Es ist der 23. März 2015, kurz vor zwei Uhr nachmittags. Ein Notruf geht bei der Polizei in Vallejo, Kalifornien, ein. Am anderen Ende der Leitung ist ein Mann namens Aaron Quinn, und seine Geschichte klingt so absurd, dass die Beamten am Telefon zunächst glauben, sich verhört zu haben.

Aaron berichtet, dass seine Freundin Denise Haskins bei ihm zu Besuch war, dass die beiden ganz normal schlafen gegangen sind und dass mitten in der Nacht plötzlich Einbrecher in sein Haus eingedrungen sein sollen. Die Fremden hätten sie betäubt und gefesselt, und als er Stunden später wieder zu sich gekommen sei, sei Denise verschwunden gewesen. Entführt. Eine Polizeistreife macht sich sofort auf den Weg zu Aarons Adresse, und was die Beamten dort vorfinden, gibt ihnen Rätsel auf.
Das Haus wirkt auf den ersten Blick einladend und ordentlich, wie aus einem Werbeprospekt für amerikanische Vorzeigeimmobilien. Doch der Bewohner, der ihnen die Tür öffnet, ist sichtlich mitgenommen und desorientiert. Aaron erklärt den Beamten geduldig, dass man ihn unter Drogen gesetzt hat, dass seine Freundin entführt worden sei und dass er selbst erst vor Kurzem aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht ist. Auf dem Küchenboden kleben noch Reste von rotem Klebeband, das eine Art Markierung bildet.
Aaron deutet darauf und erklärt, dass genau dieser Bereich markiert gewesen sei, in dem er sich aufhalten durfte. Auf dem Tisch liegen ein paar aufgeschnittene Kabelbinder, mit denen er gefesselt war, sowie eine Schwimmbrille, deren Gläser mit Klebeband abgeklebt wurden. Er habe diese Brille aufsetzen müssen, um seine Sicht einzuschränken, sagt er. In der Küche hängt außerdem eine kleine Überwachungskamera, die der Einbrecher selbst mitgebracht hatte, um zu kontrollieren, ob Aaron sich an die Anweisungen hält.
Für die Polizisten ist das alles fast zu viel, um es auf einmal zu verarbeiten. Eine Geschichte über betäubende Substanzen, Schwimmbrillen, Kabelbinder und vorbereitete Audiobotschaften klingt selbst für erfahrene Beamte wie die Handlung eines Thrillers. Doch Aaron bleibt bei seiner Version, und so bitten sie ihn, noch einmal ganz von vorn zu beginnen, um nichts zu übersehen. Aaron und Denise sind seit etwa sieben Monaten ein Paar.
Die beiden haben sich bei der Arbeit in einer Klinik kennengelernt, wo beide als Physiotherapeuten tätig sind. Der Abend des 22. März 2015 war entspannt und unspektakulär. Sie tranken ein paar Bier und Whisky, saßen auf der Couch und schauten fern.
Gegen ein Uhr nachts zogen sie sich ins Schlafzimmer zurück und schliefen ein. Doch um etwa drei Uhr morgens wurde Aaron durch ein grelles Licht geweckt, das direkt in sein Gesicht schien. Im selben Moment hörte er ein elektrisches Summen, das wie ein Elektroschocker klang. Im Gegenlicht konnte er nicht viel erkennen, nur dass ein fremder Mann am Bett stand.
Der Fremde sprach ihn mit seinem Namen an, nannte auch Denise beim Namen und befahl beiden, sich auf den Bauch zu drehen. Aaron spürte, wie seine Knöchel und Handgelenke mit Kabelbindern gefesselt wurden. Dann wurde er aufgerichtet und zum großen Kleiderschrank im Schlafzimmer gezerrt. Der Einbrecher drückte ihn in den Schrank und setzte ihm die abgeklebte Schwimmbrille und Kopfhörer auf.
Über die Kopfhörer erklang leise Musik, eine Art Entspannungsmusik, und dann eine aufgenommene Sprachmeldung. Eine Stimme erklärte ihm, er solle ruhig bleiben und sich hinlegen, gleich würde man ihm einige Fragen stellen. Man werde ihm außerdem eine Droge verabreichen, und falls er sich weigere, die Substanz zu schlucken, werde man sie ihm intravenös injizieren. Sollten er oder seine Freundin den Anweisungen nicht Folge leisten, werde der jeweils andere verletzt.
