Der Anruf kam mitten in der Mittagspause, als wir auf dem Weihnachtsmarkt in Rosenheim standen. Ein Kollege vom Staatsanwalt ließ uns über das Bundesjustizministerium ausrichten, dass sich einer unserer Verdächtigen wahrscheinlich in einer Kaserne der Fremdenlegion nahe Marseille aufhalte. Wir warfen unsere Glühweinbecher weg und wussten sofort: Jetzt zählt jede Stunde. Es begann alles viel früher, an einem heißen Tag im August 2005.

Eine österreichische Familie war auf der A8 von Salzburg Richtung München unterwegs, als sie eine Pause einlegte. Der Vater trat ein paar Schritte von seinem Auto weg und entdeckte im hohen Gras die Leiche eines jungen Mannes. Der Tote trug eine Jeans und ein blau-weiß kariertes Hemd. Sein Hosenschlitz stand offen, als wäre er beim Austreten überrascht worden.
Am Kopf zeigten sich schwere Verletzungen, und bei der späteren Obduktion kamen vier Stichwunden in der Brust dazu. Keine Abwehrverletzungen. Der Angriff musste völlig überraschend gekommen sein. Für uns Ermittler war das größte Problem: Der Mann hatte keinerlei Papiere bei sich.
Wir wussten nicht, wer er war, woher er kam, warum er starb. Unsere Ermittlungsgruppe stand vor einem Rätsel. Unser Soko-Leiter Helmut Stahl kam auf eine ungewöhnliche Idee. Er ließ sämtlichen Müll sicherstellen, der sich entlang der Autobahnen A8 und A93 an Raststätten und Parkplätzen befand.
Insgesamt zehn Tonnen. Die wurden nach Ingolstadt zur Verwertungsanlage gebracht und sollten dort akribisch durchsucht werden. Unterstützt von der Bereitschaftspolizei Eichstätt und der Kripo Ingolstadt kämmten die Kollegen fünf bis sechs große Müllwagen durch. Beim Durchsuchen der Kleidung des Toten fanden wir eine Halskette mit einem Anhänger.
Darauf waren ägyptische Hieroglyphen, die übersetzt den Namen „Martin“ ergaben. Und in seiner Tasche steckte ein zerknitterter Beleg in slowakischer Sprache. Eine Dolmetscherin übersetzte ihn am nächsten Tag: Es war ein Waschstraßenbeleg einer Tankstelle aus Bratislava, datiert auf den 26. August 2005.
Über die deutsche Vertretung der Tankstellenkette bekamen wir Kontakt zu einem Mitarbeiter in Bratislava. Er erinnerte sich an einen Mann mit einem schwarzen Luxuswagen, der an jenem Tag gegen Mittag die Waschanlage benutzt hatte. Und er versprach, uns die Videoaufnahmen zu schicken. Ein paar Tage später lagen sie uns vor.
Auf dem Video waren das spätere Opfer und sein Fahrzeug gut zu erkennen, ebenso das Kennzeichen. Außerdem sah man zwei Männer, die gemeinsam mit dem Opfer das Auto verließen. Zu dritt fuhren sie am 26. August gegen Mittag von der Tankstelle los.
In den Tagen nach dem Leichenfund wurde in den Zeitungen über den Toten an der A8 berichtet. Eine Zeugin meldete sich und sagte aus, sie sei am 26. August zwischen 18:30 und 18:45 Uhr am Fundort vorbeigefahren. Dort habe ein dunkles Auto mit geöffnetem Kofferraum auf dem Feldweg gestanden.
Zwei Männer hätten dahinter gestanden und in die Wiese geblickt. Sie habe gedacht, die beiden würden illegal Müll entsorgen. Beim Durchsuchen des Raststättenmülls fanden wir sechs Kredit- und Bankkarten, die auf einen gewissen Martin Wager ausgestellt waren. Der Vorname passte zu den Hieroglyphen auf dem Kettenanhänger.
Am 31. August wurde uns über eine Kontaktstelle in Österreich mitgeteilt, dass eine Person mit diesem Namen im Raum Bratislava gemeldet war. Die slowakischen Kollegen schickten uns ein Passbild. Es bestätigte unseren Verdacht: Bei dem Toten handelte es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um den 32-jährigen Slowaken Martin Wager.
Sein Vater hatte ihn am 28. August als vermisst gemeldet, seine Lebensgefährtin zwei Tage später. Die slowakische Polizei nahm Kontakt mit der Familie auf. So erfuhren wir: Martin Wager war am 26.
