Ich saß im Gerichtssaal und dachte, ich hätte mit allem gerechnet. Bis er hereinkam. Der Mann, der meinen Sohn getötet haben sollte. Ein Kind. Und dann stand ich da, Tränen in den Augen, und…

Ich saß im Gerichtssaal und dachte, ich hätte mit allem gerechnet. Bis er hereinkam. Der Mann, der meinen Sohn getötet haben sollte. Ein Kind. Und dann stand ich da, Tränen in den Augen, und...

Als ich den Gerichtssaal betrat, hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Und dann ging plötzlich die Tür auf, und der Hauptangeklagte kam herein. Als ich ihn sah, musste ich weinen. Vor mir stand ein Kind.

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Ein gutaussehender junger Mann, und ich konnte mir einfach nicht erklären, wie ein Mensch in diesem Alter zu so einer Tat fähig sein konnte. Ich will nicht sagen, dass ich Mitleid hatte, aber ich hasste ihn auch nicht. Ich kenne keinen Hass. Hass ist etwas total Negatives, er macht krank und ändert gar nichts.

Die Fakten gegen meinen Mandanten waren für jeden Außenstehenden erdrückend. Wer von außen auf den Fall blickte, dachte: Was will der Verteidiger da noch groß machen? Die Täterschaft ist doch mehr als klar. Zu Prozessbeginn stellte sich auch tatsächlich der Eindruck ein, dass die Indizienkette stringent und belastbar war.

Man hatte die Hoffnung, dass ein gerechtes Urteil gefällt und der Täter seiner Strafe zugeführt wird. Doch ich warnte vor schnellen, einfachen Lösungen. Wenn in einem Rechtsfall Emotionen im Spiel sind, steht alles auf tönernen Füßen. Die Erwartungen gehen in eine bestimmte Richtung, weil die Geschichte für viele so einfach war.

Schwarz-weiß. Die Zugezogenen, die Migranten, die Geflüchteten. Und das gipfelt in einer fürchterlichen Tat, bei der ein junger Mensch ums Leben kommt. Dann will man denjenigen, der es war, schnell verurteilt sehen.

Dieser Wunsch nach einem schnellen Ende ist sehr menschlich, aber auch sehr, sehr gefährlich. Ich war an allen 23 Gerichtstagen da. Ich wollte nicht aus Erzählungen davon erfahren, sondern genau hören, was die Zeugen sagten, um mir mein eigenes Bild zu machen. Gott sei Dank hatte ich immer Begleitung, entweder meine liebe kleine Helga oder Dr.

Picken. Was sehr unglücklich war, ist die Tatsache, dass Dr. Picken an vielen Verhandlungstagen teilnahm und dann meinte, den Prozess kommentieren zu müssen. Das war unsäglich.

Der Richter hatte ihn sogar vor versammelter Mannschaft verbal angegriffen und gesagt, ohne ihn wäre das Ganze gar nicht so ausgeartet. Er bot ihm nicht einmal einen Sitzplatz an. Die Anklage stützte sich im Grunde auf drei Säulen. Die erste Säule war das fehlende Alibi meines Mandanten.

Die zweite Säule war die Jacke mit der Blutanhaftung des Verstorbenen. Und die dritte Säule war das Wiedererkennen meines Mandanten durch den Hauptzeugen und Freund des Opfers. Der Hauptzeuge, Hevan, wurde an einem der ersten Prozesstage geladen. Er hatte anfangs nicht teilnehmen wollen, weil er sich unsicher war.

Er war nervös und wollte diesen Schritt nicht gehen. Er musste alles noch einmal von Anfang an erzählen und aufpassen, keinen Fehler zu machen. Es war nervenaufreibend. Er stand unter enormem Druck, und es wurde penibel auf das kleinste Detail geachtet.

Mit welcher Faust Niklas geschlagen wurde, ob mit links oder rechts. In welche Richtung er stand, wie er geneigt war, wie Niklas umgefallen ist. Der Richter schaute, ob er das Gleiche sagte oder leicht abwich. Es gab Momente, in denen Hevan das Gefühl hatte, man versuche, Sachen herauszupicken, um ihn unglaubwürdig zu machen.

Der Richter bat ihn sogar, kurz den Verdächtigen anzugucken und zu sagen, ob er es hundertprozentig sei. Hevan tat es und war sich zu milliardenprozentig sicher, dass er es war. Das sagte er auch. Doch der Anwalt des Angeklagten argumentierte, dass Hevan den Täter in der Nacht beim Polizeirevier nicht erkannt hatte.

