„Wir können den Handel nicht treiben, ohne Krieg zu führen.“ Mit diesem Satz rechtfertigte ein Mann namens Jan Pieterszoon Coen eines der brutalsten Massaker des 17. Jahrhunderts – ausgelöscht…

„Wir können den Handel nicht treiben, ohne Krieg zu führen.“ Mit diesem Satz rechtfertigte ein Mann namens Jan Pieterszoon Coen eines der brutalsten Massaker des 17. Jahrhunderts – ausgelöscht...

Die Muskatnuss war einmal mehr wert als Gold – und für sie wurden Menschen abgeschlachtet. Anfang des 17. Jahrhunderts wuchs der Baum nur an einem einzigen Ort der Erde: auf den Banda-Inseln, einem winzigen Archipel in Indonesien. Wer das Gewürz wollte, musste dorthin.

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Einen anderen Weg gab es nicht. Die arabischen Händler, die den Fernhandel jahrhundertelang kontrollierten, hielten diesen Ort streng geheim. Sie erzählten absichtlich falsche Geschichten über die Herkunft, damit niemand ihr Geschäft untergraben konnte. Die Gewinnspanne war unvorstellbar: Auf Banda kosteten zehn Pfund Muskatnüsse weniger als einen Penny, in England erzielte dieselbe Menge über zwei Pfund – ein Aufschlag von 60.

000 Prozent. Als in Europa die Pest wütete, glaubten die Menschen, die Nuss schütze vor der Seuche. Die Nachfrage explodierte. Plötzlich wollten alle europäischen Seemächte die Quelle dieses Reichtums finden.

Die Portugiesen entdeckten als Erste den Seeweg nach Asien und erreichten 1512 die Banda-Inseln. Doch sie kamen als Händler, nicht als Eroberer. Die Spanier und Engländer taten es ihnen gleich – alle wollten Zugang zum Gewürz, keiner wollte die Inseln besitzen. Dann kamen die Niederländer.

1599 lud ein Kapitän seine Schiffe randvoll mit Muskatnüssen und erzielte bei der Rückkehr nach Amsterdam einen Gewinn von 32. 000 Prozent. Das sprach sich herum. Drei Jahre später gründeten niederländische Kaufleute die Vereinigte Ostindische Kompanie, die VOC – die erste Aktiengesellschaft der Welt.

Sie erhielt das Recht, Kriege zu führen, Festungen zu bauen und Verträge zu schließen. Das Unternehmen war ein Staat im Staat, und ihr Ziel war die totale Kontrolle über den Gewürzhandel. Der Mann, der diese Strategie am brutalsten umsetzte, hieß Jan Pieterszoon Coen. Er war Buchhalter und wurde mit 31 Jahren Generalgouverneur der VOC.

In einem Brief schrieb er den berüchtigten Satz: „Wir können den Handel nicht treiben, ohne Krieg zu führen, und wir können den Krieg nicht führen, ohne Handel zu treiben. “ Sein Plan für die Banda-Inseln war einfach: totale Unterwerfung. Die Bandanesen hatten sich geweigert, exklusive Verträge zu unterschreiben – sie wollten weiterhin frei mit Portugiesen und Engländern handeln. Schon 1609 hatte eine erste VOC-Expedition unter Admiral Verhoeff bei Verhandlungen auf Banda Neira ein Desaster erlebt: Verhoeff und mehrere Offiziere wurden in einen Hinterhalt gelockt und getötet.

Coen war damals dabei und entkam knapp. Zwölf Jahre später wollte er Vergeltung. Im Februar 1621 erreichte Coen die Banda-Inseln mit 19 Schiffen, 1. 655 niederländischen Soldaten und etwa 286 japanischen Söldnern.

Am 11. März griffen seine Truppen die größte Insel an, Banda Besar. Innerhalb eines Tages war sie eingenommen. Am 8.

