Hauptkommissarin Katrin Herschel betrat die Wohnung von Harald Ölschläger und wusste sofort: Hier stimmt etwas nicht. Die Kaffeetasse stand noch auf dem Tisch, ein angebissener Schokoriegel lag daneben, der Laptop war aufgeklappt und lief noch. Alles sah aus, als hätte der 69-Jährige die Wohnung nur für einen kurzen Moment verlassen. Doch Harald Ölschläger kam nie zurück.

Es war Mai 2021, als seine Kinder Aaron und Sarah ihren Vater als vermisst meldeten. Sie hatten ihn tagelang nicht erreichen können. Das war nicht seine Art. Der Rentner lebte in einer kleinen Wohnung im Haus seines Bruders auf einem ehemaligen Gestüt in Hessen.
Sein Auto stand noch auf dem Hof, Kleidung und Taschen waren unberührt, das Bett ungemacht. Nur Handy, Geldbörse und Schlüssel fehlten. Nichts deutete auf eine geplante Reise hin. Die Ermittler durchsuchten das weitläufige Anwesen gründlich.
Sie kontrollierten den Dachboden, den Garten, sogar einen alten Brunnen, der eigentlich verschlossen war. Auch Leichenspürhunde kamen zum Einsatz, um ein mögliches Gewaltverbrechen auszuschließen. Doch die Hunde schlugen an keiner Stelle an. Es gab keine Blutspuren, keine Spuren eines Kampfes, nichts.
Die Wohnung wirkte, als wäre ihr Bewohner jeden Moment zurückgekehrt. Harald Ölschläger war gerade erst Großvater geworden. Seine Tochter hatte ein Mädchen zur Welt gebracht, und er hatte sich riesig darauf gefreut, seine Enkelin endlich kennenzulernen. Er war ein leidenschaftlicher Musiker, spielte mehrere Instrumente und traf sich regelmäßig mit Freunden zum Musizieren.
Die Ermittler hörten sich in seinem Umfeld um, sprachen mit Freunden und Familie. Doch niemand konnte etwas Verdächtiges berichten. Sein Bruder und sein Neffe lebten mit auf dem Gehöft. Das Verhältnis war kühl, aber nicht feindselig.
Es gab gelegentlich Spannungen über die Haushaltsführung, wer sich um den Garten kümmerte, solche Dinge. Aber keine finanziellen Streitigkeiten, keine tiefen Konflikte. Auch sie konnten den Ermittlern nicht weiterhelfen. Fest stand nur: Unmittelbar vor seinem Verschwinden war Harald viel unterwegs gewesen.
Am 16. Mai hatte er Freunde in der Nähe von Münster besucht, um gemeinsam zu musizieren. Vermutlich am 18. Mai war er zurückgekehrt.
Das war der Tag, an dem sich seine Spur verlor. Ein Bankbeleg in seiner Wohnung half den Ermittlern, die letzten Stunden zu rekonstruieren. Eine Überwachungskamera der Bank zeigte, wie Harald Ölschläger um 10:30 Uhr einen Kontoauszug holte. Sein Sohn identifizierte ihn eindeutig.
Der Rentner wirkte auf dem Video keineswegs verwirrt oder verändert. Er stand ganz normal am Automaten, holte seinen Auszug und ging. Danach besuchte er noch einen Supermarkt und zahlte mit Karte. Das konnten die Ermittler über die Kontobewegungen nachweisen.
Doch ab diesem Zeitpunkt verlor sich jede Spur. Da die Polizei alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft hatte und von einer Gefahr für Leib und Leben ausging, wurde die Öffentlichkeit eingeschaltet. Mit Zustimmung der Kinder veröffentlichten die Ermittler eine Suchmeldung mit einem Foto von Harald. Es meldeten sich einige wenige Hinweise, doch keiner führte zu einer Spur.
Die Ermittler konnten ein geplantes, gezieltes Verschwinden ausschließen. Auch ein Suizid schien ausgeschlossen. Aber was war dann passiert? Ein Unglücksfall in der Nähe?
Oder doch eine Straftat? Alles blieb offen. Im August 2021 wurden die aktiven Suchmaßnahmen eingestellt. Der Fall wurde zum Cold Case.
