Es ist der 10. September 2020, ein warmer Spätsommertag im Schwarzwald. Scarlet hat fast geschafft. Nur noch die letzte Etappe des Schluchtensteigs liegt vor ihr, etwa 22 Kilometer von Todtmoos bis nach Wehr.

Am Morgen bezahlt sie ihre Rechnung in der Kirchberghütte, verabschiedet sich freundlich vom Personal und kauft im Edeka in Todtmoos noch schnell einen veganen Riegel, einen Smoothie und zwei Flaschen Wasser. Im Kurpark legt sie eine kurze Pause ein. Dann tätigt sie einen Videoanruf zu ihrem Freund Joey in China. Joey ist die letzte Person, die etwas von ihr hört.
Später wird er der Polizei sagen, Scarlet sei irgendwie bedrückt gewirkt, hektisch und unkonzentriert. Sie verspricht, ihn später noch einmal anzurufen. Kurz darauf schreibt sie ihm noch eine Nachricht. Es ist ihre letzte.
Als Scarlet am Abend nicht bei ihrer Freundin Vanessa in Mainz auftaucht, wird es still. Vanessa schreibt ihr um 17 Uhr, bekommt keine Antwort, ruft dann Scarlets Schwester an. Der Vater versucht, seine Tochter zu erreichen. Fehlanzeige.
Die ganze Nacht über versuchen es Freunde und Familie vergeblich. Am Morgen des 11. September wird Scarlet S. aus Paderborn als vermisst gemeldet.
Die 26-Jährige ist eine erfahrene Wanderin. Sie ist früher allein durch Asien gereist, hat auf Island gegen den Walfang demonstriert, lebt vegan, liebt ihren Freund Joey über alles. Ihre Freunde nennen sie Skalli, nach der Geheimagentin aus Akte X, weil sie furchtlos und unabhängig ist. Im Juli 2020 ist sie gemeinsam mit ihrer Mutter den Jakobsweg gelaufen, fast 800 Kilometer.
Dort hat sie einen Mann kennengelernt, der ihr vom Schluchtensteig im Schwarzwald vorgeschwärmt hat. Eigentlich wollte er mitkommen, aber er wurde krank. Scarlet zögert nicht lange und wandert allein los. Am 4.
September fährt sie mit ihrem schwarzen Peugeot in den Schwarzwald. Über eine Mitfahrzentrale nimmt sie zwei Frauen mit. Sie klingt in ihren Sprachnachrichten an ihre Mutter total unbeschwert, erzählt von einer lustigen Fahrt und einem gut aussehenden Sohn einer Mitfahrerin. Auf dem Campingplatz an der Wutach schlägt sie ihr Zelt auf, lernt ein nettes Paar aus der Schweiz kennen, das ihr anbietet, im Vorzelt zu schlafen, falls es nachts zu kalt wird.
Die ersten Etappen der Wanderung verlaufen normal. Am 6. September trifft Scarlet drei Männer. Sie versteht sich gut mit ihnen, sie schlagen gemeinsam ihr Nachtlager in einem verlassenen Freibad auf.
In einer Nachricht an ihre Eltern sagt sie, das hätte sie allein wohl nicht gemacht, aber in der Gruppe habe sie sich sicher gefühlt. Am nächsten Morgen gehen die vier getrennte Wege. Am Abend des 9. September trifft Scarlet die drei Männer zufällig in einem asiatischen Restaurant in Todtmoos wieder.
Sie essen gemeinsam, es entsteht ein Selfie, Scarlet strahlt. Andere Gäste erinnern sich später an die junge Frau, weil sie so gut gelaunt aussieht. Dann der 10. September.
Scarlet meldet sich morgens noch einmal bei Vanessa und schreibt ihr „Miez“ auf die Nachricht, dass sie sich auf das Wiedersehen freut. Es soll die letzte Lebensbestätigung sein. Nach dem Videoanruf mit Joey verliert sich jede Spur. Die Polizei startet eine der größten Suchaktionen, die die Region je gesehen hat.
Mehrere Feuerwehren, eine Rettungshundestaffel mit 35 Hunden, zwei Bergwachten, ein Hubschrauber mit Wärmebildkameras und eine Drohne suchen das Gelände ab. Scarlets Eltern fahren selbst in den Schwarzwald, können aber nicht aktiv mit suchen, weil ihre Verwandtschaft die Suchhunde verwirren könnte. Sie warten im Gemeindehaus, umgeben von mehr als 200 Helfern, und hoffen. Es bleiben alle Mühen erfolglos.
