Im November 1998 unterschrieben die vier größten Tabakkonzerne Amerikas ein Abkommen. Sie verpflichteten sich zu einer Zahlung von mehr als 200 Milliarden Dollar. Nicht weil sie es wollten, sondern weil man sie ertappt hatte. Überführt nach Jahrzehnten der Lüge darüber, was ihr Produkt wirklich mit dem menschlichen Körper anrichtet.

Doch das eigentlich Ungeheuerliche an dieser Geschichte ist nicht der Vergleich. Es sind nicht die Lügen. Es ist eine einzige Tatsache: Tabak hatte die menschliche Zivilisation da schon seit über zwölftausend Jahren geformt, lange bevor überhaupt jemand auf die Idee kam zu fragen, ob er gefährlich sein könnte. Und als man endlich fragte, war es längst zu spät.
Um zu verstehen, wie wir hierher kamen, müssen wir weit zurück. Nicht Jahrhunderte, sondern Jahrtausende. In der Hochwüste des heutigen Utah, an einem Ort, den Archäologen die Wishbone-Fundstätte nennen, stießen Forscher auf etwas Bemerkenswertes: Samen von wildem Wüstentabak, mitten in einer uralten Feuerstelle. Ihr Alter: rund 12.
300 Jahre. Das macht Tabak zu einer der ältesten Pflanzen, die Menschen je gezielt genutzt haben. Lange vor dem Ackerbau, lange vor den ersten Städten, lange vor der Schrift zog diese Pflanze die Menschen Amerikas in ihren Bann. Doch die Ureinwohner rauchten den Tabak nicht so, wie wir heute an Rauchen denken.
Für sie war er eine heilige Pflanze, eine Brücke zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister. Schamanen in den Anden Perus und Ecuadors nutzten ihn seit mindestens 5. 000 Jahren in ihren Ritualen. Sie glaubten, der Rauch trage ihre Gebete nach oben.
Er könne Krankheiten heilen und die Lebenden mit ihren Ahnen verbinden. Vor etwa 8. 000 Jahren begannen die Menschen, den Tabak nicht mehr nur zu sammeln, sondern ihn anzubauen und zu züchten. Es war einer der frühesten Fälle bewussten Ackerbaus in ganz Amerika.
Und die Pflanze, die sie dafür wählten, war nicht Mais und nicht Kürbis – es war Tabak. Die Maya trieben das auf die Spitze. Um das Jahr 470 entwickelten sie in den Regionen des heutigen Mexiko und Guatemala kunstvolle Rauchzeremonien. In Steinreliefs ihrer Tempel sieht man Priester mit Rauchröhren.
Mindestens zwei ihrer Götter wurden als Raucher dargestellt. Sie hielten den Tabak auch für Medizin. Er solle Zahnschmerzen heilen, Schlangenbisse – und, so glaubten sie, sogar die Lunge reinigen. Dieser letzte Punkt ist besonders schlecht gealtert.
Von Mexiko aus wanderte der Brauch nach Norden bis zu den Völkern im heutigen Kanada. Für die Algonkin war der Tabak ein Geschenk des Großen Geistes. Von der Südspitze Amerikas bis in den eisigen Norden war er tief in das geistige und gesellschaftliche Leben der Menschen eingewoben. Dann, im Jahr 1492, änderte sich alles.
Als Christoph Kolumbus in der Karibik landete, empfingen ihn die Taíno mit Geschenken: Früchte, Speisen und Bündel getrockneter brauner Blätter. Kolumbus wusste nichts damit anzufangen und warf sie über Bord. Doch andere aus seiner Mannschaft sahen zu, wie die Taíno diese Blätter zu Röhren rollten, sie anzündeten und den Rauch einatmeten. Einer seiner Männer, Rodrigo de Jerez, probierte es selbst.
Er kam so auf den Geschmack, dass er zurück in Spanien rauchend durch die Straßen ging. Die Menschen erschraken. Sie hielten ihn für vom Teufel besessen, und die Inquisition warf ihn ins Gefängnis. Als er nach Jahren wieder herauskam, rauchte halb Spanien.
Seinen bleibenden Namen aber bekam die Pflanze von einem Franzosen. Jean Nicot, der französische Gesandte in Portugal, schickte Tabaksamen an den Hof von Paris und pries die Pflanze als Wundermittel gegen Kopfschmerzen. Nach ihm wurde sie benannt: Nicotiana. Und nach ihm das Nikotin – jener Stoff, der eines Tages Milliarden Menschen süchtig machen würde.
