Letzten Freitag hat meine Frau um 14 Uhr unser Pflegekind nicht aus der Kita abgeholt. Sie ist im achten Monat schwanger, wir freuen uns auf unseren Sohn. Stattdessen bekam ich eine WhatsApp: „Es…

Letzten Freitag hat meine Frau um 14 Uhr unser Pflegekind nicht aus der Kita abgeholt. Sie ist im achten Monat schwanger, wir freuen uns auf unseren Sohn. Stattdessen bekam ich eine WhatsApp: „Es...

„Um 14 Uhr hole ich sie wieder ab“, sagte Alexandra R. an diesem Freitagmorgen zur Erzieherin in der Kita in Schwabach. Es war der 9. Dezember 2022, ein kalter Tag.

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Alexandra war im achten Monat schwanger, in knapp zwei Monaten sollte ihr Sohn zur Welt kommen. Ihre vierjährige Pflegetochter brachte sie, wie jeden Morgen, um 8. 10 Uhr in die Einrichtung. Um 14 Uhr kam Alexandra nicht.

Sie ging nicht ans Telefon. Stattdessen erhielten Freunde, Verwandte und ihr Ex-Partner Dejan B. Textnachrichten von ihr. Ihr aktueller Lebensgefährte war zu Hause, als es klingelte – Polizisten standen vor der Tür.

Er begann immer wieder zu weinen, befand sich in einem psychischen Ausnahmezustand. Die Kita hatte angerufen, das Kind sei nicht abgeholt worden. Dann fing das Rumoren in der Familie an: Wo ist Alexandra? Warum hat sie ihr Kind nicht abgeholt?

Sie ist hochschwanger, es ist kalt, sie ist allein unterwegs. Uns war schnell klar: Hier stimmt etwas nicht. Die Polizei fuhr noch am Abend zu ihrer Wohnung nach Katzwang. Ihr Auto stand geparkt vor der Tür, die Schlüssel lagen da.

Der Kühlschrank war gefüllt, am Herd stand noch Kochgut, der Mutterpass lag in der Wohnung – als Schwangere hat man den eigentlich immer dabei. Nichts deutete darauf hin, dass sie überstürzt gepackt oder fliehen wollte. Die Wohnung wirkte, als würde sie gleich wiederkommen. Alexandra R.

war spurlos verschwunden. Die Beamten schrieben die Hochschwangere zur Fahndung aus, fragten Krankenhäuser ab. Hatte sie einen Unfall? War sie Opfer eines Verbrechens?

Oder hatte sie ihren Partner einfach verlassen? Dann erhielt der Lebensgefährte eine WhatsApp-Nachricht von ihrem Handy: „Hallo, es tut mir leid für alles. Ich habe dich benutzt und belogen. Ich kann so nicht weitermachen.

Ich habe so viel Mist gebaut und ich will nicht ins Gefängnis. Ich lasse mir mein Kind nicht wegnehmen. Außerdem liebe ich Dejan immer noch. Ich kann nicht mit einem anderen Mann leben.

Ich war so dumm. Dejan hat mir nie was getan, und ich habe so viel Scheiße gebaut. Ich wünsche dir nur das Beste. Es tut wirklich sehr leid.

In der Nachricht wurde der Ex-Freund namentlich erwähnt. Der Ermittler, der den Fall übernommen hatte, rief Dejan B. an. Der klang überrascht, versuchte aber, die Polizei auf die Spur des aktuellen Lebensgefährten zu lenken.

Er kam auf die Dienststelle, machte einen ruhigen, selbstbewussten Eindruck, erzählte, Alexandra habe ihn noch geliebt, habe zu ihm zurückgewollt und sei mit dem anderen unglücklich. Er saß da wie eine Statue, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Die Ermittler merkten schnell: Er erzählt uns nur das, was er will, dass wir wissen. Nach dem Gespräch sagten alle vier beteiligten Kollegen: Irgendwas stimmt da nicht.

