Im Vatikan drängen Berater Papst Clemens den VIII. , ein Getränk zu verbieten, das gerade aus dem Osmanischen Reich nach Italien schwappt. Sie nennen es eine bittere Erfindung des Satans, einen Trank der Ungläubigen, dunkel wie die Sünde selbst. Kein Christ solle dieses Zeug anrühren, fordern sie.

Der Papst hört sich das an. Dann tut er etwas, womit keiner gerechnet hat. Er will das Getränk selbst probieren, bevor er urteilt. Man bringt ihm eine Tasse.
Er trinkt – und ist begeistert. Er soll gesagt haben, dieses Getränk des Teufels sei so köstlich, dass es eine Schande wäre, es allein den Ungläubigen zu überlassen. Statt den Kaffee zu verbannen, tauft er ihn und erklärt ihn zu einem wahrhaft christlichen Getränk. Damit gibt er Millionen von Katholiken in ganz Europa die Erlaubnis, Kaffee zu trinken.
Diese Entscheidung klingt wie eine nette Anekdote am Rande der Kirchengeschichte. Aber sie hat den Lauf der europäischen Geschichte mitgeprägt. Denn ohne diesen päpstlichen Segen hätte sich der Kaffee in der katholischen Welt möglicherweise nie durchgesetzt. Und ohne Kaffee sähe Europa heute anders aus.
Ganz anders. Kaffeehäuser haben Revolutionen ausgelöst, Versicherungsbörsen gegründet und die Aufklärung angetrieben. Aber von vorne. Um zu verstehen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, müssen wir weit zurückgehen.
In die Berge Äthiopiens, irgendwann im 9. Jahrhundert. Dort, in der Region Kaffa im Südwesten des heutigen Äthiopiens, beginnt die älteste und bekannteste Geschichte über die Entdeckung des Kaffees. Sie handelt von einem jungen Ziegenhirten namens Kaldi.
Kaldi beobachtete eines Tages, wie seine Ziegen von einem Strauch mit leuchtend roten Früchten fraßen. Danach sprangen die Tiere herum, als hätten sie den Verstand verloren. Sie schliefen nachts nicht mehr, waren aufgedreht, nervös, voller Energie. Kaldi, neugierig geworden, pflückte ein paar der roten Kirschen und probierte sie selbst.
Er spürte dieselbe Wirkung – ein Gefühl von Wachheit, das er vorher nie gekannt hatte. Ob die Geschichte von Kaldi tatsächlich so passiert ist, weiß niemand. Die frühesten schriftlichen Aufzeichnungen über Kaffee aus Äthiopien stammen aus dem 10. Jahrhundert, und die Legende wurde erst viel später niedergeschrieben.
Aber eines ist sicher: Die Kaffeepflanze Coffea Arabica wächst seit Jahrtausenden wild in den Bergwäldern Äthiopiens. Und der Name Kaffee leitet sich sehr wahrscheinlich von genau dieser Region ab – von Kaffa. Was nach Kaldis angeblicher Entdeckung geschah, erzählen verschiedene Quellen unterschiedlich. Eine Version besagt, dass Kaldi die Früchte zu einem Kloster in der Nähe brachte.
Er zeigte dem Obermönch die roten Beeren und erzählte ihm von der seltsamen Wirkung auf seine Ziegen. Der Mönch war alles andere als begeistert. Er nannte die Beeren ein Werk des Teufels und warf sie ins Feuer. Dann passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Ein Duft breitete sich im Kloster aus, so intensiv und angenehm, dass die anderen Mönche aus ihren Zellen herbeieilten. Sie holten die gerösteten Bohnen aus der Glut, zerdrückten sie, übergossen sie mit heißem Wasser und tranken das erste, was man als Kaffee bezeichnen könnte. Der Effekt war sofort spürbar. Die Mönche blieben wach, selbst während ihrer langen Nachtgebete.
Statt das Teufelszeug zu verdammen, beschlossen sie, es jeden Abend zuzubereiten. Das war der Anfang. Aber der Kaffee, wie wir ihn heute kennen, existierte noch nicht. In den ersten Jahrhunderten seiner Nutzung wurde er nicht als geröstetes Getränk konsumiert.
