Der 24. November 2013, kurz nach acht Uhr abends. In einer Tennishalle in Hamm beenden zwei Männer ihr Training. Sie ahnen nicht, dass sie beobachtet werden.

Plötzlich hört der Tennistrainer einen Knall. Er dreht sich um, sieht die Tür zum Vorraum leicht geöffnet, entdeckt eine Hand mit einer Pistole, sieht das Mündungsfeuer. Fünf Schüsse fallen. Drei davon treffen den 41-jährigen Alexander G.
tödlich im Kopf. Ein vierter streift sein Kinn, der fünfte verfehlt das Ziel. Kriminalhauptkommissar Carsten Philips von der Kripo Dortmund steht wenig später in der Halle. Das Bild, das sich ihm bietet, ist brutal.
„Wenn man eine Tennishalle als Sportler kennt und dann die Bilder am Tatort sieht, vergisst man diese Bilder sein Leben lang nicht”, sagt er. Im Vorraum finden die Ermittler eine Patronenhülse. Doch sie passt nicht ins Bild. Die Geschosse im Kopf des Opfers stammen aus einem Revolver, nicht aus einer Pistole, die solche Hülsen hinterlässt.
Hat der Täter die Hülse absichtlich dort platziert, um die Ermittler in die Irre zu führen? Die Suche nach Spuren gestaltet sich schwierig. Keine Videoanlagen, keine Zeugen außer dem Trainer. Taucher durchsuchen die nahegelegene Lippe, Spürhunde durchkämmen das Gelände, ein Hubschrauber fertigt Luftbilder an.
Doch die Tatwaffe wird nie gefunden. Die ersten Hinweise führen die Ermittler ins Geschäftliche. Alexander G. kaufte mit Partnern hochwertige Fahrzeuge, bereitete sie auf und verkaufte sie nach Russland.
Ein Auftragsmord? Die Unterlagen der Firma werden gesichtet, doch sie sind grundsolide. Kein Hinweis auf Unregelmäßigkeiten. Dann meldet sich ein Freund des Opfers mit einem seltsamen Erlebnis.
Etwa eine Woche vor der Tat habe er einen Anruf von einem gewissen Heinrich H. bekommen, einem deutsch-russischen Bekannten von Alexander. Das Gespräch war seltsam, Heinrich klang stark betrunken. Er habe zwei Flaschen Wodka intus gehabt, gab er selbst zu.
Kurz zuvor hatte er erfahren, dass seine von ihm getrennt lebende Ehefrau vor Jahren eine Affäre mit Alexander G. gehabt haben soll. Die Sache lag zwar zehn Jahre zurück, aber Heinrich machte Alexander dafür verantwortlich, dass seine Ehe zerbrochen sei. Gegen Ende des Gesprächs fielen dann Worte, die dem Zeugen keine Ruhe ließen: Man müsse Alexander erschießen wie einen Hund.
Der Zeuge nahm die Drohung nicht ernst. Heinrich H. , so sagte er, traue er so eine Tat nicht zu. Die Ermittler kümmern sich trotzdem um den Mann.
Sie finden heraus, dass sich die Familien bereits aus Russland kannten. Zu Beginn der Zeit in Deutschland hatte Alexander G. die Familie H. sogar bei sich aufgenommen, ihnen ein Zimmer in seinem Haus gegeben und Heinrich ein Büro für dessen Autohandel zur Verfügung gestellt.
Heinrich konnte in Deutschland so geschäftlich Fuß fassen. Heinrichs Ehefrau bestätigt die Affäre mit Alexander. Der Grund für die Trennung sei das aber nicht gewesen, sagt sie. Heinrich sei faul gewesen, das habe seine Firma ruiniert.
Außerdem sei er sehr eifersüchtig gewesen – eifersüchtig genug, um seinen früheren Rivalen zu töten? Fest steht: Heinrich kannte die Tennishalle gut. Er hatte seine Frau dort regelmäßig hingefahren und abgeholt. Er wusste auch, wann Alexander dort spielte: meistens sonntagabends, manchmal samstags.
Anfang Dezember geht die Polizei an die Öffentlichkeit. Heinrichs Bild erscheint in den Medien. Kurz darauf ruft der Gesuchte selbst bei der Mordkommission an. Es sei schlimm, dass überall seine Bilder in der Zeitung seien.
