffe mit nach Hause nahm. Sie planten den Zugriff auf dem Parkplatz des Flughafens Hannover, wo er arbeitete. Spezialkräfte nahmen ihn fest. Er leistete keinen Widerstand, wirkte überrascht – aber emotionslos und kühl.

Einen Tag später erließ die Staatsanwaltschaft Haftbefehl wegen Mordes. Stefan W. schwieg bei der Vernehmung. Doch die Ermittler fanden weitere Beweise.

Eine Durchsuchung seiner Wohnung ergab, dass er versucht hatte, seinen Browserverlauf zu löschen. Wiederherstellen konnten sie dennoch: Er hatte nach „Schock durch Armbrust“ gesucht – für ein herzkrankes Opfer eine lebensgefährliche Information. Außerdem hatte Stefan W. in einem österreichischen Shop eine Armbrust gekauft – genau die Waffe, zu der der Pfeil in Holgers Garten passte.

Und der anonyme Brief stammte nach einer technischen Untersuchung von einem Drucker an seinem Arbeitsplatz am Flughafen Hannover. Die Anklage lautete auf Mord. Doch eine Leiche und die Tatwaffe wurden nie gefunden. Im August 2021 wurde der Fall in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ gezeigt.

Die Ermittler hofften auf Hinweise zu Baumaterialien, die Stefan W. nach der Tat gekauft hatte: Stahlmatten, Rasengittersteine, Stacheldrahtrollen und Bauzaunelemente. Womöglich hatte er damit eine falsche Baustelle oder Absperrung errichtet, um die Leiche verschwinden zu lassen. Rund 30 Hinweise gingen ein, aber keiner führte zur Leiche.

Am 24. November 2021 begann der Prozess vor dem Landgericht Braunschweig. Stefan W. schwieg weiter.

Seine Verteidigung plädierte auf nicht schuldig. Die Staatsanwaltschaft forderte lebenslange Haft wegen Mordes. Nach 20 Verhandlungstagen verurteilte das Gericht Stefan W. am 31.

Mai 2022 wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Der Richter erklärte: „Er stand dem Zusammenleben im Weg und musste weg. “ Der Mord sei aus Eifersucht und damit aus niederen Beweggründen geschehen. Die Verteidigung legte Revision ein.

Doch im April 2023 wies der Bundesgerichtshof das Rechtsmittel ab – das Urteil war rechtskräftig. Stefan W. wird für mindestens 15 Jahre ins Gefängnis müssen. Aus dem Polizeidienst wurde er entlassen und verlor alle Beamtenrechte.

Holger Borowskis Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Immer wieder gehen Hinweise ein, denen die Polizei nachgeht. Gefundene Gebeine oder Schädel werden regelmäßig mit seiner DNA abgeglichen. Kriminalhauptkommissar Bote ist sich sicher, den richtigen Täter überführt zu haben: „Die Mietautos, der Brief, der Pfeil, die Affäre, die Baumaterialien – am Ende ergaben diese vielen kleinen Puzzleteile doch ein ganz klares Bild.

Hätte die Kollegin nicht diesen schwarzen Kleinwagen aus 700 Treffern herausgefiltert, hätten wir den Täter vielleicht nie überführt. “