Aaron, gefesselt, blind und mit Musik in den Ohren, spürte, wie ihm ein Blutdruckmessgerät angelegt wurde. Er konnte nichts sehen, nichts hören, nichts tun. Nachdem die Aufnahme endete, konnte er wieder Geräusche aus dem Haus wahrnehmen. Er hörte, wie Denise in ein Nebenzimmer gebracht wurde, und vernahm gedämpfte Stimmen, als würde der Einbrecher mit jemandem flüstern, vielleicht mit einem Komplizen.
Doch niemand antwortete ihm, als Aaron versuchte, Kontakt aufzunehmen. Dann kam der Einbrecher zurück zum Schrank und sprach durch die Tür mit Aaron. Er sagte, er wisse viel über ihn, er wisse zum Beispiel, dass Aaron ein Bankkonto bei Wells Fargo und bei der Chase Bank habe, dass er in dem kleinen Ort Penryn in Kalifornien aufgewachsen sei und dass bis vor ein paar Monaten eine andere Frau in diesem Haus gewohnt habe, eine Frau namens Andrea. Aaron, noch immer benommen und verängstigt, bestätigte, dass seine Ex-Freundin Andrea im September 2014 ausgezogen sei.
Der Fremde fragte, ob Aaron nicht finde, dass sich Andrea und Denise ähnlich sähen. Aaron gab zu, dass beide blonde lange Haare hätten. Der Einbrecher erklärte ihm dann, was nun passieren würde. Er werde Denise mitnehmen, er gehöre zu einer Organisation, die Schulden eintreibe.
Er werde überall im Haus Kameras installieren, um Aaron zu überwachen. Aaron dürfe das Wohnzimmer, das Badezimmer, die Küche und das Schlafzimmer nicht verlassen, sonst würde Denise etwas zustoßen. Er müsse außerdem telefonisch erreichbar bleiben, denn man werde ihm eine Lösegeldforderung über fünfzigtausend Dollar zukommen lassen. Wenn er nicht zahle, werde Denise vielleicht nicht überleben.
Danach wurde Aaron ins Erdgeschoss gebracht und auf die Couch gelegt. Man legte ihm neue Kleidung und eine Schere bereit, damit er später seine Fesseln lösen konnte. Aber er dürfe den roten Klebebandbereich nicht verlassen. Zu diesem Zeitpunkt war Aaron bereits völlig benommen.
Die Drogen, die man ihm verabreicht hatte, wirkten stark. Er verlor kurz darauf das Bewusstsein. Als er wieder aufwachte, war es heller Tag. Er befreite sich mit der bereitgelegten Schere von seinen Fesseln.
Seine Freundin war weg. Auch sein Laptop und sein Auto fehlten. Aus dem Fenster sah er, dass auch Denises Auto bewegt worden war. Ihr Honda hatte am Vorabend noch vor der Garage gestanden, jetzt parkte er auf der anderen Straßenseite.
Der Entführer musste Aarons Toyota als Fluchtwagen benutzt haben und war mit Denise darin verschwunden. Die Handys von Denise und Aaron lagen noch da. Aaron öffnete seinen E-Mail-Account und fand eine Nachricht, die von seinem eigenen Konto verschickt worden war. Natürlich hatte er sie nicht selbst geschrieben, sondern der Entführer, der sich ja seine Passwörter hatte geben lassen.
In der Mail befanden sich zwei Zahlungsaufforderungen von jeweils achteinhalbtausend Dollar, zusammen also siebzehntausend Dollar. Dazu die Anweisung, falls jemand nachfrage, solle Aaron sagen, er würde sich ein Wasserskiboot kaufen. Aaron, immer noch völlig neben sich, rief zuerst seine Bank an, um das Geld zu überweisen. Dann rief er seinen Bruder an, der bei den Justizbehörden arbeitet, und fragte ihn um Rat.