Sie sollten ihn abholen. Und dann sagt er wörtlich: „Bitte kommen Sie ohne Alarm. ”
Heinrich H. wird festgenommen.
Doch in der Vernehmung bestreitet er jede Beteiligung. Er weint häufig, gibt zu, dass er Alexander für sein persönliches und berufliches Scheitern verantwortlich mache. Aber dann sagt er: „Ich bin kein Mörder. Ich habe Alexander nicht erschossen.
”
Die Indizien allerdings belasten ihn schwer. Überwachungsaufnahmen zeigen ihn am Tatabend in einem Lokal in der Nähe der Tennishalle. An seinem roten T-Shirt und seiner Jacke findet die Polizei Schmauchspuren. Und im Industriegebiet von Dortmund wird ein Roller entdeckt, den Heinrich von Bekannten gekauft hatte.
Auch daran finden sich Schmauchspuren – am Lenker und an der Satteltasche. Es liegt nahe, dass er damit vom Tatort geflüchtet war. Heinrich H. kommt in Untersuchungshaft.
Kurz vor Weihnachten will er erneut mit Kommissar Philips sprechen. Doch sein psychischer Zustand ist desolat. Er hat eine Haftpsychose entwickelt, eine paranoide Schizophrenie wird diagnostiziert. Er behauptet, zwei Mithäftlinge wollten ihn vergewaltigen und töten.
Seine Zelle sei nachts nicht abgeschlossen. Er habe sich sogar ein Werkzeug zur Verteidigung gebastelt. Als Philips mit ihm spricht, behauptet Heinrich, im Innenhof hätten sich alle Gefangenen versammelt, rhythmisch geklatscht und seinen Namen skandiert. Philips blickt hinaus – der Hof ist selbstverständlich leer.
In diesem Zustand ist eine Vernehmung unmöglich. Und doch äußert sich Heinrich in einem Nebensatz zur Patronenhülse aus der Tennishalle. Er sagt, das mache keinen Sinn, denn geschossen worden sei doch mit einem Revolver. Damit hat er Täterwissen preisgegeben, das nur der Mörder oder ein sehr enger Vertrauter des Täters haben konnte.
Im November 2014 beginnt vor dem Landgericht Dortmund der Prozess. Es ist ein reiner Indizienprozess. Heinrich H. schweigt, lässt nur seinen Anwalt sprechen.
Das Urteil: lebenslange Freiheitsstrafe. Es hält auch einer Revision stand. Zwei Jahre später erhält Kommissar Philips noch einen letzten Hinweis. Im Zuge anderer Ermittlungen wurde ein Telefongespräch in der JVA Dortmund abgehört – zwischen Heinrich H.
und seinem Cousin. Der Cousin fragt, warum er denn lebenslang verurteilt worden sei. Heinrich H. antwortet: „Ich sitze im Knast, weil ich den Stecher meiner Exfrau erschossen habe.
”
In Berlin-Schöneberg wird am 5. März 2013 ein Mann in seiner Badewanne aufgefunden. Jochen S. , 59 Jahre alt, Betreiber der bekannten Prominentendisco „First” an der Joachimstaler Straße.
Er ist erstochen worden. Kriminalhauptkommissar Bernd Glatzel vom LKA Berlin übernimmt die Ermittlungen. Der Körper weist mehrere Einstichstellen auf, vor allem im Rücken und am Hals, dazu Abwehrverletzungen am Arm. In der Wohnung sind sämtliche Schränke geöffnet, Schubladen herausgezogen.
Schnell ist die Rede von einem Raubmord. Jochen S. galt als vermögend. Er nahm die Einnahmen aus der Disco regelmäßig mit nach Hause und ließ sie dort offen liegen – ein offenes Geheimnis.
Eine Bankkarte fehlt. Wenig später wird festgestellt, dass mit dieser Karte Geld abgehoben wurde. Eine Bank liefert Videoaufnahmen. In der Badewanne finden die Ermittler das Handy des Opfers – blut- und wassergetränkt.
Die Kriminaltechniker versuchen, es wieder zum Laufen zu bringen. Der Zeitpunkt der Tat lässt sich eingrenzen: In der Wohnung gab es einen Wasserschaden, den Nachbarn bereits am Sonntag, dem 3. März, bemerkt hatten. Jochen S.
hatte aber in der Nacht von Samstag auf Sonntag noch im „First” gearbeitet. Der Mord muss also zwischen dessen Heimkehr und Sonntagmorgen passiert sein. Jochen S. war bei Gästen und Mitarbeitern beliebt, herzlich, gab mal etwas vom Gewinn ab.
