Als ich meinen ersten Arbeitstag bei der Kriminalpolizei antrat, legte mir mein Chef einen Fall auf den Tisch, der schon fünf Jahre alt war. „Sie sind jetzt die Ermittlungsführerin”, sagte er. Eine ältere Dame war in Berlin umgebracht worden – genau zu dem Zeitpunkt, als ihr Sohn und ihre Schwiegertochter am anderen Ende der Stadt ein Haus gekauft hatten. Mit dem Geld der Mutter.

Das perfekte Alibi. Natürlich machten wir den Sohn und seine Frau zu Beschuldigten. Monatelang standen sie unter Verdacht, wurden verhört, durchleuchtet, zerrieben. Die beiden litten unsäglich.
Erst nach Jahren stellte sich heraus, dass die Täterin die Tochter einer ehemaligen Arbeitskollegin der alten Dame war. Sohn und Schwiegertochter waren rehabilitiert – aber etwas bleibt immer hängen. Das tat mir später leid. Ich wollte eigentlich Medizin studieren, aber damals lag der Numerus clausus bei 1,0.
Mein Abitur reichte nicht. Meine beste Freundin hatte die Idee: Wir bewerben uns bei der Kripo. Es war der erste Jahrgang, in dem Frauen in den gehobenen kriminalpolizeilichen Dienst aufgenommen wurden. Verbrechen hatten mich schon immer interessiert – ich durfte schon als kleines Kind mit meinen Eltern Aktenzeichen XY schauen, damals noch mit Eduard Zimmermann.
Ich war so jung, dass ich nicht verstand, dass die Filmszenen nachgestellt waren. Ich fragte mich, wie man als Kameramann so eiskalt danebenstehen konnte, wenn ein Mord passierte. Mein Vater amüsierte sich köstlich darüber. Was hat die Familie gesagt?
Für meine Eltern war alles okay. Vermutlich hätte mein Vater lieber eine Ärztin in der Familie gehabt, aber überrascht war er nicht. Die ersten Jahre waren eine harte Zeit. Die älteren männlichen Kollegen begegneten uns mit extremer Skepsis und offener Ablehnung.
Ich wurde einem erfahrenen Kollegen zugeteilt – man nannte das damals „Bärenführer”. Mit meinen Fragen bin ich oft abgeblitzt. Ich erinnere mich an einen Einbruch, zu dem wir als Team fuhren. Die beiden Kollegen behandelten mich wie Luft.
Die Hausbesitzer stellten sich vor, mich ignorierten sie komplett. Beim Einsatz wurde ich zu nichts eingeteilt. Ich stand im Windfang und wagte nicht, irgendetwas anzufassen, aus Angst, Spuren zu zerstören. Zurück auf der Dienststelle fragte ich, ob ich etwas machen könne.
Da sagte der eine: „Ja, kannst du – bleib da stehen und halt die Klappe. ”
Das Heftigste kam später. Ich wurde einer neuen Dienststelle zugeteilt, wo alle halbe Jahre durchgewechselt wurde. Am ersten Tag bat mich der Chef des Diebstahlskommissariats zu einem Gespräch.
Es verlief von Anfang an böse. Am Ende fragte er, wie ich mir das halbe Jahr vorstelle. Ich sagte, ich freue mich auf die Zeit, es werde sicher interessant, ich sei noch am Lernen. Plötzlich sagte er: „Wollen Sie mich nicht mal fragen, wie ich mir das halbe Jahr vorstelle?
” Ich stellte also brav die Frage. Seine Antwort: „Meine Vorstellung ist, dass ich es schaffe, dass Sie in einem halben Jahr an den Herd zurückkehren, wo Sie als Frau hingehören. ”
Warum habe ich durchgehalten? Ich war so sozialisiert, dass ich dachte: Lehrjahre sind keine Herrenjahre.
Ich wusste nicht, dass das nicht normal war. Ich dachte, alle Berufsanfänger müssten da durch. Meine beste Freundin, die auch im Dienst war, erlebte Ähnliches. Wenn ich eine Akte zurückbekam, flog sie manchmal durch die Tür, zerrissen.
Der Chef sagte dann: „Sie sitzen hier so lange, bis Sie Ihren Fehler selbst gefunden haben. Und wehe, ich erwische Sie, wenn Sie jemanden fragen. ” Aber die Arbeit war interessant. Und nicht alle waren so.