Der Bruder gab ihm nur einen einzigen Rat: Aaron solle sofort die Polizei anrufen. Das tat Aaron dann auch, um 13:53 Uhr, etwa zehn Stunden nach dem Überfall. Bei den Streifenpolizisten in Vallejo kam die Geschichte mehr als seltsam an. Denise Haskins war tatsächlich nicht mehr im Haus, und auch Aarons Auto fehlte, wie er es geschildert hatte.
Doch die Beamten fanden auch Dinge, die nicht in seine Erzählung passten. Im oberen Stockwerk roch es stark nach Reinigungsmittel. Die Teppiche waren frisch gesaugt, das Doppelbett war nicht bezogen, das Bettzeug fehlte komplett. Auf der Matratze entdeckten die Beamten einen winzigen Blutfleck.
Für die Polizei war das ein deutliches Alarmzeichen. Ein frisch geputztes Zimmer, fehlendes Bettzeug, ein Blutfleck, eine verschwundene Frau und ein Mann, der erst zehn Stunden nach dem angeblichen Überfall die Polizei verständigt, obwohl er doch ein Telefon zur Verfügung hatte. Die Streife entschied, dass dieser Fall zu groß für sie war. Aaron musste mit aufs Revier kommen und dort seine Geschichte noch einmal erzählen.
Das tat er, kooperativ und bis ins kleinste Detail. Die Polizei leitete derweil eine Fahndung nach Denise und Aarons Toyota ein. Den Wagen fanden sie schneller als erwartet, bereits am selben Abend gegen 18 Uhr, auf dem Parkplatz der Department of Veterans Affairs Mare Island Clinic. Der Toyota war ordentlich geparkt und abgeschlossen, die Schlüssel lagen auf dem linken Hinterreifen.
Auf dem Fahrzeug klebten ebenfalls rote Klebebandstreifen, ähnlich denen, die Aaron auf seinem Küchenboden hatte. Die Beamten waren überzeugt, dass Denise Haskins das Haus von Aaron Quinn nicht lebend verlassen hatte. Die ganze Inszenierung schien ihnen ein verzweifelter Versuch zu sein, ein Verbrechen zu vertuschen. Aaron wurde bis spät in die Nacht verhört, und die Fragen wurden immer suggestiver.
Die Polizei warf ihm direkt vor, Denise getötet zu haben. Sie fragten ihn, wo er ihre Leiche versteckt habe, ob er sie am Vorabend wegen der Sache mit Andrea umgebracht habe. Aaron stellte sich sogar freiwillig einem Lügendetektortest und wurde ihm erzählt, er habe ihn nicht bestanden, obwohl später im Polizeibericht stand, das Ergebnis sei unbekannt gewesen. Die Eltern von Denise Haskins wurden von der Polizei kontaktiert und erfuhren, was vorgefallen war.
Sie waren entsetzt, zumal sie Aarons noch nie kennengelernt hatten. Die Beziehung ihrer Tochter dauerte erst sieben Monate, für ein großes Kennenlernen war da noch keine Zeit gewesen. Nun erfuhren sie, dass ihre Tochter ausgerechnet aus dem Haus dieses Mannes entführt worden sein sollte. Kein guter erster Eindruck.
Die Polizei machte sich daran, ein umfassendes Bild von Aaron zu zeichnen. Da der Entführer ihn nach seiner Ex-Freundin Andrea gefragt hatte, wurde auch Andrea vorgeladen. Aaron und Andrea waren nicht nur ein Paar gewesen, sondern sogar verlobt, bis September 2014. Damals hatte Andrea ihn betrogen, woraufhin die Beziehung endete.
Kurz darauf begann Aaron etwas mit Denise, und wie das Leben so spielt, arbeiteten alle drei in derselben Klinik, sogar auf derselben Station. Andrea berichtete in ihrer Aussage, dass Aaron sie auch nach der Trennung noch oft bedrängt habe. Erst wenige Tage vor der Entführung hatte es zwischen Aaron und Denise einen Streit gegeben, weil Aaron vertraute bis sehnsuchtsvolle SMS an Andrea geschickt hatte und Denise ihn dabei ertappte. Die Polizei glaubte, genau darin das Motiv gefunden zu haben.
