Es war kurz vor Mitternacht, als ich meine Chefin fand – auf dem Boden ihres Vorstandsbüros, Blut auf dem teuren Teppich. Katharina Bergmann, die Frau,die Milliarden bewegt, lag zusammengekrümmt…

Es war kurz vor Mitternacht, als ich meine Chefin fand – auf dem Boden ihres Vorstandsbüros, Blut auf dem teuren Teppich. Katharina Bergmann, die Frau,die Milliarden bewegt, lag zusammengekrümmt...

Die Leuchtstoffröhren auf der zweiunddreißigsten Etage der Bergmann Industries AG summten mit diesem trostlosen Ton, den man nach einer Weile nicht mehr hört und trotzdem im Schädel spürt. Kurz vor Mitternacht war Jonas Weber der letzte Mensch in der Finanzabteilung. Seine Augen brannten vom stundenlangen Blick auf Tabellen und Prognosen. Neben der Tastatur stand der dritte Automatenkaffee des Abends, kalt mit einer dünnen Haut auf der Oberfläche.

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Er blieb nicht aus Loyalität. Er blieb, weil seine siebenjährige Tochter Lina seit Wochen über Schmerzen beim Kauen klagte und die Zahnarztrechnung nicht warten konnte. Überstunden waren im Augenblick die einzige Rechnung in seinem Leben, die aufging. Zehn Stockwerke höher lag die Vorstandsetage.

Katharina Bergmann, Vorstandsvorsitzende und größte Einzelaktionärin, arbeitete dort häufig bis tief in die Nacht. Für Leute wie Jonas war sie weniger ein Mensch als eine Naturgewalt. 42 Jahre alt, berüchtigt für ein Gedächtnis, das sich an jede Zahl erinnerte und eine Ungeduld, die selbstgestandene Bereichsvorstände nervös machte. Ihr Vermögen wurde in Wirtschaftsmagazinen regelmäßig geschätzt.

Jonas hatte irgendwann aufgehört, die Zahlen ernsthaft begreifen zu wollen. Er druckte die letzten Quartalsabweichungen aus, heftete die Seiten mit müder Präzision zusammen und schob sie in eine braune Dokumentenmappe. Die Unterlagen mussten vor acht Uhr morgens auf dem Schreibtisch des Vorstandssekretariats liegen. Er nahm seine Jacke und ging zum Aufzug.

Während die Kabine nach oben schoss, lehnte er die Stirn gegen die kühle Metallwand und rechnete im Kopf. Frau Neumann aus der Wohnung gegenüber bekam zehn Euro die Stunde dafür, nach Lina zu sehen. Sechs Stunden, vielleicht sechzig Euro. Falls Lina aufgewacht war, Bauchweh bekommen oder wieder behauptet hatte, im Flur stünde jemand, würde Frau Neumann wahrscheinlich noch bleiben, bis Jonas wirklich zu Hause war.

Er zog das Handy heraus. Keine neue Nachricht. Gut. Die Aufzugtüren öffneten sich mit einem hellen Gong.

Die Vorstandsetage war eine andere Welt. Unten dominieren graue Teppichfliesen, Glaswände und Möbel aus dem Großhandel. Hier oben lagen schwere Wollteppiche, die jeden Schritt verschluckten. Dunkles Holz zog sich über die Wände und zwischen Kunstwerken standen Möbel, die Jonas nicht einmal anfassen wollte, weil er fürchtete, schon sein Fingerabdruck könnte mehr kosten als sein Auto.

Hinter den Fenstern leuchtete Frankfurt. Der Main zog sich dunkel zwischen den Lichtern hindurch. Er legte die Mappe in das Ablagefach von Katharina Bergmanns Assistentin. Dann drehte er sich um.

Ein Geräusch ließ ihn stehen bleiben. Ein scharfes ersticktes Einatmen. Danach ein dumpfer Schlag. Nicht das Geräusch eines umfallenden Stuhls, nicht das Klappern eines Aktenordners.

Es klang nach einem Körper. Jonas sah den dunklen Flur entlang. Die Milchglastür zum Büro der Vorstandsvorsitzenden stand einen Spalt offen. Ein harter Streifen weißen Lichts fiel auf den Teppich.

Er blieb reglos. Alles in ihm sagte, dass er gehen sollte. Man betrat nicht nachts unangekündigt das Büro der Vorstandsvorsitzenden. Man mischte sich nicht in die Angelegenheiten von Menschen ein, die mit einer Unterschrift darüber entscheiden konnten, ob ein anderer Mensch im nächsten Monat noch Gehalt bekam.

Dann hörte er ein zweites Geräusch, ein feuchtes, schmerzhaftes Husten. Jonas ging los. Frau Bergmann, keine Antwort. Er schob die Tür auf.

Hinter dem riesigen Schreibtisch aus hellem Stein lag Katharina Bergmann auf dem Boden. Sie hatte sich seitlich zusammengerollt, die Knie angezogen, beide Hände gegen den Oberbauch gepresst. Ihr anthrazitfarbener Blazer war an der Schulter verrutscht. Eine Strähne ihres dunklen Haares klebte an ihrer schweißnassen Stirn.

Frau Bergmann. Jonas ließ die Mappe fallenund ging in die Hocke. Erst da sah er den Fleck. Dunkles Blut, vermischt mit Erbrochenem, hatte sich auf dem hellen Teppich ausgebreitet.

Für einen Moment verstand sein Kopf nicht, was seine Augen sahen. Katharina Bergmann konnte doch nicht einfach auf dem Boden liegen. Nicht diese Frau, nicht hier. Sie sah plötzlich erschreckend klein aus.

Ihr Gesicht war kreidebleich. Schweiß glänzte auf ihrer Haut, obwohl das klimatisierte Büro kühl war. Jonas kniete neben ihr. Hören Sie mich, Frau Bergmann?

Ich rufe den Notarzt. Er griff nach seinem Handy. Ihre Hand schoss vor und packte sein Handgelenk. Die Kraft überraschte ihn.

Ihre Fingernägel bohrten sich in seine Haut. Nein, das Wort war kaum mehr als ein feuchtes Flüstern. Sie bluten. Ich rufe die ein oder zwölf.

Nein, das ist nicht verhandelbar. Ihre Augen öffneten sich. Das berühmte kalte Blau, das in Sitzungen angeblich ganze Räume verstummen lassen konnte, war getrübt vor Schmerz. Kein Rettungswagen.

Sie zog scharf die Luft ein und krümmte sich. Aufsichtsrad Kurs. Jonas starrte sie an. Sie versuchte tatsächlich, während sie auf dem Boden lagund Blut erbrach, eine Kommunikationsstrategie zu kontrollieren.

Fahren wohin? Krankenhaus. Sie brauchen einen Notarzt. Sie fahren?

Ich habe einen Honda Civic von 2012. Die Absurdität des Satzes traf ihn erst, nachdem er ihn ausgesprochen hatte. Katharina blinzelte. Dann fahren sie eben einen Honda Civic.

Oder sie sind morgen arbeitslos. Jonas starrte sie an. Eine vollkommen verrückte Drohung. Vielleicht die verrückteste Kündigungsandrohung in der Geschichte des deutschen Arbeitsrechts.

Doch hinter ihrem Blick lag etwas, das ihn innehalten ließ. Nicht Arroganz, nicht Kontrolle, Angst. Reine ungeschützte Angst. Verdammt.

