Der erste Angriff erfolgt mitten in der Nacht, als das Opfer völlig wehrlos ist. Ein 56-jähriger obdachloser Mann aus Ungarn schläft auf einer Parkbank am Donaukanal in Wien, als ein Unbekannter auf ihn einsticht. Das Opfer kann sich noch ein paar Meter schleppen, bricht dann aber zusammen und stirbt. Eine Radfahrerin findet den Mann in den frühen Morgenstunden.

Es ist der 12. Juli 2023, und für die Ermittler beginnt eine der grausamsten Serien, die Wien seit Jahren gesehen hat. Oberst Gerhard Winkler leitet die Mordkommission beim Landeskriminalamt. Er und sein Team stehen vor einem Rätsel.
Der Täter hat kein erkennbares Motiv, es gibt keine Vorbeziehung zwischen Opfer und Täter, keine Zeugen, keine Kameras. Der Mann wurde einfach ausgewählt, weil er schlief. Weil er hilflos war. Weil er am Rand der Gesellschaft lebte.
„Der Täter hat hilflose Menschen ausgewählt, die am Rande der Gesellschaft stehen“, sagt Winkler später. Zehn Tage später, am 22. Juli, schlägt der Unbekannte erneut zu. Diesmal in der Venediger Au, einem Park unweit des Wiener Praters.
Eine obdachlose Frau schläft dort, als sie gegen 3:40 Uhr aufwacht. Sie spürt Schläge, wehrt sich mit den Händen, schreit laut um Hilfe. Der Angreifer flieht. Erst danach merkt die Frau, dass sie mehrfach mit einem Messer verletzt wurde.
Sie schleppt sich mit letzter Kraft zu einem Bahnhof, wo ihr ein Taxifahrer hilft und sie ins Krankenhaus bringt. Sie überlebt schwer verletzt. Jetzt ist den Ermittlern klar: Sie haben es mit einem Serientäter zu tun, der gezielt obdachlose Menschen angreift. Die Alarmglocken schrillen.
Die Polizei arbeitet mit Obdachlosenhilfen zusammen, warnt die Betroffenen, verteilt Hinweise. Die Caritas und die Stadt Wien schaffen zusätzliche Schlafplätze, über 100 Stück, die gut angenommen werden. Doch die Angst bleibt. Am 9.
August kommt es zur dritten Tat. Gegen 1:40 Uhr greift der Unbekannte einen 55-jährigen Mann an den S-Bahnbögen in Wien Josefstadt an. Vasile P. wird mit einem Messer schwer verletzt.
Er schafft es noch bis zur Straße, wo ihn eine Polizeistreife findet und Erste Hilfe leistet. Ins Krankenhaus eingeliefert, stirbt er vier Tage später an seinen Verletzungen. Diesmal gibt es Überwachungskameras. Ein junger Mann, etwa 18 bis 25 Jahre alt, mit schwarzem Hoodie und Base Cap, wird auf den Aufnahmen gesehen.
Das LKA Wien veröffentlicht Standbilder, später ein überarbeitetes Video. Der Mann verbeugt sein Gesicht, zieht die Kappe tief ins Gesicht, hantiert mit einem Gegenstand. Hunderte Hinweise gehen ein, doch eine heiße Spur gibt es nicht. Über Monate bleibt der Täter unerkannt.
Die Obdachlosen in Wien leben in ständiger Angst. Viele schlafen nicht mehr tief, manche nur noch tagsüber, andere tragen etwas zur Verteidigung bei sich. Sie spielen die Gewalt herunter, sagen, das sei eben ihr Leben. Aber die Gespräche mit den Streetworkern zeigen, wie sehr diese Anschläge sie getroffen haben.
Gewalt gegen Obdachlose war schon immer da, aber jetzt ist jemand gestorben. Jetzt ist es sichtbar. Dann, am 11. Dezember, passiert etwas, womit niemand gerechnet hat.
Ein junger Mann meldet sich bei der Polizei und gesteht, der gesuchte Obdachlosenmörder zu sein. Bei den Vernehmungen zeigt sich: Thomas A. , ein 16-Jähriger aus Niederösterreich, verfügt über Täterwissen, das nie öffentlich bekannt wurde. Er ist es wirklich.
