Die Anklage lautete auf schweren sexuellen Kindesmissbrauch. Am Ende standen 25 oder 26 Personen vor Gericht. Als die Sache publik wurde, war die Öffentlichkeit außer sich vor Wut. Zwei Familien sollten ihre eigenen Kinder auf abartigste Weise missbraucht haben – und niemand zweifelte daran.

Unsere Eltern hätten uns angefasst und sexuell missbraucht. Genau das wurde uns damals eingetrichtert, damit wir es vor Gericht genauso aussagten. Die Staatsanwaltschaft war auf sehr fragwürdige medizinische Gutachten hereingefallen, aber das wusste damals noch niemand. Ich bin mit einem halben Jahr ins Heim gekommen, weil meine Eltern angeklagt wurden.
Meine drei Geschwister waren auch dabei, zwischen zwei und sechs Jahren alt. Die Wormser Prozesse wurden später zur Katastrophe für die Staatsanwaltschaft, denn es kam alles ans Licht – und es zeigte sich, wer an welchen Stellen versagt hatte. Worms, 1994. Noch ahnt niemand, dass sich hier in Rheinland-Pfalz ein unfassbarer Skandal abspielen wird, der unzählige unschuldige Familien zerstört.
Der Auslöser war ein erbitterter Streit um das Sorgerecht für zwei Kinder, deren Eltern sich gerade hatten scheiden lassen. Die Familie des Vaters stellte fest, dass das Mädchen in einem sehr schlechten Zustand war. Das Kind hatte eine schwere Windeldermatitis, ließ sich nicht wickeln und schrie ständig. Als es beim nächsten Besuch auch noch eine Platzwunde am Kopf hatte, handelte der Vater.
Er ging mit dem Kind in eine Wormser Kinderarztpraxis. Dort stellte man fest, wie viele blaue Flecken und Schürfwunden das Kind hatte – und vor allem stellte man fest, das Kind sei sexuell missbraucht worden. Der Vater zeigte seine Exfrau an. Sie erstattete Anzeige gegen ihn.
Der Konflikt eskalierte, das Jugendamt nahm die Kinder in Obhut. Eine Dame sollte sich um sie kümmern. Sie war für diese Aufgabe nicht besonders gut ausgebildet, aber sie war von einem missionarischen Eifer erfüllt. Sie wollte sexuellen Missbrauch aufdecken – nicht aufklären, sondern aufdecken.
Wie katastrophal das war, zeigt ein Beispiel, an das sich die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen noch genau erinnert. Das Kind erzählte, es sei am Wochenende mit der Mutter in einer Gaststätte gewesen und habe dort Spinat essen müssen, der so ekelhaft gewesen sei. Und diese Dame dachte in ihrem unkontrollierten Eifer: Spinat, das war sicher Sperma. Niemand fragte sie, wie sie von Spinat auf Sperma kam.
Es gibt viele Kinder, die keinen Spinat mögen, ohne dass man deshalb eine Verbindung zu Sperma zieht. Fortan beobachtete die Betreuerin die Gaststätte und vor allem die männlichen Gäste, die dort ein- und ausgingen. Sie selbst ging nicht hinein. Sie sah nur von außen, dass Autos kamen und Männer ausstiegen.
Das genügte ihr, um sich auszumalen, dass in dieser Gaststätte Kinder reihenweise missbraucht wurden. Die Kinder sagten dann auch genau das aus, was man ihnen nahelegte. Es müsse im Treppenhaus ein braunes Sofa gestanden haben, auf dem die Kinder missbraucht wurden. Im Keller habe es einen Raum mit Kameras gegeben, wo die Taten gefilmt wurden.
So entstand die Überzeugung, man sei einem kommerziellen Pornoring auf der Spur. Immer mehr Menschen in Worms gerieten in Verdacht. Immer mehr Mütter und Väter wurden wegen Kindesmissbrauchs festgenommen. Ihre Kinder mussten ins Heim.
Eines davon war Sebastian, damals sechs Jahre alt. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder wurde er aus seiner Familie gerissen. „Das war schon ziemlich schwer, weil die Eltern die Bezugspersonen sind. Und von jetzt auf gleich kriegt man gesagt: Du musst mitkommen, und die Eltern dürfen nicht mitkommen.
Es war ein schwerer Moment. “
Sebastian und sein Bruder mussten fortan unfassbare Vorwürfe gegen die eigenen Eltern formulieren. Vorwürfe, die ihnen eingetrichtert wurden. Sie wussten gar nicht, was die Eltern getan haben sollten.
Es wurde ihnen so lange eingeredet, bis sie irgendwann zeigten und sagten: „Ja, die haben mich hier angefasst, die haben mich da angefasst. “ Das mussten sie dann auch an Puppen zeigen. Die Kinder mussten mit sogenannten anatomisch korrekten Puppen spielen, die überlange Zungen und sehr hervorstechende Geschlechtsorgane hatten. Alles, was das Kind damit machte, wurde feinsäuberlich notiert und diente später als Beweis für den Missbrauch.