Jonas steckte das Handy wieder ein. In Ordnung. Aber wenn sie unterwegs bewusstlos werden, rufe ich trotzdem den Rettungsdienst. " Ihre Finger lösten sich einverstanden.

Ich hebe sie jetzt hoch. Er schob einen Arm unter ihre Schultern, den anderen um ihre Hüfte. Bei drei. 1 2 3.

Sie war leichter, als er erwartet hatte, aber fast vollständig kraftlos. Als er sie hochzog, entwich ihr ein tiefer Laut. Jonas spürte, wie sie gegen ihn zitterte. Ihr Arm lag über seinen Schultern.

Seine Hand hielt ihre Taille. Sie roch nach einem teuren, holzigen Parfum und gleichzeitig nach etwas metallischem. Blut. Der Weg zum Aufzug dauerte vielleicht vierzig Sekunden.

Für Jonas fühlte er sich endlos an. Katharina stolperte mehr als dass sie ging. Zweimal sackten ihre Knie weg. Beim zweiten Mal musste Jonas sie praktisch tragen.

Bleiben Sie bei mir. Keine Antwort. Frau Bergmann. Ich bin wach.

Gut, bleiben Sie das. Im Aufzug drückte Jonas mit dem Ellenbogen die Taste für die Tiefgarage. Katharina lehnte mit dem Rücken an der Wand, den Kopf gegen seine Schulter. Ihre Atmung war flach.

Zu flach. Was ist das? Herz. Magen.

Was mit dem Magen? Sie presste die Lippen zusammen. Geschwür. Ein Magengeschwür seit Monaten.

Jonas sah sie fassungslos an. Und das haben sie nicht behandeln lassen? Keine Zeit. Natürlich nicht.

Sie öffnete die Augen. Sparen Sie sich den Vortrag. Dann kam eine neue Schmerzattacke. Katharina krümmte sich.

Vielleicht perforiert, flüsterte sie. Blutung. Bauchfellentzündung. Jonas kannte diese Begriffe nur aus Internetartikeln, die er normalerweise nachts las, wenn er irgendein Symptom hatteund sich danach einredete, innerhalb von drei Tagen zu sterben.

Jetzt klangen sie anders, real. Die Türen öffneten sich. Jonas schleppte Katharina durch die Tiefgarage. Ihre Absätze schliffen über den Beton.

Das Auto stand am hinteren Ende zwischen einem schwarzen Mercedesundeinem Porsche. Der graue Honda wirkte daneben wie ein versehentlich abgestelltes Fundstück. Jonas öffnete die Beifahrertür. Auf dem Sitz lag Linas rosa Regenjacke.

Auf dem Boden ein kleines Kunststoffpony mit violetter Mähne. Einen Moment. Er warf die Jacke auf die Rückbank, hob das Spielzeug auf und steckte es in das Seitenfach. Katharina lehnte bereits schwer gegen ihn.

Nicht wegtreten. Ich versuche es. Er setzte sie vorsichtig auf den Sitz. Sie sackte sofort gegen die Rückenlehne.

Jonas schnallte sie an, umrundete den Wagenund sprang hinter das Steuer. Der Motor sprang erst beim zweiten Drehen des Schlüssels an. Na los. Er trat aufs Gas.

Die Reifen quietschten auf dem Beton, als der Honda aus der Tiefgarage schoss. Jonas fuhr in Richtung nächster zentraler Notaufnahme. Die nächtlichen Straßen waren fast leer. Er überfuhr eine gelbe Ampel, dann eine rote.

"Wenn ich meinen Führerschein verliere", murmelte er. "Schreiben Sie mir wenigstens ein gutes Arbeitszeugnis. " Keine Antwort. Er blickte zur Seite.

Katharinas Kopf hing schief. Frau Bergmann, nichts. Katharina, noch immer nichts. Sein Herz schlug so hart, daß er es in den Ohren hörte.

Katharina, machen Sie die Augen auf. Ihre Brust hob sich kaum sichtbar. Jonas trat das Gaspedal tiefer durch. Der alte Honda protestierte mit einem angestrengten Dröhnen.

Sie dürfen mir jetzt nicht sterben. Er wusste nicht, warum er das sagte. Vielleicht, weil er nichts anderes sagen konnte. nicht in meinem Auto.

Das wäre wirklich eine Katastrophe. Katharinas Lippen bewegten sich. Kein Wort kam heraus, aber sie lebte. Als Jonas schließlich unter dem beleuchteten Schild der zentralen Notaufnahme zum Stehen kam, ließ er das Auto halb auf einer markierten Zufahrt stehen.

Automatische Türen glitten auseinander. Der Geruch nach Desinfektionsmittel, warmer Heizungsluftund Krankenhauscaffee schlug ihm entgegen. Jonas bekam Katharina aus dem Wagenund zog ihren Arm um seinen Hals. Hilfe!

Seine Stimme halte durch den Aufnahmebereich. Mehrere Menschen drehten sich um. Ein Vater mit einem fiebernden Kind auf dem Arm, eine ältere Frau mit bandagierter Hand, zwei Rettungssanitäter,die gerade Formulare ausfüllten. Hinter der Anmeldung hob eine Pflegekraft den Kopf.

Zuerst wirkte sie genervt, dann sah sie Katharinas Gesichtund das Blut auf Jonas Hemd. Die Veränderung war augenblicklich. Trage sofort. Zwei Pflegekräfte kamenmit einer Liege.

Was ist passiert? Zusammengebrochen. Blut erbrochen. Sie sagt, sie hat ein Magengeschwür, vielleicht perforiert.

Seit wann? Vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig Minuten. Katharina reagierte nicht mehr. Bewusstlos seid.

Unterwegs? Ein paar Minuten. Eine Ärztin erschien. Blutdruck?

Noch nicht. Sie zogen Katharina auf die Liege. Jonas trat zurück. Plötzlich hatte er nichts mehr zu halten.

Seine Hände hingen vor ihm. Blut klebte auf seinen Fingern. Die Liege verschwand durch schwere Türen. Jonas stand mitten im Aufnahmebereichund starrte hinterher.

Der Adrenalinschub, der ihn bis hierher getragen hatte, fiel in sich zusammen. Seine Knie fühlten sich weich an. Er setzte sich auf einen Plastikstuhl, dann zog er sein Handy heraus. Drei Nachrichten von Frau Neumann.

Lina schläft tief und fest. Alles ruhig. Macht dir keinen Stress. Ich bin da.

Jonas atmete langsam aus. Seine Hände zitterten. Er sollte gehen. Das war der logische nächste Schritt.

Er hatte seine Chefin gefunden. Er hatte sie ins Krankenhaus gebracht. Jetzt waren Ärzte zuständig. Er war Finanzalyst, kein Verwandter, kein Freund.

Er wusste nicht einmal, ob Katharina Bergmann einen zweiten Vornamen hatte. Entschuldigung. Jonas blickte auf. Eine junge Verwaltungsmitarbeiterin stand vor ihm, ein Klemmbrett in der Hand.

Sie haben die Patientin gebracht. Ja, wir haben noch keine vollständigen Daten. Wissen Sie, wie sie heißt? Katharina Bergmann.

Die Frau schrieb, dann hielt sie inne. Bergmann, ja, von Bergmann Industries. Jonas nickte. Für eine Sekunde weitete sie die Augen.

