Meine Tochter ging an einem normalen Nachmittag aus dem Haus, um Geld für ihr Abendessen abzuholen. Am nächsten Morgen war sie immer noch nicht zurück, und ich wusste, dass etwas Schreckliches…

Meine Tochter ging an einem normalen Nachmittag aus dem Haus, um Geld für ihr Abendessen abzuholen. Am nächsten Morgen war sie immer noch nicht zurück, und ich wusste, dass etwas Schreckliches...

Der Anruf kommt mitten in der Nacht. Am anderen Ende der Leitung ist eine raue, lallende Stimme, die sich Johnson nennt. Er sagt, er wisse, was mit Amy passiert ist. Manchmal behauptet er, sie sei bei einer Sexsklavenorganisation, manchmal sagt er, sie sei tot.

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Dann beschreibt er detailliert, wie sie angeblich vergewaltigt und misshandelt wurde. Susan Billig hält den Hörer umklammert und hört zu. Sie will auflegen, aber sie kann nicht. Jedes Wort könnte eine Spur sein, jedes Detail könnte zu ihrer Tochter führen.

Und so lässt sie den Fremden Nacht für Nacht in ihr Wohnzimmer eindringen, in der Hoffnung, dass er irgendwann einen Namen nennt, einen Ort, ein Stück Wahrheit. Es ist der 5. März 1974 gewesen, als Amy Billig zum letzten Mal lebend gesehen wurde. Ein ganz normaler Nachmittag in Coconut Grove, einem grünen, wohlhabenden Viertel von Miami.

Die 17-Jährige kommt mittags von der Schule nach Hause. Sie verabredet sich mit Freundinnen zum Essen, braucht Geld und will kurz bei ihrem Vater vorbeischauen, dessen Kunstgalerie nur wenige Minuten entfernt ist. Sie zieht sich um, nimmt ihre Jeans-Minirock-Kombination und ihre Korksandalen, und verlässt das Haus. Bauarbeiter sehen sie an der Ecke Poinciana Street und Main Highway stehen.

Sie streckt den Daumen raus, wie sie es oft tut, wenn sie durch das Viertel trampt. Es ist ein heller Tag, das Viertel ist ihr vertraut, und Hitchhiken ist damals für viele Jugendliche völlig normal. Das ist die letzte gesicherte Sichtung von Amy Billig. Sie kommt nie in der Galerie ihres Vaters an, trifft nie ihre Freundinnen, taucht nicht wieder zu Hause auf.

Am Abend klingelt das Telefon. Freundinnen fragen nach ihr. Dann kommt Nate Billig nach Hause und sagt, dass Amy nicht im Atelier aufgetaucht ist. In diesem Moment wird Susan klar, dass etwas Schreckliches passiert sein muss.

Sie ruft die Polizei an. Zuerst heißt es, man solle abwarten, ob Amy über Nacht nach Hause kommt. Aber sie kommt nicht. Am nächsten Tag beginnen die Ermittlungen.

Die Familie und Freunde durchsuchen die Gegend, verteilen Vermisstenplakate, sprechen mit Nachbarn. Die Polizei überprüft zuerst Amys direktes Umfeld, befragt Freunde, sucht nach Gründen für ein Weggehen. Doch es gibt keinen einzigen Hinweis, der ein freiwilliges Verschwinden erklären würde. Amy hat nichts mitgenommen, nichts deutet auf Streit oder Probleme hin.

Die Polizei stuft den Fall bald als unfreiwilliges Verschwinden ein. Knapp zwei Wochen später, am 18. März, findet ein Student an einer Ausfahrt der Florida Turnpike bei Wildwood, etwa 400 Kilometer von Miami entfernt, eine kleine Instamatic-Kamera im Gras. Es ist Amys Kamera.

Der Film zeigt unter anderem Fotos von einem Van und Motorradfahrern an einer Raststätte. Ob die Bilder am Tag ihres Verschwindens entstanden sind, bleibt unklar. Aber dass die Kamera so weit von Miami auftaucht, bekräftigt den Verdacht eines Verbrechens. Parallel dazu gehen zahlreiche Hinweise ein.