Am nächsten Morgen wurde die Mordkommission des Polizeipräsidiums Nürnberg eingeschaltet. Die Ermittlerin Andrea Fillinger und ihr Kollege Simon Ernstberger übernahmen den Fall. Der Lebensgefährte schilderte: Sie sind glücklich, planen eine gemeinsame Zukunft, freuen sich aufs Baby. Es gab Pläne für den nächsten Tag, für die nächste Woche.

Morgens hatte Alexandra noch eine E-Mail an den Herrn des Geburtsvorbereitungskurses geschickt, um den Termin zu bestätigen, und eine Bestellung für Badmöbel aufgegeben. Wer heute Nachmittag für immer untertauchen will, bestellt sich nicht morgens Badmöbel und macht Termine aus. Alexandra R. war 39 Jahre alt.

Sie war in Rumänien aufgewachsen, in einem ländlichen Gebiet, war aber immer eine fleißige Schülerin gewesen, ein interessiertes Mädchen, das mehr im Leben erreichen wollte. Mit Anfang 20 lernte sie einen deutschen Mann kennen, heiratete und lebte seitdem in Nürnberg. Die Ehe ging auseinander. Sie arbeitete bei einer Bank und arbeitete sich bis zur Bezirksleiterin hoch, hatte vier Filialen unter sich.

Für ihre Pflegetochter sorgte sie rührend und aufopferungsvoll, sie ging in der Mutterrolle völlig auf. Dejan B. lernte sie 2007 kennen. Anfangs war die Beziehung lose, verfestigte sich aber im Laufe der Zeit.

Alexandra lebte im Grunde immer alleine. Dejan B. war mal bei ihr, aber sie wusste bis zum Schluss nicht genau, wo er wirklich lebte. Ab etwa 2014 zog Dejan B.

auf ihren Namen und auf ihr volles Risiko ein Immobiliengeschäft auf. Insgesamt kaufte er in ihrem Namen 27 Immobilien und finanzierte damit seinen luxuriösen Lebensstil – auf ihr Risiko. Alexandra selbst hatte mit dem Kauf der Immobilien persönlich nichts zu tun. Privat teilten sie sich die Pflege des vierjährigen Mädchens.

Aber die Beziehung wurde in den letzten Jahren schwieriger. Es gab immer wieder Konflikte, oft ging es um diese finanziellen Sachen, die im Hintergrund liefen. Alexandra hatte das Gefühl, ausgenutzt zu werden. Anfang März 2022 zog sie einen Schlussstrich: Nach einem heftigen Streit mit Dejan B.

sperrte sie ihre Konten, änderte ihren Online-PIN, zog am nächsten Tag auf Anraten mit ihrer Pflegetochter ins Frauenhaus. Er hatte ihr gedroht, wenn sie ihm keinen Zugang zu den Konten gewährt, nehme er ihr das Kind weg. Sie hatte Angst vor ihm. Sie ließ sich anwaltlich beraten und zeigte Wochen später die Firma von Dejan B.

wegen Betrugs an. Es ging um ungefähr 500. 000 Euro, die sie von ihm und seiner Firma zurückforderte. Knapp eine halbe Million Euro hatte er aus den Verkaufserlösen ihrer Immobilien auf sein Konto verschoben.

Die Mordkommission suchte weiter nach Alexandra. Ihr Handy bewegte sich Richtung Süden, loggte sich zuletzt in einen Funkmast in Südtirol ein. Dann die Überraschung: Jemand hob ab. Eine Kollegin vom Kriminaldauerdienst hatte es probiert und tatsächlich wurde das Telefonat angenommen.

Aber es war nicht Alexandra. Ein Mann ging ans Telefon, ein Lkw-Fahrer. Er habe das Handy heute Morgen auf seinem Sattelauflieger gefunden, auf einer Ablage oberhalb der Tanks. Von einer Frau wisse er nichts.

Die Ermittler waren alarmiert: Wenn jemand freiwillig verschwindet, geht er entweder ans Telefon oder eben nicht. Aber hier hob ein komplett fremder Mensch ab, und am Tag zuvor waren von diesem Telefon Nachrichten an die Familie gegangen. In der Gesamtschau dieser Indizien wurde klar: Wir sind nicht in einem einfach gelagerten Vermisstenfall. Der zuständige Staatsanwalt erinnerte sich genau: Es war ein Samstagabend, der 10.