Wenn Aaron und Denise sich am Vorabend noch einmal über die Sache mit Andrea unterhalten hätten, so die Theorie, hätte es leicht zu einem heftigen Streit kommen können, bei dem Aaron die Kontrolle verlor und Denise tötete. Danach hätte er alles inszeniert, um seine Tat zu vertuschen. Doch dann wendete sich das Blatt, als die Ermittler die Eltern von Denise zu einer Befragung baten. Sie wollten wissen, ob es etwas in Denises Vergangenheit gebe, das ungewöhnlich sei.
Zunächst wussten die Eltern nicht, was sie sagen sollten. Doch dann erzählten sie schließlich etwas aus Denises Kindheit: Denise war als Mädchen missbraucht worden. Der Ermittler, der das Gespräch führte, schien darin keinen Grund zur Trauer zu sehen, sondern nutzte die Information für eine neue, abwegige Theorie. Wenn Mädchen missbraucht würden, sagte er, sei es nicht ungewöhnlich, dass sie sich später wieder intensiv an diese Ereignisse zurückerinnern, um diese Aufregung noch einmal zu erleben.
Die Worte des Ermittlers waren nicht nur unglücklich formuliert, sie waren zutiefst pietätlos. Doch sie offenbarten die neue Richtung, in die die Ermittlungen gingen. Vielleicht war Aaron unschuldig, vielleicht war Denise gar kein Opfer, sondern diejenige, die ihre eigene Entführung inszeniert hatte. Die Polizei zog eine Parallele zu einem Film, der nur ein Jahr zuvor für mehrere Oscars nominiert war, dessen Handlung ich hier nicht verraten möchte, da es sich um einen bekannten Spoiler handelt.
In dem Film täuscht eine Frau ihr eigenes Verschwinden vor, um ihrem untreuen Ehemann einen Mord anzuhängen. Diese Handlung schien den Ermittlern eine passende Vorlage für die Theorie zu sein, dass Denise ihr Verschwinden selbst inszeniert hatte, um Aaron zu bestrafen. Am 24. März, um halb eins mittags, saß der Zeitungsredakteur Henry Lee in seinem Büro bei der San Francisco Chronicle und hörte das Signal seines E-Mail-Postfachs.
Zwei Tage nach der Entführung, während Aaron Quinn immer noch bei der Polizei saß und versuchte, die Beamten von seiner Unschuld zu überzeugen, erhielt Henry Lee eine E-Mail vom Konto Aaron Quinns. Der Entführer hatte sich offenbar Zugang zu Aarons Mail verschafft und schrieb dem Redakteur direkt. In der Mail stand sinngemäß: Denise Huskins werde er morgen sicher zurückbringen, man werde einen Link zu einem Ort schicken, an dem sie abgesetzt werde. Sie sei bei guter Gesundheit und in Sicherheit.
Jeder Verstoß gegen die Forderungen würde eine gefährliche Situation für sie schaffen. In der Mail befand sich ein Link zu einer Audiodatei. In der Datei hörte man die Stimme von Denise Huskins. Sie sagte, sie könne beweisen, dass sie wirklich sie sei, denn sie wisse, dass ihr erstes Konzert das von Blink-182 gewesen sei.
Außerdem wolle sie beweisen, dass sie die Entführung überlebt habe. Sie wisse, dass in den französischen Alpen ein deutsches Flugzeug abgestürzt sei. Sie meinte den Absturz der Germanwings-Maschine am selben Tag, ein Unglück, von dem die Menschen in den USA erst am späten Vormittag erfahren hatten. Dass Denise diese Information kannte, konnte nur bedeuten, dass sie noch am Leben war und Zugang zu Nachrichten hatte, oder dass jemand sie kurz zuvor darüber informiert hatte.
Henry Lee leitete die Mail sofort an die Polizei weiter. Die Anschuldigungen gegen Aaron Quinn waren damit endlich entkräftet. Die Audioaufnahme bewies zumindest, dass Denise offenbar noch lebte und nicht von Aaron ermordet worden war. Aaron bekam sein Handy zurück, das die Ermittler zur Auswertung an sich genommen hatten.
Als er es in den Händen hielt, sah er zwei verpasste Anrufe vom Vorabend auf dem Display. Einer um 20:31 Uhr, einer zwei Minuten später, beide von einer unbekannten Nummer. Das FBI konnte schnell herausfinden, dass die Nummer eine Prepaidkarte war, die erst am selben Tag aktiviert wurde. Die Anrufe kamen aus Lake Tahoe, etwa 270 Kilometer von Vallejo entfernt.