Weder Scarlet noch ihr auffälliger roter Rucksack, noch ihre Isomatte oder Kleidung werden gefunden. Das Handy bleibt aus. Auch die Eltern schreiben nicht, dass sie sich auf die Rückkehr freut. Die Polizei geht von einem Unglück aus, nicht von einem Verbrechen.
Doch die private Suchgruppe, die sich seit Jahren systematisch durch den Schwarzwald arbeitet, hat Zweifel. Ein Mitglied namens Andreas hält einen Unfall für unwahrscheinlich. Auf der letzten Etappe gebe es nur wenige Absturzstellen, und die seien alle bereits akribisch abgesucht worden. Auch ein Experte, der den Wanderweg mitentwickelt hat, sagt, die sechste Etappe sei nicht die schwierigste, es bestehe dort keine akute Absturzgefahr.
Die ersten beiden Etappen seien viel gefährlicher. Und die hat Scarlet locker hinter sich gebracht. Zwei Tage nach Scarlets Verschwinden meldet sich eine Zeugin bei der Polizei. Sie sagt, sie habe am 10.
September auf einem Parkplatz zwischen Todtmoos und Wehr eine junge blonde Frau gesehen, die auf einem Stein gesessen habe, auf einem türkisfarbenen Handtuch. Genau so ein Handtuch hatte Scarlet dabei. Wenn diese Sichtung stimmt, wäre das der einzige Beweis dafür, dass Scarlet die letzte Etappe überhaupt angetreten hat. Die private Suchgruppe organisiert daraufhin eine eigene Hundestaffel.
Die Hunde verfolgen Scarlets Spur von Todtmoos aus entlang des Wanderweges bis zu genau diesem Parkplatz. Dann bricht die Spur ab. Der Parkplatz liegt zwischen Todtmoos und dem Ziel, ganze sieben Kilometer vor dem Ende der Wanderung. Die Hunde nehmen Scarlets Witterung danach nicht mehr in Richtung Wanderweg auf.
Entweder ist sie von dort zurückgegangen, oder sie ist in ein Fahrzeug gestiegen. An diesem Tag fällt die Busverbindung wegen einer Straßensperrung aus. Wer von dort wegwollte, brauchte eine Mitfahrgelegenheit. Die Bergwacht findet es ungewöhnlich, dass keine weiteren Wanderer Scarlet an diesem Tag gesehen haben, obwohl das Wetter gut war und viele Leute unterwegs waren.
Am Parkplatz gibt es keine Spuren eines Kampfes. Aber auch keine Erklärung dafür, wohin die junge Frau verschwunden ist. Alle Personen, die Scarlet auf ihrer Wanderung getroffen hat, wurden von der Polizei befragt. Die drei Wanderer, das Schweizer Paar auf dem Campingplatz, der Mann vom Jakobsweg.
Gegen niemanden hat sich ein Tatverdacht erhärtet. Im Juni 2022 wird der Fall bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ vorgestellt, es gehen mehr als 140 Hinweise ein. Eine heiße Spur ist nicht dabei. Im Februar 2023 wird das Todesermittlungsverfahren eingestellt.
Der Fall wird wieder als Vermisstenfall geführt. Eine Wanderin findet im Juli 2022 abseits der letzten Etappe eine Sonnenbrille, die mit großer Wahrscheinlichkeit Scarlets Modell entspricht. Die Familie vergleicht Farbe und Spiegelung der Gläser mit Fotos, alles passt. Eine erneute Durchsuchung der Umgebung bleibt erfolglos.
An der Brille wird keine DNA gefunden, möglicherweise lag sie schon zu lange im Freien. Eine eindeutige Zuordnung ist nicht möglich. Scarlets Vater Ralf gibt nicht auf. Er sagt in einem Interview: „Ich möchte sie einfach finden und ihr Schicksal klären.
Ich kann nicht akzeptieren, dass meine Tochter verschwunden ist und keiner irgendetwas von ihr hört. Ein Kind darf keine Erinnerung werden. Das ist falsch. “
Seit dem 10.
September 2020 fehlt von Scarlet S. jede Spur. Sie ist 1,60 Meter groß, hat eine schlanke Statur, lange blonde Haare und blaue Augen. Zuletzt trug sie eine kurze Hose und ein schwarzes Top, Wanderschuhe in Größe 36.
Ihr roter Rucksack mit einem gelben Herz-Anhänger und silberfarbener Isomatte wurde nie gefunden. Am Parkplatz zwischen Todtmoos und Wehr, dort, wo die Hunde ihre Spur verlieren, bleibt die Frage offen: Hat Scarlet einfach nur eine Pause gemacht? Hat sie auf jemanden gewartet?
Oder ist sie in ein Auto gestiegen?


