Ich kam nachts nach Hause, das Küchenlicht brannte, und ich dachte nur: „Hat Papa wieder Besuch zum Trinken da?“ Dann sah ich ihn auf dem Boden liegen, ein Kabel um den Hals, eine Blutlache unter…

Ich kam nachts nach Hause, das Küchenlicht brannte, und ich dachte nur: „Hat Papa wieder Besuch zum Trinken da?“ Dann sah ich ihn auf dem Boden liegen, ein Kabel um den Hals, eine Blutlache unter...

Die Küchentür stand offen. Das war das Erste, was mir auffiel, als ich nach Hause kam. Ich hatte mein Auto abgestellt, es war spät, und ich hatte den Abend in der Tenne verbracht, der Disco, in die ich immer ging. Das Licht in der Küche brannte.

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Ich dachte mir noch: Hat er wieder Leute zum Trinken mitgebracht? Das kam öfter vor. Wenn die Kneipe zumachte, kamen die Männer eben zu ihm nach Hause, weil er immer etwas zu trinken im Schrank hatte. Er war so einer, der niemanden wegschicken konnte.

Ich schloss die Haustür auf. Aber die Wohnungstür war schon offen. Das war ungewöhnlich. Ich ging hinein, bog links ab Richtung Küche, und dann sah ich ihn.

Er lag auf dem Boden. Ich ging hin, beugte mich runter und sagte: „Papa, Papa, was ist los? “ Er antwortete nicht. Ich habe die Polizei gerufen und gesagt, dass mein Vater auf dem Boden liegt.

Und dann sah ich die Gläser, die überall verstreut lagen. Alles war durcheinander. Ich wollte anfangen aufzuräumen, so aus Reflex, aber dann hatte ich so einen Gedankenblitz. Nein, nicht anfassen.

Alles so lassen. Und dann, als ich mich umdrehte, sah ich es. Er hatte ein Kabel um den Hals. Das Kabel von der Kaffeemaschine.

Darunter bildete sich eine Blutlache auf dem Boden. Ich bin wieder zum Telefon gegangen und habe gesagt: „Ich brauche keinen Krankenwagen. Ich brauche einen Leichenwagen. Papa ist tot.

Mein Vater, Josef Milata, war kein leiblicher Vater. Aber für mich gab es da nie einen Unterschied. Er und meine Pflegemutter konnten keine eigenen Kinder bekommen und wollten welche. Ich bin mit sechseinhalb Jahren zu ihnen gezogen, mein Bruder war schon früher aus dem Heim gekommen.

Und ich habe mich von Anfang an wohlgefühlt bei ihnen. Es gab Hunde, Katzen, Hühner, Hasen. Ich liebte Tiere, und es war alles da, was ein Zuhause ausmacht. Für meinen Vater waren wir seine Kinder, keine Kinder zweiter Klasse.

Das wurden wir erst später. Er war ein Herzensmensch, das kann ich nicht oft genug sagen. Alles, was ich heute bin, verdanke ich zu einem großen Teil ihm. Er war so gutmütig, dass es ihm am Ende zum Verhängnis wurde.

Wenn er in der Kneipe saß, holte er die blauen Hundertmarkscheine raus und gab großzügig aus. Jeder konnte zu ihm kommen, wenn er etwas brauchte. Er war nicht geizig, er war zu spendabel. Das war sein Nachteil.

Und letztendlich hat ihm das das Genick gebrochen. Ich habe viele Erinnerungen an ihn. Als ich ungefähr elf oder zwölf war, bin ich immer mit ihm zum Schützenfest gegangen, weil er im Schützenverein war. Ich lief mit, fand das schön, ging ins Zelt, hörte Musik.

Und natürlich gab es für mich immer etwas zu trinken, Cola und solche Sachen. Das war alles toll. Er war immer für mich da, wenn ich Probleme hatte. Zu meiner Pflegemutter hatte ich ein angespanntes Verhältnis, deshalb habe ich mich immer an ihn gewendet.