August in Begleitung zweier Männer Richtung Deutschland aufgebrochen. Er wollte seine Schwester besuchen, die in der Schweiz lebte. Die Schwester wurde nach Lindau vorgeladen und identifizierte ihren Bruder auf Bildern der Tankstellenüberwachung, am nächsten Tag dann in der Gerichtsmedizin in Rosenheim. Doch wer waren die beiden Männer, mit denen Martin unterwegs war?
Die Schwester gab zunächst an, sie nicht zu kennen. Später räumte sie ein, einen von ihnen schon einmal gesehen zu haben, drei Wochen vor der Tat sei er bei ihrem Bruder aufgetaucht. Es habe Ärger um Geld gegeben. Den Namen wusste sie nicht, nur einen Spitznamen.
Über die Staatsanwaltschaft in Traunstein stellten wir ein Rechtshilfeersuchen an die slowakischen Behörden. Eine spezielle Polizeidienststelle in Bratislava wurde mit den Ermittlungen vor Ort beauftragt. Ab dem 9. September 2005 ging es los.
Bei den Vernehmungen sagte der Vater von Martin Wager aus, dass ein Geschäftsmann aus der Nähe von Bratislava seinem Sohn den schwarzen Wagen überlassen hatte, mit dem die drei Männer unterwegs waren. Das Auto mit dem deutlich sichtbaren Kennzeichen wurde zur Fahndung ausgeschrieben, blieb aber bis heute verschwunden. Aus den vielen Vernehmungen im Umfeld des Opfers ergab sich, dass Martin Wager Schulden hatte. Er wollte sich selbstständig machen, aber ohne Erfolg.
Er war jemand, der Probleme regelrecht anzog. Bald konnten wir die beiden gesuchten Begleiter identifizieren: Philip B. und Andrej K. Die zwei waren beste Freunde, beide Anfang zwanzig, aus einem kleinen Ort nahe Bratislava.
Andrej K. kannte das Opfer von klein auf, sie wohnten im selben Ort. Beide hielten sich mit wechselnden Jobs über Wasser, hatten weder Vermögen noch Schulden. Die slowakische Polizei hörte die Telefone der beiden ab.
Die Protokolle mussten erst übersetzt werden, es war die Zeit vor KI, das brauchte Zeit. Trotzdem lohnte sich die Geduld. Aus den Gesprächen ging hervor, dass Martin Wager vor seinem Tod seinem Bekannten Andrej K. angedeutet hatte, dass er Angst habe und es um Geld gehen würde.
Andrej K. hatte ihm daraufhin ein Treffen angeboten. Ein Kontakt zwischen dem Opfer und den beiden Männern stand fest. Da es keinen konkreten Verdachtsmoment gab, wurden Philip B.
und Andrej K. zunächst als Zeugen vernommen. Sie stritten vehement ab, Martin Wager überhaupt zu kennen. Einer gab später zu, ihn doch zu kennen, bestritt aber, mit ihm im Auto gesessen zu haben.
Dieser anfängliche Zeuge fühlte sich so sicher, dass er sogar eine Speichelprobe abgab. Die Slowaken mussten sie wieder laufen lassen. Aber die Telefone blieben überwacht. Und dann kam der Dezember.
Es war der 9. Dezember 2005, als wir von der Kaserne der Fremdenlegion bei Marseille erfuhren. Philip B. war offenbar dort.
Die Telefonüberwachung ergab außerdem, dass er gesagt hatte, er müsse abhauen, weil er nicht bestraft werden wolle. Eine Aussage, die ihn verdächtig machte. Wir wollten noch am selben Tag nach Frankreich fliegen. Aber es gab keinen Linienflug mehr.
Nach Rücksprache mit den französischen Kollegen wurde uns zugesichert, dass Philip B. über das Wochenende in seiner Kaserne in Gewahrsam genommen würde. Am Montag, dem 13. Dezember, vernahmen wir ihn in Marseille, gemeinsam mit meinem Kollegen und einer Dolmetscherin.
Zuerst führten wir ein normales Gespräch. Als wir ihn dann mit dem Tatvorwurf konfrontierten, änderte sich schlagartig seine Gesichtsfarbe. Er stritt jegliche Tatbeteiligung ab, räumte aber ein, am 26. August mit Martin Wager und Andrej K.
nach Deutschland gefahren zu sein. Dann kam der Wendepunkt: Philip B. brachte einen weiteren Verdächtigen ins Spiel, der bei der Tötung angeblich auch dabei gewesen sei. Diese Aussage konnten wir schnell widerlegen – durch die Zeugenaussagen und das Tankstellenvideo.