Die Chance, den Entführer und Denise dort noch anzutreffen, war verschwindend gering. Und die Polizei glaubte immer noch nicht daran, dass es den Entführer überhaupt gab. Die Theorie, dass Denise ihr eigenes Verschwinden inszeniert habe, war für die Ermittler inzwischen fast schon Gewissheit. Dann, am 25.
März, um 9:48 Uhr, zwei Tage nach der Entführung, rief der Vater von Denise bei der Polizei an. Er berichtete, dass Denise ihn soeben aus Huntington Beach angerufen habe, wo er selbst wohnt. Sie sei bei einem Nachbarn aufgetaucht und habe von dort aus Kontakt aufgenommen. Denise erzählte eine Geschichte, die sich im Wesentlichen mit Aarons Schilderung deckte.
Die Entführer hätten ihr von Anfang an gesagt, dass sie nur für 48 Stunden mitkommen müsse, danach würde man sie freilassen. Sie hätten ihr auch erzählt, dass eigentlich Aarons Ex-Freundin Andrea entführt werden sollte, nicht sie. Offenbar hatten die Täter weder von der Trennung gewusst noch davon, dass Denise Aarons neue Freundin war. Das sei ihnen erst im Haus aufgefallen, als es schon zu spät war.
Trotzdem hatten sie Denise mitgenommen und sich ihr als eine Bande vorgestellt, die auf dem Schwarzmarkt aktiv sei und Leute entführe, um Lösegeld zu erpressen. Wie Aaron wurde auch Denise betäubt und in einen Kofferraum gelegt. Sie wurde in ein Haus gebracht, in einem Schlafzimmer mit Kabelbindern und einem Fahrradschloss an ein Doppelbett gefesselt. Wann immer einer der Entführer zu ihr kam, musste sie die abgeklebte Schwimmbrille aufsetzen, um niemanden erkennen zu können.
Zuerst sei nur ein Mann da gewesen, später habe es eine Art Ablösung gegeben. Sie habe die Männer nie gleichzeitig gesehen, aber gedämpfte Gespräche gehört. Für die Polizei war diese Geschichte zu absurd, um wahr zu sein. Hinzu kam, dass Denise nach ihrem ersten Anruf nicht mehr bereit war, mit der Polizei zu sprechen.
Sie verließ Huntington Beach und ging den Behörden aus dem Weg. Für die Ermittler war das ein weiteres Schuldeingeständnis. Sie bezichtigten Denise und Aaron öffentlich, die Polizei und die Gemeinde hinters Licht geführt zu haben, und verlangten eine Entschuldigung. Was die Polizei nicht wusste: Denise hatte panische Angst.
Nichts von dem, was sie und Aaron gesagt hatten, war gelogen. Sie war wirklich entführt worden, und ihr Albtraum war noch lange nicht vorbei. Ihr Foto und ihr Name waren in den Medien im ganzen Land zu sehen gewesen. Nun, da sich die Polizei öffentlich gegen sie gewendet hatte, dauerte es nicht lange, bis die Leute ihr Facebook-Profil fanden.
Sie erhielt rund um die Uhr Nachrichten und Drohungen, während sie das Gefühl hatte, sich niemandem anvertrauen zu können. Sie hatte auch einen triftigen Grund, nicht erneut mit der Polizei zu sprechen. Die Entführer hatten etwas gegen sie in der Hand. Während ihrer Gefangenschaft hatte man ihr gesagt, man brauche eine Sicherheit dafür, dass sie nicht mit der Polizei reden würde.
Einer der Männer hatte sie vergewaltigt und das Ganze gefilmt. Falls die Täter mitbekämen, dass sie bei der Polizei aussagen wolle, würden sie das Video im Internet veröffentlichen. Und als ob das nicht genug wäre, war das Ganze ein zweites Mal passiert. Der Täter behauptete, das erste Video sei nicht gut genug gewesen, und vergewaltigte sie erneut, diesmal sollte sie so tun, als wäre alles einvernehmlich.
Sollte sie etwas sagen, würde man das Video veröffentlichen und zudem ihrer Familie etwas antun. Unter diesem Druck tat Denise zunächst genau das, was in ihrer Situation verständlich war. Sie tat nichts. Und das gefiel der Polizei ganz und gar nicht.