Ein Jahr später stellte Katrin Herschel den Fall in der Fernsehsendung “Aktenzeichen XY ungelöst” vor. Doch auch das brachte keine neuen Hinweise. Aaron und Sarah gaben nicht auf. Sie hängten Plakate in Tankstellen, Supermärkten und an Laternenpfählen auf.
Die Ungewissheit war das Schlimmste. Immer wieder passierte es, dass sie auf der Straße jemanden sahen, der ihrem Vater von hinten ähnlich sah. Dann gingen sie extra hin und schauten genauer hin, in der Hoffnung, er sei doch zurückgekehrt. Die Jahre vergingen.
Für Katrin Herschel blieb der Fall präsent. Ermittlungstechnisch war es frustrierend, einen solchen Fall nicht aufklären zu können. Aber vor allem wusste sie, was hinter den Angehörigen stand. Sie wusste, wie sehr Kinder und Enkelkinder darunter litten, nicht zu wissen, was aus ihrem Vater geworden war.
Ihr großer Wunsch war es, auch nach fünf oder zehn Jahren sagen zu können: Wir haben Ihren Vater gefunden. Und vielleicht erinnerte sich ja doch noch jemand an eine Beobachtung, die damals belanglos erschien, aber den Kindern von Harald Ölschläger endlich eine Antwort geben konnte. Ein anderer Fall, der Katrin Herschel nicht losließ, war der von Katrin Jarosch. Sandkrug, ein Weiler in Südmäcklenburg.
Januar 1989. Die 13-jährige Katrin lebte nach dem Tod ihrer Mutter auf dem Hof ihrer Großmutter. Ihr Vater Reinhard war als Bauingenieur viel unterwegs, kam aber so oft wie möglich vorbei und kümmerte sich um seine Tochter. Auf dem Nachbarhof wohnte Katrins Großcousine Sabrina.
Die beiden Mädchen verbrachten viel Zeit miteinander, spielten, liefen durch die Wiesen, fuhren im Winter Schlitten. Sie waren Spielkameradinnen und Freundinnen. Am Morgen des 21. Januar 1989 wollte Katrin unbedingt mit Sabrina zusammen zur Schule radeln, obwohl es ein Samstag war.
Doch Katrin kam nicht. Sabrina wurde schließlich von ihren Eltern zur Schule gebracht. Erst dort fragte eine Klassenkameradin: “Na ja, kommt Katrin denn heute nicht? ”
Sabrina wurde aufgeregt.
“Eigentlich wollte sie mich abholen. Sie müsste längst da sein. ”
Doch Katrin tauchte nicht auf. Am Nachmittag begann eine Suchaktion.
Reinhard Jarosch wurde an seinem Wohnort informiert, gut eine Stunde von Sandkrug entfernt. Er fuhr sofort hinüber. Seine Mutter war zusammengebrochen. Noch am selben Tag durchsuchten sie den Wald, doch bei Dunkelheit brachen sie die Suche erfolglos ab.
“Das Drama fing an und ist bis heute nicht beendet”, sagt Reinhard Jarosch. Die Ermittlungen der DDR-Volkspolizei und später von Privatdetektiven blieben ergebnislos. Nur zwei Dinge wurden gefunden: Katrins Schulranzen und ihr Sportbeutel, verscharrt unter etwas Erde in einer Waldmulde. Ihr Fahrrad lag ein paar hundert Meter weiter unter Ästen, nicht weit von ihrem Wohnhaus entfernt.
2005 wurde Katrin für tot erklärt. Vor einigen Jahren wandte sich Reinhard Jarosch an Axel Petermann, einen bekannten Kriminalisten und Fallanalytiker. Die Ausgangslage war denkbar schlecht. Man vermutete ein Verbrechen, den Tod eines Kindes.
Man kannte keinen Tatort. Das Opfer war nie gefunden worden. Axel Petermann rekonstruierte die Zeit vor Katrins Verschwinden. Die 13-Jährige und ihre Großmutter bewohnten einen Teil des Hauses und schliefen in demselben Raum.
Auch ein Onkel übernachtete am fraglichen Wochenende dort. Niemand wollte etwas Verdächtiges gehört oder gesehen haben. Der Weg zum Nachbarhof war kurz, Katrin nahm ihn jeden Morgen. Sie verließ das Haus kurz nach sieben, radelte ein paar Minuten und kam dann bei Sabrina an.