Darauf waren nur drei Männer zu sehen. Also schob Philip B. die Schuld auf Andrej K. Der habe Martin Wager getötet.
Laut seiner Version habe Martin Wager die beiden Männer mit einem teuren Auto abgeholt. Bei einer Rast habe das Opfer die Motorhaube und den Kofferraum geöffnet, um die Scheibenwischeranlage aufzufüllen. Philip B. habe das Opfer plötzlich rufen hören: „Mach das nicht.
“ Dann habe er gesehen, wie Andrej K. mit einem Beil drei- oder viermal auf den Oberkörper des Opfers einschlug. Das Opfer sei zu Boden gegangen, und Andrej K. habe ihm befohlen, den Körper zum Graben zu ziehen.
Wir glaubten ihm nicht. Der Grund: Philip B. nannte eine Axt als Tatwaffe. Aber die Obduktion hatte längst ergeben, dass die Kopfverletzungen nicht von einer Axt stammen konnten, sondern von einem Wagenheber oder einem ähnlichen schweren Gegenstand.
Am 13. Dezember wurde der Polizeigewahrsam von Philip B. verlängert, am nächsten Morgen ging die Vernehmung weiter. Diesmal hielt er sich bedeckt und verlangte plötzlich einen Rechtsbeistand.
Nach kurzer Besprechung mit seinem Anwalt änderte er seine Aussage erneut. Jetzt behauptete er, Andrej K. habe einen 20 bis 30 Zentimeter langen Gegenstand aus seiner Hose gezogen und damit zweimal auf die Brust des Opfers eingestochen. Er selbst habe gerufen: „Nicht, Andrej!
“ Martin Wager habe sich umgedreht, es sei zu einer Rangelei gekommen. K. habe noch zweimal zugestochen, bis das Opfer mit dem Kopf nach unten im Gras gelegen habe. Dann habe Andrej K.
ihm befohlen, den Körper in den Graben zu ziehen. Er sei zum Auto gelaufen, während Andrej K. noch etwas am Kopf oder Hals des Opfers gemacht habe. Unmittelbar nach der Tat seien die beiden in ihren slowakischen Heimatort zurückgefahren.
Die Kleidung von Andrej K. sei an Beinen und Ellenbogen voller Blut gewesen. Er selbst habe kein Blut an seinen Klamotten gehabt. Trotzdem habe Andrej K.
ihn aufgefordert, seine komplette Kleidung zu verbrennen. Das habe er in einem Wald in der Nähe gemacht. Am 15. Dezember kam Philip B.
in Auslieferungshaft, einen Tag später wurde er nach Deutschland ausgeliefert. Auf die Frage nach dem Grund für die Tat hatte er keine Erklärung. Er sagte aus, Andrej K. habe die Dokumente des Opfers in Deutschland in einem Container entsorgt und die beiden Handys in Österreich in den Mondsee geworfen.
Eine Aussage wirkte auf uns besonders befremdlich: Laut Philip B. waren er und Andrej K. nach ihrer Rückkehr in die Slowakei noch am selben Abend in eine Disco in Bratislava gegangen. Aber er verriet auch Täterwissen: Er konnte den Tatort genau schildern und wusste, dass Martin Wager beim Austreten angegriffen wurde.
Das erklärte, warum der Hosenschlitz des Toten geöffnet war. Am 17. Dezember 2005 wurde Philip B. einem Ermittlungsrichter in Traunstein vorgeführt, verhaftet und in Untersuchungshaft gebracht.
Andrej K. war zu diesem Zeitpunkt noch auf freiem Fuß. Die slowakische Polizei hatte ihn im September nur als Zeugen vernommen, und er hatte jede Beteiligung abgestritten. Nun sollte gegen ihn ein Haftbefehl erlassen werden.
Aber das war schwieriger als gedacht. Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass die Vernehmung von Philip B. in Marseille von der slowakischen Seite als nicht verwertbar angesehen werde. Das slowakische Recht sah vor, dem Beschuldigten gleich zu Beginn der Vernehmung einen Pflichtverteidiger beizuordnen.