Dann kehrte die professionelle Miene zurück. Gut, wir brauchen soweit vorhanden Angaben zur Krankenversicherung, zu Vorerkrankungen, Medikamentenund Kontaktpersonen. Ich kenne nichts davon. Sind Sie Angehöriger?

Nein. Ehemann? Nein, Lebenspartner ganz bestimmt nicht. Sie sah auf sein blutiges Hemd.

Jonas hob beide Hände. Ich arbeite für Sie. Finanzplanung. Wir müssen Angehörige oder eine bevollmächtigte Person erreichen.

Es geht möglicherweise in den OP. Jonas nahm das Klemmbrett, obwohl er nichts eintragen konnte. Ich versuche jemanden zu finden. Er begann zu telefonieren.

Zuerst die interne Notfallnummer des Unternehmens. Mailbox. Dann die Nummer des Vorstandssekretariats. Keine Antwort.

Er suchte im Intranet nach privaten Notfallkontakten, hatte von seinem eigenen Mobilgerät aber keinen Zugriff auf entsprechende Personaldaten. Also suchte er öffentlich Artikel, Interviews, Wirtschaftsportraits. Katharina Bergmann, Tochter eines frühverstorbenen Ingenieurs, Mutter ebenfalls verstorben. Keine Geschwister, nicht verheiratet, keine Kinder.

In einem Magazinbericht wurden entfernte Verwandte erwähnt, ohne Kontaktdaten. Jonas starrte auf den Bildschirm. Eine Frau mit mehreren Milliarden Euro Beteiligungsvermögen, tausenden Angestellten, Fahrern, Assistentinnen, Anwälten, Kommunikationsberaternund Sicherheitsdiensten. Und nachts um halb drei gab es niemanden, der ans Telefon ging.

Niemanden, der einfach ihr Mensch war. Ein Arzt kam durch die Tür. Wer hat Frau Bergmann gebracht? Jonas sprang auf.

Ich Name Jonas Weber. Kommen Sie bitte mit. Was ist los? Sie ist immer wieder kurz wach.

Wir müssen sofort operieren. Verdacht auf Magenperforation mit massiver Blutungund Bauchfellentzündung. Jonas folgte ihm durch die Türen. Ist sie bei Bewusstsein?

Teilweise. Sie versteht noch, was wir sagen, aber ihr Kreislauf wird instabil. Sie erreichten einen Behandlungsraum. Katharina lag unter grellem Licht.

Der Anzug war verschwunden. Stattdessen trug sie ein Klinikhemd. In beiden Armen liefen Zugänge. Elektroden klebten an ihrer Brust.

Ohne Kleidung, Make-upund aufrechte Haltung wirkte sie nicht mehr wie die Frau aus den Geschäftsberichten. Sie sah aus wie jemand, der Angst hatte. "Frau Bergmann", sagte der Arzt laut, "Wir müssen operieren. Sie müssen uns sagen, dass Sie einverstanden sind.

" Ihre Augen bewegten sich. Sie fanden Jonas. Weber. Er trat näher.

Ich bin hier. Eine Pflegekraft hielt Unterlagen bereit. Frau Bergmann,Sie können die Einwilligung selbst unterschreiben, solange Sie orientiert sind. Katharina bewegte den Kopf kaum merklich.

Jonas nahm den Stiftund legte ihn in ihre Finger. Ihre Hand zitterte stark, dass er das Klemmbrett festhalten musste. Sie unterschrieb. Dann deutete sie schwach auf ein weiteres Formular.

Vollmacht. Der Arzt sah zur Pflegekraft. Sie möchte offenbar noch etwas festhalten. Katharina zogdie Unterlage näher.

Es war ein Formular für Kontaktpersonund Bevollmächtigung in Gesundheitsangelegenheiten. Sie strichdie vorgedruckte Zeile für Angehörige durch. Dann schrieb sie mit langsamer krakelig Schrift: Jonas Weber. Jonas erstarrte.

Was tun Sie da? Katharina ließ den Stift kurz sinken. Falls ich nicht, sie mußte Luft holen. Entscheiden kann.

Ich bin ihr Mitarbeiter. Ja, sie kennen mich praktisch nicht genug. Das ist doch Wahnsinn. Ihre Finger schlossen sich schwach um sein Handgelenk.

Meine Verwandten würden mit Journalisten telefonieren, bevor sie hier wären. Sie atmete flach. Foss Aufsichtsrat. Die anderen.

Was ist mit denen? Warten seit Jahren. Worauf? Ihr Blick wurde klarer darauf, dass ich schwach werde.

Jonas sagte nichts. Sie würden mein Unternehmen zerlegen, während ich noch am Tropf hänge. Sie schluckte. Sie haben keine Presse angerufen.

Natürlich nicht. Sie haben mich nicht liegen lassen. Natürlich nicht. Das meine ich.

Sie setzte den Stift erneut an und unterschriebdie Vollmacht. Sie sind es, Frau Bergmann. Katharina. Ihr Blick blieb an ihm hängen.

Falls ich nicht sprechen kann sie. Im nächsten Augenblick begann ein Monitor schnell zu piepen. Druckfeld. Wir müssen los.

Frau Bergmann. Katharinas Augen schlossen sich. Ihr Körper wurde schlaff. Jetzt das Bett setzte sich in Bewegung.

Jonas wich zurück. Herr Weber! rief der Arzt im Gehen. Sie warten vor dem OP-Bereich.

Wenn während des Eingriffs eine Entscheidung nötig wirdund sie selbst nicht ansprechbar ist, kommen wir zu ihnen. Dann verschwand das Bett. Jonas blieb allein zurück. Er sah auf das Blatt in seiner Hand sein Name in zittriger schwarzer Schrift.

Die schriftliche Bestätigung der vollkommenen Einsamkeit einer Frau,die an der Börse Milliarden bewegte. Sein Handy vibrierte. Ein Foto von Frau Neumann. Lina lag quer im Bett,den Arm um ihren Stoffhasen geschlungen,die Haare über das Gesicht verteilt.

Jonas sah lange auf das Bild, dann auf die leere Liegeund begriff, dass in dieser Nacht plötzlich zwei Menschen darauf vertrauten, dass er sie nicht im Stich ließ. Um drei Uhr morgens verlieren Krankenhaus Wartebereiche jedes Zeitgefühl. Man weiß nicht mehr, ob zehn Minuten oder eine Stunde vergangen sind. Die Luft riecht nach Bodenreiniger, Kaffeeund der warmen Elektronik von Getränkeautomaten.

Jonas saß allein auf einem blauen Kunstlederstuhl. Sein weißes Hemd war ruiniert. Über dem Bauch zog sich ein großer rostbrauner Fleck. Er hatte versucht,die Hände auf der Toilette zu waschen, doch in den Rillen seiner Fingernägel saßen noch dunkle Spuren.

Sein Handy zeigte vierzehn Prozent Akku. Er schrieb Frau Neumann tut mir leid, Notfall bei der Arbeit. Ich komme wahrscheinlich erst morgens. Ich zahle dir natürlich die ganze Nacht.

Bitte Lina schlafen lassen. Nach kurzem Zögern ergänzte er:Danke, dann sah er auf die Nachricht. Eine ganze Nachtbetreuung bedeutete mindestens hundert Euro. Vielleicht mehr.

Er würde an den nächsten Einkäufen sparen müssen. Nudeln, Reis, Kartoffeln. Lina würde es nicht merken. Kinder merkten mehr als Erwachsene glaubten, aber Jonas war gut darin geworden, aus wenig etwas Normales zu machen.