Wir haben noch relativ lange zusammengelebt, als sie schon gestorben war. Sie starb 1982, da war sie 51. Danach waren wir oft allein, mein Vater und ich. Und dann diese Nacht.

Diese Nacht im Jahr 1986, die alles veränderte, auch wenn ich das damals noch nicht wusste. Ich war in der Tenne gewesen, wie gesagt. Vorher hatte ich mich kurz hingelegt, weil ich abends noch loswollte. Mein Vater hat mich geweckt, so gegen sieben oder acht Uhr, dann habe ich Abend gegessen und bin gegangen.

Als ich zurückkam, lag er auf dem Küchenboden. Ermordet. In den ersten Stunden danach war alles ein einziges Chaos. Ich kam zur Polizeiwache und da saß mir ein Beamter gegenüber, der mich sofort als Mörder behandelte.

Er beschuldigte mich, ich hätte meinen eigenen Vater umgebracht. Ich wäre beinahe über den Tisch gesprungen. Zum Glück kam ein anderer Polizist herein, holte den Kollegen raus und ließ mich erstmal in Ruhe, damit ich mich beruhigen konnte. Am nächsten Morgen wurde ich aus dem Schlaf gerissen.

Es hämmerte an der Tür, nicht klopfen, richtig hämmern. Ich war noch völlig benommen, als ich die Stimmen hörte: „Polizei, aufmachen! “ Ich dachte noch: Was ist denn jetzt los? Dann standen sie in meiner Wohnung und fragten mich, wo ich letzte Nacht gewesen sei.

Bei der Tenne, sagte ich. Dann fragten sie, wann ich meinen Vater das letzte Mal gesehen hätte. Ich sagte: Montag. Und immer wieder dieselbe Frage, bis ich irgendwann fragte: „Was ist mit meinem Vater?

Warum fragen Sie das? “ Und dann sagten sie es mir: „Ihr Vater ist letzte Nacht ermordet worden. “

Ich habe mir oft vorgestellt, wie seine letzten Minuten gewesen sein müssen. Er hat um sein Leben gekämpft, das war deutlich zu sehen.

Ich bin froh, dass ich ihn nicht gefunden habe, so grausam das klingen mag. Ich habe nur ein Bild vom Tatort gesehen, aus der Ferne, als ich vernommen wurde. Selbst das war verstörend. Und dann mussten wir die Küche selbst sauber machen.

Es gab keine professionelle Tatortreinigung, niemand hat uns angeboten, das zu übernehmen. Irgendwann hieß es nur: Das Siegel ist weg, Sie können die Wohnung wieder betreten. Also knieten wir uns hin und wischten das Blut unseres Vaters auf. Man weiß in dem Moment, was man tut, aber man wundert sich trotzdem, dass es keine andere Hilfe gibt.

Die ersten Ermittlungen gingen damals, 1986, fast ausschließlich in unsere Richtung. Wir standen im Fadenkreuz, mein Bruder und ich. Die Polizei schien überzeugt zu sein, dass wir etwas mit dem Mord zu tun hatten. Aber wir konnten durch Freunde belegen, dass wir zur Tatzeit definitiv in der Tenne waren.

Wir konnten es nicht gewesen sein. Trotzdem war da dieses Misstrauen, diese Anschuldigungen, die uns noch Jahre später verfolgten. Als ob wir nicht schon genug verloren hätten. Jahrzehnte vergingen.

Ich habe nie geglaubt, dass die Mörder meines Vaters noch gefasst würden. Ich wusste, dass es mindestens zwei Täter gewesen waren, das war uns klar. Und ich dachte immer, das nehme ich mit ins Grab, dass der Verantwortliche ohne Strafe davonkommt. Dieser Gedanke hat mich nie losgelassen.

Man verdrängt das, man funktioniert, man arbeitet, man lebt weiter, aber in einem Winkel der Seele bleibt diese Wunde. Sie verheilt, aber sie verschwindet nicht. Dann, eines Tages, klingelte mein Telefon. Mein kleiner Bruder war dran und sagte: „Die Kripo von Dortmund hat angerufen, die wollen mit dir sprechen.