Es gab auch Kollegen, die es bereichernd fanden, dass Frauen dazukamen. Die Arbeit ist und bleibt interessant – das hat mich durchgetragen. Ich habe mich damals tatsächlich beschwert – beim Inspektionsleiter. Der wusste bereits Bescheid.
Er sagte unverblümt, der Chef mache es mit Absicht, er setze immer wieder eine Frau ins Team, damit er sich daran abarbeite. Man solle es als Gewöhnung verstehen. Danke für nichts. Mein Weg zur Mordkommission führte über die Rohheitsdelikte im Norden Berlins – gefährliche Körperverletzung, Körperverletzung mit Todesfolge, Waffenbesitz, Vermisste.
Mit zwei Babypausen blieb ich dort. Irgendwann hatte ich einen ungewöhnlichen Vermisstenfall, der so entscheidend war, dass die Chefs beschlossen, den Fall an die Mordkommission abzugeben. Der damalige Leiter sagte, ich müsse mitkommen – ich hätte eine Woche Ermittlungsarbeit allein hinter mir und wüsste mehr über den Fall als jeder andere dort. Ich merkte, dass mir die Arbeit lag und das Team enorm gut gefiel.
Man fragte mich, ob ich mir das vorstellen könne. Aber meine Tochter war noch in der Grundschule, und mein Mann arbeitete bei der Staatsanwaltschaft – auch er war nicht flexibel. Also sagte ich: später. 2006, als meine Tochter selbstständig war, wechselte ich dann doch.
Ein prägender Moment war die Maueröffnung 1989. Nach der Wiedervereinigung wurden wir mit Kollegen aus der DDR zusammengelegt. Immer ein Kollege aus dem Osten und einer aus dem Westen bildeten ein Team. Man musste Vorurteile über Bord werfen, voneinander lernen.
Wir wuchsen zusammen. Dann kam es immer häufiger vor, dass die Tür aufging und ein Chef hereinkam und zu einem Kollegen aus der DDR sagte: „Packen Sie sofort die Waffe raus, geben Sie Ihre Marke ab, räumen Sie das Schließfach. Sie sind mit sofortiger Wirkung suspendiert. ” Wir nannten das intern „der ist gegaugt worden”.
Eine Meldung der Stasi-Unterlagenbehörde. Die Hintergründe erfuhren wir nie. Menschlich war das immer extrem enttäuschend – man hatte sich an die Menschen gewöhnt, und plötzlich merkt man, dass man niemandem ins Herz schauen kann. Auf die Mordkommission wird man nicht vorbereitet.
Es ist Learning by doing. Man braucht Teamfähigkeit – das halte ich für das Wichtigste. Man muss Vertrauen in die Arbeit der Kollegen haben, einfühlsam sein, unvoreingenommen, aktiv zuhören können. Es war immer unser Motto: Stärken stärken, Schwächen schwächen.
Wer gut zuhören kann, wird Vernehmer. Wer empathisch ist, betreut Angehörige von Mordopfern. Wer technikaffin ist, arbeitet in der Spurensuche oder Computerauswertung. Man muss kein Superhirn sein, aber man muss flexibel sein und eine große Frustrationstoleranz haben.
Man wird morgens wach, und die nächsten Wochen laufen komplett anders als geplant. Geburtstage, Weihnachten, Silvester – alles kann anders laufen. Wenn man sich darüber ärgert, ist man da falsch. Der Alltag ist sehr unterschiedlich.
In der normalen Mordkommission beginnt der Tag mit einer Besprechung. Dann arbeitet man die Sachen der letzten Bereitschaft auf – meistens Haftsachen. Bei Haftsachen muss man wirklich durcharbeiten, sonst kann es passieren, dass ein Täter freigelassen wird, weil die Ermittlungen nicht schnell genug abgeschlossen sind. Man schreibt Berichte, wertet Telefonüberwachung aus, führt Vernehmungen durch, erledigt Aufträge der Staatsanwaltschaft.
Durchsuchungsbeschlüsse kommen rein, die Spurensicherung muss dokumentieren. Alles muss der Staatsanwaltschaft zugetragen werden, denn die wollen zügig Anklage erheben. Dann gibt es die Bereitschaft. Da kommt alles Mögliche herein: Bekanntsachen zum Beispiel.