Mehrere Anrufer berichten, Amy sei von einer Motorradgang entführt worden. Es fallen Namen wie Outlaws und Pagans, zwei Bikerclubs, die für Gewalt, Drogenhandel und Übergriffe auf Frauen bekannt sind. In derselben Woche findet in Daytona die Bike Week statt, und verschiedene Gangs sind auf der Route an Miami vorbei unterwegs. Dass Amy beim Trampen in das Auto oder auf das Motorrad eines Bikers gestiegen sein könnte, passt ins Bild, bleibt aber zunächst nur eine Theorie.

Susan Billig klammert sich an jede Spur. Sie beginnt selbst in der Bikerszene zu recherchieren, fährt zu Bikertreffen und spricht mit Anwälten, die mit Rockerclubs zu tun haben. Immer wieder hört sie Geschichten von einem blonden Mädchen aus Miami, das auf einer Party gewesen sein soll, das angeblich als sogenannter Gemeinschaftsbesitz innerhalb einer Gang missbraucht wurde. Einige Zeugen behaupten sogar, Amy sei drogenabhängig gemacht und zur Prostitution gezwungen worden.

Beweise gibt es keine, aber die Beschreibungen passen teilweise zu Amys Aussehen. Die Behörden halten die Bikerspur für möglich, aber nie für gesichert. Keine Aussage führt letztendlich zu Amy oder zu einem eindeutigen Hinweis. Die Jahre vergehen, und mit jeder Spur, die im Sand verläuft, verlieren Amys Eltern ein Stück Hoffnung.

Und dann beginnt der Albtraum mit dem Telefon. Ab Anfang der 80er Jahre klingelt nachts immer wieder das Telefon im Haus der Billigs. Ein Mann, der sich Johnson nennt, spricht mit rauer, manchmal lallender Stimme. Er klingt betrunken oder drogenbenebelt.

Er sagt, er wisse, was mit Amy passiert ist. Manchmal behauptet er, sie sei bei einer Sexsklavenorganisation, manchmal sagt er, sie sei tot. Er beschreibt detailliert, wie sie angeblich vergewaltigt und misshandelt wurde. Die Gespräche sind voller Gewaltfantasien, aber Susan hört zu.

Sie hofft, dass er irgendwann ein Detail nennt, das zu ihrer Tochter führt. Über 15 Jahre lang terrorisiert der unbekannte Anrufer die Familie. Mal ruft er mehrmals in einer Nacht an, dann monatelang gar nicht. Susan schreibt die Gespräche mit, schneidet Kassetten mit, notiert Nummern und gibt alles an die Polizei weiter.

Sie reist sogar in andere Bundesstaaten, wenn der Anrufer behauptet, Amy sei dort gesehen worden. Die Polizei versucht, die Anrufe zu verfolgen, aber der Mann nutzt immer wieder öffentliche Telefonzellen. Erst Mitte der 90er Jahre macht er einen Fehler. Er ruft von einem Mobiltelefon aus an, und die Ermittler können die Nummer zurückverfolgen.

Der Anschluss gehört Henry Johnson Blair, einem verheirateten Familienvater, der für die US-Zollbehörde arbeitet und beruflich als Fahrer unterwegs ist. Blair wird festgenommen und gibt vor Gericht zu, die Anrufe getätigt zu haben. Eine Beteiligung an Amys Verschwinden bestreitet er. Er wird wegen Stalkings verurteilt.

Ob er ein grausamer Trittbrettfahrer ist oder tatsächlich mehr über die Tat weiß, bleibt unklar. Doch dann gibt es eine auffällige Parallele. In Amys Tagebuch findet sich ein Eintrag, den sie einige Wochen vor ihrem Verschwinden verfasst hat. Sie schreibt über einen Mann namens HT, der sie eingeladen hat, mit ihm nach Südamerika zu reisen.