Innerhalb weniger Jahrzehnte verbreitete sich der Tabak über die ganze bekannte Welt, schneller vielleicht als jedes andere Gewächs der Geschichte. Portugiesische Seefahrer pflanzten ihn an ihren Handelsposten rund um den Globus. Um 1600 hatte er beinahe jedes Land Europas erreicht, dann Afrika, dann das Osmanische Reich, wo die Sultane ihn vergeblich zu verbieten versuchten. Er erreichte China, Japan, Indien, ganz Südostasien – alles im Laufe eines einzigen Menschenlebens.
Er überschritt jede Grenze und jede Religion. Ob christlich, muslimisch oder buddhistisch – die Pflanze fand überall ihren Weg hinein. Nicht jeder war begeistert. 1604 veröffentlichte Englands König Jakob I.
eine berühmte Schmähschrift gegen den Tabak. Rauchen, schrieb er, sei ein barbarischer Brauch. Widerwärtig für die Nase, schädlich fürs Hirn und gefährlich für die Lunge. Drei Jahre später landete eine Gruppe englischer Siedler in Virginia und bewies, dass die Meinung des Königs nicht das Geringste zählte, sobald Geld im Spiel war.
Die Kolonie Jamestown war eine Katastrophe. Gegründet 1607, sollte sie ihren Geldgebern Gewinn bringen. Stattdessen starben die Siedler. Krankheit, Hunger und Krieg töteten über 80 Prozent von ihnen.
Dann kam John Rolfe. Er war ein leidenschaftlicher Raucher und kannte die europäische Gier nach Tabak. Das Problem: Der wilde Tabak Virginias schmeckte den Europäern scheußlich, bitter und scharf. Der gute Tabak kam aus den spanischen Kolonien, und Spanien hütete diese Samen wie ein Staatsgeheimnis.
Irgendwie gelangte Rolfe an Samen der spanischen Sorte, Nicotiana tabacum. 1612 pflanzte er sie in die Erde Virginias, und es funktionierte. Der Boden brachte einen Tabak hervor, der mild und süß war und sich in England glänzend verkaufte. Rolfe hatte Jamestown gerettet.
Bald verkaufte die Kolonie Hunderttausende Pfund im Jahr. Tabak wurde so wertvoll, dass die Siedler ihn in den Straßen anbauten und ihn wie Geld benutzten. Man bezahlte damit seine Steuern. Man bezahlte damit sogar die Überfahrt einer Ehefrau.
Doch der Tabak hatte eine dunkle Kehrseite. Der Anbau war ungeheuer arbeitsintensiv und laugte den Boden binnen weniger Jahre völlig aus. Also brauchten die Pflanzer ständig zweierlei: neues Land, das sie den Ureinwohnern nahmen, und neue Arbeitskräfte, immer mehr. 1619 erreichte ein Schiff mit etwa zwanzig versklavten Afrikanern die Küste Virginias.
Die Pflanzer hatten ihre Lösung gefunden. Tabak schuf nicht nur den Reichtum der Kolonie, er schuf die wirtschaftliche Nachfrage nach jenem System der Sklaverei, das Amerika über Jahrhunderte prägen und zeichnen sollte. Zur Zeit der amerikanischen Revolution war Virginia die reichste der dreizehn Kolonien – und dieser Reichtum wuchs auf Tabak, angebaut von versklavten Menschen. Zweihundert Jahre lang blieb Tabak ein Luxus.
Man rauchte Pfeife, man schnupfte ihn. Die Reichen rauchten Zigarren. Zigaretten gab es zwar, doch sie wurden von Hand gedreht, waren teuer und selten. Ein geübter Arbeiter schaffte an einem langen Tag vielleicht 3.
000 Stück. Das hielt die Preise hoch, und die Zigarette blieb eine Randerscheinung. Das aber war im Begriff, sich zu ändern – auf eine Weise, die niemand kommen sah. Eine Tabakfirma setzte einen Preis für den aus, der eine Maschine erfand, die Zigaretten drehen konnte.
Ein sechzehnjähriger Junge namens James Bonsack nahm die Herausforderung an. Er lieh sich fünfzig Dollar von seiner Großmutter, verließ das College und baute in der Mühle seines Vaters einen Prototyp. Seine Maschine schaffte hunderttausende Zigaretten an einem einzigen Tag – so viel wie vierzig Arbeiter in voller Schicht. Doch die Firma, die den Preis ausgesetzt hatte, lehnte die Maschine ab.
Aus Angst, die Kunden könnten auf maschinengemachte Ware herabblicken. Ein junger Unternehmer aber sah die Chance, die alle anderen übersahen. Sein Name: James Buchanan Duke. 1884 schloss er einen Vertrag über die Maschinen, weit billiger als jeder Konkurrent.