“ Am selben Tag rief noch ein Herr Schmidt an, ein Kripobeamter, und sagte mir, dass sie den Fall neu aufrollen wollten. Sie hätten neue Erkenntnisse. Das war erstmal viel auf einmal. Nach sechs Wochen klingelte das Telefon erneut, wieder Herr Schmidt.

Und dann sagte er den Satz, den ich nie vergessen werde: „Wir haben den mutmaßlichen Täter gefasst. “

Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Als mein Bruder mir erzählte: „Wir haben ihn“, da dachte ich nur: Endlich. Nach all den Jahren, nach all dem Schweigen, nach all dem Verdrängen.

Es gab einen Beschuldigten. Und der Prozess kam. Der Angeklagte war damals zur Tatzeit achtzehn Jahre alt, heute ist er 57. Er hatte meinen Vater in dessen Wohnung ermordet, zusammen mit einem Komplizen, der bis heute unbekannt ist.

Ein Fingerabdruck an einer Colaflasche am Tatort hatte die Ermittler nach Jahrzehnten auf seine Spur gebracht. So ein Fall ist wie ein Puzzlespiel, sagte der Ermittler. Man hat viele Teile eingesammelt, versucht sie zusammenzusetzen, aber sie passten nicht. Dann kommt man Jahre später zurück und setzt sie anders zusammen.

Und plötzlich ergibt sich ein Gesamtbild. Im Gerichtssaal fühlte ich mich, als würde sich Geschichte wiederholen. Wir wollten als Nebenkläger teilnehmen, aber Zuschauer durften nicht eingelassen werden. Ich hätte dem Angeklagten gerne Fragen gestellt, ich hätte etwas sagen wollen, aber die Anwältin flüsterte mir zu: „Bitte seien Sie ruhig, das dürfen Sie nicht.

“ Ich war nur als Zeuge geladen. Der Verteidiger des Angeklagten stellte die Fragen, und am Anfang hatte ich das Gefühl, dass wir wieder als die Schuldigen dastehen sollten. Es war die Strategie der Verteidigung, uns in den Mittelpunkt zu stellen. Das zweite Mal im Fadenkreuz, nach so vielen Jahren.

Und diesmal richtete sich der Blick überwiegend auf meinen Bruder. Ich fand das so ungerecht, dass ich eine Wut in mir aufsteigen spürte, die ich nicht mehr kannte. Meine Frau kennt mich. Sie weiß, dass ich emotional bin und schnell explodieren kann.

Als sie mich so sah, sagte sie nur: „Mach keinen Scheiß. “ Ich habe ihr versprochen: „Schatzi, ich werde nichts machen, was uns in irgendeiner Form im täglichen Leben beeinträchtigt. Ich habe das im Griff. “ Ich habe meine Faust in der Tasche geballt, und da blieb sie auch.

Aber der Zorn war da, die ganze Zeit über. Der Verteidiger versuchte, uns als Verdächtige hinzustellen. Es war, als würden wir nicht die Opfer sein, sondern die Täter. Diese Taktik hat mich unglaublich wütend gemacht.

Ich saß da und dachte: Wir haben unseren Vater verloren, und jetzt müssen wir uns auch noch gegen diese Anschuldigungen wehren? Das ist nicht richtig. Das ist nicht fair. Der Angeklagte selbst hat nur gelogen.

Er wollte nur seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Er hat nie die volle Wahrheit gesagt. Die Staatsanwältin hat ihm sogar eine Brücke gebaut. Sie sagte ihm: Wenn du jetzt im vollen Umfang gestehst und den Namen des zweiten Täters nennst, dann erlassen wir dir einen Teil der Strafe.

Aber er schwieg. Er hat den Namen seines Komplizen nie genannt. Allein für dieses Schweigen hätte er von mir lebenslänglich bekommen. Das nehme ich ihm persönlich übel.

