Der Stuhl wackelte schon seit Wochen. Jedes Mal, wenn ich mich setzte, kippte er zur Seite, und ich musste das Bein wieder zurechtrücken. Meine Großmutter hätte das nie geduldet. Sie hätte nicht zum Kleber gegriffen und schon gar nicht einen neuen Stuhl bestellt.

Sie hätte einen kleinen Holzkeil genommen, ihn angefeuchtet und in das lockere Gelenk getrieben. Das Holz sog sich mit Wasser voll, quoll auf und presste sich fest. Kein Leim, kein neuer Stuhl. Nur ein Stück Holz und etwas Wasser.
Ich habe in den letzten Jahren immer wieder darüber nachgedacht, wie viel Wissen wir verloren haben. Nicht großes, theoretisches Wissen aus Büchern, sondern das einfache Handwerkszeug des Alltags. Die Dinge, die meine Großeltern noch selbstverständlich konnten und die heute fast niemand mehr beherrscht. Kein Anruf beim Handwerker, kein Neukauf.
Man setzte sich hin, nahm das Werkzeug zur Hand und brachte es in Ordnung. Da war zum Beispiel die Hose mit dem durchgescheuerten Knie. In den Nachkriegshaushalten lag in fast jedem Nähkorb ein Stopfpilz, ein kleiner runder Holzknauf mit Stiel. Den schob man unter das Loch, spannte den Stoff darüber und dann wurde nicht geflickt, sondern gewebt.
Erst Fäden längs, dicht an dicht, dann Fäden quer, immer abwechselnd drüber und drunter. So entstand ein neues kleines Gewebe, das genau da saß, wo der Stoff fehlte. Es trug wie das Original, weil es aufgebaut war wie das Original. Kein Fleck oben drauf, sondern neuer Stoff aus Faden.
Die gerissene Socke stopfte man über denselben Pilz, die runde Kuppe genau in der Ferse. Die Rundung führte die Nadel und hielt das Gewebe unter Spannung. Der Stoff konnte nicht einknicken, nichts rutschte weg, und so blieb die Stopfstelle glatt. Eine geflickte Socke drückte im Schuh.
Eine gestopfte spürte man nicht. Das war der Unterschied zwischen behelfsmäßig und richtig. Selbst ein abgebrochener Hemdknopf wurde nicht einfach flach angenäht. Man legte einen kurzen Gegenstich unter, ein Fädchen quer auf der Rückseite.
Der verteilte die Zugkraft. Jedes Mal, wenn man das Hemd zuknöpfte, zerrte der Faden am Stoff. Ohne Unterlage scheuerte er sich langsam durch das Gewebe, und der Knopf fiel wieder ab. Mit dem Gegenstich zog er nicht mehr an einem einzigen Punkt, sondern verteilt.
Der Knopf hielt Jahre. Als der Wasserhahn tropfte, tauschte man nicht den ganzen Hahn. Man schraubte ihn auf, nahm die kleine Ledermanschette oder die Gummidichtung heraus und legte eine neue ein. Nur dieses eine weiche Teil.
Beim Zudrehen presste sich die Dichtung in den Sitz, das harte Metall darunter, und schloss den Spalt vollständig ab. Weich auf hart, das dichtet. Kein Tropfen mehr, für ein Ersatzteil, das kaum etwas kostete und in fünf Minuten drin war. Ein Emailletopf mit einem Loch wurde nicht weggeschmissen.
In die Öffnung kam eine kleine Nietscheibe mit einer weichen Einlage, von beiden Seiten festgezogen. Die weiche Einlage quetschte sich ins Loch und presste sich fest, bis kein Wasser mehr durchkam. Kein Löten, kein Spezialwerkzeug. Ein Mensch am Küchentisch, ein Schraubenzieher, fertig.
Der Topf stand am nächsten Morgen wieder auf dem Herd, als wäre nie etwas gewesen. Die stumpfe Schere oder das stumpfe Messer waren auch kein Grund, etwas Neues zu kaufen. Man zog die Klinge einfach nach am Wetzstein, und wenn keiner da war, dann am unglasierten Rand einer Tasse oder eines Tellers. Der raue Ring an der Unterseite, ein paar Züge über den harten Rand in einem flachen Winkel, immer in dieselbe Richtung.
Die Schneide eines Messers ist nie perfekt glatt. Beim Schneiden legt sich die feine Kante um, sie wird wellig und matt. Der harte Rand richtet sie wieder auf und zieht eine neue frische Schneide. Das ist keine Zauberei, das ist Physik am Küchentisch.
Ein Fahrrad, dessen Rad plötzlich eierte und an der Bremse schleifte, war in den vierziger und fünfziger Jahren kein Grund für ein neues Laufrad. Man nahm den Speichenschlüssel, ein kleines Ding, das in jede Hosentasche passte, und drehte an den Nippeln. Nicht wild, sondern gefühlvoll. Hier ein Stück fester, da ein Stück loser.