Doch an diesem Morgen geschah etwas anderes. “Sie wird irgendwo in der Dunkelheit abgefangen”, sagt Petermann. “Das kann nur jemand wissen, der sich gut auskennt und sie lange beobachtet hat. ”
Für den Profiler war klar: Katrin hatte das Grundstück möglicherweise gar nicht lebend verlassen.
Die Großmutter leuchtete an diesem Morgen nicht mit ihrer Taschenlampe zur Tür, wie sie es sonst immer tat. Auch stand sie nicht am Fenster und schaute ihr nach. Axel Petermann vermutete, dass die Tat im familiären oder unmittelbaren Umfeld stattgefunden haben könnte. Er hielt mehrere Personen für möglich: einen Onkel, Sabrinas Großvater, einen Knecht.
Doch fast alle waren inzwischen tot und konnten nicht mehr befragt werden. Die damaligen Polizeiermittlungen waren lückenhaft. Sabrina musste damit leben, dass ein möglicher Täter lange in ihrer Nähe gewesen sein könnte. “Wenn man eigene Kinder hat, macht man sich auf der Arbeit so manches Mal Gedanken”, sagt sie.
“Man kann ein bisschen nachempfinden, was der Vater durchmacht. ”
Reinhard Jarosch wurde von der jahrzehntelangen Ungewissheit zermürbt. “Im Grunde genommen bin ich noch nicht am Ende. So lange ich lebe, suche ich.
Ich kann einfach nicht anders. Ich finde keinen Frieden. ”
Vor zwei Jahren pumpten freiwillige Helfer den alten Dorftümpel nahe des Wohnhauses leer, damit Leichenspürhunde eingesetzt werden konnten. Die Hunde schlugen an, doch für die Behörden führte die Aktion zu keinem eindeutigen Ergebnis.
Auch Suchgeräte nach Metall und Kleidungsresten brachten nichts. Die Staatsanwaltschaft sah keinen erfolgversprechenden Ermittlungsansatz. Axel Petermann suchte weiter auf eigene Initiative, mit Drohnen aus der Luft, mit Grabungen, wenn Geld und Helfer zusammenkamen. Er appellierte an die Öffentlichkeit, in der Hoffnung, dass sich ein Mitwisser meldete, jemand, der Katrins Verschwinden aufklären konnte.
“Es kann durchaus sein, dass es noch Menschen gibt, die etwas über Katrins Verschwinden wissen”, sagt er. “Ein Täter, der sich vielleicht offenbart hat, und eine Beziehung, in der man das Geständnis für sich behalten hat. ”
Fast vierzig Jahre sind inzwischen vergangen. Reinhard Jarosch sucht immer noch nach seiner Tochter.
“Wenn ich vor 36 Jahren hätte abschließen können, dann hätte ich ein anderes Leben gehabt. Ich hätte einen Schlussstrich ziehen können und hätte gesagt: Gut, da ist sie. Was ich jetzt noch will? Sie finden und sie vernünftig bestatten zu können.
”
Seine Hoffnung ist klein, aber sie vergeht nicht. Ein Fall, der vollständig aufgeklärt werden konnte, begann mit einer Vermisstenmeldung am 30. Oktober 2022. Die 27-jährige Anna G.
wurde von ihrem Ehemann als vermisst gemeldet. Sie lebte mit ihren gemeinsamen Zwillingen in Offenbach und machte eine Ausbildung zur Pflegehelferin. Doch bei der Polizei wurde schnell klar: Anna führte ein gefährliches Doppelleben. Die angehende Pflegekraft arbeitete außerdem in einem Offenbacher Bordell.
Der Fall ging an die Staatsanwaltschaft Frankfurt. Staatsanwältin Monika Mugrauer übernahm die Ermittlungen. “Der Leiter der Mordkommission teilte mir mit: Wir haben ein neues Verfahren, das sich zwischen Vermisstensache und möglichem Tötungsdelikt bewegt”, erinnert sie sich. Zunächst durchsuchten die Ermittler die Wohnung, in der Anna zuletzt mit ihrem Ehemann gelebt hatte.
Sie hofften, ihr Mobiltelefon oder andere Hinweise zu finden. Doch sie fanden keine tatrelevanten Spuren und keine Hinweise auf ihren Aufenthaltsort. Nur ihre Koffer und ihren aktuellen Reisepass, sodass klar war, dass sie nicht verreist sein konnte. Ein Mobiltelefon war in der Wohnung nicht vorhanden.