Doch Denise wusste, dass sie nicht ewig schweigen konnte. Wenn sie nicht ihre gesamte Zukunft aufs Spiel setzen wollte, musste sie handeln. Schritt für Schritt kämpfte sie sich zurück. Zuerst kontaktierte sie einen Anwalt in San Francisco, der ihr glaubte.
Er riet ihr, vorerst nicht auszusagen und so schnell wie möglich zu ihm zu kommen. Dort erzählte sie ihrem Verteidiger alles, von Anfang bis Ende. Der Anwalt glaubte ihr, anders als die Polizei. Er sagte ihr aber auch, dass sie keine andere Wahl habe, als mit der Polizei zu kooperieren, egal wie große Angst sie vor den Drohungen der Entführer habe.
Entweder lebe sie von nun an ein Leben in Angst und mit dem Label der Lügnerin, oder sie kämpfe gegen die Menschen, die Schuld an ihrem ganzen Elend seien. Denise entschied sich für den Kampf. Sie willigte sogar ein, sich medizinisch untersuchen zu lassen, um den Missbrauch nachweisen zu können. Die Polizei allerdings stellte ein Ultimatum: Erst solle Denise eine vernünftige Aussage machen, dann werde man die Untersuchung durchführen.
Denise reiste zurück nach Vallejo und erzählte den Ermittlern alles, auch von den zwei Vergewaltigungen. Ohne dass ihr angeboten wurde, zuerst mit einer Psychologin zu sprechen, musste sie in einem Verhörraum, umgeben von männlichen Polizisten, über das Schlimmste berichten, das ihr je widerfahren war. Nach der Aussage ließ man sie endlich untersuchen. In Interviews berichtete sie später, dass bei der Untersuchung Mikroläsionen an ihrem Gebärmutterhals festgestellt worden seien, ein klarer Hinweis auf kürzlichen Geschlechtsverkehr.
In einem Polizeibericht hieß es allerdings, Denise habe keine körperlichen Anzeichen für nicht einvernehmlichen Sex aufgewiesen. Dass nicht jede Vergewaltigung körperliche Spuren hinterlässt, wurde dort nicht erwähnt. Nach der Untersuchung durfte Denise zum ersten Mal Aaron wiedersehen. Die Polizei verdächtigte ihn inzwischen nicht mehr, aber alle rieten ihm, Denise habe ihn verraten und eine Fälschung inszeniert.
Doch Aaron vertraute ihr. Er hatte die Nacht des Überfalls selbst erlebt, er wusste, dass kein Mensch so etwas vortäuschen würde. Schon gar nicht Denise. Und dann kam dem Paar unerwartete Hilfe, ausgerechnet von dem Entführer selbst.
Henry Lee, der Journalist der San Francisco Chronicle, erhielt erneut eine E-Mail. Diesmal vom Konto „DeniseHuskinsKidnapping@hotmail. com“. Der Absender gab an, für die Gruppe zu sprechen, die Denise entführt habe.
Sie seien eine Gruppe von professionellen Dieben, mehr als zwei und weniger als acht Personen. Die Operation sei furchtbar schiefgelaufen, hieß es in der Mail, und man empfinde tiefe Reue. Man sei beeindruckt von der Stärke, die Denise gezeigt habe, und wolle ihr helfen zu beweisen, dass sie die Wahrheit erzähle. Man werde unwiderlegbare Beweise vorlegen.
Der Absender kritisierte die Polizei und die Medien dafür, dass sie Denise und Aaron als Aufmerksamkeit heischende Verrückte darstellten, obwohl die beiden nur Unterstützung und Mitgefühl verdient hätten. In der Mail befand sich ein Foto einer Waffe, an der mit Klebeband eine Taschenlampe befestigt war. Zwei Tage später folgte eine weitere Mail, diesmal mit Fotos von einem Raum, in dem Denise festgehalten worden sein sollte, sowie Bildern von Gegenständen, die bei Einbrüchen auf Mare Island gestohlen worden waren, immerhin ein Ort ganz in der Nähe von Vallejo. Die Polizei bestätigte, dass das Diebesgut tatsächlich aus geklauten Einbrüchen auf Mare Island stammte.