Die Äthiopier bereiteten eher einen Aufguss aus den Blättern und den rohen Kirschen der Pflanze zu, eine Art Tee. Manche kauten die Beeren auch einfach roh, um die anregende Wirkung zu spüren. Die Idee, die Bohnen zu rösten, zu mahlen und mit heißem Wasser aufzubrühen, entwickelte sich erst später, vermutlich auf der arabischen Halbinsel. Und genau dort begann die eigentliche Verwandlung des Kaffees von einer lokalen Nutzpflanze in ein Weltprodukt.
Im 12. oder 13. Jahrhundert gelangte die Kaffeepflanze über Handelsrouten auf die arabische Halbinsel, genauer gesagt in den Jemen. Und dort veränderte sich alles.
Die Jemeniten erkannten das wirtschaftliche Potenzial der Pflanze und begannen, sie gezielt anzubauen. Der Hafen von Mokka, heute Al Mukha an der Küste des Roten Meeres, wurde zum Zentrum des weltweiten Kaffeehandels. Der Name Mokka, den wir bis heute mit Kaffee verbinden, stammt genau von dort. Jedes Schiff, das Kaffee nach Europa, nach Indien oder nach Ostasien transportierte, legte in Mokka ab.
Das kleine Hafenstädtchen wurde zum Nabel der Kaffeewelt. Der Jemen kontrollierte den gesamten Handel. Kein anderes Land auf der Erde besaß Kaffeepflanzen. Kein anderes Land durfte sie besitzen.
Die Araber waren schlau genug, ihr Monopol mit allen Mitteln zu schützen. Deshalb überbrühten sie jede Bohne, die das Land verließ, mit heißem Wasser. Auf diese Weise zerstörten sie die Keimfähigkeit. Kein ausländischer Händler sollte in der Lage sein, aus den gekauften Bohnen eigene Pflanzen zu ziehen.
Gleichzeitig entstand in der arabischen Welt etwas, das Europa noch nicht kannte: eine richtige Kaffeekultur. In Mekka eröffnete um 1511 das vermutlich erste Kaffeehaus der Welt. Weitere folgten in Kairo, Damaskus und Konstantinopel, wo 1554 eines der berühmtesten frühen Kaffeehäuser seine Pforten öffnete. Die Osmanen nannten ihre Kaffeehäuser „Kaffeehane”, und es waren weit mehr als Orte zum Trinken.
Dort trafen sich Gelehrte, Händler, Dichter und Philosophen. Man diskutierte Politik, spielte Schach und Backgammon, tauschte Nachrichten aus aller Welt aus. Die Osmanen nannten diese Orte Schulen der Weisen. Die Verabreichung von Kaffee an Gesandte und Gäste war sogar Teil des diplomatischen Protokolls.
Wer einen Fremden empfing, bot ihm Kaffee an. Es war ein Zeichen des Respekts, fast schon ein Gesetz der Höflichkeit. Und genau diese Mischung aus freier Rede und gesellschaftlicher Bedeutung machte den Herrschenden Angst. Mehrfach versuchten osmanische Sultane, den Kaffee zu verbieten.
Sultan Murad der Vierte ging am weitesten – er stellte den Konsum unter Strafe. Es gibt Berichte, wonach Kaffeetrinker unter seiner Herrschaft sogar mit dem Tod bestraft werden konnten. Trotzdem scheiterten die Verbote, jedes einzelne. Die Menschen wollten ihren Kaffee, und die Kaffeehäuser blieben geöffnet, manchmal heimlich, manchmal ganz offen.
Während die Osmanen noch mit ihren eigenen Verboten kämpften, erreichte der Kaffee über die Handelsrouten der venezianischen Kaufleute Europa. Die erste dokumentierte Lieferung nach Venedig datiert auf das Jahr 1615. Europäische Diplomaten und Botschafter in Konstantinopel kannten das Getränk bereits. Aber als der Kaffee anfing, sich unter der breiten Bevölkerung zu verbreiten, war die Reaktion der Europäer gelinde gesagt gespalten.
Manche waren fasziniert von diesem exotischen Trunk aus dem Orient. Andere waren zutiefst misstrauisch. Die Skepsis hatte einen klaren Grund. Kaffee kam aus der islamischen Welt.