Aber er hatte auch eine finstere Seite, konnte Menschen wüst beleidigen. Im „First” erinnern sich Mitarbeiter an einen Gast namens Giuliano, für den sich Jochen Ende 2012 besonders interessierte. Ein großer, kräftiger Mann mit südlichem Aussehen – genau der Typ, den Jochen bevorzugte. Jochen hatte ihm sogar angeboten, bei ihm zu übernachten.
Giuliano lehnte ab. Monatelang taucht Giuliano nicht mehr auf. Bis zum Abend vor dem Mord. Da ist er plötzlich wieder da und bleibt bis tief in die Nacht.
Beim Abschied sagt Jochen zu ihm: „Bis später, meine Schönheit. ”
Kurz darauf rekonstruieren die Kriminaltechniker die Daten aus dem zerstörten Handy. Sie finden einen Chat zwischen Jochen und einem Unbekannten – genau an jenem Sonntag. Und in diesem Chat nennt Jochen das Gegenüber ebenfalls „meine Schönheit”.
Die Nummer, mit der der Chat geführt wurde, war vorher mit einer anderen SIM-Karte benutzt worden – in einem Smartphone, das einem gewissen Pavel K. gehört. Der Mann ist 35 Jahre alt und einschlägig vorbestraft. Doch dann führt eine DNA-Spur aus der Küche des Opfers auf eine ganz andere Person: Murat S.
– bereits in der DNA-Datei gespeichert. Die Mitarbeiter des „First” bestätigen: Murat S. ist der gesuchte Giuliano. Er hatte sich unter falschem Namen vorgestellt.
Die Ermittler finden heraus, dass Murat S. und Pavel K. sich im Gefängnis kennengelernt haben. Bei einer Durchsuchung von Pavels Wohnung entdecken die Kollegen eines der Handys, die bei der Tat verwendet wurden.
Auf dem Gerät lassen sich sogar Nachrichten rekonstruieren, die die beiden Männer sich während der Tat geschickt haben. In der Rostocker Straße in Berlin-Moabit haben Murat und Pavel ihre Taten geplant. Murat konsumierte regelmäßig Kokain. Die Ermittler vermuten, dass er Geld für Drogen brauchte.
Und tatsächlich: Unmittelbar nach der Tat nimmt Murat Kontakt zu einem Mann auf, der der Polizei wegen Rauschgiftdelikten bekannt war. Zielfahnder nehmen die beiden schließlich fest, als sie mit einem Mietwagen durch Berlin fahren. Im Fahrzeug finden sich Sturmhauben und Schreckschusspistolen – sie hatten bereits die nächste Raubtat geplant. Murat S.
und Pavel K. verweigern zunächst die Aussage. Glatzel, der als Verhörspezialist gilt, übernimmt. Pavel K.
ist der Erste, der etwas preisgibt. Er hat einen relativ guten Draht zu dem Kommissar. Er erzählt Details über die Verletzungen des Opfers, die nie veröffentlicht wurden – das Tatablauf lässt sich rekonstruieren: Während Jochen S. mit dem Rücken zu ihm vor der Wanne stand, stach Murat S.
mit einem spitzen Gegenstand auf seinen Rücken ein. Jochen wurde bewusstlos und in die Badewanne gelegt. Dann holte Murat seinen Komplizen Pavel hinzu, der draußen gewartet hatte. Pavel spürte, dass Jochen noch am Leben war – und stach ihm in den Hals.
Am 19. Mai 2014, während der Prozessvorbereitung, gelingt Murat S. die Flucht aus dem Gefängnis in Berlin-Moabit. Er sägt die Gitterstäbe seiner Zelle durch, überwindet mehrere Mauern.
Zwei Monate bleibt er verschwunden. Dann wird der Fall in der Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst” ausgestrahlt. Ein Hinweis führt die Polizei zu Murat S. Er wird festgenommen – mit gefälschten Papieren und einem größeren Geldbetrag für die Ausreise.
Im Juni 2015 verurteilt das Landgericht Berlin beide Männer zu lebenslanger Haft. Pavel K. erhält zusätzlich Sicherungsverwahrung. Wer mit der Bankkarte des Ermordeten Geld abgehoben hat, konnte bis heute nicht geklärt werden.