Die Türen am Ende des Flurs öffneten sich. Schnelle Schritte näherten sich. Ein Mann in dunkelblauem Maßanzug kam den Gang entlang. Perfekte Krawatte,glänzende Schuhe,zurückgekämmtes Haar.

Sebastian Krüger,Katharina Bergmanns Stabschef. Jonas kannte ihn aus internen Videokonferenzen. Krüger war die Art Mann,die man selten selbst anrief. Man wurde von ihm angerufen.

Sein Blick fiel auf Jonas. Weber, Finanzbereich. Ja, wo ist sie? Keine Begrüßung.

Im OP. Was ist passiert? Sie ist in ihrem Büro zusammengebrochen. Und vermutlich ein durchgebrochenes Magengeschwür.

Krüger zog hörbar Luft ein. Sie haben sie hergebracht. Ja. Mit was?

Jonas sah ihn an. Mit meinem Auto. Sie haben die Vorstandsvorsitzende eines Börsennotierten Konzerns selbst in ein Krankenhaus gefahren. Sie hat einen Rettungswagen verweigert.

Krüger schloss kurzdie Augen. Natürlich. Er begann auf und abzugehen. Donnerstag ist die Quartalskonferenz.

Jonas schwieg. Wenn morgen früh durchsickert, dass Katharina notoperiert wirdund handlungsunfähig sein könnte, bekommen wir vor Börsenstaat ein Problem. Jonas beobachtete ihn. Sie wird gerade operiert.

Das weiß ich. Wollen sie vielleicht zuerst wissen, ob sie überlebt? Krüger blieb stehen. Zum ersten Mal sah er Jonas richtig an.

Natürlich will ich das. Es klang wie eine notwendige Ergänzung, nicht wie sein erster Gedanke. Dann war sein Telefon bereits in der Hand. Ich brauche unsere Kommunikationschefin legal und zwei Leute aus Investor Relations.

Außerdem muss ich mit Dr. Foss sprechen. Katharinas Worte kamen Jonas wieder in den Sinn. Sie warten darauf, dass ich schwach werde.

Sie sollten vielleicht noch nichts tun. Krüger hob den Kopf. Wie bitte? Solange niemand weiß, was medizinisch passiert.

Herr Weber,ich bin seit Jahren Stabschef dieses Vorstandsund ich bin seit fünf Stunden wach genug, um zu wissen, dass sie gerade aufgeschnitten wird. Wir müssen den Konzern schützen. Vor einer kranken Frau. Krügers Gesicht wurde hart.

Vor Unsicherheit. Die OP-türen öffneten sich. Ein Chirurg trat herausund zog seine Haube ab. Herr Weber.

Jonas sprang auf. Hier. Krüger ging sofort auf den Arzt zu. Dr.

Krüger,Stabschef von Frau Bergmann,wie ist Ihr Zustand? Wir prüfen außerdem eine Verlegung an eine Privatklinik. Sobald Der Chirurg ging an ihm vorbei. Herr Weber,ja, Dr.

Martin Keller. Er hielt kurz inne. Die Operation war schwierig,aber wir haben die Blutung kontrolliert. Jonas merkte,dass er erst jetzt wieder richtig atmete.

Lebt sie? Ja,wird sie durchkommen. Das kann ich Ihnen noch nicht versprechen. Dr.

Keller sprach ruhig. Das Geschwür hatte die Magenwand vollständig perforiert. Mageninhalt war in die Bauchhöhle gelangt. Dazu kam eine starke Blutung.

Wir mussten einen Teil des Magens entfernenund den Bauchraum gründlich spülen. Jonas schluckte. Und jetzt sie ist kritisch,aber stabil. Die nächsten vierundzwanzig Stunden sind entscheidend.

vor allem wegen des Risikos einer schweren Infektionund Sepsis. Sie kommt auf die Intensivstation. Im Moment ist sie noch intubiertund säiert. Krüger trat näher.

Gut,dann arrangieren wir die Verlegung. Dr. Keller drehte sich langsam zu ihm. Nein,Entschuldigung,sie wird nicht verlegt.

Wir können eine spezialisierte Privattransporteinheit organisieren. Sie können organisieren,was Sie möchten. Diese Patientin wird in ihrem derzeitigen Zustand nicht durch die Stadt transportiert. Unsere Konzernärzte sind herzlich eingeladen,sich nach vorheriger Abstimmung mit uns über ihren Zustand zu informieren.

Ich entscheide. Nein. Dr. Keller zeigte auf Jonas.

Herr Weberist für Gesundheitsangelegenheiten schriftlich bevollmächtigt,sobald Frau Bergmann selbst nicht entscheidungsfähig ist. Solange die Vollmacht nicht wiederrufen oder ihre Wirksamkeit gerichtlich in Frage gestellt wird,besprechen wir entsprechende Entscheidungen mit ihm. Krüger starrte Jonas an. Was?

Jonas hobdie Schultern. Sie hat es kurz vor dem OP unterschrieben. Sie war unter Schock. Sie war ansprechbar.

Sie wußten genau,was sie tun. Nein,ganz im Gegenteil. Krüger trat näher. Sie haben eine schwer kranke Frau dazu gebracht,ihnen eine Vollmacht zu geben.

Jonas spürte,wie sich seine Erschöpfung in etwas Kaltes verwandelte. Ich habe sie zu gar nichts gebracht. Unsere Rechtsabteilung wird das prüfen. Tun Sie das.

Sie sind vollständig überfordert. Mit Sicherheit. Dann übertragen Sie die Verantwortung jemandem,der weiß,wie diese Dinge laufen. Jonas blickte auf Krügers Handy.

Auf dem Bildschirm standen bereits mehrere Konferenzanrufe. Sie sind vor fünf Minuten hier angekommenund haben einmal gefragt,was passiert ist. Danach ging es um Börsenkurs,Kommunikationund Verlegung. Krügers Kiefer spannte sich an.

Sie verstehen die Dimension nicht. Vielleicht. Jonas deutete auf die OP-Tür. Aber ich verstehe,daß hinter dieser Tür ein Mensch liegtund kein Quartalsbericht.

Dr. Keller unterbrach sie. Herr Weber,Sie können im Wartebereich der Intensivstation bleiben. Wenn sie dort stabil angekommen ist,informiert sie die Pflege.

Jonas nahm seine Jacke. Sie bleibt hier. Dr. Keller nickte.

Das ist auch meine medizinische Empfehlung. Jonas ging,als er Krüger hinter sich stehen ließ,zitterten seine Hände nicht vor Angst oder zumindest nicht nur. Morgendämmerung legte sich grau über Frankfurt. Die Intensivstation war überraschend leise.

Ventilatoren rauschten. Monitore piepten in regelmäßigen Abständen. Ab und zu rollten leise Schritte durch den Flur. Jonas saß in einem gepolsterten Stuhl in Zimmer 412.

Er hatte vielleicht vierzig Minuten geschlafen. Sein Nacken schmerzte. In der Hand hielt er einen Pappbecher mit schwarzem Kaffee,mehr wegen der Wärme als wegen des Koffeins. Katharina lag in der Mitte des Zimmers.