Man nannte ihn ein Türkengränk. In den Augen vieler Christen war er ein Produkt des Feindes. Berater des Papstes forderten ein Verbot. Und hier schließt sich der Kreis zur Eröffnungsszene.
Papst Clemens VIII. kostete selbst, war begeistert und gab dem Kaffee seinen Segen. Ob er die Bohnen tatsächlich im kirchlichen Sinne taufen ließ oder ob das eine spätere Ausschmückung der Geschichte ist, bleibt unter Historikern umstritten. Was zählt, ist das Ergebnis.
Der päpstliche Segen öffnete dem Kaffee die Tür nach Europa. Und so begann die große europäische Kaffeehaus-Ära. 1645 eröffnete in Venedig das erste europäische Kaffeehaus. 1650 folgte eines in Oxford.
1652 eröffnete das erste Kaffeehaus in London. 1659 kam Marseille dazu. 1663 Amsterdam, 1671 Hamburg, 1672 Paris. In Bremen entstand 1673 das erste deutsche Kaffeehaus.
Und Wien folgte 1685, eng verknüpft mit einem Ereignis, das die Stadt für immer prägen sollte. 1683 standen 120. 000 osmanische Soldaten vor den Toren Wiens. Die Belagerung dauerte von Juli bis September und brachte die Stadt an den Rand des Zusammenbruchs.
Als ein Entsatzheer unter der Führung des polnischen Königs Jan Sobieski die Osmanen schließlich zurückschlug, fanden die Wiener im verlassenen Lager der Türken neben Waffen und Zelten auch Säcke voller unbekannter Bohnen. Zunächst wusste niemand so recht, was damit anzufangen war. Manche hielten sie für Kamelfutter. Ein Kaufmann namens Johannes Theodat, ein Grieche, der bereits mit dem Osmanischen Reich Handel getrieben hatte und das Getränk kannte, soll als einer der ersten die Gelegenheit ergriffen haben.
Er eröffnete 1685 eines der ersten Kaffeehäuser der Stadt. Daraus entwickelte sich eine Tradition, die bis heute lebt. Die Wiener Kaffeehauskultur mit ihren Melangetassen, marmornen Tischplatten und Zeitungsständern wurde 2011 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Was als Kriegsbeute begann, wurde zu einem Stück Weltkultur.
Aber Wien war nur ein Teil der Geschichte. Die eigentliche politische und wirtschaftliche Sprengkraft des Kaffees zeigte sich anderswo, vor allem in London und Paris. In London explodierten die Kaffeehäuser in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts regelrecht.
Um 1680 soll es in der Stadt bereits 3000 davon gegeben haben – 3000 in einer einzigen Stadt. Und diese Orte veränderten das gesellschaftliche Leben Londons von Grund auf. Man nannte sie Penny Universities, weil man für den Preis einer Tasse Kaffee – einen Penny – Zugang zu Wissen, Nachrichten und intellektuellen Gesprächen bekam. Wer sich keine Universität leisten konnte, ging ins Kaffeehaus und hörte zu.
Wer eine Zeitung lesen wollte, fand sie dort ausgelegt. Wer einen Geschäftspartner suchte, traf ihn dort eher als in seinem Kontor. Geschäftsleute, Geldhändler, Kapitäne, Politiker, Ärzte, Anwälte – jeder, der etwas zu besprechen oder zu verhandeln hatte, traf sich in einem der zahllosen Kaffeehäuser. Verschiedene Berufsgruppen hatten ihre Stammlokale.
Manche Geschäftsleute gaben die Adresse ihres Stammkaffeehauses sogar als offizielle Geschäftsadresse an. Und aus einem dieser Häuser entstand eine der mächtigsten Institutionen der globalen Finanzwelt. 1688 eröffnete ein ehemaliger Seefahrer namens Edward Lloyd ein Kaffeehaus in der Londoner Tower Street, direkt am Hafen. Lloyd versorgte seine Gäste, vorwiegend Reeder, Kapitäne und Kaufleute, mit aktuellen Schiffsnachrichten aus der ganzen Welt.