Im Dezember 1985 wird der 42-jährige Friedrich K. , Geschäftsführer des beliebten Wiener Heurigenlokals „Zu den Drei Spitzbuben”, im Untergeschoss des Wohnparks Alterla erschossen. Ein bekanntes Lokal, die „Humorbaracke”, in der das Kabarett-Trio auftrat. In der Nacht des 8.
Dezember kommt Friedrich K. um zwei Uhr morgens nach Hause. In der Tiefgarage ist die Schleuse zu seinem Stiegenhaus mit einem Holzkeil blockiert. Er muss eine andere nehmen.
Als er sie öffnet, steht er zwei maskierten Männern gegenüber – mit Wollhauben und Skibrillen. Einer hält ein Gewehr im Anschlag. Der andere fordert die Schlüssel für den Tresor des Lokals. Friedrich K.
weigert sich, redet auf die Männer ein. Der eine schlägt ihm mit dem Griff eines Kampfmessers auf den Kopf. Friedrich bleibt standhaft. Dann feuert der Mann mit dem Gewehr einen Schuss ab.
Das Projektil durchschlägt das Auge des Opfers und dringt ins Gehirn. Friedrich K. ist auf der Stelle tot. Ein Zeuge sieht zwei Männer aus dem Gebäude hasten, einer trägt einen langen, mit einem Tuch umhüllten Gegenstand.
Hofrat Dr. Josef Siska vom Wiener Sicherheitsbüro ist überzeugt: Kein Zufallstäter. Nur jemand aus dem engeren Umfeld konnte wissen, wann Friedrich mit den Tageseinnahmen heimkam. In dem Heurigen fällt Siska ein Foto der Belegschaft auf.
Ein junger Mann sticht ihm ins Auge: Robert T. , damals 20 Jahre alt, ohne Berufsausbildung, Hilfskraft im Lokal. Seine Mutter arbeitete ebenfalls dort. Robert bewunderte Friedrich K.
, hätte sich so einen Vater gewünscht. Es gab sogar gemeinsame Urlaube. In der ersten Befragung wirkt Robert verunsichert. Seine Statur passt zu einem der flüchtenden Männer.
Siska lässt sein Telefon überwachen. Dann lässt er gezielt durchsickern, der Spitzbubenmord sei so gut wie geklärt. Am Tag des Zeitungsartikels ruft ein Freund an: Roland B. Er fragt Robert, ob er schon wisse, was in der Zeitung stehe.
„Wir müssen dringend miteinander sprechen. ”
Das Gespräch wird abgehört. Siska weiß: Die beiden haben etwas zu verbergen. Robert T.
und Roland B. werden vorgeladen. Überraschend gibt Roland zu, ein kurzläufiges Gewehr zu besitzen. Doch die Ermittler durchschauen den Trick: Roland hat die Waffe wenige Stunden vor der Einvernahme gekauft, um sie als Beweis vorzuzeigen.
Bei der Hausdurchsuchung finden die Beamten eine lange Schachtel mit der Aufschrift „Savage Stevens” – genau das Modell, das als Tatwaffe in Frage kommt. Roland bricht schließlich zusammen. Gemeinsam mit Robert habe er die Waffe und andere Tatutensilien in die Donau geworfen. Polizeitaucher bergen im eiskalten Wasser das Gewehr und das Kampfmesser.
Die Beweiskette ist geschlossen. Die beiden Täter waren überzeugte Fans von Sylvester Stallone. Sie bewunderten Rambo, betrieben Bodybuilding, um sich eine ähnliche Figur zu antrainieren. Und sie rüsteten sich aus wie ihr Idol: mit Überlebensmesser und Gewehr.
Ihr Motiv war simpel: Sie wollten Geld, viel Geld, und hofften, es im Tresor des Heurigen zu finden. Deshalb planten sie den Raub, der tödlich endete. Robert T. hielt das Gewehr im Anschlag, zögerte aber, auf den Mann zu schießen, der ihm wie ein Vater gewesen war.
Erst als Roland ihn mehrfach energisch aufforderte – „Schieß, schieß, schieß doch endlich” – drückte er ab. Vor dem Landesgericht Wien werden beide wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes und versuchten Raubes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Bauchgefühl von Hofrat Josef Siska hat zur Überführung der Täter entscheidend beigetragen.