Dezember 2022, als er das erste Mal von Alexandra R. hörte. Es lag mindestens eine Entführung vor. Angesichts der Vorgeschichte mit Dejan B.

stand noch mehr im Raum: Es gab bereits einen Gewaltschutzbeschluss, es hatte Übergriffe gegeben. Das genügte für einen Anfangsverdacht eines versuchten oder möglichen Tötungsdelikts. Dejan B. war nun Beschuldigter in diesem Verfahren.

Er wurde erneut zur Vernehmung gebeten. Die Kollegen vom K11 sagten zu dem Ermittler: „Du hattest gestern einen guten Draht zu ihm. “ Also rief er ihn an, und Dejan B. sagte tatsächlich wieder zu, zu kommen, er wolle dazu beitragen, dass man sie findet.

Er sollte direkt in die Zelle gebracht werden. Dann nahm das Ganze eine komische Wendung: Dejan B. machte einfach alles mit. Normalerweise fragen die Leute in der Zelle sofort: „Wann komme ich wieder raus?

Was wird mit mir gemacht? “ Er aber ging in die Zelle, ließ seine Oberbekleidung sicherstellen, gab seine DNA ab, ließ sich erkennungsdienstlich behandeln, machte noch einen Alkoholtest – und fragte nie, warum und weshalb. Die Kollegen sagten: „Das gibt’s ja nicht. Der macht einfach alles mit.

“ Nach der vorläufigen Festnahme wurde wegen Gefahr im Verzug auch die Durchsuchung seiner Wohnung in Kalchreuth angeordnet, einem kleinen Dorf nördlich von Nürnberg. Die Ermittler hofften, dort Beweismittel zu finden, irgendetwas, das Hinweise darauf gibt, wo sich Alexandra aufhält. Das Zimmer, das als „Wohnung des Herrn Dejan B. “ bezeichnet wurde, wirkte, als wenn da niemand regelmäßig wohnt – eher ein Gästezimmer oder Abstellraum.

Die Kollegen suchten vor allem nach einem Fahrzeug, einem Land Rover Range Rover, mit dem Dejan B. am Abend zuvor bei der Polizei aufgetaucht war. Um Alexandra R. wie auch immer zu transportieren, wäre ein Fahrzeug notwendig.

Der Wagen wurde sichergestellt. Auf dem Weg dahin fand ein Kollege ein zerknülltes Blatt Papier, einen Kassenbon. Hellhörig wurde er, als er las: Der Bon war vom 9. 12.

, also vom Tag des Verschwindens, und stammte von einer Tankstelle an der Inntal-Autobahn. Sofort zog der Kollege die Verbindung: Inntalautobahn, Telefon von Alexandra R. in Italien aufgefunden. Wichtig, stellten wir es sicher.

Die Vermieter von Dejan B. wurden als Zeugen befragt, ob der Zettel von jemand anderem stammen könnte. Beide verneinten, sie seien nicht im Ausland gewesen. Dejan B.

schwieg ab jetzt. Kein Wort zu den Vorwürfen. Handfeste Beweise gegen ihn hatte die Polizei nicht. Die Staatsanwaltschaft entschied: Die Haftgründe reichen noch nicht, er muss wieder gehen lassen werden.

Inzwischen wussten die Ermittler, dass der Lkw-Fahrer, der das Handy gefunden hatte, in Italien war. Sie nahmen Kontakt zu den österreichischen Kollegen auf. Die suchten am Sonntag die Raststätte auf, klärten, dass es dort eine Kameraüberwachung gibt. Anhand des Kassenbons wusste man den interessanten Zeitpunkt.

Am Montag, als die Videoaufzeichnungen eintrafen, konnte man sehen: Ein Fahrzeug fuhr in den Tankbereich. Die Person, die ausstieg, wurde verfolgt, ging in den Kassenbereich, kaufte etwas und erhielt einen Kassenbon. Zu ihrer Überraschung konnten die Ermittler die Person nicht als Dejan B. identifizieren.