Er hängte Segellisten, Berichte über Schiffsuntergänge und aktuelle Marktpreise an ein schwarzes Brett in seinem Lokal. Sein Kaffeehaus wurde zur wichtigsten Informationsbörse der Schifffahrtsbranche. Auf den rustikalen Holzbänken von Lloyds wechselten Schiffe ihre Besitzer. Dort wurden Ladungen verhandelt, und dort begannen Geschäftsleute, Wetten darauf abzuschließen, welche Schiffe sicher in den Hafen zurückkehren würden.
Aus diesen Wetten entwickelte sich ein System der Seeversicherung. Nach Lloyds Tod 1713 bestand das Haus unter seinem Namen weiter und wuchs über die Jahrhunderte zu dem heran, was heute Lloyds of London ist, eine der größten Versicherungsbörsen der Welt. Auch die Londoner Börse und die Bank of England hatten ihre Anfänge in Kaffeehäusern. Drei der wichtigsten Finanzinstitutionen der Welt, geboren über einer Tasse Kaffee.
In Paris nahm die Sache eine andere, aber nicht weniger dramatische Wendung. 1683 eröffnete der Sizilianer Francesco Procopio dei Coltelli das Café Procope in der Rue des Fossés Saint-Germain. Es ist das älteste noch bestehende Kaffeehaus in Paris und existiert bis heute unter demselben Namen. Es lag direkt gegenüber der Comédie-Française und wurde innerhalb weniger Jahre zum Treffpunkt der intellektuellen Elite Frankreichs.
Voltaire soll dort täglich bis zu 40 Tassen Kaffee getrunken haben, gemischt mit Schokolade. Jean-Jacques Rousseau war Stammgast. Denis Diderot arbeitete im Procope an seiner Enzyklopädie, jenem monumentalen Versuch, das gesamte Wissen der Menschheit in einem Werk zu versammeln. Die französische Aufklärung, eine der einflussreichsten geistigen Bewegungen der Menschheitsgeschichte, nahm in einem Kaffeehaus Gestalt an.
Nicht in einer Universität, nicht in einem Palast, sondern zwischen Kaffeetassen und Tabakrauch. Aber das Café Procope war nicht das einzige Pariser Kaffeehaus, das Geschichte schrieb. Am 12. Juli 1789, zwei Tage vor dem Sturm auf die Bastille, stieg ein junger Journalist namens Camille Desmoulins auf einen Tisch vor dem Café de Foy im Garten des Palais Royal.
Desmoulins hatte sein ganzes Leben lang gestottert. Es war ein Handicap, das ihn als Redner eigentlich disqualifizierte. Aber in diesem Moment, aufgewühlt von der Nachricht, dass König Ludwig XVI. seinen beliebten Finanzminister Jacques Necker entlassen hatte, verschwand das Stottern.
Desmoulins rief die versammelte Menge zu den Waffen. Er steckte ein grünes Blatt an seinen Hut als Erkennungszeichen der Freiheitskämpfer und verteilte weitere Blätter an die Umstehenden. Die Kokarde war geboren. Die Menge setzte sich in Bewegung.
Noch am selben Abend stürmten die aufgebrachten Pariser die Zollbarrieren an der Stadtmauer. Zwei Tage später, am 14. Juli 1789, fiel die Bastille. Eine Revolution, die Europa für immer veränderte, nahm ihren Anfang vor einem Kaffeehaus.
Desmoulins selbst schrieb später stolz an seinen Vater: „Ein großer Teil der Hauptstadt nenne ihn unter den hauptsächlichen Urhebern der Revolution. ”
Man kann darüber streiten, ob der Kaffee die Aufklärung und die Revolution im direkten Sinne ausgelöst hat. Natürlich war die Geschichte komplizierter. Aber er hat etwas geschaffen, das es vorher in dieser Form nicht gab: einen nüchternen Raum für freies Denken.
Vor dem Kaffee waren die gesellschaftlichen Treffpunkte Europas Wirtshäuser und Tavernen. Man trank Bier und Wein, wurde müde, laut und betrunken. In den Kaffeehäusern passierte das genaue Gegenteil. Die Menschen wurden wacher, klarer, ruhiger.