Thomas A. wirkt ruhig, fast höflich. Als Motiv nennt er seine familiäre Situation, den Schulabbruch, Wut und Traurigkeit. Aber was ihn wirklich zu diesen Morden getrieben hat, bleibt selbst für die erfahrenen Ermittler unverständlich.
Der Teenager war vorher nie polizeilich in Erscheinung getreten. Dann, kurz nach den Taten, wird er auffällig: wegen Drogenmissbrauchs und weil er seine Mutter körperlich attackiert hat. In den Vernehmungen schildert er seine Taten. Er kam jedes Mal mit dem Zug nach Wien, suchte sich die Tatorte aus, wollte sichergehen, ungestört zu sein.
Nach der Tat kehrte er zu seinem Vater nach Niederösterreich zurück. Die Tatwaffe, ein Messer, versteckte er in einer Couch im Haus des Vaters, wo sie bei einer Durchsuchung gefunden wurde. Warum er nach dem dritten Mord aufhörte? Er hatte eine Berufsausbildung im Gastgewerbe begonnen und eine junge Frau kennengelernt, mit der er sich eine Zukunft vorstellen konnte.
Er wollte reinen Tisch machen. Aber auch der Druck der öffentlichen Fahndung, so glaubt Oberst Winkler, hatte Spuren hinterlassen. Im Herbst 2024 beginnt am Landesgericht Wien der Prozess gegen Thomas A. Er bleibt bei seinem Geständnis und entschuldigt sich bei der Frau, die den Angriff schwer verletzt überlebt hat.
Weil er zum Tatzeitpunkt erst 16 war, wird er nach Jugendstrafrecht verurteilt: zwölf Jahre Haft. Zusätzlich wird er wegen einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung in ein forensisch-therapeutisches Zentrum eingewiesen, auch auf eigenen Wunsch. Drei obdachlose Menschen hatte seine Gewalt getroffen, zwei davon starben. Für Oberst Winkler bleibt die Erschütterung über die Sinnlosigkeit dieser Taten.
Ein anderer Fall, ein anderes Land, eine ähnliche Brutalität. In Trier, genauer in Herstdorf in der Eifel, verschwindet im Januar 2023 ein Mann. Friedrich S. , 56 Jahre alt, gilt als freundlich, hilfsbereit, gewissenhaft.
An einem Montagmorgen erscheint er nicht zur Arbeit. Das ist untypisch. Der Nachbar schaut nach, klingelt, klopft. Der Hund bellt, niemand öffnet.
Durch das Fenster sieht der Nachbar ein durchwühltes Wohnzimmer. Er ruft die Polizei. Gegen 10:30 Uhr öffnen die Beamten das Haus und finden Friedrich S. tot in der Badewanne im ersten Stock.
Kriminalhauptkommissar Christian Sollier leitet die Mordkommission. Zusammen mit seinem Kollegen Christian Eikes übernimmt er den Fall. Schnell stellt sich heraus, dass Friedrich S. seine Homosexualität nicht verheimlicht hat.
In der Nacht zum 14. Januar hat eine Nachbarin zwei Männer auf dem Grundstück gesehen, die zwischen dem Auto und dem Haus herumliefen. Ihr Hund hatte angeschlagen. Die Ermittler finden drei Teller, drei Gläser und drei Bierflaschen in der Küche.
Zwei Täter plus das Opfer. Das Wohnzimmer ist komplett durchwühlt, Schubladen ausgeräumt, alles sieht aus wie nach einem Einbruch. Aber es gibt keine Einbruchsspuren. Die Täter wurden hereingelassen.
Um die Badewanne herum finden die Kriminaltechniker abgebrannte Teelichter. Man hat versucht, eine romantische Stimmung zu erzeugen. Dann muss es eskaliert sein. Blutspritzer an den Wänden, viele Schläge mit einer Eisenstange.