Sie wirkte verändert. Nicht nur krank,entkleidet von allem,was sie normalerweise umgab. Kein Maßanzug,keine Assistentin,keine Glasfassade,kein Vorstandstisch,keine Menschen,die auf ihr kleinsten Gesichtsausdruck reagierten,nur eine blasse Frau unter einer weißen Decke. Der Beatmungsschlauch war am frühen Morgen entfernt worden.

Eine Sauerstoffbrille lag unter ihrer Nase. Infusionen liefen in beide Arme. Ihr dunkles Haar lag wirr auf dem Kissen. Jonas betrachtete das Hebenund Senken ihrer Brust.

Er hatte etwas ähnliches schon oft bei Lina getan,wenn sie Fieber hatte,wenn sie nachts schlimm gehustet hatte,wenn sie klein gewesen warund Jonas nach dem Tod ihrer Mutter manchmal stundenlang neben ihrem Gitterbett gesessen hatte,nur um sicherzugehen,dass sie atmete. Vielleicht konnte man diese Art von Wachsamkeit irgendwann nicht mehr abstellen. Gegen Uhr bewegte sich Katharina. Ihre Stirn zog sich zusammen,ein leises Stöhnen.

Jonas stellte den Kaffee ab und stand auf. Katharina,ihre Lieder flatterten. Langsam öffnete sie die Augen. Zuerst sah sie nur an die Decke,dann nach links,rechts,schließlich zu Jonas.

Für einige Sekunden lag reine Verwirrung in ihrem Blick. Dann Erinnerung. Sie versuchte sich zu bewegenund verzog sofort das Gesicht. Nicht Jonas trat näher.

Sie sind operiert worden. Ein Teil des Magens musste entfernt werden. Sie sind auf der Intensivstation. Katharina schluckte.

Wasser. Sie dürfen im Moment nur ganz wenig. Auf dem Tisch stand ein Bechermit Eisstückchen. Jonas nahm einen kleinen Löffel,legte zwei winzige Stücke daraufund hielt ihn an ihre Lippen.

Katharina ließ das Eis im Mund schmelzen,ihre Augen schlossen sich. Danke gern. Jonas stellte den Becher zurück. Sie haben mir eine ziemlich bescheidene Nacht beschert.

Ein schwacher Laut kam aus ihrer Kehle. Fast ein Lachen. Er endete in einem schmerzhaften Husten. Nicht lachen.

Sie sind nicht lustig. Das beruhigt mich. Ihre Augen öffneten sich wieder. Jonas.

Er hielt inne. Es war das erste Mal,dass sie seinen Vornamen sagte. Ja,wenn jemand meine inneren Organe gesehen hat,können wir auf Frau Bergmann verzichten. Einverstanden.

Sie sah ihn an. Die Vollmacht gilt gut. Ihr Stabschef war gegen drei hier. Katharina schlossdie Augen.

Sebastian. Er wollte sie sofort verlegen lassenund parallel offenbar Kommunikationspläne mit dem Aufsichtsrad abstimmen. Ihre Lippen verzogen sich bitter. Natürlich.

Ich habe die Verlegung abgelehnt. Sie öffnetedie Augen wieder. Hat er ihnen gedroht? Nur angedeutet.

Dann war er müde. Jonas mußte lächeln. Katharina blickte auf sein Hemd,dann auf sein Gesicht,auf die tiefen Schatten unter seinen Augen. "Sie sind noch hier?

" Offensichtlich. "Warum? " Jonas schwieg zunächst. Er wusste nicht,ob eine Vorstandsvorsitzende wirklich eine ehrliche Antwort wollte.

Katharina wartete,weil sonst niemand da war. Ihr Blick veränderte sich. "Das ist kein Grund. ""Für mich schon",ersetzte sich.

Ich bin alleinerziehender Vater. Katharina sagte nichts. Wenn mir etwas passiert,gibt es nicht fünf Leute,die plötzlich auftauchen. Es gibt Linaund Frau Neumann aus dem Haus gegenüber,wenn ich Glück habe.

Er sah zu ihr. Als sie da lagen,hbe ich nur gedacht,dass sie niemanden anrufen konnten. Ein langer Moment verging. Ich hätte Leute anrufen können.

Mitarbeiter. Ja. Anwälte. Ja,Fahrer.

Ja,aber niemanden,bei dem sie sicher waren,daß er einfach nur kommt. Katharina wandte den Blick ab. Das Schweigen war Antwort genug. Deshalb bin ich geblieben.

Sie sah wieder zu ihm. Ihre Stimme war kaum hörbar. Sie haben mir das Leben gerettet. Sie schulden mir vor allem ein neues Hemd.

Katharinas Mundwinkel bewegten sich. Nur ein Hemdund die Innenreinigung meines Autos. Wie schlimm! Lina hatte vorher ein Schokoladeneis darin verschüttet.

Ihre Blutung war möglicherweise der letzte Schlag. Ein echtes Lächeln erschien in Katharinas Gesicht. Klein,erschöpft,aber echt. Es ließ sie jünger wirken.

Abgemacht. Ein Klopfen an der Glastür unterbrach den Moment. Jonas drehte sich um. Draußen stand ein großer Mann mit silbergrauem Haar,Maßanzug,Stock mit dunklem Griff.

Neben ihm Sebastian Krüger. Auf der anderen Seite ein Rechtsanwalt mit lederner Aktentasche. Katharinas Gesicht veränderte sich augenblicklich. Friedrich Dr.

Friedrich Foss,stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender,Großaktionärund seit Jahren Katharina Bergmanns erbittertster Gegenspieler innerhalb des Konzerns. Jonas kannte sein Gesicht aus Geschäftsberichtenund Pressefotos. Foss wartete nicht darauf,daß jemand ihn hereinbat. Er öffnetedie Tür.

Katharina,seine Stimme war zu laut für die Intensivstation. Was für ein Unglück. Er klang als spreche er über einen Hagelschaden. Aber die Börse öffnet baldund wir müssen handlungsfähig bleiben.

Dann sah er Jonas. Und sie müssen dieser Mitarbeiter sein. Jonas stand auf. Jonas Weber.

Ja,Weber. Foss musterte ihn,das blutige Hemd,die billigen Schuhe,den Bartschatten. Der Mann,der offenbar glaubt über die medizinische Versorgung unserer Vorstandsvorsitzenden bestimmen zu dürfen. Jonas stellte sich so,dass Foss nicht mehr direkt neben Katharinas Bett gelangen konnte.

Im Moment glaube ich vor allem,dass sie Ruhe braucht. Foss lächelte. Kein freundliches Lächeln. Gehen Sie zur Seite.

Nein. Sebastian Krüger trat vor. Herr Weber,machen Sie die Situation bitte nicht unnötig kompliziert. Die Situation war schon kompliziert,bevor Sie kamen.

Der Anwalt öffnete seine Aktentasche. Er zog mehrere Dokumente hervor. Herr Weber,mein Name ist Dr. Markus Seidel.

Ich vertrete mehrere Mitglieder des Aufsichtsrats. Wir möchten vermeiden,daß aus einer medizinischen Krise zusätzlich ein Schaden für das Unternehmen entsteht. Dann lassen Sie sie schlafen. Es geht nicht um die Behandlung.

Dr. Seidel legte Unterlagen auf den fahrbaren Tisch. Aufgrund der derzeitigen Erkrankung von Frau Bergmann muss die interne Vertretung des Vorstands neu geregelt werden. Der Aufsichtsrat kann vorübergehende Maßnahmen beschließen.