Das Denken wurde angeregt, nicht gedämpft. Ein Kaffeehaus war der große Gleichmacher. Ob Adliger oder Kaufmann, ob Gelehrter oder Handwerker – vor der Kaffeetasse waren alle gleich oder zumindest gleicher als anderswo in der starren Ständegesellschaft des 17. und 18.
Jahrhunderts. Historiker haben den Kaffee als Treibstoff der Aufklärung bezeichnet. Die Enzyklopädie entstand im Café Procope. Die Börse entstand in einem Kaffeehaus.
Die Seeversicherung entstand in einem Kaffeehaus. Die französische Revolution begann vor einem Kaffeehaus. Das ist kein Zufall. Das ist ein Muster.
Vor dem Kaffee gab es keinen Ort, an dem Fremde sich nüchtern zusammensetzen, reden und zuhören konnten. Das Kaffeehaus füllte eine Lücke, von der niemand gewusst hatte, dass sie existierte. Während der Kaffee die Köpfe Europas wach machte, wuchs hinter den Kulissen ein handfestes wirtschaftliches Problem: Woher sollten die ganzen Bohnen kommen? Die Nachfrage stieg mit jeder neuen Kaffeehauseröffnung.
Das jemenitische Monopol konnte diesen Hunger längst nicht mehr stillen, und europäische Kolonialmächte witterten die Chance ihres Lebens. Schon um 1670 soll ein indischer Sufi-Heiliger namens Baba Budan auf einer Pilgerreise nach Mekka einige keimfähige Bohnen in seinen Besitz gebracht und nach Indien geschmuggelt haben. Doch es waren die Niederländer, die den Anbau im großen Stil betrieben. Bereits 1616 gelang es ihnen, Kaffeepflanzen aus dem Jemen zu entwenden, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen der arabischen Händler.
Die Holländer versuchten zunächst, die Pflanzen in den Niederlanden selbst zu züchten, aber das kalte nordeuropäische Klima machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Also verlegten sie den Anbau in ihre Kolonien. Ab 1658 wuchs Kaffee auf Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. 1696 kamen die ersten Setzlinge nach Batavia, dem heutigen Jakarta auf Java.
Die niederländische Ostindien-Kompanie, die VOC, machte den Kaffee zu einem ihrer profitabelsten Handelsgüter. Java wurde so wichtig für die Niederländer, dass 1830 ein Großteil des nach Europa exportierten Kaffees von dort stammte. Die Insel wurde derart mit dem Getränk verbunden, dass ihr Name im Englischen bis heute als Synonym für Kaffee dient. Die Franzosen zogen nach und legten Plantagen auf Martinique und Haiti an.
Die Portugiesen brachten die Pflanze nach Brasilien, das im Laufe der folgenden Jahrhunderte zum mit Abstand größten Kaffeeproduzenten der Welt aufstieg. Aber diese koloniale Expansion hatte eine Schattenseite, die man nicht verschweigen darf. Der Kaffeeanbau in den Kolonien beruhte in vielen Regionen auf Zwangsarbeit und brutaler Ausbeutung. Auf Java mussten einheimische Bauern auf Geheiß der Kolonialherren ein bestimmtes Soll an Kaffeepflanzen anbauen, unter erbärmlichen Bedingungen und zu Preisen, die kaum zum Überleben reichten.
In der Karibik und in Brasilien arbeiteten Versklavte auf den Plantagen. Der Kaffee, der in den eleganten Kaffeehäusern Europas ausgeschenkt wurde, hatte einen bitteren Beigeschmack, der nichts mit dem Aroma der Bohne zu tun hatte. Das gehört zur Geschichte dieses Getränks genauso wie Aufklärung und Revolution. Zurück nach Europa.
Dort spielte sich im 18. Jahrhundert eine Episode ab, die heute fast komisch klingt, damals aber bitterer Ernst war. Friedrich der Zweite von Preußen, besser bekannt als Friedrich der Große, hatte ein Problem mit dem Kaffee. Nicht, weil er ihn nicht mochte, sondern weil er fand, dass das Geld seiner Untertanen für importierte Bohnen ins Ausland floss, statt im eigenen Land zu bleiben.
Kaffee musste importiert werden. Bier konnte man in Preußen selbst brauen. Die Rechnung war für Friedrich einfach. Er soll gesagt haben, Seine Majestät sei in der Jugend mit Biersuppe erzogen worden und das sei viel gesünder als der Kaffee.