Der zuständige Staatsanwalt erkannte nicht an, dass Philip B. explizit über sein Recht belehrt worden war und diese Möglichkeit abgelehnt hatte. Wir reisten also mit unserem Staatsanwalt und der Dolmetscherin in die Slowakei, um den dortigen Staatsanwalt persönlich zu treffen. Spät abends, in der Hohen Tatra, einigten wir uns auf einen Kompromiss: Wir wollten unsere Akten übersetzen lassen und der slowakischen Seite zukommen lassen.
Danach sollte neu entschieden werden. Am 23. Mai 2006 kam es in der Slowakei zur Hausdurchsuchung bei Andrej K. und anschließend zu einer beschuldigten Vernehmung.
Danach kam er in Auslieferungshaft. Zwar legte er Rechtsmittel ein, doch das oberste Gericht der slowakischen Republik stimmte der Auslieferung am 6. Februar 2007 zu. Andrej K.
wurde uns am Flughafen von Bratislava durch slowakische Spezialkräfte übergeben. Wir hatten ein normales Flugticket für ihn gebucht, es ist üblich, mit einer Linienmaschine zu fliegen. Aber die Besatzung der Lufthansa-Maschine musste erst davon überzeugt werden, dass von Andrej K. keine Gefahr ausging.
Die Piloten und die Crew hatten gesehen, wie er in Handschellen und Fußfesseln zum Flugzeug gebracht wurde. Wenn auch nur ein einziges Crew-Mitglied Einwände erhebt, lehnt der Flugkapitän die Mitnahme ab. Es kostete uns einiges an Überzeugungsarbeit, aber schließlich flogen wir mit ihm von Bratislava nach München. Andrej K.
schwieg in den Vernehmungen. Am 6. Februar 2007 kam er in die JVA München-Stadelheim. Bis zum Prozess mussten wir weitere Indizien sammeln.
Dabei half uns ein glücklicher Zufall. Die slowakische Polizei hatte in einem anderen Zusammenhang von Juli 2005 bis Januar 2006 die Telefone eines gewissen Matej S. überwacht, eines vermutlichen Chefs einer kriminellen Organisation. Andrej K.
hatte als Angestellter von dessen Sicherheitsfirma über einen längeren Zeitraum ein Diensthandy genutzt, das abgehört wurde. So wurden Gespräche aufgezeichnet, die für den Mordfall relevant waren. In Telefonaten zwischen Andrej K. und Philip B.
, die vom 23. bis 26. August 2005 stattfanden, ging es um die Reise nach Deutschland mit Martin Wager. Und es wurde ein kleines Messer erwähnt, das Philip B.
zum Treffen am 26. August mitbringen sollte. Das erhärtete den Verdacht, dass beide über den Plan, Martin Wager zu töten, eingeweiht waren. Am 27.
August, kurz nach Mitternacht, zeichnete die Überwachung ein weiteres wichtiges Gespräch auf. Andrej K. besprach mit einem engen Freund namens Simon T. , wie sie den schwarzen Luxuswagen verschwinden lassen könnten.
Sie einigten sich auf die Übergabe des Autos noch in dieser Nacht. Simon T. montierte die originalen slowakischen Kennzeichen ab, legte sie in den Kofferraum, brachte deutsche Kennzeichen an und parkte das Auto in Bratislava. Am nächsten Morgen packte ihn das schlechte Gewissen, er ging zurück und montierte die Originalkennzeichen wieder an.
Seitdem war das Auto verschwunden. Auch wir konnten es nicht mehr finden. Wir gehen davon aus, dass es wegen der Blutspuren in Einzelteile zerlegt und entsorgt wurde. Bei einer Hausdurchsuchung am 21.
März 2007 fanden wir in der Jacke von Simon T. einen Brief, der offensichtlich von Andrej K. aus der Untersuchungshaft in Stadelheim stammte. Andrej K.
wusste inzwischen von den aufgezeichneten Telefonaten und dass Simon T. zur Verhandlung nach Deutschland kommen müsste. Er hatte in der U-Haft die Anklageschrift eingesehen und wollte Simon T. zu seinen Gunsten beeinflussen.
Andrej K. stritt ab, den Brief geschrieben zu haben. Aber zwei Fingerabdrücke von ihm bewiesen das Gegenteil. Wortwörtlich schrieb er unter anderem: „Ich schreibe dir wegen der Vorführung vor dem Gericht im Mai.