Ein Ehemann ruft an und sagt, er habe seine Frau getötet. Der Täter ist bekannt, aber es ist trotzdem ein Tötungsdelikt. Die Mordkommission geht nicht in Kommission, wir müssen niemanden suchen. Vorläufige Festnahme, Spurensicherung, Vernehmungen.
Es kommt nicht selten vor, dass morgens ein Fall und abends ein Fall anläuft. Und dann gibt es den dritten Bereich: die Mordkommission geht in Kommission, oder es liegt eine besondere Aufbauorganisation vor – wir sind auch für Entführungen zuständig. Dann läuft alles anders. Die Aufarbeitung liegengebliebener Fälle ist vergessen.
Alles konzentriert sich auf die Namhaftmachung und Inhaftierung des Täters. Man kommt fast nur auf drei, vier Stunden Schlaf, geht mal duschen nach Hause. Ich habe nicht selten im Dienst übernachtet. Bis zu drei Wochen Hochdruckarbeit waren möglich.
Berlin hat inzwischen acht Mordkommissionen mit je sechs bis acht Ermittlern. Klingt gut, aber wenn zwei im Urlaub und zwei krank sind, wird es eng. Geschlechtsunterschiede bei der Aufgabenverteilung habe ich kaum erlebt. Jeder bekam die Arbeit, für die er geeignet war.
Jahrelang hatte ich einen festen Vernehmer an meiner Seite – ein Mann, der mit Empathie glänzte. Meine Stärke war tatsächlich Empathie und aktives Zuhören. Vernehmungen machten mir großen Spaß. Es war eine Gradwanderung: Im einen Moment hatte ich einen raubeinigen Beschuldigten vor mir, dem ich auf Augenhöhe begegnen musste.
Eine Stunde später saßen Angehörige eines Mordopfers vor mir, die permanent zusammenbrachen. Mir fällt es leicht, mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Der Kontakt mit Angehörigen von Mordopfern war schwierig, aber ich habe mit der Zeit einen sehr guten Draht gefunden. Man muss ihnen sehr genau zuhören.
Wir haben es immer gepflegt, dass sie uns jederzeit kontaktieren konnten. Das Böse daran: Bei einem Mordfall sitzt einem die Presse im Nacken. Oft werden reißerisch Sachen behauptet, die jeder Grundlage entbehren. Dann rufen Angehörige aufgeregt an, weil sie glauben, der Täter sei festgenommen – was gar nicht stimmt.
Dann muss man sie mit Fingerspitzengefühl beruhigen: „Sie sind hundertprozentig die Ersten, die es erfahren. Glauben Sie nicht alles, was in der Presse steht. ”
Es gab einen Fall, den fand ich wirklich schlimm. Der Exfreund einer Frau drang morgens in ihre Wohnung ein, fesselte und knebelte ihr Kind, sperrte es ein, vergewaltigte die Frau mehrfach und verstümmelte sie.
Als er ging, befreite sie sich so weit, dass sie sich aus dem Hochparterre-Fenster lehnen konnte. Die Jalousie fiel herunter und klemmte sie ein. Es war Halloween. Mehrere Passanten gingen vorbei und riefen: „Ey, was für eine geile Halloween-Maske.
” Bis ein Passant sah, dass sie wirklich blutete. Dann lief der ganze Apparat an. Sie überlebte wie durch ein Wunder. Aber der erste Operateur in der Charité bekam einen Weinkrampf und musste ersetzt werden.
Der zweite operierte sie. Heute geht es ihr viel besser, sie lebt im Ausland. Ihre Tochter hat es relativ unbeschadet überstanden. Ein anderer Fall, der mir immer wieder aufploppt: Ein junger Mann hatte krankheitsbedingt eine Wahnsinnsvorstellung und schnitt seiner Freundin im Schlaf die Kehle durch.
Als er merkte, dass etwas nicht stimmte, holte er eine große Rolle Tesa und versuchte, ihren Kopf wieder anzukleben. Die Frau verblutete. Als die Einsatzkräfte kamen, lag sie so unglücklich hinter der Tür, dass wir alle mit einem großen Schritt über sie steigen mussten, um den Tatort zu betreten. Das hat mich unglaublich berührt.
Wie wird man solcher Bilder los? Man wird sie nicht los. Ich weiß gar nicht, ob das das Ziel sein sollte. Diese Bilder gehören zu meinem Leben.