Beide Täter müssen zugeschlagen haben. Im Auto des Opfers machen die Ermittler eine wichtige Entdeckung: ein Tablet mit Fingerabdrücken. Der Abgleich bringt einen Treffer: Emmanuel P. , 20 Jahre alt, ein Kleinkrimineller aus Berlin.
Und dann kommt heraus, wie die Täter ihr Opfer gefunden haben. Friedrich S. suchte in einem geschlossenen Facebook-Chat namens „Er sucht ihn“ nach Kontakten. Am 14.
Januar meldet sich ein junger Mann bei ihm. Hinter dem Profil steckt Emmanuel P. Ein harmloser Chat, ein Treffen in Remscheid. Friedrich S.
fuhr hin, holte eine Person ab. Aber vor Ort warteten zwei. Er nahm beide mit nach Hause. Was als harmloses Kennenlernen begann, wurde tödlich.
Die Öffentlichkeitsfahndung bringt weitere Zeugen. Zwei Fahrzeuge, die von einer Geburtstagsfeier kamen, sahen in der Nacht zwei Personen, die im strömenden Regen zu Fuß auf der Landstraße unterwegs waren. Die Täter liefen etwa eine Stunde bis zum Nachbarort Schönecken, wo sie gegen 4 Uhr nachts ankamen. Dort stand zufällig ein Taxifahrer, der sie mitnahm.
Die beiden wollten zuerst zum Bahnhof in Gerolstein, fragten dann aber, ob man nicht nach Köln oder Wuppertal fahren könnte. Dem Taxifahrer war das unheimlich, er lenkte das Gespräch auf Bus und Bahn. In Gerolstein zeigte der jüngere der beiden auf ein Symbol an einer Bank und sagte, man solle anhalten. Er wusste nicht einmal, welche Bank das war.
Die beiden versuchten, mit der EC-Karte des Opfers Geld abzuheben, scheiterten aber, weil sie den PIN nicht kannten. Was sie nicht wussten: Die Überwachungskameras der Bank lieferten gestochen scharfe Bilder. Damit konnte auch der zweite Täter identifiziert werden: Jasar S. , 26 Jahre alt, ebenfalls aus Berlin.
Beide Täter waren serbischer Abstammung, früh nach Deutschland eingereist, mit abgelehnten Asylanträgen, aber immer wieder zurückgekehrt. Ihre Masche: Sie lockten ältere, alleinstehende homosexuelle Männer über Facebook zu Treffen, um sie auszurauben. Bei Friedrich S. eskalierte es.
Als er darauf bestand, dass die vereinbarten sexuellen Handlungen ausgeführt wurden, sahen die beiden keinen anderen Ausweg – und wählten den falschen. Die Tatwaffe, ein Radmutterschlüssel aus Stahl, wird in einem nahe gelegenen Bach gefunden. Die Täter werden in Wuppertal festgenommen. Die Auswertung ihrer Handys zeigt das Ausmaß ihrer Betrugsmasche: Hunderte Anschreiben, mehrere Kontakte.
Einen Tag nach dem Mord haben sie bereits ein weiteres Opfer in Bamberg um Goldmünzen im Wert von rund 50. 000 Euro erleichtert. Im Oktober 2023 beginnt der Prozess vor dem Landgericht Trier. Die Täter zeigen keine Reue.
Jasar S. wird wegen Mordes in Tateinheit mit Raub zu lebenslanger Haft verurteilt, Emmanuel P. nach Jugendstrafrecht zu 13 Jahren. Kommissar Sollier bleibt das Opfer in Erinnerung: ein Mann, der sexuelle Bedürfnisse hatte, der hereingelegt wurde, der überall als nett und ehrlich beschrieben wurde – und der dafür sterben musste.
Im dänischen Odense kämpft Mordermittler Bent Isaga Nielsen mit einem Fall, der ihn auch Jahre später noch beschäftigt. Am 13. April 2011 gehen Bjarne, 53, ein Chirurg, und Heidi, eine Finanzdirektorin, nach der Arbeit spazieren. Ein normales Paar, ein schönes Haus, erwachsene Kinder.