Es wird nicht leicht sein, dass ich meine Unschuld nachweisen kann. Es ist möglich, dass auch du vor dieses Gericht kommen musst, weil die haben irgendwelche telefonischen Gespräche zwischen uns zwei. “
Simon T. sollte vor Gericht bestätigen, dass es in dem Telefonat um ein völlig anderes Auto gegangen sei.
Er wollte behaupten, sie hätten ein Auto versteckt, das sie aus Versehen irgendwo angefahren hätten, aber keinesfalls das schwarze Auto, mit dem die drei Männer nach Deutschland gefahren waren. Der Brief belastete Andrej K. schwer. Die Beamten versuchten, Simon T.
zu vernehmen. Er sagte, er könne nicht sagen, ob der Brief von Andrej K. stammte, und vom Auswechseln der Kennzeichen wisse er nichts. Erst als ihm die Telefon- und SMS-Protokolle vom 27.
August 2005 vorgehalten wurden, brach er ein. Er gab zu, Andrej K. und Philip B. an diesem Tag nach Mitternacht in einem Park in Bratislava getroffen zu haben.
Er habe sich um die Beseitigung des Fahrzeugs gekümmert, alle Dokumente und Originalkennzeichen entsorgt und das Auto in die Hafengegend von Bratislava gefahren, wo es zerlegt worden war. Mehr wusste er angeblich nicht. Von dem Mord wollte er nichts gewusst haben. Am 8.
Mai 2007 begann am Landgericht Traunstein der Prozess gegen Philip B. und Andrej K. wegen gemeinschaftlichen Mordes an Martin Wager. Beide Angeklagte schwiegen vor Gericht.
Simon T. wiederholte seine Aussage. Für die Staatsanwaltschaft war klar: Seine Bereitschaft, das Auto ohne Nachfragen zu entsorgen, und seine enge Verbindung zu Andrej K. sprachen dafür, dass er nicht die volle Wahrheit sagte.
Er wurde wegen des Verdachts der Falschaussage vorläufig festgenommen – und plötzlich war er bereit, weitere Aussagen zu machen. Jetzt gab er zu, gewusst zu haben, dass Andrej K. und Philip B. gemeinsam mit Martin Wager wegfahren wollten.
Er wusste auch, dass sie aus Deutschland mit einer schwarzen Limousine zurückkommen würden. Andrej K. habe ihm gegenüber erwähnt, er wolle jemandem das Auto wegnehmen. Bei einem Treffen nach deren Rückkehr habe Andrej K.
zu ihm gesagt, er hätte den Mann getötet, und Philip B. habe genickt. Er habe Andrej K. nach der Tatwaffe gefragt, und dieser habe gesagt, es sei ein Messer gewesen.
Auch von einem Hammer sei die Rede gewesen. Für das Gericht war entscheidend, dass Andrej K. den Mord vor Simon T. zugegeben hatte und dass Philip B.
zustimmend genickt hatte. Damit war die Beteiligung beider an der Tötung belegt. Der Hauptzeuge zeigte durch seine Aussagen die Ungereimtheiten in den früheren Behauptungen der Angeklagten auf – Hinweise auf den Tathergang, die Tatwaffe und die Ereignisse nach dem Mord. Das Gericht kam am Ende zu dem Schluss, dass beide Angeklagten den Mord geplant und gemeinsam ausgeführt hatten.
Die Darstellung, Andrej K. sei allein der Haupttäter gewesen, erschien der Kammer unglaubwürdig. Das Opfer war 1,75 Meter groß und 97 Kilogramm schwer, also körperlich beiden Verdächtigen überlegen. Bei einer Tötung war mit erheblicher Gegenwehr zu rechnen, also mussten die beiden Männer gemeinsam agieren.
Hätte Andrej K. allein zuschlagen wollen, hätte er seinen Freund nicht eingeweiht. Das Gericht befand, dass sich Philip B. und Andrej K.
des gemeinschaftlichen Mordes schuldig gemacht hatten. Da das ahnungslose Opfer während der Tat ausgetreten war, wurde das Mordmerkmal der Heimtücke festgestellt. Am 9. Juli 2007 wurden beide zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.
Ein Motiv konnte bis zum Schluss nicht zweifelsfrei festgestellt werden. Vermutlich führten Geldprobleme zum Tod von Martin Wager, und der Raub des Fahrzeugs sollte einen finanziellen Erlös bringen. Die Staatsanwaltschaft hatte neben Heimtücke auch Mord aus Habgier angeklagt, aber das Gericht konnte dieses Mordmerkmal nicht nachweisen.