Ein Kollege, der bei der Durchsuchung dabei war, sagte: „Das ist nicht Dejan B. Das ist der dortige Vermieter. “ Der Geschäftspartner und Freund von Dejan B. – Ugur T.

Damit rückte Ugur T. in den Fokus der Ermittlungen. Wer war er? Früher Türsteher in der Nürnberger Diskothekenszene, aus dieser Zeit kannten sich die beiden.

Ugur T. , ein sehr großer, imposanter Mann, ein richtiger Berg von Mann. Während Dejan B. kühl und zurückhaltend war, ging Ugur T.

offen auf Menschen zu, freundlich, kontaktfreudig. Auf den Aufnahmen von den Zapfsäulen sah man: Ugur T. war mit einem Kleinwagen, einem Renault Twingo, nach Italien gefahren. Die Ermittler konnten ausschließen, dass Alexandra R.

in diesem Fahrzeug saß – vom Winkel her konnte man hineinschauen, und der Kofferraum war sehr begrenzt, wenn die Rückbank nicht umgeklappt war. Die zweite wesentliche Erkenntnis: Ugur T. hatte an der Tankstelle einen „Cashcode“ gekauft, zum Aufladen eines Prepaid-Handys. Damit konnten die Ermittler eine Telefonnummer ermitteln, die sie Ugur T.

zuordneten. Mit dieser Nummer ließ sich ein Bewegungsbild schreiben: vom Einkauf in Österreich über den Brenner weiter nach Italien. Legte man dieses Profil neben das Bewegungsprofil des Telefons von Alexandra R. , zeigte sich: Beide Telefone hatten die gleiche Wegstrecke zur gleichen Zeit zurückgelegt.

In dem Moment war klar: Hier sind zwei Leute beteiligt. Offensichtlich wurden Beweismittel vertuscht. Das war der ausschlaggebende Zeitpunkt, an dem die Sonderkommission eingerichtet wurde. Die Ermittlungen wurden größer.

Zwei Verdächtige, und beide schweigen. Klar war nur: Jemand hat versucht, Spuren zu verwischen. Die Soko musste schneller sein als die Täter. Gestartet war die Soko mit ungefähr 25 Beamten.

Man war noch in einer sehr frühen Phase. Für den Fall, dass Alexandra noch irgendwo lebte oder unter fragwürdigen Bedingungen gefangen gehalten wurde, mussten Suchmaßnahmen schnell und mit Nachdruck eingeleitet werden. Man wusste ja noch nicht, was mit ihr war, und musste davon ausgehen, dass sie vielleicht noch am Leben sein könnte. Die Polizei veröffentlichte Öffentlichkeitsfahndungen mit ihrem Foto, in der Hoffnung, dass jemand sie gesehen hatte oder eine Abreise oder Verschleppung beobachtet hatte.

Jeder Hinweis wurde verfolgt. In Spitzenzeiten beschäftigte das die Soko mit 40 Mann massiv. Das Kurioseste war ein selbsternannter Seher, der über sein Medium Kontakt mit ihr aufgenommen haben wollte und behauptete, sie sei in einem Waldgebiet außerhalb Frankens. Die Ermittler schauten nach – und fanden nichts.

Zwei Wochen vergingen. Keine Spur, kein Lebenszeichen. Die Ermittler nahmen nun ihre Immobilien unter die Lupe, überlegten, was im Weg lag, im Radius lag, wo sie sein könnte. Der Fokus lag auf ihren eigenen Immobilien.

Da war ein leerstehendes, fast fertig renoviertes kleines Einfamilienhäuschen, umgeben von einem alten Jägerzaun, Küche gerade am Aufbauen, weil es zeitnah hätte vermietet werden sollen. In manchen Räumen standen noch Umzugskartons und Säcke, weil Alexandra das Haus als Lager genutzt hatte. Dieses freistehende Einfamilienhaus nahmen sich die Ermittler genau vor.

Die Spurensicherung durchsuchte das Anwesen – und dort fanden sie die entscheidenden Beweise.