Die Staatsanwältin ging inzwischen von einem möglichen Tötungsdelikt aus. Sie ließ die Daten von Annas verschwundenem Mobiltelefon auswerten. Es stellte sich heraus: Die letzte Person, die mit Anna Kontakt hatte, war ein Stammkunde aus dem Bordell, der 44-jährige Estrichleger Adem U. In dem Club hatte man ein Foto von dem Mann gefunden, das Anna von ihm geschenkt bekommen und in ihrem Spind aufbewahrt hatte.
Damit war verifiziert, dass es diesen Freier gab, von dem alle nur den Vornamen kannten. Adem U. war zunächst nur ein Zeuge. Doch wegen verschiedener Indizien geriet der 44-Jährige in den Fokus der Ermittlungen.
Zweimal sagte er Vernehmungstermine ab, angeblich aus beruflichen Gründen. Doch er war der letzte Mensch, der Kontakt zu Anna gehabt hatte. Und Zeugen im Club bestätigten, dass Adem U. ein Stammkunde bei Anna gewesen war.
Mitte Februar, vier Monate nach Annas Verschwinden, entschieden sich Ermittler und Staatsanwältin, die Wohnung des Verdächtigen in Offenbach zu untersuchen. Unterstützt von Leichenspürhunden. “Das war in dieser Wohnung relativ einfach, weil sie sehr klein und nur spartanisch eingerichtet war”, sagt Mugrauer. “Es gab eine Matratze auf dem Boden und ein Hochbett mit Bettzeug.
”
Die Hunde schlugen im Bereich der Matratze an. Die Polizeibeamten entfernten den Bezug und fanden rotbräunliche Anhaftungen. Blut. “Ab diesem Zeitpunkt war klar: Adem ist nicht mehr nur Zeuge.
Wir hatten einen Anfangsverdacht, dass er etwas mit dem Verschwinden von Anna zu tun hat, möglicherweise mit einer Gewalttat. ”
Auch das Mobiltelefon des Verdächtigen wurde beschlagnahmt. Die Ermittler fanden verdächtige Chatnachrichten, wenige SMS zwischen Adem und Anna, genau aus den Tagen vor ihrem Verschwinden. Darin war zu lesen, dass Adem eifersüchtig war.
Er schrieb ihr, wenn sie sich mit anderen Männern treffe und Spaß habe, solle sie es ihm sagen. Er ließe sich nicht verarschen. Das war ein wesentlicher Hinweis darauf, dass Eifersucht eine Rolle spielen könnte und möglicherweise ein Tatmotiv sein könnte. Adem U.
wurde festgenommen. Doch weil das Blut in seiner Wohnung noch niemandem zugeordnet werden konnte, wurde er wenig später wieder freigelassen. Kurz darauf verließ er Deutschland und tauchte im Ausland unter. Drei Tage später bestätigte die Analyse: Das Blut in der Wohnung des Verdächtigen stammte eindeutig von Anna.
Adem U. wurde zum Hauptverdächtigen. Während der Haftbefehl vorbereitet wurde, ortete die Polizei seine Rufnummer im Großraum Paris. “Nach wenigen Tagen konnte er im Bereich des Bahnhofs in Paris lokalisiert werden”, erzählt die Staatsanwältin.
“Dort erfolgte der Zugriff, und Adem wurde festgenommen. ”
Die Beweislage erhärtete sich weiter, als die Vorstrafenakte des Tatverdächtigen eintraf. Darin fand sich eine Geschichte, die dem Verschwinden von Anna stark ähnelte. “Das Dramatische an diesem Fall ist, dass sich in Offenbach etwas wiederholt hat, was sich schon 2005 im Leben des Angeklagten abgespielt hat”, sagt Mugrauer.
“Auch damals war das Opfer einer Gewalttat des Beschuldigten eine Prostituierte. Er konnte auch damals eine Trennung nicht verkraften und hat seine Bekannte aus dem Fenster ihrer Wohnung geworfen. Sie überlebte mit schwersten Verletzungen. ”
Adem U.
s auffälliges Verhalten nach dem Verschwinden von Anna, ihre Blutspuren in seiner Wohnung und seine kriminelle Vergangenheit belasteten den 44-Jährigen schwer. Doch was fehlte, war die Leiche der Vermissten. Die Polizei suchte unter Hochdruck nach dem Leichnam. Es gab Erkenntnisse, dass Adem sich einen Benzinkanister besorgt hatte.