Sie gehen in den nahe gelegenen „1000-Jahres-Wald“, wie sie es schon oft getan haben. Bjarne nimmt seine teure Kamera mit. Sie sind gute Fotografen. Die Kinder kommen nach Hause, die Eltern sind nicht da.
Sie suchen, fragen Freunde, vergebens. Am nächsten Morgen rufen sie die Polizei. Ein Passant findet die Leichen zufällig im Wald. Bjarne wurde mit 13 oder 14 Schüssen getötet, Heidi mit zehn.
Sie wurden von hinten, von vorne, in den Kopf, in die Beine getroffen. Es sieht aus, als sei der Mörder um sie herumgegangen und habe aus allen Richtungen geschossen. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Charlotte Kappel, forensische Psychologin, erklärt, warum dieser Fall so viele Menschen erschüttert: „Es hätte jeden treffen können.
Es ist ein öffentlicher Ort. Da ist jemand mit einer ungewöhnlichen Waffe, der wahllos Leute erschießt. “
Die Kriminaltechniker stehen vor einer Herausforderung, denn Tatorte im Freien sind schwierig. Spuren können von jedem stammen.
Sie tragen die Erde tief ab, um Beweise zu finden. Und sie werden fündig: seltene Leuchtspurmunition, Kriegsmunition, die bei Dunkelheit eine sichtbare Lichtspur hinterlässt. In Dänemark ist der Besitz verboten. Diese Munition wird weder zum Jagen noch bei Verbrechen benutzt.
Die Rekonstruktion ergibt: Zuerst wurde Bjarne erschossen, Heidi lebte noch etwas länger und wurde aus kurzer Entfernung getötet. „Ich kann mir nicht vorstellen, was das mit einem Menschen macht“, sagt die Psychologin. „Man ist hilflos und kann nichts tun, nur zusehen und beten. “
Das Motiv bleibt unklar.
Heidi hatte noch Geld, Schmuck und einen Ring bei sich. Es fehlen nur wenige Dinge: Bjarnes Kamera, einige persönliche Gegenstände, ein Schlüssel, die Brieftasche. Möglicherweise hatte Bjarne Fotos von dem Täter gemacht. Charlotte Kappel nutzt das geografische Profiling, um den Täter einzugrenzen.
Menschen bewegen sich in ihrer Umgebung sehr typisch, erklärt sie. Der Tatort ist ein zentraler Punkt, dazu kommen „tote Zonen“ wie ein Golfclub und ein Reitclub, die Menschen selten überqueren. Daraus ergeben sich Pufferzonen, in denen der Täter wahrscheinlich lebt oder bekannt ist. Eine Überwachungskamera liefert ein Bild eines Mannes mit weißer Mütze und ungewöhnlichem Gang.
Mehr als zehn Zeugen weisen auf denselben Mann hin: Vincent S. Er und sein Bruder sind Waffenfreaks. Ihre Wohnungen werden durchsucht, sie liegen in einer der gelben Zonen des geografischen Profilings. Es werden Waffen und Munition gefunden, aber nicht die Tatwaffe.
Trotzdem werden beide Brüder festgenommen und des Mordes angeklagt. Sie bestreiten alles. Die Auswertung der Handys führt die Ermittler zu einem nahe gelegenen See. Polizeitaucher finden die Mordwaffe: ein altes Suomi-Maschinengewehr aus Schweden, aus dem Zweiten Weltkrieg.
Und die Munition am Tatort trägt die DNA von Vincent S. „Ich denke, wir haben es hier mit einer Person zu tun, die eine Persönlichkeitsstörung hat“, sagt Charlotte Kappel. „Es fehlt an Empathie. Es ist jemand, der jemand anderes sein will, als er wirklich ist.
“
Vincent S. wird wegen des Doppelmordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Seinem Bruder kann eine Beteiligung nicht nachgewiesen werden. Bjarnes Kamera wird nie gefunden.
Die Öffentlichkeit ist erleichtert, denn der Fall war extrem brutal. Ein ganz normaler Abendspaziergang wurde Bjarne und Heidi zum Verhängnis. Sie waren nur zur falschen Zeit am falschen Ort.


