Es war kurz nach Mitternacht, als ich auf der Toilette saß und hörte, wie etwas ins Wasser plumpste. Ich schaute hinunter und sah das blaue Gesicht meines Babys, den Schaum vor dem Mund. Ich…

Es war kurz nach Mitternacht, als ich auf der Toilette saß und hörte, wie etwas ins Wasser plumpste. Ich schaute hinunter und sah das blaue Gesicht meines Babys, den Schaum vor dem Mund. Ich...

Die Wehen setzen ein, als Sabine in dieser Nacht im September 1988 mit Harndrang und Krämpfen aufwacht. Sie schleicht sich ins Bad, um die Familie nicht zu wecken, und setzt sich auf die Toilette. Dann hört sie ein Plumpsen. Als sie hineinsieht, erblickt sie ein blau angelaufenes Baby, Schaum vor dem Mund.

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Es ist ihr viertes Kind. Sie weiß nicht, ob es lebt oder schon tot ist. Sie wickelt es in ein Handtuch, setzt sich ins Wohnzimmer und beginnt zu trinken. Irgendwann geht sie mit dem Baby auf den Balkon, vergräbt es in einem mit Sand gefüllten Aquarium und schläft daneben ein.

Am nächsten Morgen verhält sie sich ihrer Familie gegenüber völlig unauffällig, so wie sie es ihr Leben lang gelernt hat. Ihr Mann spricht sie nicht auf die Schwangerschaft an. Er ahnt nichts. Sabine wächst in einer Familie auf, in der Konflikte keinen Platz haben.

Ihrer Mutter ist es wichtig, dass das Familienleben stets harmonisch wirkt. Dadurch lernt Sabine nie, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen, geschweige denn darüber zu sprechen. Sie lernt, dass man Probleme verschweigt und ignoriert. Diese Lektion wird ihr ganzes Leben bestimmen.

Mit 18 wird sie zum ersten Mal schwanger. Sie, ihre Familie und ihr späterer Ehemann freuen sich auf das Kind. Nach der Geburt einigen sie sich darauf, keine weiteren Kinder zu bekommen. Sie sagt ihm, sie nehme die Pille, tut es aber nicht.

Bereits vier Monate später ist sie wieder schwanger. Es beginnt eine Spirale, aus der sie nie wieder herausfindet. Ihr Mann reagiert mit Unverständnis und Wut, droht, sie zu verlassen. Doch auch er findet keinen Umgang mit der Situation und verschweigt die Schwangerschaft vor seiner Familie und seinem Arbeitgeber.

Nach der Geburt des dritten Kindes hat Sabine Angst, dass er seine Drohung wahr macht, sollte sie noch einmal schwanger werden. Im Sommer 1988 ziehen sie mit ihren drei Kindern in einen Plattenbau in Frankfurt an der Oder. Während der Umzugsvorbereitungen merkt Sabine, dass sie wieder schwanger ist. Aus Angst sagt sie ihm nichts.

Insgeheim hofft sie, er würde es selbst feststellen. Sie denkt, wenn schon drei Kinder da sind, ist auch für ein viertes Platz. Aber sie spricht ihn nicht an, und er spricht sie nicht an. Sie schweigt und ignoriert, bis die Wehen einsetzen.

Nach der Geburt des vierten Kindes, das sie auf dem Balkon vergräbt, trinkt sie im Alltag immer mehr. Ihr Alkoholkonsum verstärkt die Probleme in ihrer Ehe. Als sie 1992 wieder schwanger wird, verdrängt sie die Schwangerschaft durch noch stärkeren Alkoholkonsum. Doch diesmal gelingt es ihr nicht, sie vollständig zu verbergen.

Ihre Chefin bemerkt ihren Bauch und spricht sie an. Sabine leugnet, schwanger zu sein. Während einer Weiterbildung, die ihre Chefin ihr verordnet, wohnt sie mit Kolleginnen in einer Pension. Dort setzen die Wehen ein.

Sie bringt heimlich im Bett ihres Zimmers ein Kind zur Welt. Sie hört es wimmern. Sie legt die Bettdecke über das Neugeborene. Sie kümmert sich nicht um das hilflose Baby.

Später begründet sie das damit, dass sie gefürchtet habe, ein Arzt könnte feststellen, wie oft sie schon schwanger gewesen sei. Dadurch könnte die Tötung des letzten Kindes auffliegen. Eine nachvollziehbare Erklärung ist das nicht. Sie hätte das Kind warm einwickeln und an einem Ort ablegen können, an dem sie niemand kannte.

Stattdessen lässt sie es sterben, packt es in ihre Reisetasche und begräbt es zu Hause in einer Babywanne auf dem Balkon. Sie lässt sich weiterhin keine Verhütungsmittel verschreiben. Ihre Angst vor einer gynäkologischen Untersuchung, die ihre verborgenen Schwangerschaften aufdecken könnte, ist größer. Im Frühjahr 1993 bringt sie das nächste Kind zur Welt, lässt es sterben und vergräbt es mit den anderen auf dem Balkon.

Dieser Zyklus setzt sich die nächsten fünf Jahre fort. Dann geschieht, wovor sie sich immer gefürchtet hat: Ihr Mann verlässt sie und nimmt die Kinder mit. Sie beginnt weiter zu trinken, geht Bekanntschaften ein und findet einen neuen Partner. Von ihm wird sie schwanger.

Und hier ändert sich etwas Entscheidendes. Auch vor seiner Reaktion hat sie Angst, und er reagiert tatsächlich nicht begeistert. Doch er übernimmt Verantwortung. Er fordert sie auf, zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen, und signalisiert, dass er seine Rolle als Vater einnehmen wird.

Diesmal bringt sie das Kind zur Welt und steht offiziell dazu. Selbst als er sich von ihr trennt, versorgt sie das Kind als Mutter und ist offenbar liebevoll und bemüht. Doch von ihren toten Babys kann sie sich immer noch nicht trennen. Sie bringt die Gefäße, in denen sie die sterblichen Überreste vergraben hat, auf das Grundstück ihrer Eltern.

Um keinen Verdacht zu erregen, behauptet sie, darin seien wertvolle Blumenzwiebeln, und verbietet der Familie, die Behälter zu untersuchen. Jahre später will die Familie das Grundstück ausmisten und findet Knochen und Haarreste. Sie rufen die Polizei. Die Beamten finden die Überreste von neun getöteten Babys.

Am 7. April 2008 verurteilt das Landgericht Frankfurt an der Oder Sabine wegen Totschlags in acht Fällen zu 15 Jahren Gefängnis. Der erste Fall ist verjährt. Das Gericht attestiert ihr volle Schuldfähigkeit.

Die Strafe hat sie inzwischen abgesessen. Was bleibt, ist ein Fall, der bis heute einmalig ist in der deutschen Justizgeschichte. Und die Erkenntnis, dass die Fähigkeit, sich mit sich selbst und den eigenen Problemen auseinanderzusetzen, über Leben und Tod entscheiden kann.