Katharina bewegte die Hand. Jonas sah sofort,wie sich ihre Finger in die Bettdecke krallten. Der Monitor wurde schneller. "Was soll Sie unterschreiben?

",fragte Jonas. nichts ungewöhnliches. Dann können Sie es mir erklären. Foss lachte leise.

Sie sind Finanzalystweber. Senior Financial Analyst. Das macht es nicht besser. Jonas ignorierte ihn.

Was bewirken die Papiere? Dr. Seidel zögerte. Sie bestätigen unter anderem die vorläufige operative Vertretungund vereinfachen bestimmte Stimmrechtsausübungen innerhalb ihrer Beteiligungsstruktur,solange Frau Bergmann nicht voll belastbar ist.

Katharina flüsterte. Nein. Jonas drehte sich zu ihr. Was nicht unterschreiben.

Fossblick wurde scharf. Katharina,niemand nimmt ihnen etwas weg. Sie lachte trockenund verzog sofort schmerzhaft das Gesicht. Sie warten seit dre Jahren darauf.

Wir warten darauf,dass dieses Unternehmen nicht von einer Person abhängig ist. Lügner. Der Herzmonitor piepte schneller. Jonas sahdie Anzeige.

Dann Foss. Sie müssen raus. Foss hob eine Braue. Was sagten sie?

Sie bringen ihren Puls hoch. Sie sind kein Arzt. Nein,aber ich kann Zahlen lesen. Jonas zeigte auf den Monitor.

Vor fünf Minuten war sie bei zweiundsiebzig,jetzt ist sie über hundert. Dr. Seidel schobdie Dokumente zurück in Richtung Bett. Herr Weber,das sind rein unternehmerische Angelegenheiten.

Und sie ist gerade nicht in einem Vorstandsbüro. Foss stützte sich auf seinen Stock. Junger Mann,sie begreifen ihre Position nicht. sind die nicht doch.

Nein,Foss ging einen Schritt näher. Sie sind ein Angestellter aus dem Finanzbereich,nichts weiter. Im Moment bin ich außerdem ihre bevollmächtigte Vertrauenspersonfür medizinische Entscheidungen. Eine Vollmacht,die sie unter extremem körperlichem Druck unterschrieben hat.

Wenn Sie glauben,sie sei unwirksam,dürfen Sie das prüfen lassen. Foss Gesicht wurde kalt. Ich brauche keine juristische Vorlesung von ihnen,dann sind wir uns einig. Krüger atmete genervt aus.

Jonas,wir haben eine Pflicht gegenüber den Aktionären. Wenn der Markt in weniger als einer Stunde öffnetund wir keine klare Führung kommunizieren,kann der Kurs zweistellig fallen. Und wenn sie wegen ihnen wieder aufgerissen werden muss,ist das günstiger. Sie dramatisieren.

Sie wurde vor ein paar Stunden notoperiert. Vos Geduld war vorbei. Hören Sie mir genau zu. Seine Stimme wurde leise,fast freundlichund gerade deshalb gefährlich.

Ich weiß,wer Sie sind. Jonas sagte nichts. Jonas Weber,vierunddreißig,Senioranalyst im Bereich Konzernplanung. Jahresbrutto knapp über sechzigtausend Euro.

Jonas spürte,wie sich sein Magen zusammenzog. Fors fuhr fort. Mietwohnung in Bockenheim. Zwei Zimmer,alleinerziehender Vater.

Jonas Gesicht wurde starr. Lassen Sie meine Tochter aus dem Spiel,Lina,sieben Jahre. Etwas Kaltes schoss Jonas durch den Körper. Hinter ihm hörte er Katharina scharf einatmen.

"Sie überprüfen Mitarbeiter ziemlich gründlich",sagte Jonas. "Nur,wenn sie anfangen,Entscheidungen zu behindern,die ihnen nicht zustehen. " Foss trat noch einen Schritt näher. "Gehen Sie jetzt nach Hause.

" Jonas schwieg. Ihre Tochter wartet auf Sie. Sie schläft. Umso besser.

Fors lächelte. Wenn Sie jetzt gehen,erhalten Sie heute einen Sonderbonusvon hunderttausend Euro. Jonas glaubte zuerst,sich verhört zu haben. Was?

Hunderttausend Euro. Sebastian Krüger sah kurz zu Foss,sagte aber nichts. Für ihren Einsatz heute Nacht. Großzügig,sauber dokumentiert,versteuert.

Sie haben unsere Vorstandsvorsitzende gerettet. Das soll honoriert werden. Jonas starrte ihn an. Hunderttausend Euro.

Die Zahl öffnete in seinem Kopf sofort Türen. Ein anderes Auto. Keine Angst vor der nächsten Reparatur. Linas Zahnbehandlung.

Rücklagen. Vielleicht irgendwann eine größere Wohnung,in der Lina ein Zimmer hätte,in dem nicht gleichzeitig ein Wäscheständer stehen musste. Ferien. Nicht jedes Mal im Supermarkt rechnen,nicht am Monatsende hoffen,daß nichts kaputt ging.

Foss sah,was in ihm vorging. Sie müssen nur gehenund wenn ich nicht gehe,dann verlieren sie heute ihren Arbeitsplatz. Katharina bewegte sich im Bett. Friedrich.

Foss ignorierte sie. Und sie werden in dieser Branche in Frankfurt große Schwierigkeiten haben. Ist das eine Drohung? Eine Prognose?

Hunderttausend Euro. Jonas dachte an Lina,an ihren Stoffhasen,an die kleine Zahnlücke,die sie ihm morgens im Spiegel zeigte,an die Frage,warum Erwachsene immer so müde sein. Er dachte an Frau Neumann,die gerade in seiner Wohnung schlief,weil Jonas sich selbst keine Alternative leisten konnte. Er musste nur einen Schritt zur Seite gehen,ein paar Meter bis zum Aufzug nach Hause zu seinem Kind.

Es wäre sogar leicht gewesen,es sich schön zu reden. Er hatte Katharina schließlich gerettet. Er war nicht verantwortlich für ihren Konzern,nicht für ihre Feinde,nicht für ihre Fehler,nicht für ihre Einsamkeit. Hunderttausend Euro.

Dann sah er zurück. Katharina lag still im Bett,blass,ihre Augen waren auf ihn gerichtet. Keine Forderung darin,keine Anweisung,nur Angst. Sie wußte,daß er gehen konnte,und diesmal drohte sie ihm nicht.

Sie bot ihm nichts. Sie konnte gerade nichts bieten. Jonas drehte sich zur Wandund drückte den roten Rufknopf. Krüger runzelte die Stirn.

Was machen Sie? Ich habe am Ende des Flurs zwei Sicherheitsmitarbeiter gesehen. Voss Gesicht veränderte sich. Sie machen einen Fehler.

Möglich. Sie werfen ihre Zukunft weg. Vielleicht. Für sie.

Jonas sah ihn an. Nein,er dachte kurz nach. Für mich. Die Tür öffnete sich.

Eine kräftige Stationspflegerin trat herein. Auf ihrem Namensschild stand Claudia Reuter. Sie sah in die Runde:"Was ist hier los? " Jonas zeigte auf Foss,Krügerund den Anwalt.

"Die Herren belasten die Patientin. Sie sind nicht eingeladen. Bitte lassen Sie sie hinausbegleiten. " Foss schlug mit der Hand auf den kleinen Tisch.