Jacqueline ist Sebastians Cousine. Auch ihre Eltern standen unter Verdacht. Im Alter von gerade einmal einem halben Jahr wurde Jacqueline ihren Eltern weggenommen. Fünfzehn lange Jahre wuchs sie in einem Heim auf.
„Das macht mich wütend und traurig. Ich hätte mir gewünscht, eine schöne Kindheit zu haben, so wie es in anderen Familien aussieht. “
Am 24. November 1994 begann am Landgericht Mainz die erste Verhandlung der Wormser Prozesse.
Die Öffentlichkeit war überzeugt, dass die Anklage stimmte. Die Angeklagten saßen in Untersuchungshaft und wurden zur Schau gestellt. Man führte sie aneinandergekettet über die langen Flure des Mainzer Landesgerichts, sodass jeder sehen konnte: Das sind die Schweine. Eine Journalistin empfand das als eklig und menschenverachtend.
Diese Leute standen vor Gericht. In einem Rechtsstaat ist das vorgesehen, wenn eine Anklage erhoben wird. Aber nirgends steht, dass man sie deshalb so behandeln muss, als wären sie schon verurteilt. Wenn sie bestraft werden, bekommen sie ihre Strafe früh genug.
Aber man muss sie nicht an den Pranger stellen, als wären wir im Mittelalter. Um der Anklage Nachdruck zu verleihen, wurden die Kinder auf ihre Aussagen vor Gericht vorbereitet. „Man musste es auswendig lernen. Du musst das und das erzählen, und dann hast du das erzählt, und dann war die Sache für dich erledigt.
Als Kind weißt du ja gar nicht, was du da eigentlich gesagt hast. “ Wenn man einen Erwachsenen bittet, das und das zu sagen, dann kann er etwas damit anfangen. Aber Kinder sind beeinflussbar. Wenn man ihnen sagt: Tu das, dann wird alles gut, dann machen sie es.
Die Kinder wurden in einen regelrechten Aufdeckungsrausch getrieben. Sie wurden immer nur nach Namen gefragt: Wer war dabei? Und die Kinder nannten irgendwann alle Namen, die sie kannten. So sollte die Oma eines Kindes einem anderen Kind mit einer Nadel in die Scheide gestochen haben, zur eigenen sexuellen Befriedigung.
Diese Oma aber war eine ganz einfache Frau, die fünf Kinder großgezogen hatte, weil ihr Mann früh verstorben war. Eine redliche, anständige Frau. Und die sollte nun plötzlich solche Sachen gemacht haben? Es störte niemanden.
Man war so besessen davon, einen unglaublichen Sumpf an Kindesmissbrauch aufgedeckt zu haben, dass die Vernunft völlig auf der Strecke blieb. Als die Kinder in ihrem Rausch Namen nannten und Geschichten erzählten, die sie teils von Erwachsenen gehört hatten, und dafür gelobt wurden, nannten sie irgendwann auch die beiden Staatsanwältinnen, die bei den Vernehmungen dabei waren. Sie nannten den Ortspolizisten, der sie zu den Vernehmungen gefahren hatte, weil sie ihn kannten. Kinder nannten alle Namen, die sie kannten.
Selbst der Leiter des Heims, in dem Jacqueline untergebracht war, beschuldigte ihre Eltern im Prozess. „Das war ein wildfremder Mann. Was hatte der da reinzuhängen? Der kannte meine ganze Familie nicht.
Warum konnte er überhaupt etwas dazu sagen? “
Im Prozess kamen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht. Der Arzt, der den Missbrauch festgestellt haben wollte, behauptete, er habe viele Narben an den Kindern gesehen, die aber seiner Meinung nach inzwischen verschwunden seien. Der Mainzer Rechtsmediziner Professor Urbahn hielt einen langen Vortrag darüber, dass Narben nicht einfach verschwinden.
Noch schlimmer: Die Staatsanwaltschaft hatte so schlecht ermittelt, dass sie nicht bemerkt hatte, dass ein Kind gar nicht geboren war, als es angeblich schon missbraucht worden sein sollte. Ein Gutachten über die Aussagen der Kinder wurde in Auftrag gegeben. Es führte zum Einsturz der Anklagen. Der namhafte Aussagepsychologe Burghard Schade führte sämtliche Aussagen auf ihren Ursprung zurück: Wer mit dem Kind was besprochen hatte, was dem Kind suggeriert worden war und was am Ende als Kinderaussage herausgekommen war.