Mai ließ Coen 44 orang kaya, die Anführer und Ältesten der Gemeinschaft, verhaften und öffentlich hinrichten. Ihre Köpfe wurden auf Bambusspieße gesteckt. Doch das war erst der Anfang. In den folgenden Monaten wurden die Bewohner systematisch verfolgt, vertrieben und getötet.

Viele ertranken bei Fluchtversuchen über die offene See, andere versteckten sich in den Bergen und starben an Hunger, wieder andere nahmen sich das Leben, bevor die Soldaten sie fanden. Von den ursprünglich etwa 15. 000 Bandanesen waren am Ende rund 14. 000 tot, versklavt oder dauerhaft vertrieben.

Eine ganze Kultur wurde ausgelöscht – für eine Nuss. Doch die VOC hatte trotz des Massakers ein ungelöstes Problem: die Engländer. Die English East India Company hatte sich auf einer der kleinsten Banda-Inseln festgesetzt, der Insel Run. Schon 1616 hatte der englische Kapitän Nathaniel Courthope die Insel mit einer kleinen Truppe besetzt und einen Vertrag mit den Einheimischen geschlossen.

Die Niederländer belagerten Run vier Jahre lang, blockierten die Versorgungswege und versuchten, Courthope zur Aufgabe zu zwingen. 1620 wurde er in einem Hinterhalt getötet, die Engländer verließen die Insel – aber ihr Anspruch blieb bestehen. Es folgten zwei erbitterte englisch-niederländische Seekriege. Der erste endete mit einem Sieg Englands, und die VOC wurde verpflichtet, Run zurückzugeben.

Die Niederländer weigerten sich einfach. Also kam es zum zweiten Krieg, den die Niederländer in mehreren Seeschlachten für sich entschieden. 1667 setzten sich die Diplomaten beider Nationen in Breda an einen Verhandlungstisch. Am Ende dieses Vertrags einigten sie sich auf einen Tausch, der später als einer der absurdesten Deals der Geschichte gelten sollte: England verzichtete endgültig auf die Insel Run und überließ den Niederländern das Muskatnuss-Monopol.

Im Gegenzug behielten die Engländer eine Insel an der amerikanischen Ostküste, die sie 1664 besetzt hatten: Manhattan. Die Siedlung New Amsterdam wurde in New York umbenannt. Run war drei Kilometer lang und nicht einmal einen Kilometer breit, aber vollständig mit Muskatnussbäumen bewachsen. Manhattan hatte weniger als 1.

000 Einwohner und war wirtschaftlich nahezu bedeutungslos. Nach der Logik des 17. Jahrhunderts war der Tausch für die Niederländer völlig rational. Amsterdam war damals die Finanzhauptstadt der Welt, und die Kaufleute rechneten in Gewürzpreisen, nicht in Grundstückswerten eines fernen Kontinents.

Das niederländische Monopol hielt rund 150 Jahre. Um das Angebot knapp und die Preise hoch zu halten, brannten sie Plantagen nieder, holzten auf vielen Inseln sämtliche Bäume ab und tränkten die Nüsse vor dem Export in Kalkwasser, damit sie nicht keimen konnten. Doch jedes Monopol hat Feinde – und der gefährlichste war ein Franzose namens Pierre Poivre, was übersetzt „Peter Pfeffer“ bedeutet. Poivre wurde 1719 in Lyon geboren, ging als junger Missionar nach Südostasien und erkannte dort, welche Bedeutung die Gewürzinseln für Europa hatten.

1766 wurde er zum Intendanten der französischen Inseln Mauritius und Réunion ernannt. Sein Plan: Muskatnuss-Setzlinge von den Banda-Inseln stehlen und auf Mauritius anpflanzen. Seine ersten Versuche scheiterten reihenweise. Mal brannten Plantagen ab, mal weigerten sich Einheimische, ihm Pflanzen zu geben, mal sabotierten seine eigenen Leute die Pläne.

Die wenigen Setzlinge, die er früher nach Mauritius schmuggeln konnte, gingen auf der langen Überfahrt ein. Doch Poivre gab nicht auf. Zwischen 1769 und 1770 organisierte er eine letzte entscheidende Expedition. Am 25.