Doch die Digitalforensiker kamen nicht weiter. Die Mails wurden über einen anonymen E-Mail-Dienst verschickt, alle Metadaten waren bereinigt. Die Behörden prüften weiterhin rechtliche Schritte gegen Aaron und Denise. Wenn sie die Polizei belogen hatten, drohten ihnen ernste Konsequenzen.
Denise und Aaron verbrachten diese Wochen in großer Angst, aber sie hielten zusammen. Sie hatten kein Vertrauen mehr in die Polizei, und das Misstrauen wurde nicht gerade geringer, als sie zufällig erfuhren, dass die leitende Ermittlerin in ihrem Fall eine gemeinsame Bekannte hatte: Aarons Ex-Freundin Andrea. Andrea war offenbar nicht nur die Ex-Freundin von Aaron, sondern auch die Ex-Freundin des leitenden Ermittlers. Diese Verstrickung hätte erklären können, warum so grob mit Aaron umgegangen wurde.
Im Juni 2015, drei Monate nach der Entführung, geschah etwas, das den Fall endlich aufklären sollte. In Dublin, einer kleinen Stadt etwa 65 Kilometer von Vallejo entfernt, ging mitten in der Nacht ein Notruf ein. Eine Frau hatte sich im Badezimmer versteckt und erzählte der Polizei, dass jemand in ihr Haus eingebrochen sei, dass man ihr einen Laserpointer ins Gesicht gehalten habe und dass ihre 22-jährige Tochter in der Gewalt des Eindringlings sei. Ihr Mann habe sich mit dem Einbrecher angelegt und gekämpft.
Als die Polizei eintraf, war der Vater blutverschmiert, aber die Tochter war in Sicherheit. Der Einbrecher war durch die Hintertür geflohen – und hatte sein Handy vergessen. Die Polizei ermittelte die Nummer. Die Mutter des Besitzers verriet den Beamten freimütig, dass das Handy ihrem Sohn Matthew Müller gehöre.
Auf den ersten Blick passte Matthew Müller nicht in das Profil eines typischen Einbrechers. Er hatte in den Neunzigern vier Jahre bei den Marines gedient und in den Zweitausendern Jura in Harvard studiert. Doch in seiner Akte gab es einige Vermerke: Er war mehrmals als Verdächtiger bei Gewaltverbrechen genannt worden, aber nie angeklagt oder verurteilt worden. Matthew hielt sich zu dieser Zeit in einer Ferienhütte seiner Familie am Lake Tahoe auf.
Dort wurde er festgenommen. In der Hütte fanden die Beamten Klebeband und Kabelbinder, die zu den Spuren in Dublin passten, außerdem Spielzeugpistolen, an denen Laserpointer angebracht waren. Die Frau aus Dublin war genau mit einem solchen Laser aufgeweckt worden. Die Beamten entdeckten weiterhin eine Spritze und ein starkes Schlafmittel, und alle Fenster der Hütte waren abgeklebt oder verbarrikadiert.
Dann öffnete ein Polizist den Kofferraum eines in der Nähe geparkten, gestohlenen Autos und erschrak zunächst: Darin lag ein menschlicher Torso. Beim zweiten Blick entpuppte sich die Gestalt aber als aufblasbare Gummipuppe mit einem angeklebten Plastikgesicht. Daneben lag eine Schwimmbrille, deren Gläser abgeklebt waren – und in dem Klebeband verfing sich ein langes blondes Haar. Der Halter des gestohlenen Autos erzählte den Ermittlern von einer lokalen Legende, dem sogenannten Mare-Island-Creeper.
2014 hatte ein Mann mehrere Studentinnen belästigt, sie gestalkt und durch ihre Schlafzimmerfenster fotografiert. Die jungen Frauen hatten sich einmal zur Wehr gesetzt, den Mann verfolgt und herausgefunden, wo er wohnte. Sie hatten auch herausgefunden, dass er ehemaliger US-Soldat und Anwalt war. Der Mare-Island-Creeper war Matthew Müller.