Das ist absurd. Der Monitor sprang erneut nach oben. Claudia Reuter sah sofort zu Katharina. Ihre Miene verhärtete sich.

Jetzt raus. Sie wissen offenbar nicht mit wem. Dach. Claudia öffnetedie Tür.

Und mir ist egal mit wem. Das hier ist eine Intensivstation. Foss sah an ihr vorbei zu Katharina. Das ist nicht vorbei.

Katharinas Augen wurden schmal. Doch. Ihre Stimme war schwach. Aber klar,für heute schon.

Foss wandte sich Jonas zu. Sie können sich nicht für immer vor Konsequenzen verstecken. Jonas trat einen halben Schritt näher. Er hobdie Stimme nicht.

Raus! Vielleicht war es die Müdigkeit,vielleicht die völlige Abwesenheit von Angst in diesem Moment oder etwas,das Foss nicht gewohnt war. Ein Mensch,dessen Preis er gerade falsch eingeschätzt hatte. Jedenfalls ging er.

Dr. Seidel folgte Seb. Krüger blieb eine Sekunde länger stehen. Sein Blick traf Jonas.

Darin lag etwas zwischen Wutund unfreiwilligem Respekt. Dann verschwand auch er. Claudia schlossdie Tür. Wenn die noch einmal ohne Absprache hereinkommen,rufen sie direkt.

Danke. Sie sah auf Jonas Hemd. Und sie brauchen irgendwann dringend frische Sachen. Steht auf meiner Liste.

Als sie gegangen war,blieb Jonas am Fußende des Bettes stehen. Seine Hand begann zu zittern. Jetzt erst,als alles vorbei war. Weber.

Katharinas Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Jonas sah zu ihr. Tränen standen in ihren Augen. Nicht wegen der Schmerzen.

"Sie sind geblieben. " Jonas setzte sich. "Sie haben hundert. 000 Euro gehört,oder?

" Ja,ich wollte sicher sein. Ein zitterndes Lachen entwich ihr. Dann wurde sie wieder ernst. Er hat ihre Tochter erwähnt.

Das hat mir weniger gefallen. Und sie sind geblieben. Jonas rieb sich über das Gesicht. Offenbar bin ich katastrophal in Konzernpolitik.

Katharina betrachtete ihn. Die werden versuchen,sie zu entlassen. Davon gehe ich aus. Können Sie nicht.

Friedrich Foss klang ziemlich überzeugt,weil Friedrich meistens nur Menschen trifft,die Angst vor ihm haben. Ich hatte Angst. Sie sind trotzdem geblieben. Jonas zuckte mit den Schultern.

Das ist vielleicht der Unterschied. Katharina schwieg lange. Dann sagte sie:Direktor Konzernsteuerung. Jonas dachte,er hätte sie falsch verstanden.

Was? Direktor Konzernsteuerungund operative Sonderprojekte direkt an mich berichtend. Katharina mit Prokura,sobald die Governance das zulässt. Sie bekommen starke Schmerzmittelund ich glaube nicht,dass man Personalentscheidungen dieser Größenordnung treffen sollte,wenn man gerade Morphinpräparate bekommt.

Ich nehme im Moment kein Morphin,dann etwas,das wahrscheinlich noch besser ist. Sie schnaubte leise. Gehalt siebenstellig. Jonas starrte sie an.

Nein,jetzt war sie es,die überrascht aussah. Nein,sie haben mir vor zehn Stunden mit Kündigung gedroht,weil ich einen Rettungswagen rufen wollte. Jetzt wollen sie mir mehr als eine Million im Jahr zahlen,weil ich einen Aufsichtsrat aus ihrem Zimmer geworfen habe. Es klingt vernünftig,wenn Sie es so zusammenfassen.

Überhaupt nicht. Katharina schloss kurzdie Augen. Als sie widersprach,war ihre Stimme ruhiger. Ich habe mein ganzes Erwachsenen Leben damit verbracht,dieses Unternehmen aufzubauen.

Jonas sagte nichts. Ich dachte,wenn ich nur gut genug bin,schnell genug,härter als alle anderen,dann kann mir niemand etwas nehmen. Sie sah zur Decke. Mit neunundzwanzig hatte ich meine erste Geschäftsführung.

Mit zweiunddreißig habe ich den ersten Konkurrenten gekauft. Mit habe ich Weihnachten in Singapur in einem Konferenzraum verbracht. Ein schwaches Lächeln. Meine Mutter war damals schon krank.

Ich habe ihr gesagt,nächstes Jahr hätte ich mehr Zeit. Jonas wartete. Es gab kein nächstes Weihnachten. Die Worte blieben zwischen ihnen liegen.

Danach habe ich beschlossen,dass Arbeit wenigstens nicht sterben kann. Ihre Augen wurden feucht. Also habe ich noch mehr gearbeitet. Jonas wusste nicht,was er sagen sollte.

Katharina fuhr fort. Ich habe eine Maschine gebaut. Ihre Stimme wurde bitter. Eine sehr erfolgreiche Maschine.

Das stimmt. Voller Menschen,die mich brauchen,solange ich funktioniere. Sie sah ihn an. Als ich gestern auf dem Boden lag,wusste ich plötzlich genau,wie viel diese Macht wert war.

Jonas schwieg. Nichts. Der Monitor piepte gleichmäßig. Da war nur Schmerz.

Katharina hob schwachdie Handund dann kamen sie. Jonas sah auf ihre Finger. "Ich kann Loyalität nicht kaufen",sagte sie,"aber ich kann dafür sorgen,dass Menschen wie Sie nicht unter Menschen wie Foss arbeiten müssen. Sie kennen mich kaum.

Ich kenne genug. Ich habe vielleicht gerade meine Karriere zerstört. " Nein. Für einen kurzen Moment lag wieder die alte Vorstandsvorsitzende in ihrem Blick.

"Sie haben gerade eine andere begonnen. " Katharina streckte ihre Hand über die Bettkante. Jonas sah sie an. Er schlug nicht ein.

Es fühlte sich falsch an,aus diesem Moment einen Vertrag zu machen. Stattdessen nahm er ihre Finger vorsichtig in seine Hand. Sie waren kalt. "Sie sollen etwas schlafen",sagte er.

"Sie auch. Ich muss nach Hause. " Katharinas Gesicht wurde weicher. Zu Lina.

Jonas nickte. Zu Lina. Gehen Sie. Sind Sie sicher?

Ja,wenn Foss wiederkommt. Claudia Reuter sieht aus,als würde sie ihn eigenhändig aus dem Gebäude werfen. Und das stimmt. Katharina schlossdie Augen.

Gehen Sie nach Hause,Jonas. Er zogdie Decke etwas höher. Ihre Augen öffneten sich noch einmal. Ich bin noch da,wenn Sie zurückkommen.

Es war ein einfacher Satz. Vielleicht war gerade deshalb etwas darin,dass Jonas nicht erwartet hatte. Ein Versprechen nicht von einer Vorstandsvorsitzenden,von einem Menschen. Er ließ ihre Hand los,dann ging er.

Der Weg durch das Krankenhaus schien länger als in der Nacht. Jonas lief durch Flure,in denen jetzt das Morgenleben begann. Frühstückswagen rollten über den Boden. Pflegekräfte wechselten Schichten.

Irgendwo weinte ein Kind. Eine Reinigungskraft öffnete Fensterund kalte Augustluft strich kurz über den Gang. Als Jonas durch die automatische Eingangstür trat, traf ihn das Morgenlicht so hell,dass erdie Augen zusammenkneifen musste. Frankfurt war wach.