Er fand außerdem, nicht alle Maurer, Mägde und dergleichen, die sich von ihrer Hände Arbeit ernährten, sollten Kaffee trinken. Kaffee war aus seiner Sicht ein Luxus, der dem einfachen Volk nicht zustand. Friedrich meinte das ernst. 1766 holte er sich französische Steuerpächter ins Land, die ein ausgeklügeltes System von Verbrauchssteuern einführten.
Der Kaffee wurde so stark verteuert, dass sich gewöhnliche Leute das Getränk kaum noch leisten konnten. Wer Kaffee zu Hause rösten wollte, brauchte einen sogenannten Brennschein, den nur Reiche sich leisten konnten. In den staatlichen Brandhäusern kostete der Kaffee ein Vermögen. Gleichzeitig war der Preis in Hamburg nur einen Bruchteil davon.
Das Ergebnis war vorhersehbar. Der Schmuggel mit grünem, also ungeröstetem Kaffee, blühte an der preußischen Grenze. Und dann kam der 21. Januar 1781.
An diesem Tag erließ Friedrich sein berüchtigtes Kaffee-Öst-Gesetz. Es verbot jedermann, Kaffee zu Hause zu rösten. Nur die staatliche Rösterei durfte das fortan. Und um das Verbot durchzusetzen, stellte Friedrich rund 400 ehemalige Soldaten ein.
Es waren Kriegsinvaliden aus dem Siebenjährigen Krieg, Versehrte, die eine neue Aufgabe brauchten. Und die Aufgabe war ungewöhnlich. Sie sollten durch die Straßen Berlins und anderer preußischer Städte ziehen und am Geruch erkennen, wo heimlich Kaffee geröstet wurde. Die Berliner nannten sie sofort Kaffeeschnüffler oder Kaffeeriecher.
Diese Männer hatten Befugnisse, die man sich heute kaum vorstellen kann. Sie durften in Uniform Häuser betreten, Küchen durchsuchen und sogar Frauen abtasten und abriechen, um versteckten Kaffee zu finden. Sie drangen in Speisezimmer ein und hielten ihre Nasen in die bürgerlichen Porzellantassen. Wenn sie ein illegales Kaffeekränzchen hochnahmen, gab es eine Prämie obendrauf.
Man kann sich vorstellen, wie beliebt sie bei der Bevölkerung waren. Die Berliner Hausfrauen versteckten ihre Kaffeekannen unter Tischtüchern und rösteten nachts bei geschlossenen Fenstern. Es war ein Katz-und-Maus-Spiel, das der König von Anfang an nicht gewinnen konnte. Friedrichs Kaffeekrieg war zum Scheitern verurteilt.
Der Schmuggel ließ sich nicht unterbinden. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II. schaffte die Kaffeeschnüffler 1787 ab, nur ein Jahr nach dem Tod des alten Königs. Der Schaden für die Staatskasse durch den Schmuggel war größer als der Gewinn durch das Monopol.
Der Kaffee hatte gewonnen, gegen einen König. Diese Episode sagt viel darüber aus, welche Kraft der Kaffee im 18. Jahrhundert bereits hatte. Ein König von Preußen, einer der mächtigsten Herrscher Europas, versuchte mit Gesetzen, Spionen und Strafen seinen Untertanen ein Getränk auszureden.
Er setzte 400 Männer darauf an, in Küchen zu schnüffeln. Und er verlor gegen eine Bohne. In den folgenden Jahrhunderten setzte der Kaffee seinen Siegeszug ungebremst fort. Die Industrialisierung des 19.
Jahrhunderts machte ihn vom Luxusgut zum Alltagsgetränk der breiten Bevölkerung. Neue Röstverfahren und Maschinen ermöglichten es, Kaffee in großen Mengen zu verarbeiten und gleichmäßig zu rösten. Das wachsende Eisenbahnnetz sorgte dafür, dass die Bohnen in jeden Winkel Europas gelangten, nicht nur in die großen Hafenstädte, sondern auch in kleine Provinzorte. 1884 meldete Angelo Moriondo in Turin ein Patent für eine Maschine an, die mit Dampfdruck arbeitete und den Kaffee schneller und konzentrierter machte als alles, was man vorher kannte.