Die Verbindung war plötzlich klar. Der Entführer von Denise Huskins hatte in seinen Mails an die Zeitung behauptet, für mehrere Einbrüche auf Mare Island verantwortlich zu sein. Mare Island ist durch eine Brücke mit Vallejo verbunden, genau dort, wo Denise und Aaron überfallen worden waren. Der Besitzer des gestohlenen Autos hatte noch eine weitere wichtige Beobachtung: Der Mare-Island-Creeper hatte Anfang 2015 damit aufgehört, junge Frauen zu belästigen – etwa zur gleichen Zeit, als der Fall Denise Haskins in den Medien groß wurde.
Und dann kam die Gewissheit: Das blonde Haar in der Schwimmbrille gehörte Denise. Sie war nie eine Lügnerin gewesen. Man glaubte ihr endlich. Als Matthew Müller mit dem Vorwurf der Entführung konfrontiert wurde, gestand er sofort.
Warum er ursprünglich in das Haus von Aaron einbrechen wollte, hat er nie verraten. Auch nicht, warum er Denise mitnahm, nachdem er bemerkt hatte, dass sie nicht die Frau war, die er eigentlich gesucht hatte. Er bestritt immer, dass es mehrere Täter gegeben habe, obwohl seine Mails an die Zeitung anders klangen und Aaron und Denise beide von mehreren Tätern berichtet hatten. Man geht heute davon aus, dass Matthew die Gummipuppe aus seinem Kofferraum bei seinen Überfällen dabeihatte, um im Dunkeln wie ein zweiter Schatten zu wirken, und dass er Tonaufnahmen von flüsternden Stimmen abspielte, um die Illusion mehrerer Täter zu erzeugen.
2017 wurde Matthew Müller verurteilt. Wegen Entführung, Raub und Vergewaltigung erhielt er eine Freiheitsstrafe von 40 Jahren. Im Laufe der Ermittlungen gestand er weitere Entführungen, Einbrüche und Vergewaltigungen. Seit 1993 war er immer wieder straffällig geworden, obwohl die Polizei ihn in mehreren Fällen als Verdächtigen erfasst hatte, war man ihm nie auf die Schliche gekommen.
Das Schlimme daran: Der Fall von Denise wäre vermeidbar gewesen. Die Polizei hatte Kenntnisse über den Mare-Island-Creeper. Die betroffenen Frauen hatten ihn selbst verfolgt und als Matthew Müller identifiziert. Sie hatten ihn auch gemeldet, aber es wurde nie ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet.
Weil er als Stalker nicht überführt wurde, konnte er im Februar 2015 Denise entführen. Denise Haskins hat später in einer Dokumentation erzählt, dass sie in ihrem Leben dreimal missbraucht wurde. Zum ersten Mal mit zwölf Jahren, dann als junge Frau und schließlich als 29-Jährige von Matthew Müller. Sie erzählte, dass sie immer auf Misstrauen gestoßen sei, wenn sie über das sprach, was ihr angetan wurde – als wehrloses Kind, als junge Frau, die bei der Polizei Hilfe suchte und dort abgewiesen wurde, weil man ihr sagte, man würde ihr eh nicht glauben.
Und selbst, als sie aus ihrem Leben gerissen und entführt wurde, glaubte ihr niemand. Die Beamten, die die Berichte über den Mare-Island-Creeper ignoriert hatten, sind heute noch im Dienst. Für diejenigen, die Denise und Aaron öffentlich der Lüge bezichtigt haben, gab es keinerlei Konsequenzen. Die Ermittlerin, die schließlich die entscheidenden Verbindungen herstellte, war eine Polizistin in Ausbildung namens Misty Carosu.
Sie fand die Schwimmbrille in Matthews Hütte, sie erkannte die Bedeutung des blonden Haares und sie stellte die Verbindung zum Mare-Island-Creeper her. Denise und Aaron sind ihr bis heute dankbar und pflegen noch immer Kontakt zu ihr. Denise und Aaron sind heute verheiratet und haben zwei Töchter. Über ihre Erfahrungen haben sie ein Buch geschrieben, das auf Englisch unter dem Titel „Victim F“ erschienen ist.
Ihre Geschichte ist auch Gegenstand einer dreiteiligen Netflix-Dokumentation, in der Denise selbst ausführlich zu Wort kommt und erzählt, wie sie heute mit ihrem Trauma lebt.


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