Man dachte, vielleicht war die Leiche verbrannt worden. Man fuhr die Baustellen ab, auf denen er als Estrichleger gearbeitet hatte. Man tauchte am Ufer des Mains, weil seine Wohnung in der Nähe lag. Doch alle Nachforschungen verliefen negativ.
Sieben Monate waren seit Annas Verschwinden vergangen, und der Verdächtige schwieg immer noch. Doch dann, im Mai 2023, teilte Adem U. s Verteidiger plötzlich mit, dass sein Mandant bereit sei, den Ablageort der Leiche mitzuteilen. Zusammen mit den Beamten und der Staatsanwältin fuhr Adem nach Offenbach in seine Wohnung.
Alle klebten fast an seinen Lippen. Sie warteten die ganze Zeit darauf, dass er sagte, wo Anna war. Doch in der Wohnung sah es nicht so aus, als könnte dort ein Leichnam versteckt sein. Es roch nicht nach Verwesung, nichts deutete darauf hin.
“Okay, sie liegt da”, sagte Adem schließlich und deutete nach oben. Allen wurde nach etwa zwei Stunden klar: Sie lag im oberen Bettbereich, irgendwie eingeschlossen. Man machte Röntgenaufnahmen und stellte fest, dass sich hinter der Wand ein Gegenstand von menschlicher Größe befand. Man konnte keine Person erkennen, aber man wusste: Da war etwas eingewickelt.
Die mittleren Bretter wurden geöffnet. Man sah graue Mülltüten. Die Wand war mit Mülltüten verkleidet worden, davor hatte der Beschuldigte die Bretter montiert. Darin lag etwas, das wie eine Mumie oder ein Kokon aussah.
Anna war in unzählige Mülltüten eingewickelt und mit sehr viel Klebeband befestigt worden. An der Fundstelle wurden starke Duftmittel gefunden, darunter ein Glas mit Nelken. Ein hilfloser, aber letztendlich erfolgloser Versuch, den Leichengeruch zu verbergen. Noch am selben Abend wurde der Leichnam der 27-Jährigen obduziert.
Die Rechtsmediziner arbeiteten sich Schicht für Schicht vor. Insgesamt war Anna in 25 Schichten verpackt worden. Die Obduktion ergab eine Stichverletzung im Bauch und massive Gewalteinwirkung gegen den Hals. Anna war erstickt worden.
Zum Tatablauf schwieg Adem U. bis heute. Das Tatwerkzeug, ihre Kleidung und ihr Handy blieben verschwunden. Im Prozess wurde bei dem Beschuldigten eine narzisstische Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen festgestellt.
Als Motiv wurden Eifersucht und Besitzdenken formuliert. In der Hauptverhandlung berichtete Adem U. von tiefer Verzweiflung und von den Wochen nach dem Mord. Er hatte Annas Leiche mit den Kleidern angezogen, die sie getragen hatte, als sie zu ihm kam.
Einen Kapuzenpullover und eine Jogginghose. Er wollte nicht, dass sie nackt in seiner Wohnung lag. Zum Zeitpunkt der Tat war sie nackt gewesen. Er hatte sie auf seinem Bett liegen lassen, sich danebengehockt und stundenlang mit ihr gesprochen.
Wochenlang saß er neben der verwesenden Leiche. Zeugen berichteten, der Geruch sei auf ihn übergegangen. Irgendwann entschied er sich, Anna einzuwickeln und hinter einer Holzwand zu verstecken. “Manchmal habe ich mir danach gedacht: Wie wäre es gewesen, wenn wir den Leichnam nicht gefunden hätten?
“, sagt die Staatsanwältin. “Ich bin natürlich sehr froh, dass er gefunden wurde. Der Ehemann, die Kinder und die Tante haben jetzt einen Ort, an dem sie trauern können, und die Möglichkeit abzuschließen. ”
Mit seinen Hinweisen zum Leichenfundort beendete Adem U.
sein sieben Monate langes Schweigen. Durch die akribische Arbeit der Ermittler und der Staatsanwältin wurde der Mord an Anna vollständig aufgeklärt. Wegen Mordes aus niederen Beweggründen wurde Adem U.
im Juni 2024 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.


