Der Copilot hatte das Kommando. Der Kapitän stand vor der verschlossenen Cockpittür und hämmerte dagegen. Er rief, er bat, er flehte – doch von innen kam keine Antwort. Kein Laut, kein Funkspruch, nichts.

Nur das stoische Schweigen eines Mannes, der das Flugzeug mit 149 Passagieren gezielt in den Tod steuerte. Der 24. März 2015 begann für Familie S. wie jeder andere Morgen.
Annika brachte die Kinder, drei und fünf Jahre alt, in den Kindergarten. Ihr Mann Patrick, Pilot bei German Wings, hatte das Haus früh verlassen. Er war gut gelaunt, machte sich einen Kaffee und fuhr zum Flughafen. Sein Flug führte ihn von Düsseldorf nach Barcelona, der Rückflug war für den späten Vormittag geplant.
Von Barcelona aus schrieb er seiner Frau eine Nachricht: Alles lief planmäßig, er würde sie am Abend wiedersehen. Annika saß währenddessen in einer Sitzung im Landtag, wo sie für die SPD-Fraktion arbeitete. Plötzlich unterbrach die Ministerpräsidentin die Runde: Über den Ticker laufe eine Meldung, dass eine German-Wings-Maschine über den französischen Alpen abgestürzt sei. Annika wusste sofort, welche Maschine es war.
Ihr wurde heiß und kalt, sie konnte nicht mehr klar denken. Kurz zuvor hatte sie noch die Nachricht ihres Mannes gelesen. Jetzt war alles anders. Auch Klaus Radner erlebte diesen Moment aus nächster Nähe.
Er wollte an diesem Vormittag seine Tochter Maria, ihren Partner Sascha und den gemeinsamen Sohn Felix vom Flughafen abholen. Maria hatte am Abend zuvor in Barcelona in einer Oper gesungen. Im Büro hörte er zunächst nur beiläufig von dem Absturz einer deutschen Maschine. Erst als im Radio durchgegeben wurde, dass die Maschine aus Barcelona kam, brach für ihn eine Welt zusammen.
Er fuhr zum Flughafen, fragte an der Information nach, ob es eine zweite Maschine gegeben habe. Die Antwort verneinte. Er ließ sich in einen Raum für Angehörige bringen, wo ihn ein Seelsorger in Empfang nahm. Am Nachmittag trat der Vorstand der Lufthansa vor die Presse.
Die Lage war unklar, doch eines schien sicher: Es gab keine Überlebenden. Die Absturzstelle lag abgelegen in den französischen Alpen, 1. 800 Meter über dem Meeresspiegel. Gendarmen und Soldaten sicherten das Gebiet ab.
Die Trümmer waren über eine Fläche von 300 mal 400 Metern verstreut. Was die Einsatzkräfte fanden, war kaum zu ertragen: Metallteile, Sitzteile, persönliche Gegenstände – und überall Hinweise auf die Menschen, die kurz zuvor noch an Bord gewesen waren. Von den 150 Menschen an Bord überlebte niemand. Die Opfer stammten aus 17 Nationen, die meisten aus Deutschland und Spanien.
Besonders erschütternd war die Nachricht, dass auch eine Schulklasse an Bord war: 16 Jugendliche und zwei Lehrerinnen eines Gymnasiums. Eine Mutter erinnerte sich, dass ihre 15-jährige Tochter ihr am Morgen aus dem Bus geschrieben hatte, dass sie auf dem Weg zum Flughafen seien und sich nach der Landung melden würde. Es war ihre letzte Nachricht. Die Eltern versammelten sich in der Schule.
Der Schulleiter musste ihnen sagen, dass alle Insassen der Maschine tot waren. Für ihn war es einer der schlimmsten Momente seines Lebens. Die Ermittler begannen, die Katastrophe zu rekonstruieren. Der Voice Recorder aus dem Cockpit wurde nach Paris gebracht und bereits am Abend ausgewertet.
Zunächst hörte man ein normales Gespräch zwischen den beiden Piloten über die Verzögerung beim Start. Doch dann verlässt Kapitän Patrick das Cockpit, um zur Toilette zu gehen. Die Tür schließt sich. Und in diesem Moment beginnt der Abstieg.
Der Kapitän klopft an die Tür, zunächst ruhig, dann immer hektischer. Er identifiziert sich über die Gegensprechanlage, doch der Copilot antwortet nicht. Das Flugzeug sinkt kontinuierlich. Die Flugsicherung versucht, Kontakt aufzunehmen – ohne Erfolg.
Der Flugdatenschreiber wurde erst nach Tagen gefunden. Das Gerät war schwer beschädigt, doch die Spezialisten konnten die Daten retten. Sie zeigten einen kontrollierten Sinkflug, ohne technische Störungen, ohne hektische Manöver. Alles deutete darauf hin, dass der Absturz absichtlich herbeigeführt wurde.