Busse fuhren,Menschen standenmit Kaffebechern an Ampeln,Fahrradfahrer schlängelten sich zwischen Autos. In der Ferne funkelte die Glasfassade des Bergmannurms in der Sonne. Von hier unten wirkte das Gebäude wie eine Festung. Jonas blieb einen Augenblick stehen,dann ging er zum Parkplatz.

Sein Honda stand noch immer schief. Am Scheibenwischer klemmte ein Zettel. Er erstarrte. Bitte nicht auch noch.

Es war keine Strafe. Ein Sicherheitsmitarbeiter hatte notiert,dass das Fahrzeug wegen eines medizinischen Notfalls geduldet worden war. Jonas lachte. Ein müdes,beinahe hysterisches Lachen.

Er setzte sich hinein. Auf dem Beifahrersitz waren dunkle Flecken. Auf dem Boden lag Linas kleines Pony. Jonas hob es auf und stellte es auf das Armaturenbrett.

Du hast auch schon bessere Nächte erlebt. Der Motor sprang an. Er fuhr langsam nach Hause. Keine roten Ampeln,diesmal.

Keine Sirenen,kein Blut,nur morgentlicher Verkehr. An einer Kreuzung hielt er neben einem Vater auf einem Lastenrad. Vorne saß ein kleines Mädchenmit gelben Helmunde hielt ein Brot in der Hand. Jonas musste an Lina denken.

Hunderttausend Euro. Die Zahl kam noch einmal zurück. Er stellte sich vor,was er alles damit hätte tun können. Dann dachte er an Katharinas Gesicht,als Fossdie Papiere auf den Tisch gelegt hatte.

Geld konnte vieles erleichtern. Das wusste Jonas besser als die meisten. Geld bezahlte Miete,Zahnarzt,Essen,Wärme,Zeit,Sicherheit. Es war nicht bedeutungslos.

Aber wenn Geld verlangte,dass man sich selbst nicht mehr in den Spiegel ansehen konnte,wurde es irgendwann zu teuer. Als Jonas seine Straße in Bockenheim erreichte,waren die Parkplätze voll. Er fand erst zwei Straßen weiter eine Lücke. Natürlich.

Er stellte den Wagen ab und ging den Rest zu Fuß. Das Treppenhaus roch nach Kaffeeund dem Waschmittel einer Nachbarin. Jonas schloss leisedie Wohnungstür auf. Frau Neumann lag zusammengerollt auf dem Sofaund hatte sich Linas rosa Decke über die Beine gezogen.

Sie wurde sofort wach. "Jonas! " PST sie richtete sich auf,dann sah sie sein Hemd. Ihr Gesicht verlor die Farbe.

Mein Gott,was ist passiert? Lange Geschichte. Bist du verletzt? Nein.

Wessen Blut ist das? Jonas nahmdie Jacke ab. Von meiner Chefin. Frau Neumann blinzelte.

Ich glaube,die Geschichte ist länger als ich dachte. Ja,lebt sie? Jonas sah kurz zu Linas Zimmertür. Ja,und du?

Er lächelte müdeauch. Frau Neumann stand auf. Ich mache dir Kaffee. Bitte nicht.

Wenn ich noch einen Kaffee trinke,sehe ich wahrscheinlich Farben,die es nicht gibt. Dann Tee. Später. Er zog den Geldbeutel heraus.

Wegen der Nacht. Frau Neumann hobdie Hand. Vergiss es. Nein,das war abgemacht.

Jonas,du hast die ganze Nacht hier verbrachtund du siehst aus,als hättest du jemanden aus einem brennenden Gebäude getragen. Fast. Sie musterte ihn lange. "Zahl mir nächste Woche.

""Ich kann nächste Woche. " Dann drückte sie ihm kurzdie Schulter. "Geh zu deinem Kind. " Jonas nickte.

Er ging den schmalen Flur entlang. Die Tür zu Linas Zimmer stand einen Spalt offen. Er schob sie auf. Lina lag quer über dem Bett.

Eine Ecke der Bettdecke hing auf dem Boden. Ihre Beine waren in ein Meerjungfrauenmotiv gewickelt. Der Stoffhase klemmte unter ihrem Arm. Ein Fuß ragte aus der Decke.

Jonas blieb im Türrahmen stehen. Etwas in ihm brach auf. Nicht dramatisch,still. Die ganze Nacht hatte er funktioniert.

Getragen,gefahren,entschieden,gestritten,gedroht bekommen,nicht geweint. Jetzt liefen ihm Tränen über das Gesicht. Er wischte sie nicht weg. Lina bewegte sich.

Jonas erstarrte. Ihre Augen öffneten sich einen Spalt. Papa,hey,bist du jetzt da? Ja,war Arbeit lange?

Jonas musste lachen,obwohl ihm die Kehle weh tat. Sehr lange. Lina zogdie Decke höher. Komm,ich habe noch meine Arbeitssachen an.

Egal. Jonas zogdie Schuhe aus. Dann legte er sich vorsichtig auf die freie Bettkante. Lina drehte sich zu ihmund legte ohne ein weiteres Wort den Kopf an seine Brust.

"Du riechst komisch",murmelte sie. Krankenhaus. Ihre Augen öffneten sich. "Warst du krank?

""Nein,jemand anderes? ""Ja,ist die Person jetzt wieder gut? " Jonas dachte an Katharina,an die Schläuche,an die blassen Finger,an ihren Satz. Ich bin noch da,wenn Sie zurückkommen.

Sie wird hoffentlich wieder gut. Lina nickte,als wäre das eine vollkommen ausreichende Antwort. Eine Minute später schlief sie wieder. Jonas lag neben ihr und starrte an die Decke.

Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei. Irgendwo schlug eine Autotür. Das Leben setzte sich fort. In wenigen Stunden würden wahrscheinlich Anwälte telefonieren.

Vorstände würden sich beraten. Der Aufsichtsrat würde Sitzungen einberufen. Vielleicht würde Jonas tatsächlich eine Kündigung erhalten. Vielleicht auch eine Beförderung,die so absurd war,dass er noch nicht wusste,ob er darüber lachen oder Angst bekommen sollte.

All das würde kommen. Später. Im Augenblick war nur dieses Zimmer wichtig. Linas warme Stirn an seiner Brust,der Stoffhase zwischen ihnen,das Geräusch ihres Atems.

Jonas hatte in dieser Nacht womöglich ein Unternehmen davor bewahrt,von Menschen übernommen zu werden,die nur auf einen Momentder Schwäche gewartet hatten. Er hatte einer Frau das Leben gerettet. Vielleicht hatte er sogar ein Milliarden Imperium gerettet. Doch während seine Tochter sicher neben ihm schlief,begriff Jonas etwas,daß Katharina Bergmann erst auf dem Teppich ihres Büros hatte lernen müssen.

Man konnte Türme besitzen,Aktienpakete kontrollieren,Firmen kaufenund Namen auf Glasfassaden schreiben lassen. Aber Reichtum zeigte sich nicht darin,wie viele Menschen einem gehorchten,sondern darin,wer blieb,wenn man nichts mehr anzubieten hatte. Und Jonas wußte,während erdie Augen schloß und Linas kleine Hand sich im Schlaf in seinem zerknitterten Hemd festhielt,dass er längst alles besaß,was wirklich zählte.