Ein Laufrad hält seine Form nur, weil alle Speichen gleichmäßig ziehen, wie kleine Zugseile, die die Felge von allen Seiten in der Mitte halten. Fällt eine aus oder lockert sich eine, kippt das Gleichgewicht, und die Felge wandert zur Seite. Zog man die Spannung rundherum wieder ins Lot, lief das Rad wieder rund. Kein Ersatz, nur ein Ausgleich.
Sogar eine ausgeleierte Schraube am Möbelgriff hatte eine einfache Lösung. Man steckte ein Streichholz ins Loch, manchmal zwei, brach den Rest ab und drehte die Schraube wieder hinein. Das Streichholz füllte das ausgeleierte Loch, und die Schraube fand wieder frisches Holz, in das sie ihr Gewinde graben konnte. Ein Griff, der jahrelang wieder saß, wegen eines halben Streichholzes.
Durchgelaufene Schuhsohlen waren auch kein Grund für neue Schuhe. Schuhe waren teuer, also machte man sich eine neue Sohle. Beim Schuster abgeschaut, zu Hause nachgemacht. Man nagelte die Sohle nicht mit Metallstiften fest, sondern mit Holznägeln.
Der Holznagel wurde ins Leder getrieben, und sobald er nass wurde, quoll er auf, dehnte sich im Loch aus und saß bombenfest. Je feuchter der Weg, desto fester hielt der Schuh zusammen. Das Holz arbeitete für den Schuster, nicht gegen ihn. Aber nicht jeder Handgriff aus dieser Zeit war gut.
Bei einem durchgescheuerten Bügeleisenkabel hörte der gesunde Menschenverstand auf. In den fünfziger Jahren wurde so ein Kabel einfach mit Isolierband umwickelt und weiterbenutzt. Das war gefährlich. Alte Textilkabel altern, das Band löst sich, der Draht liegt frei, und bei Strom ist das lebensgefährlich.
Heute tauscht man das ganze Kabel, und das ist richtig so. Das ist der eine Handgriff aus dieser Liste, der zu Recht zurückblieb. Nicht weil man das Können vergessen hätte, sondern weil man später besser verstand, was Strom mit altem Stoff macht. Dann gab es noch den klemmenden Reißverschluss an der Winterjacke.
Der Schieber hakte, wollte weder rauf noch runter. Statt den ganzen Verschluss zu tauschen, nahm man einen Bleistift und fuhr mit der Miene über die Zähne. Graphit ist ein feiner Schmierstoff. Er legt sich zwischen die Metallzähnchen, und der Schieber gleitet wieder, als wäre nichts gewesen.
Ein paar Sekunden Arbeit, und die Jacke hielt noch einen Winter. Eine gelockerte Tür, deren Schraube durchdrehte und deren Loch im Rahmen ausgeleiert war, ließ sich auch retten. Man nahm ein paar Zündhölzer, tauchte sie in Leim und stopfte das Bündel ins ausgerissene Bohrloch. Die Hölzchen füllten das leere Loch wieder aus, der Leim band sie zu einem festen Kern, und in diesen neuen Kern fand die Schraube wieder Halt.
Dasselbe Prinzip wie beim Möbelgriff, nur größer gedacht. Neues Material an die Stelle, wo altes fehlte. Sogar eine gesprungene Porzellantasse wurde nicht weggeworfen. Das Lieblingsstück mit dem feinen Riss quer über die Wand wurde geklebt, und zwar mit Kasein aus Magermilch.
Man gewann aus der Milch das Eiweiß, verrührte es zu einem zähen Brei, strich ihn in die Bruchstelle und presste die Teile zusammen. Das Eiweiß härtet beim Trocknen zu einem festen, steinartigen Kitt aus. Man fand Kasein früher sogar im Holzleim und in Farben. Aber so eine geklebte Tasse würde man heute nicht mehr für Essen oder Trinken nehmen.
Als Andenken im Schrank, ja. Zum Kaffee, nein. Der überraschendste Handgriff von allen war der zum Schluss: eine blind gewordene Fensterscheibe, milchig, mit einem grauen Belag, den kein Lappen wegbekam. Man nahm kein Mittel aus der Flasche.
Man nahm zerknülltes Zeitungspapier und rieb das Glas und das Metall, bis alles wieder blank war. Die feine Druckerschwärze auf dem Papier wirkt wie ein ganz mildes Schleifmittel. Sie löst den Belag ab, ohne die Fläche zu zerkratzen. Fein genug zum Putzen, zu weich zum Ritzen.
Trocken, umsonst, in jeder Küche vorhanden. Wenn ich mir diese fünfzehn Sachen anschaue, sehe ich keinen Notbehelf. Ich sehe einen Alltag, in dem Dinge einen Wert hatten, weil man wusste, wie sie funktionierten. Ein loser Stuhl, eine stumpfe Schere, eine blinde Scheibe.
Für jedes Problem gab es einen Griff, und der lag im eigenen Kopf und in der eigenen Hand. Das war kein Basteln, das war Können, das jeder im Haus teilte. Und es ging nie ums Geld. Es ging ums Verstehen.
Wer versteht, wie etwas kaputt geht, weiß auch, wie man es wieder ganz macht.