Es war der Vorläufer der modernen Espressomaschine, und er kam genau zur richtigen Zeit. In den Fabriken des 19. Jahrhunderts war Kaffee der Treibstoff, der die Arbeiter durch 12, 14, 16 Stunden Schicht brachte. Die Bohne hatte sich vom Luxus der Gelehrten und Philosophen zum täglichen Begleiter der Arbeiterklasse gewandelt.
Kaffee war nicht mehr das Getränk derer, die denken wollten. Er war das Getränk derer, die funktionieren mussten. Heute ist Kaffee eines der meistgehandelten Güter der Welt. Rund 2 Milliarden Tassen werden täglich getrunken, auf allen Kontinenten.
In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei etwa 162 Litern im Jahr – das ist mehr als Bier. Kaffee ist nach Wasser das meist konsumierte Getränk der westlichen Welt. Die größten Produzenten sind Brasilien, Vietnam und Kolumbien. Äthiopien, das Land, in dem alles begann, ist heute der fünftgrößte Kaffeeproduzent der Welt und hat, gemessen an der Erntemenge, den höchsten Eigenkonsum aller Kaffeeländer.
Die äthiopische Kaffeezeremonie ist bis heute ein fester Bestandteil des Alltags. Die ganze Familie versammelt sich. Grüne Bohnen werden vor den Augen der Gäste über Holzkohle geröstet. Der Duft füllt den Raum, und der frisch aufgebrühte Kaffee wird in kleinen Tassen serviert.
Das passiert bis zu dreimal am Tag. In Äthiopien ist Kaffee nie ein bloßes Exportprodukt geworden, das man selbst nicht mehr kennt. Er ist Teil der Identität geblieben. Der Kreis schließt sich hier: In dem Land, wo ein Ziegenhirt vor über 1000 Jahren beobachtet haben soll, wie seine Tiere nach dem Fressen roter Beeren verrückt spielten, wird Kaffee heute mit einer Ehrfurcht zubereitet, die man in europäischen Coffee-to-go-Ketten vergeblich sucht.
Wenn man diese Geschichte von Anfang bis Ende betrachtet, wird eines klar: Kaffee war nie einfach nur ein Getränk. Er war ein Werkzeug. Ein Werkzeug der Mönche, die wach bleiben wollten für ihre Gebete. Ein Werkzeug der Händler, die Monopole errichten und verteidigen wollten.
Ein Werkzeug der Kolonialmächte, die Plantagen betrieben und fremde Arbeitskraft ausbeuteten. Ein Werkzeug der Philosophen, die eine neue Welt denken wollten. Und ein Werkzeug der Revolutionäre, die eine alte Welt stürzen wollten. Die Bohne, die Europa wach machte, hat das im wörtlichsten Sinne getan.
Sie hat einen Kontinent aufgeweckt, der vorher in alkoholischem Nebel seine Geschäfte erledigte und seine Entscheidungen traf. Sie hat Räume geschaffen, in denen frei gedacht und frei gesprochen werden konnte. Sie hat Wirtschaftsimperien begründet, von Lloyds of London bis zu den Kaffeeplantagen Brasiliens, und politische Umwälzungen befeuert, von der Aufklärung bis zur Französischen Revolution. Und sie hat das alles getan, obwohl sie immer wieder verboten, verflucht und bekämpft wurde.
Vielleicht gerade deswegen. Vom Obermönch, der die Bohnen ins Feuer warf, über die osmanischen Sultane, die den Konsum bestraften, bis zu Friedrich dem Großen, der seine Schnüffler losschickte – jedes Verbot ist gescheitert. Jeder Versuch, den Kaffee aufzuhalten, hat ihn nur populärer gemacht. Es gibt kaum ein anderes Produkt in der Geschichte, das von so vielen Mächtigen so vehement bekämpft wurde und trotzdem jedes Mal gewonnen hat.
Und der Papst, der vor über 400 Jahren vor der Entscheidung stand, den Kaffee zu verbannen – er hat ihn stattdessen getauft. Vielleicht die beste Entscheidung, die je ein Papst für unseren Morgen getroffen hat.