Woher also dieser Sinneswandel? Hevans Freunde und sein Umfeld hatten ihm damals Bilder geschickt, die sie auf Facebook gefunden hatten. Aber diese ganzen Tipps bewirkten vor Gericht das Gegenteil. Man konnte seiner Zeugenaussage nicht mehr viel Glaubwürdigkeit schenken.

Das Gericht konnte letztlich nicht ausschließen, dass Hevan nicht den Angeklagten erkannt hatte, sondern vielmehr ein Foto von ihm wiedererkannte, das ihm im Vorfeld zugesandt worden war. Für mich war absolut nicht nachvollziehbar, dass man Hevans Aussage nicht ernst nahm. Er war doch dabei. Ich habe in dem Moment an mir selbst gezweifelt und mich auch ein Stück weit geärgert.

Bei der nächsten Säule der Anklage behandelte die Staatsanwaltschaft die Frage, ob mein Mandant für die Tatzeit ein Alibi hatte oder nicht. Die Tankstellengeschichte war schon vor dem Prozess widerlegt worden. Er war nachweislich erst nach der Tatzeit an der Tankstelle. Das wurde ihm negativ angelastet, weil man sagte: Guck mal, der lügt.

Er will sich selbst ein Alibi geben. Aber er wusste nicht mehr genau, um wie viel Uhr er dort war, ob um 0:20 Uhr oder um 2 Uhr. Er verbrachte die restliche Zeit am Ententeich mit Freunden. Leider konnte keiner aus seinem Bekanntenkreis genau sagen, ob er weg war und wann.

Alles verschwamm in der Erinnerung. Das Gericht ließ diese Umstände in seine Entscheidung einfließen. Und schließlich die letzte Säule: die Jackengeschichte. Die Kammer stellte fest, dass die Jacke in der Tatnacht durch diverse Hände gegangen war und von verschiedenen Personen getragen wurde.

Man konnte nicht feststellen, dass der Angeklagte sie zur Tatzeit getragen hatte. Als Beweismittel war sie nicht weiterführend. Doch die Öffentlichkeit wollte das nicht wahrhaben. Wenn man ein Tatmittel im Haushalt des Beschuldigten findet, ist das doch ein eindeutiger Nachweis, dachten viele.

Man verstand nicht, dass die Kammer in der Indizienkette gezielt nach Bruchstellen suchte und diese aufdehnte. Das gefiel den Leuten nicht. Die Öffentlichkeit nahm großen Anteil an der Hauptverhandlung. Der vorsitzende Richter wurde massiv im Internet angegangen und bedroht, sodass der Staatsschutz eingeschaltet wurde.

Es herrschte eine aufgeheizte Stimmung in der Stadt. Ich musste mich selbst infrage stellen: Bist du jetzt trotzig, weil alle gegen dich und deinen Mandanten sind? Aber ich kam immer wieder zum Ergebnis: Da sitzt der Falsche im Gefängnis. Das ist dramatisch.

Mag er eine Vorgeschichte haben, mag er schon andere Menschen mit Faustschlägen verletzt haben – aber es muss einzeln geprüft werden, ob er es war. Kurz vor Ende des Prozesses hatte ich abends eine Besprechung mit einer jungen Dame, die in anderen Angelegenheiten kam und mich nach dem Fall fragte. Ich verdrehte die Augen und sagte, es wäre schön, wenn mal einer die Wahrheit sagen würde, wer der wirkliche Täter ist. Sie saß da und sagte: „Wir wissen alle, wer es war.

“ Ich tat das als Gerücht ab. Aber sie sagte, sie wüsste es von einem Augenzeugen, der alles beobachtet hatte. Dann erzählte sie mir Einzelheiten, die man entweder aus der Akte kennen musste – die ich ihr natürlich nie gezeigt hatte – oder von jemandem, der etwas beobachtet hatte. Ich dachte, sie versucht, alle auf die falsche Fährte zu locken, um die Ermittler zu verwirren.

Eine Taktik, um den Angeklagten herauszubekommen. Es war insgesamt eine Mauer des Schweigens. Alle jungen Männer oder Beteiligten, die in der Tatnacht am Rondell waren, wurden als Zeugen im Gerichtssaal angehört. Und alle schwiegen.

Keiner sagte etwas. Da muss man sich fragen, warum sie so motiviert sind zu schweigen. Freundschaft und Bekanntschaft spielten eine Rolle, vielleicht auch ein Ehrenkodex. Man verrät keine Freunde.

Diese Mauer des Schweigens war aber nicht zugunsten meines Mandanten errichtet, sondern, meiner Ansicht nach, zugunsten des wahren Täters. Ich habe von Anfang an alles, was vor Gericht gesagt wurde, mitgeschrieben. Ich wollte mich erinnern können, wer was gesagt hat. Es war zu allem anderen total anstrengend und emotional aufreibend.