Das Gericht sprach die Angeklagten zähneknirschend frei, konnte sich aber nicht verkneifen zu sagen: „Wir sind überzeugt, dass die Kinder missbraucht wurden. “ Die Menschen mussten mit dem Verdacht weiterleben, solche Schweine zu sein. Auch in den folgenden Prozessen wurden alle Angeklagten freigesprochen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Kinder drei Jahre von ihren Eltern entfremdet.
Sebastian war neun, sein Bruder elf Jahre alt. Nach dem Freispruch schrieben sie Briefe beziehungsweise ihr Bruder schrieb einen Brief ans Gericht: „Es kam zu keiner Verurteilung. Unsere Eltern sind freie Leute. Wir wollen wieder zurück.
“ Dann gab es betreute Kontaktaufnahmen, die Eltern kamen ins Heim. Nach und nach durften sie an den Wochenenden nach Hause. Erst Jahre später waren sie wieder komplett zu Hause. Das Rausreißen aus der Familie hat bei Sebastian Spuren hinterlassen – und auch bei seinen Eltern, die unschuldig einen Albtraum durchleben mussten.
„Die Prozesse haben unsere Eltern ganz schön kaputt gemacht. Man sitzt unschuldig in einer Zelle, muss regelmäßig vor Gericht erscheinen. Das hat die Familien teilweise auseinandergerissen. “
Sebastian, seinem Bruder und seinen Eltern ist es gelungen, wieder zueinander zu finden.
Jacquelines Leidensweg aber war noch nicht zu Ende. Denn das, was ihren Eltern vorgeworfen wurde – der sexuelle Missbrauch –, passierte ihr anschließend tatsächlich. Im Heim, in das sie gebracht worden war, wurden sie und andere Kinder über Jahre hinweg vom Heimleiter missbraucht. „Ich war allein.
Ich konnte nie nach Hilfe fragen. Ich konnte nie ein Gespräch suchen. Ich war immer auf mich allein gestellt. “
Der Heimleiter manipulierte die Kinder.
Es gelang ihm, Jacqueline davon zu überzeugen, dass sie trotz des Freispruchs Angst vor ihren Eltern haben müsse. „Uns wurde so oft erzählt, dass unsere Eltern Trickschweine sind und schlimme Sachen mit uns gemacht haben. Die Angst war einfach zu groß. “
Der Heimleiter nutzte die Wehrlosigkeit der Kinder aus.
Jacqueline musste ihre Hausaufgaben unten in seinem Büro machen. Hausaufgaben, die nie gemacht wurden. Er kam ihr näher, es wurden Bilder gemacht. Sie sollte ihn berühren.
Irgendwann kam es dazu, dass sie andere Kinder berühren sollte. Als sie begriff, dass das nicht normal war, sagte sie ihm, dass sie nicht mehr im Heim bleiben wolle. Da sagte er, dass er Waffen im Safe habe – und er zeigte sie ihr, auch ihren Geschwistern. Die Botschaft war klar: Halt den Mund, sonst passiert euch etwas.
Jacqueline und ihre Geschwister hatten Todesangst. Dennoch schaffte sie es Jahre später, Anzeige gegen den Heimleiter zu erstatten. „Ich bin den Schritt gegangen, weil ich mit meinem Leben nicht klarkam. Ich merkte, wie schwer es mir fiel, jeden Tag zu meistern.
Und ich wollte nicht, dass noch mehr Kinder darunter leiden müssen. “
Sebastian bewundert seine Cousine bis heute aus tiefster Seele. Sie verließ das Heim mit fünfzehn. Andere schafften das nicht, sie kehrten sogar zurück, weil er die Kinder in einer solchen Abhängigkeit hielt, wie in einer Sekte.
Der Prozess gegen den Heimleiter verlangte Jacqueline einiges ab. „Das waren Blicke, als ob er am liebsten über den Tisch springen würde. Da war sehr viel Hass in ihm für mich. “
Ihr Peiniger wurde wegen sexuellen Missbrauchs zu fünf Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.
Für Jacqueline fühlt sich das nicht nach Gerechtigkeit an. Sie hat ihre gesamte Kindheit verloren, weil Pseudopsychologen ihre Eltern fälschlich beschuldigten. Sie musste in einem Heim aufwachsen, in dem sie dann tatsächlich missbraucht wurde. Viele Jahre später gelang es ihr dennoch, eine Bindung zu ihrer leiblichen Mutter aufzubauen.
„Mit meiner Mutter habe ich seit letztem Jahr wieder guten Kontakt. Jedes Mal, wenn ich sie treffe, geht mir durch den Kopf, wie sehr mir das gefehlt hat, wie sehr ich mir gewünscht hätte, eine Mama zu haben. “
Heute ist Jacqueline eine starke junge Frau und liebevolle Mutter zweier kleiner Kinder.
Ein ganz normales Leben zu führen, sagt sie, ist für sie dennoch jeden Tag ein neuer Kampf.


