Die Zeitung raschelt zwischen seinen Fingern, die Augen bleiben an einem kleinen Kästchen hängen – Kontaktanzeigen. „Suche einsamen Mann, der sich nach einer häuslichen Witwe Pensionistin sehnt.“…

Die Zeitung raschelt zwischen seinen Fingern, die Augen bleiben an einem kleinen Kästchen hängen – Kontaktanzeigen. „Suche einsamen Mann, der sich nach einer häuslichen Witwe Pensionistin sehnt.“...

Die Zeitung raschelt zwischen seinen Fingern, die Augen wandern über Schlagzeilen, bis sie an einem kleinen Kästchen hängen bleiben. Hoffnung. Kontaktanzeigen von Menschen, die genauso einsam sind wie er. Die Anzeige ist kurz: „Suche einsamen Mann, der sich nach einer häuslichen Witwe Pensionistin sehnt.

Thumbnail

“ Zahlreiche Männer schreiben ihr. Was sie finden, ist nicht die große Liebe. Es ist ihr Tod. Wien, November 1995.

Alois liegt im Krankenhaus, künstlich beatmet, nach einem Krampfanfall. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Nur zehn Tage später ist er wieder da, schwer unterzuckert, komatös. Alois beteuert, kein Insulin gespritzt zu haben.

Die Ärzte glauben ihm. Seine Freundin Elfriede sitzt derweil an seinem Bett, bringt ihm warme Milch, wirkt fürsorglich und besorgt. Sie nennt ihn liebevoll „Burli“, er nennt sie „Mädl“. Doch die Krankheit lässt nicht locker.

Am 20. November ist Alois tot. Seine Familie ist fassungslos. Der Mann war gesund, fit, aktiv – bis diese Frau auftauchte.

Nur wenige Tage vor seinem Tod hat er ein neues Testament aufgesetzt. Elfriede ist die Alleinerbin. Es dauert nicht lange, bis die Polizei stutzig wird. Alois’ Neffe erstattet Anzeige, als er erfährt, dass das Erbe, etwa 570.

000 Euro, an die fremde Frau gehen soll. Die Ermittler hören Elfriedes Telefon ab. Sie belauschen ein Gespräch mit ihrem Anwalt: „Ich war ja so gescheit und habe nur wenig Wasser in die Wanne gelassen, nicht zu warm und nicht zu viel. Zum Glück hat er nichts geschluckt, weil dann hätten sie gesagt: Wasser in der Lunge.

So ist er eben in der Badewanne gestorben und kein Mensch hat etwas dazu getan. “

Die Gerichtsmedizin findet in Alois’ Körper Spuren einer tödlichen Gabe: große Mengen Euglukon, ein Diabetesmedikament, und eine zwanzigfach überhöhte Dosis eines Antidepressivums. Dazu Unterkühlungsspuren. Die Lungenentzündung, an der er starb, wurde gezielt herbeigeführt.

Mit eiskalten Tüchern aus dem Gefrierschrank hat Elfriede ihren Freund geschwächt, ihn vor das offene Fenster gesetzt, die Heizung abgedreht. Sie hat ihn Bissen um Bissen, Schluck um Schluck vergiftet. Und als er ins Krankenhaus kam, hat sie sein altes Testament verbrannt und ein neues aufsetzen lassen – auf ihren Namen. Am 11.

Januar 1996 klingelt es an Elfriedes Tür. Kriminalbeamte nehmen die 64-Jährige fest. Von nun an nennen die Medien sie „Die schwarze Witwe“. Elfriede Blauensteiner genießt die Aufmerksamkeit.

Als die Kameras sie das erste Mal filmen, sagt sie: „Was habt ihr mir das nicht gesagt? Dann hätte ich mich ein bisschen frisiert und geschminkt. “ Sie winkt den Journalisten zu, lächelt, posiert wie ein Model. Doch hinter der Fassade aus Pelzmantel und Schmuck verbirgt sich eine Serie von Morden.

