Die Wohnung war klein, zwei Zimmer, Küche, Bad. Jeden Tag dieselbe Strecke: zwanzig Minuten zur Bäckerei, Leo zur Schule bringen, zurück zur Arbeit. Es war nicht viel, aber es war ihr Leben. Nur ein Name stand auf dem Umschlag und eine Postleitzahl.

In der Schule fiel Ben auf, weil er sehr still war, aber gut mitkam. Privat war alles still. Ein graues Mehrfamilienhaus, abblätternde Farbe, drei Stockwerke, kein Name an der Klingel, keine bekannten Gesichter. Beim Abendessen war Thomas still.
Leo war still, die Schulmappe fest umklammert. In der Wohnung war es still. Nur Ben blieb still. Kein Name, kein Datum, nur diese Zeilen auf dem Papier.
Thomas war still. Katharina sagte leise: “Ben, der Name passte irgendwie. ” Katharina war still geworden, das Handy in der Hand, die Farbe aus dem Gesicht gewichen. Es war still zwischen ihnen, aber nicht unangenehm.
Ben hörte zu, still, aber aufmerksam, und manchmal sah Thomas, wie er sich ein bisschen näher zu ihr setzte, ohne dass es jemand bemerkte. Sie war still, als er erzählte. Nicht laut, aber gefährlich still. Das war vor zwanzig Minuten.
Sie half beim Kochen, spielte mit den Jungs, las Ben manchmal etwas vor, nicht laut, eher still, so als müsste sie selbst noch lernen, wie Nähe funktioniert. Dann war es still. Er sagte kein Wort, riss das Papier nicht zusammen, warf es nicht weg, er legte es still auf den Tisch. Jeder Blick, jede Bewegung hatte so eine Art Fragezeichen im Hintergrund, als würde die ganze Familie still dasitzen und auf ein Geräusch warten, das noch nicht kommt.
Kein Gedanke an Gericht, Friedrich oder all die Kämpfe der letzten Wochen. Er dachte an all das, was er durchgemacht hatte, an die Anhörung, das Jugendamt, die Angst Ben zu verlieren, die Blicke, die Fragen und daran, was noch kommen konnte. Er dachte an all das, was er durchgemacht hatte, all die kleinen Siege, die jeden Tag neu errungen werden mussten. Und in diesem Moment hatte Thomas das Gefühl, dass all der Druck, all das Ziehen von unsichtbaren Fäden irgendwie verschwinden konnte.
Im Auto war es still, aber nicht unangenehm. Er dachte an das leise Atmen, an das Lächeln von Katharina, an all das, was sie zusammen gewonnen hatten. Friedrich war in dieser Zeit auffällig still. Und das war das Beste daran, denn nach all den Wochen, in denen immer irgendwas war, war jetzt einfach mal Ruhe.
Thomas war kurz still, dann ging er in die Hocke auf Augenhöhe. Als sie das Gebäude verließen, sagte Ben leise: “Jetzt gehört mein Name auch zu euch. ” “Dein Name gehört zu uns und du auch.
” Das Projekt nahm langsam Form an.