Der Untersuchungsrichter erklärte: Der Copilot Andreas Lubitz hatte allein im Cockpit das Kommando übernommen und die Höhensteuerung manipuliert. Die Aktion konnte nur vorsätzlich erfolgen. Für die Angehörigen war das unfassbar. Klaus Radner sagte später: „Meiner Frau und mir wurden die Beine unter dem Boden weggezogen.
Man kann sich in der Realität nicht vorstellen, dass ein Mensch mir nichts, dir nichts 149 unschuldige Menschen umbringt. ”
Wer war dieser Andreas Lubitz? Bei den Ermittlungen tauchten immer mehr erschütternde Details auf. Andreas, 27 Jahre alt, stammte aus Montabaur.
Er war fasziniert von Flugzeugen, hatte als Jugendlicher Segelfliegen gelernt und seinen Traum verfolgt, Pilot zu werden. 2008 begann seine Ausbildung in Bremen – doch schon wenige Monate später erlebte er eine schwere depressive Episode. In seinen Aufzeichnungen beschrieb er Schlaflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und den Wunsch, nicht mehr existieren zu wollen. Er schrieb: „Ich möchte lieber nicht mehr existieren, anstatt so weiterzuleben.
Letzter Ausweg, der mich teilweise glücklich macht, ist der Sprung von der Klippe. ”
Nach einer psychiatrischen Behandlung wurde er wieder gesundgeschrieben. Er durfte seine Ausbildung fortsetzen, unter der Bedingung, dass seine Flugtauglichkeit verfiele, falls erneut psychische Probleme aufträten. Er bestand alle Prüfungen und galt als voll flugtauglich.
Doch kurz vor dem Absturz zeigten sich erneut Warnzeichen. Andreas litt unter massiver Angst, zu erblinden. Er suchte mehr als 40 Ärzte auf, darunter viele Augenärzte. Die Befunde waren immer unauffällig, doch die Angst ließ ihn nicht los.
Er nahm Medikamente gegen Schlafstörungen und Depressionen – Medikamente, die er während des Fluges eigentlich nicht hätte einnehmen dürfen. Zwei Krankschreibungen seiner Ärzte, die bis nach dem Absturz datiert waren, hatte er nie bei seinem Arbeitgeber eingereicht. Trotzdem saß er im Cockpit. Die Ermittler fanden auf seinem Tablet Recherchen zu Suizidmethoden und tödlichen Medikamentenkombinationen.
Außerdem lag dort ein Zettel mit der Aufschrift „Entscheidung: Sonntag”. Eine Liste mit Pro- und Contra-Argumenten. Die Staatsanwaltschaft kam zum Ergebnis: Andreas Lubitz wollte sich unbedingt töten. Warum hat niemand eingegriffen?
Diese Frage beschäftigt bis heute viele. Die behandelnden Ärzte beriefen sich auf ihre Schweigepflicht. Klaus Radner kritisierte das scharf: „Er war bei 40 Ärzten und war der Meinung, er wird blind. Keiner hat die Reißleine gezogen.
Wenn Gefahr im Verzug ist, muss gehandelt werden. ” Die Ermittlungsverfahren gegen die Lufthansa wurden eingestellt, dem Konzern konnte kein Versäumnis nachgewiesen werden. 31 Angehörige reichten 2023 erneut Klage ein – diesmal gegen das Luftfahrtbundesamt. Ein Prozess ist noch nicht abgeschlossen.
Annika, die Witwe von Kapitän Patrick, wählte einen anderen Weg. Sie gründete eine Stiftung, die Menschen bei der Bewältigung von Trauer unterstützt. Für ihr Engagement erhielt sie später den Landesverdienstorden. Sie machte aus ihrem Schmerz Stärke.
Nach dem Absturz wurde beschlossen, dass sich künftig immer zwei Personen gleichzeitig im Cockpit aufhalten müssen. Doch nach zwei Jahren wurde die Regelung wieder abgeschafft, weil sie vor allem bei Kurzstrecken eine zu große Belastung darstellte. Piloten sollen nun regelmäßiger psychologisch untersucht werden – die Kontrolle bleibt jedoch eine Gradwanderung. Klaus Radner wird die Frage nie loslassen: „Warum muss dieser Mensch 149 Menschen mit in den Tod nehmen?
Warum macht er so viele Menschen unglücklich? Ich verstehe es bis heute nicht. Und ich kann nicht abschließen, weil ich keine Erklärung habe und jeder sich aus der Verantwortung stiehlt.
”
Flug 4U9525 endete in den französischen Alpen – für 149 Menschen, die einfach nur nach Hause wollten.