Seine Kosten brachen zusammen. Eintausend Zigaretten, die einst fast einen Dollar an Lohn gekostet hatten, kosteten nun wenige Cent. Das gesparte Geld steckte er in Werbung und überschwemmte das ganze Land damit. 1890 verschmolz er sein Unternehmen mit vier weiteren zur American Tobacco Company, die neunzig Prozent des Marktes beherrschte.
Es war eines der ersten großen Monopole des Industriezeitalters. Der Oberste Gerichtshof zerschlug es 1911, und aus seinen Trümmern gingen die Konzerne hervor, die das zwanzigste Jahrhundert beherrschen sollten. Die wahre Explosion aber kam mit den Weltkriegen. Im Ersten Weltkrieg lagen Zigaretten in den Rationen der Soldaten.
General Pershing soll gemeldet haben, Tabak sei so wichtig wie die Verpflegung selbst. Anders als Pfeife oder Zigarre passte die Zigarette in jede Uniformtasche und ließ sich in einer kurzen Feuerpause zwischen zwei Angriffen rauchen. Millionen junger Männer kamen nikotinsüchtig nach Hause. Der Zweite Weltkrieg wiederholte das im noch größeren Maßstab.
Präsident Roosevelt erklärte Tabak zur kriegswichtigen Pflanze. Als die Kriege vorbei waren, war das Rauchen tief in der Kultur verwurzelt. Es folgte das goldene Zeitalter des Tabaks. Filmstars rauchten auf der Leinwand.
Hollywood ließ die Zigarette glamourös wirken. In Anzeigen empfahlen sogar Ärzte bestimmte Marken. Die Zahlen erzählen die Geschichte: Um 1900 rauchte der Durchschnittsamerikaner 54 Zigaretten im Jahr. Bis 1963 war diese Zahl auf über 4.
000 gestiegen. Fast die Hälfte aller erwachsenen Amerikaner rauchte. Und dann kam die Wissenschaft. Den ersten statistischen Beleg, der Zigaretten mit Lungenkrebs verband, veröffentlichte 1929 ein deutscher Arzt in Dresden, Fritz Lickens.
Ausgerechnet im nationalsozialistischen Deutschland wuchs daraus eine starke Bewegung gegen das Rauchen. Doch gerade diese Nähe zum NS-Regime ließ den Rest der Welt die Forschung verwerfen. Das Thema blieb über Jahre unberührt. In den frühen Fünfzigerjahren änderten zwei große Studien alles.
In den USA zeigten Ernst Wynder und Evarts Graham einen direkten Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs. In England verfolgten Richard Doll und Austin Bradford Hill über 40. 000 Ärzte über Jahre hinweg. Die Ergebnisse waren vernichtend und unbestreitbar.
Doch die Tabakindustrie dachte nicht daran, ihr Geschäft kampflos der Wissenschaft zu überlassen. 1953 trafen sich die Chefs der großen Konzerne im Plaza Hotel in New York. Sie heuerten eine Werbeagentur an und schmiedeten eine der wirkungsvollsten Desinformationskampagnen der Firmengeschichte. Der Plan war einfach: Sie würden nicht behaupten, Rauchen sei sicher.
Sie würden behaupten, die Wissenschaft sei sich nicht sicher. Sie würden Zweifel erzeugen. Sie gründeten ein Forschungskomitee, das nach seriöser Wissenschaft klang, in Wahrheit aber vor allem dazu diente, das Wasser zu trüben. Sie bezahlten Fachleute dafür, die Studien anzugreifen.
Sie erklärten, die Beweislage sei nicht eindeutig – und das über Jahrzehnte. Interne Schriftstücke, die erst später ans Licht kamen, zeigten die ganze Tiefe der Täuschung. Die Konzerne wussten, dass Nikotin abhängig macht. Sie wussten, dass Zigaretten Krebs verursachen.
Sie wussten es – und sie verschwiegen es, während sie zugleich Milliarden ausgaben, um neue Kunden zu gewinnen, auch Jugendliche. Am 11. Januar 1964 trat der oberste Gesundheitsbeamte der USA, Luther Terry, vor die Presse. Er wählte bewusst einen Samstagmorgen, damit die Börse geschlossen war, wenn die Nachricht einschlug.
Sein Bericht kam zu dem Schluss, dass Zigarettenrauchen eine unmittelbare Ursache für Lungenkrebs ist. Damals rauchten 42 Prozent aller erwachsenen Amerikaner. Der Bericht erschütterte das Land, aber er stoppte die Industrie nicht. Es folgten Warnhinweise auf den Packungen und ein Verbot der Radio- und Fernsehwerbung, doch die Konzerne passten sich an.