Wenn man ein intaktes Familien- und Freundesumfeld hat, kann man damit umgehen. Mein Mann kam aus demselben Metier, mit ihm konnte ich gut darüber sprechen. Ich habe mir immer gesagt: Was ich im Dienst sehe, sind die Schattenseiten. Wenn ich nach Hause komme, sind das die Lichtseiten.
Das hat mir gereicht. Es gab auch eine Psychologin im LKA, mit der man sprechen konnte. Ja, ich glaube an Gott. Aber Gott hat den Menschen eine freie Entscheidung gegeben.
Jeder entscheidet, ob er sich dem Guten oder dem Bösen anschließt. Manche handeln im Affekt und bereuen es später. Aber nicht jeder Verlassene bringt seine Partnerin um. Auch Herkunft und Sozialisation spielen eine Rolle.
Letztlich ist es eine Entscheidung, die jeder für sich trifft. Mein Lebensmotto: die Welt ein bisschen besser machen. Das klingt abgedroschen, aber ich meine es ernst. Es sind die Kleinigkeiten: freundlich mit Zeugen umgehen, einem besonderen Wunsch nachkommen, abends noch mal rausfahren, weil Not am Mann ist.
Das zieht sich durch mein Leben. Man braucht einen gesunden Optimismus, weil man immer wieder Rückschläge erlebt – wie mit den Kollegen aus der DDR, denen ich genau dasselbe Vertrauen entgegengebracht habe wie allen anderen. Aber das darf einen nicht zurückwerfen. Von meiner Schusswaffe musste ich Gott sei Dank nie Gebrauch machen.
Aber ich hatte einmal eine brenzlige Situation, als ich noch sehr jung in der Sofortbearbeitung war. Wir verfolgten einen Räuber zu Fuß. Er lief auf einen Parkplatz, der von Mauern umgeben war – eine Sackgasse. Als ihm das klar wurde, drehte er sich um und richtete die Waffe auf mich.
Es war ein Bruchteil einer Sekunde. Ich sah es, ich hatte meine Waffe in der Hand, sie war durchgeladen. Ich habe nicht geschossen. Ich weiß bis heute nicht, warum.
Nachher stellte sich heraus, dass es eine Gas- oder Schreckschusswaffe war. Glück gehabt. Nachwuchs zu finden, ist heute tatsächlich ein Problem. Viele junge Leute wollen keine so unplanbare Arbeit mehr.
Sie wollen eine Work-Life-Balance, gesicherte Zeiten für die Familie. Wir hatten viele Durchläufer, die reinschnuppern wollten und dann sagten: „Mordsmäßig interessante Arbeit, aber nichts für uns. ” Deshalb testet Berlin gerade ein festes Bereitschaftssystem. Wenn junge Leute Planbarkeit haben, hoffen wir auf mehr Interesse.
Was spricht für den Beruf? Es ist eine unglaublich spannende, erfüllende Arbeit. Wenn man für die Angehörigen von Mordopfern da sein kann – die sind in dem Moment wirklich darauf angewiesen. Sie müssen mit der Sache abschließen können und brauchen Ansprechpartner.
Wenn wir das nicht machen, macht es keiner. Man lässt Freizeit hinter sich, aber das wiegt auf. Vor allem, wenn man Liebe für Gerechtigkeit hat und den Ansporn, besser zu sein als die Gegenseite. Künstliche Intelligenz wird in vielen Bereichen helfen.
Früher haben wir in großen Verfahren hunderte Telefonnummern abgeglichen, wer mit wem wann telefoniert hat. Wir haben eine Nummer rausgesucht, durch ein Suchprogramm laufen lassen, und dann kam raus: Da wurde der Pizzadienst angerufen. Das musste alles händisch rausgefiltert werden. Mit KI bekäme man in Sekunden Antworten.
Aber den Beruf des Mordermittlers wird sie nicht ersetzen. Empathische Vernehmungen mit Angehörigen traue ich der KI nicht zu. Rückblickend habe ich alles richtig gemacht. Wenn ich etwas anders machen könnte, wäre ich früher zur Mordkommission gegangen.
Mein schönster Moment war nach 13 Jahren: Wir lösten meinen ersten Altfall, und ich erfuhr, dass der Sohn und die Schwiegertochter damit nichts zu tun hatten. Was ich meinen damaligen Kollegen noch sagen wollte: „Trotz allem – obwohl ich wirklich sehr gerne koche, bin ich nicht am Herd gelandet, nur weil ich eine Frau bin. “