Er hätte die Chance gehabt, die Wahrheit zu sagen, und er hat sie nicht genutzt. Er hat uns um diese Wahrheit betrogen. Am Ende lautete das Urteil: sechseinhalb Jahre Haft. Das Gericht wendete Jugendstrafrecht an, weil er bei der Tat erst achtzehn Jahre alt war.

Ich war erleichtert, dass er verurteilt wurde, aber ich fand es zu wenig. Er hätte fünfzehn Jahre bekommen können, meiner Meinung nach. Er hatte über 38 Jahre Zeit, sich zu stellen, und er hat es nicht getan. Er hat gelogen, bis zum Schluss.

Er hat sich nicht einmal entschuldigt, keinen einzigen Satz des Bedauerns. Nichts. Ich verstehe, dass das Jugendstrafrecht in Deutschland bestimmte Regeln hat, aber das ändert nichts daran, dass ein Mensch ermordet wurde. Ein liebender Mensch, ein Vater, der niemandem etwas Böses wollte.

Und der zweite Täter, der ist immer noch auf freiem Fuß. Er ist wohl nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, und deshalb hat die Polizei keine DNA von ihm. Vielleicht passiert irgendwann durch Zufall etwas, aber ich glaube nicht daran. Kann man mit so einem Ereignis abschließen, solange einer der Täter nicht gefasst ist?

Nein. Man schließt damit nicht ab. Ich bin erleichtert, dass wir wenigstens einen gefasst haben, aber es war immer noch Mord. Es war immer noch mein Vater, der da auf dem Küchenboden lag.

Und dieser zweite Täter, der unentdeckt durchs Leben geht, der nimmt mir die Möglichkeit, wirklich zur Ruhe zu kommen. Das werde ich mit ins Grab nehmen, befürchte ich. Was hat uns damals geholfen, mit dem Verlust umzugehen? Es gab keine professionelle Unterstützung, keine Seelsorge, nichts.

Wir wurden allein gelassen, mein Bruder und ich. Wir haben uns untereinander ausgetauscht, das hat geholfen. Aber ansonsten? Wir sind nicht in Drogen abgerutscht, nicht in Alkohol.

Wir haben gearbeitet und funktioniert. Man hat es einfach verdrängt, das muss man so sagen. Das Leben musste weitergehen, irgendwie. Und jetzt, all diese Jahre später, sitze ich hier und erzähle meine Geschichte.

Es ist eine Spur in der Seele, die mittlerweile gut verheilt ist. Aber sie ist nicht weg. Sie wird nie ganz weg sein. Ich habe meinen Vater verloren, und ich habe das Gefühl, dass ein Teil von mir mit ihm gestorben ist.

Aber ich habe auch gelernt, weiterzuleben, mit dieser Narbe, mit dieser Wut, mit dieser Trauer. Der Prozess hat mir gezeigt, dass Gerechtigkeit möglich ist, auch wenn sie lange dauert. 38 Jahre, das ist eine lange Zeit. Aber es ist besser als nie.

Es ist besser als das Gefühl, dass der Mörder meines Vaters frei herumläuft und sein Leben genießt, während mein Vater nicht mehr da ist. Der eine sitzt jetzt, auch wenn es nur für sechseinhalb Jahre ist. Und der andere, der weiß vielleicht gar nicht, wie viel Glück er gehabt hat. Vielleicht schaut er über die Schulter.

Vielleicht nicht. Aber ich werde nicht aufhören, an ihn zu denken. Ich werde nicht aufhören, darauf zu hoffen, dass auch er eines Tages gefasst wird. Bis dahin lebe ich weiter, mit der Erinnerung an einen Mann, der zu gutmütig war, der zu viel gegeben hat, der immer für andere da war.

Ein Herzensmensch. So werde ich ihn immer in Erinnerung behalten. Nicht als Opfer, nicht als Toten auf dem Küchenboden, sondern als den Vater, der mir alles gegeben hat, was ich heute bin.

Und das ist viel mehr, als irgendein Täter mir je nehmen kann.