Henry Blair ist im privaten Umfeld als Hank bekannt, und durch seinen Beruf ist er oft in Südamerika unterwegs. Auf einem entwickelten Foto von Amy ist außerdem ein weißer Van zu sehen, der Ähnlichkeit mit einem Van hat, den Henry Johnson Blair 1974 gefahren hat. Aber ein direkter Zusammenhang konnte nie hergestellt werden. In ihrem Tagebuch schrieb Amy auch, dass sie Hank gesagt habe, er sei verrückt.

Vielleicht hatte sie das Treffen also abgelehnt. Vielleicht. Sicher ist es nicht. Susan ist erleichtert über Henry Blairs Verurteilung, aber gleichzeitig zutiefst niedergeschlagen, dass seine Verhaftung zu keiner Spur geführt hat.

Sie hatte große Hoffnung, dass der Anrufer das Schlüsselstück sein würde, das zu ihrer Tochter führt. In den 90er Jahren rückt erneut die Bikerszene in den Fokus. Das frühere Bikerclub-Mitglied Paul Branch liegt im Sterben. Kurz vor seinem Tod soll er seiner Frau anvertraut haben, dass Mitglieder seiner Gang Amy 1974 entführt, unter Drogen gesetzt, mehrfach vergewaltigt und schließlich getötet haben.

Ihre Überreste seien beseitigt worden, sodass man sie nie wieder finden werde. Die Schilderung ist detailliert und deckt sich in Teilen mit dem, was Susan über die Jahre von Informanten gehört hat. Trotzdem können die Ermittler die Aussagen nicht unabhängig bestätigen. Alle möglichen Zeugen sind tot oder verweigern die Aussage.

Es gibt keine weiteren Hinweise, denen man nachgehen kann. Später meldet sich auch ein Medium zu Wort, das behauptet, Amy sei tot und ihre Knochen lägen unter Sand im Wasser. Die Polizei nimmt diese Spur nicht ernst. Im Laufe der Zeit gibt es unzählige Gerüchte, Geständnisse und Andeutungen.

Einige davon sind nachweislich falsch, andere verlaufen im Sand. Keine der Theorien reicht aus, um einen Täter eindeutig zu überführen oder Amys Verbleib zu klären. Für die Ermittler bleibt die stärkste Theorie die Entführung durch eine Motorradgang, aber auch sie konnte nie bestätigt werden. Amys Eltern geben trotzdem nie auf.

Sie verkaufen die Kunstgalerie, um Geld für Reisen und Recherchen zu haben. Susan fährt jahrelang quer durch die USA, von Florida nach Oklahoma, Nevada, Washington und schließlich sogar nach Großbritannien, um Spuren nachzugehen. Sie spricht mit Aussteigerinnen, Zuhältern, Wächtern und verurteilten Straftätern. Sie sucht in heruntergekommenen Motels an Highways und in Bars nach Amy.

Manchmal gelingt es ihr, junge Frauen aus gewalttätigen Motorradgangs herauszuholen. Sie findet nie ihre Tochter, aber sie rettet andere. Amys Vater Nate erkrankt an Lungenkrebs und stirbt 1993. Seine letzten Worte sind, dass er Amy gerne noch einmal sehen würde.

Susan führt die Suche alleine weiter. 2001 erscheint ihr Buch „Without a Trace“, in dem sie gemeinsam mit einem Journalisten Amys Verschwinden und ihre jahrzehntelange Suche beschreibt. Zwei Dokumentationen erzählen ihre Geschichte. 2002 wird im Peacock Park in Coconut Grove ein kleiner Meditationsgarten eingeweiht, der Amy gewidmet ist.

Ihr Bruder durfte ihn gestalten. Ein Stein mit einer Gedenkplatte erinnert an das Mädchen, das als Jugendliche im Gras saß, Musik hörte und von der Zukunft träumte. Susan stirbt 2005 im Alter von 80 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Bis zu ihrem Tod hoffte sie, dass Amy noch lebt oder dass sie zumindest erfährt, was mit ihrer Tochter geschehen ist.

Eine Leiche wird nie gefunden. Amy wird nie wieder zweifelsfrei lebend gesehen. Offiziell gilt sie bis heute als vermisst.