Sie zielten mit eigenen Kampagnen auf Frauen und Minderheiten, und sie drängten mit aller Macht in die ärmeren Länder der Welt, wo die Gesetze schwächer und die Menschen weniger gewarnt waren. Erst in den Neunzigerjahren begannen die Mauern einzustürzen. 1994 gelangten die internen Dokumente der Industrie an die Öffentlichkeit. Das waren keine Gerüchte, das waren die eigenen Aufzeichnungen der Konzerne.
Sie zeigten, dass diese seit Jahrzehnten wussten, dass Nikotin süchtig macht und Rauchen Krebs erzeugt. Sie zeigten die gezielte Strategie, Kinder und Jugendliche anzusprechen. Angeführt vom Justizminister des Staates Mississippi, Mike Moore, begannen die Bundesstaaten zu klagen, um die Milliarden zurückzuholen, die sie für die Behandlung kranker Raucher ausgegeben hatten. Sein Argument war schlicht: Ihr habt diese Gesundheitskrise verursacht.
Ihr zahlt dafür. Im November 1998 unterschrieben die vier größten Konzerne das sogenannte Master Settlement Agreement. Es war der größte Vergleich in der Geschichte des amerikanischen Zivilrechts. Sie verpflichteten sich, mindestens 206 Milliarden Dollar über 25 Jahre zu zahlen.
Sie mussten ihre Tarnorganisationen auflösen und die Werbefiguren verbieten, die auf Kinder zielten. Und sie mussten 14 Millionen Seiten interner Dokumente offenlegen. Sie zählen bis heute zu den vernichtendsten Belegen für den Betrug eines Konzerns, die je zusammengetragen wurden. Doch die Geschichte des Tabaks war damit nicht vorbei.
Nicht einmal annähernd. Die Industrie nahm die Niederlage nicht einfach hin. Sie passte sich an, wie sie es immer getan hatte. Philip Morris benannte seinen Mutterkonzern 2003 sogar um in Altria, um sich vom giftigen Ruf des eigenen Produkts zu lösen.
Und dann kam das Dampfen. Die erste marktreife E-Zigarette entwickelte 2003 ein chinesischer Apotheker namens Hon Lik, dessen eigener Vater an Lungenkrebs gestorben war. Wenige Jahre später erreichten die Geräte den amerikanischen Markt. 2015 kam Juul mit schlanken Geräten in Form eines USB-Sticks und mit Geschmacksrichtungen wie Mango, von denen Kritiker sagten, sie zielten ganz offensichtlich auf Jugendliche.
Und tatsächlich: Um 2019 dampften über fünf Millionen amerikanische Schüler. Derselbe Kreislauf wie einst bei der Zigarette – dieselbe glatte Vermarktung, dasselbe Herunterspielen der Gefahr. Nur das Gerät hatte sich geändert. Der süchtig machende Stoff im Zentrum war noch immer derselbe: Nikotin.
Wenn man einen Schritt zurücktritt und den ganzen Bogen betrachtet, von jenen Samen in der Feuerstelle der Wüste Utahs bis zu den Dampfgeräten in den Schultoiletten von heute, dann wird eines unübersehbar: Tabak war eine der folgenreichsten Pflanzen der Menschheitsgeschichte. Er finanzierte Kolonien, er baute Reiche, er versklavte Millionen, er häufte Vermögen an, er kaufte die Wissenschaft, und er tötete Hunderte Millionen Menschen. Und er tötet weiter. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass Tabak jedes Jahr mehr als acht Millionen Menschen das Leben kostet – mehr als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen.
Eine heilige Pflanze, mit der Ureinwohner einst ihre Götter suchten, wurde zum Werkzeug kolonialer Ausbeutung, zum Motor industriellen Reichtums und schließlich zur Waffe einer Massensucht. Die Industrie log jahrzehntelang über die Wissenschaft, zahlte hunderte Milliarden, sah ihre Kunden zu Millionen sterben und fand doch einen Weg, einer neuen Generation dasselbe Nikotin zu verkaufen – nur durch ein anderes Gerät. Die Namen änderten sich, die Chemie blieb. Und doch gibt es einen Hoffnungsschimmer.
Zuletzt ist die Zahl der jungen Dampfer wieder deutlich gefallen, weil diesmal mehr Menschen genauer hinsahen. Zwölftausend Jahre lang hat diese Pflanze uns begleitet. Geheiligt, umkämpft, belogen.
Die Frage ist nur, ob wir das Muster diesmal früh genug erkennen.