Juni 1770 lief das schwer beladene Schiff „L‘Étoile du Matin“ – „Der Morgenstern“ – nach 26 Monaten auf See in den Hafen von Port Louis ein. An Bord standen Kisten mit Muskatnuss-Setzlingen und Samen. Diesmal überlebten die Pflanzen, diesmal schlugen sie Wurzeln in der vulkanischen Erde von Mauritius. Poivre legte dort einen botanischen Garten an, der noch heute existiert.

Mit jedem neuen Baum, der auf Mauritius und später auf den Seychellen Früchte trug, bröckelte das niederländische Monopol – erst langsam, dann unaufhaltsam. Poivre starb 1786, ohne die vollen Früchte seines Werks zu erleben. Doch die Zeit arbeitete jetzt gegen die VOC. 1796 eroberten die Engländer die Molukken und pflanzten Muskatnussbäume systematisch in ihren eigenen Kolonien an, von der Karibik bis nach Ostafrika.

Innerhalb weniger Jahrzehnte wuchs das Gewürz rund um den gesamten Tropengürtel. Am 17. März 1798 wurde die VOC offiziell aufgelöst, am 31. Dezember 1799 für bankrott erklärt.

Das erste multinationale Unternehmen der Welt, das einst 1. 772 Schiffe ausgeschickt hatte, endete in den roten Zahlen – wegen Korruption, Misswirtschaft, den Kosten endloser Kriege und am Ende der Konkurrenz, die es 150 Jahre lang mit Gewalt unterdrückt hatte. Heute steht die Muskatnuss in fast jeder Küche der Welt. Ein kleines Glas gemahlener Muskat kostet ein paar Euro.

Man greift danach, ohne nachzudenken, reibt die Nuss über Kartoffelpüree, rührt sie in Bechamelsauce oder streut sie in Glühwein. Nichts an diesem unscheinbaren braunen Pulver deutet darauf hin, dass dafür gemordet, versklavt und ganze Bevölkerungen vertrieben wurden. Die Banda-Inseln liegen heute still und weitgehend vergessen in der Bandasee. Der Vulkan Gunung Api raucht noch gelegentlich vor sich hin.

Die alten niederländischen Festungen Fort Nassau und Fort Belgica stehen als verwitterte Ruinen über dem türkisfarbenen Wasser und ziehen ab und zu Touristen an. Die Menschen, die heute dort leben, sind Nachfahren der Sklaven, die die Niederländer aus der ganzen Region verschleppt haben. Von der ursprünglichen Bevölkerung, die hier jahrhundertelang frei mit der Welt gehandelt hatte, ist fast nichts geblieben. Die Muskatnuss wächst heute auf allen Kontinenten.

Indonesien ist noch immer der größte Produzent, aber auch Indien, Sri Lanka und die Karibik liefern erhebliche Mengen. Auf der kleinen Karibikinsel Grenada ist die Muskatnuss sogar auf der Nationalflagge abgebildet – so wichtig ist das Gewürz für ihre Identität. Die Geschichte erinnert daran, dass kein Monopol ewig hält. Die VOC versuchte alles, um ihre Kontrolle zu verteidigen: Sie führte Kriege, löschte Bevölkerungen aus, holzte Wälder ab und vergiftete Saatgut.

Und am Ende reichte ein einziger entschlossener Franzose mit dem passenden Namen, um das ganze System zum Einsturz zu bringen – ein paar Kisten mit Setzlingen auf einem Schiff namens „Morgenstern“. Und vielleicht ist die größte Ironie, dass die Niederländer damals keine dumme Entscheidung trafen. Nach allem, was sie zu diesem Zeitpunkt wussten, war Run tatsächlich wertvoller als Manhattan. Der Irrtum lag nicht in der Logik.

Er lag in der Annahme, dass die Welt so bleiben würde, wie sie war.