Die Ermittler legen ihr fünf Tote zur Last: Otto, ihren Ehemann Rudolf, ihre Nachbarin Franziska, Friedrich und Alois. Elfriede gesteht. Sie habe die Menschen „zu Tode gepflegt“. Von Otto sagt sie, er habe ihr die Wohnung verdreckt.

„Ich habe ihn von seinen Leiden befreit. “ Von Rudolf, ihrem Ehemann, den sie sechs Jahre lang mit Euglukon vergiftet hat: „Er war so grauslich, er hat nur mehr ins Bett gemacht. Da habe ich den armen Rudi halt erlöst. “ Franziska, die Nachbarin, bekam das Medikament in Schokolade untergemischt.

Friedrich, den sie 1994 heiratete, ließ sie sein Haus überschreiben, bevor sie ihn langsam krank machte. Er starb in ihren Armen, ohne zu wissen, dass er ihr ein Vermögen hinterlassen hatte. Der Gerichtsmediziner Christian Reiter, der die Fälle untersucht, beschreibt ihre Methode: „Sie hat die Medikamente so dosiert, dass die Opfer krank wurden, aber nicht unmittelbar an der Vergiftung gestorben sind. Gestorben sind sie an den Folgen, etwa an einer Lungenentzündung.

“ Sie wählte die Krankenhäuser für ihre Opfer in verschiedenen Städten, besorgte Medikamente bei immer neuen Apothekern und Ärzten. Sie tötete unterhalb des Radars, so lange, bis niemand mehr hinschaute. Ihre Kindheit war geprägt von Armut, Gewalt und Demütigung. Ihr Vater starb im Krieg, ihre Mutter war brutal, der neue Mann ein Nazi und Schläger.

Ihre kleine Schwester starb an einer Mandelentzündung, weil die Eltern sie nicht zum Arzt brachten und stattdessen ins Kino gingen. Elfriede wurde schwanger von einem Mann, der sie betrog – auch mit ihrer eigenen Schwester. Drei Fehlgeburten. Beim vierten Kind schlug er ihr mit einem Topfdeckel auf den Bauch.

Sie verlor auch dieses Kind. Ihr Mann verließ sie kurz nach der Geburt ihrer Tochter Monika. „Seitdem hasse ich die Männer“, sagte sie später. „Es ist um keinen Mann schade, wenn er stirbt.

Im Gefängnis zeigte sie keine Reue. Sie zog ihre Geständnisse zurück und behauptete, sie habe nur gepflegt und geholfen. „Meine Hände und mein Herz sind rein“, sagte sie vor Gericht, ein goldenes Kreuz in der Hand. Vor Gericht posierte sie wie bei einem Fototermin.

Ein Gerichtspsychiater beschrieb sie als voll zurechnungsfähig, mit einem stark ausgeprägten Geltungsdrang. „Sie erscheinen wie Engelchen, die nach außen hin eine karitative Ader haben, in Wahrheit aber habgierig sind. “

1997 wurde Elfriede Blauensteiner wegen Mordes an Alois zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihr Anwalt Harald S.

, der Testamente für sie gefälscht hatte, erhielt sieben Jahre. 2001 folgten weitere Verurteilungen für die Morde an Franziska und Friedrich. Viele glauben, dass es noch mehr Opfer gibt – Menschen, die in ihrer Nähe starben, deren Leichen eingeäschert wurden, bevor man sie untersuchen konnte. Elfriede starb am 15.

November 2003 in einem Krankenhaus. Ein Hirntumor hatte sich in ihr eingenistet, eine Diagnose, die sie in den letzten Wochen ihres Lebens zum Pflegefall machte – hilflos, abhängig, genau wie ihre Opfer. In ihrem letzten Brief an ihre Enkelinnen schrieb sie: „Viele Bussis an alle, Großmutter.

“ Darunter klebte ein Teddybär-Sticker, wie Großeltern ihn gerne auf Briefe kleben.