Ich hatte eine Sehnenscheidenentzündung vom vielen Schreiben. Gott sei Dank habe ich es gemacht, denn nur so kann ich nachvollziehen, was tatsächlich passiert ist. Am Tag des Urteils hoffte ich, nach all den Verhandlungen zu einem Ergebnis zu kommen. Ich hatte das Gefühl, alles war umsonst.

Als der Freispruch verkündet wurde, war ich wie gelähmt. Das hatte sich niemand vorstellen können. Der Hauptangeklagte, der fast ein Jahr in einer engen Gefängniszelle gesessen hatte und monatelang in Handschellen zum Prozess gebracht worden war, war wieder ein freier Mann. Es tat weh.

Es fühlte sich an, als ob alles für die Katz gewesen war. Hätte ich mir das Ganze gespart und gesagt, ich erinnere mich an nichts, hätte ich mir viel Stress erspart. Und er wäre genauso freigesprochen worden. Ich hätte gerne geschrien, aber ich konnte nicht.

Ich konnte nicht weinen, nichts sagen. Es war ein schrecklicher Zustand. Das Gericht kann einen Täter nur verurteilen, wenn es von seiner Täterschaft überzeugt ist. Nach der Beweisaufnahme blieben Zweifel bei den Richtern.

Und wenn solche Zweifel bestehen, muss die Person freigesprochen werden. In der Öffentlichkeit gab es Stimmen, die mit totalem Unverständnis reagierten. Für sie war der Hauptverdächtige der Haupttäter, das stand fest. Dass er freigesprochen wurde, bedeutete für sie, dass das Rechtssystem versagt hat.

Doch der Rechtsstaat hat genau richtig gearbeitet mit dem Freispruch. Wenn Ermittler unter Druck geraten, wird nicht mehr sauber ermittelt. Sie kamen irgendwann aus ihrem Fahrwasser nicht mehr heraus und verloren alles aus dem Blick. Das ist die Gefahr, wenn viel Druck in solche Verfahren kommt.

An dem Ort, an dem Niklas starb, steht heute ein Denkmal. Vor drei Jahren wurde der damals 17-Jährige in Bad Godesberg zu Boden geschlagen und starb kurz darauf. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen inzwischen eingestellt, da keiner Person die Tat nachgewiesen werden konnte. Man geht davon aus, dass es eine Mehrzahl von Personen gab, die das Geschehen beobachtet haben, aber keine von ihnen hat gesagt, was passiert ist.

Dass man irgendwann sagt, es gibt keinen Täter und jetzt ist Schluss, begreife ich nicht. Und dass ich das aus den Medien erfahren musste, ohne dass man mit mir spricht, konnte niemand mehr nachvollziehen. Die Staatsanwaltschaft hat eine Kommunikationspanne eingeräumt. Aber ob die an der Stelle passieren darf?

Warum bis heute der vermutlich wirkliche Täter nicht belangt worden ist, kann ich nicht abschließend sagen. Ich denke, die Ermittlungsbehörden haben die Sorge, dass für diesen Zeugen geschwiegen oder gelogen wird und dass in der Öffentlichkeit ein erneutes Versagen des Rechtsstaats thematisiert würde. Wenn man den wirklichen Täter dingfest machen wollte, fehlen am Ende die Beweise. Ich habe keine Hoffnung mehr, dass der Täter heute noch ermittelt wird.

Es gibt immer wieder Fälle, in denen jemand nach 20 Jahren mit seinem Gewissen nicht leben kann und doch noch etwas sagt. Für mich ist es unbegreiflich, wie man mit so etwas leben kann. Ich könnte mir keinen Tag mehr in den Spiegel gucken. Aber scheinbar ist das bei solchen Leuten anders.

Die werden wahrscheinlich irgendwann anders bestraft. Vielleicht verlieren sie auch irgendwann einen geliebten Menschen. Dann werden sie sich erinnern, was sie jemand anderem angetan haben. Das Denkmal für Niklas ist für mich wunderschön.

Es steht nicht nur für ihn, sondern für die Allgemeinheit. Man kann kurz davorstehen, innezuhalten und darüber nachzudenken, wie man so etwas verhindern kann. Es ist ein Mahnmal für etwas, das hoffentlich so nie wieder passiert. Ich hoffe, dass es die Leute daran erinnert, dass eine Gewalttat schlimme Auswirkungen hat.

Für die Familie und die Freunde bricht eine Welt zusammen.