Der Anruf erreichte die Polizei kurz vor Weihnachten, an einem Tag, der eigentlich im Zeichen von Plätzchen und Geschenken stehen sollte. Stattdessen wurden drei Leichen gefunden, gefesselt und erdrosselt in einer Kinderarztpraxis in Ziegelhausen bei Heidelberg. Der beliebte 66-jährige Kinderarzt Dr. Udo F.

, seine Frau und die 24-jährige Arzthelferin Astrid R. waren tot. Rechtsmedizinerin Kirsten Marion Stein wurde aus ihren Festvorbereitungen gerissen. Sie stand gerade in der Küche und wollte Plätzchenteig anrühren, als der Anruf kam.
Vor Ort warf sie nur einen kurzen Blick auf die Leichen, dann musste sie erst einmal zwei Stunden im Treppenhaus warten, bis die Kriminaltechnik ihre Arbeit beendet hatte. Der Anblick war schockierend: In dem kleinen Behandlungsraum lagen die drei Opfer aneinandergefesselt, mit Handschellen fixiert und an die Heizung gebunden. Für Kriminaloberrat Heinz Greta war sofort klar, dass hier etwas Brutales passiert sein musste. Er ging von einem Einzeltäter aus, denn in der Enge des Raumes hätten sich zwei Täter kaum bewegen können.
Die Obduktion ergab: Alle drei Opfer waren gefesselt, wiederholt misshandelt und schließlich erdrosselt worden. Der Täter musste sie nacheinander mit einem Seil getötet haben, eine grausame Prozedur, die Zeit und Nervenstärke erforderte. Die Ermittler rekonstruierten den Ablauf. Der Arzt und seine Sprechstundenhilfe waren allein in der Praxis, um Jahresendabrechnungen zu erledigen.
Der Täter muss sie mit einer Waffe überwältigt haben – eine altertümliche Pistole, die später am Tatort gefunden wurde. Er wollte offenbar Bargeld, doch in der Arztpraxis gab es keins. Also rief der Arzt seine Tochter an, wohl in der Hoffnung, dass sie misstrauisch werden würde. Doch die Familie schöpfte keinen Verdacht.
Die Ehefrau brachte eine EC-Karte in die Praxis – ein tödlicher Fehler. Als sie die zugehörige PIN nicht nennen konnte oder wollte, eskalierte die Situation. Kommissar Greta musste noch in derselben Nacht die Eltern der jungen Arzthelferin benachrichtigen. Er wollte nicht, dass sie die Nachricht aus den Frühnachrichten erfuhren.
Die Mutter fragte ihn unter Tränen: „Was ist denn passiert? “ Er antwortete: „Das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann. “ Bei der Obduktion kamen die Angehörigen, um Abschied zu nehmen. Sie brachten Sonnenblumen mit, und die Rechtsmedizinerin stand weinend neben ihnen.
Die Sonderkommission ermittelte während der gesamten Weihnachtsfeiertage. Es gab zwei vielversprechende Spuren. Ein Geschäft meldete, kurz vor Weihnachten drei Handschellen verkauft zu haben. Die Ermittler konnten die Käufer ermitteln, zwei junge Männer, und ließen sie noch am selben Abend festnehmen.
Doch die Spur zerplatzte wie eine Seifenblase, als sich herausstellte, dass die Handschellen noch an den Betten ihrer Freundinnen hingen. Dann schickte der Täter selbst einen handgeschriebenen Brief an die Polizei, in dem er behauptete, zu zweit gewesen zu sein und das Land verlassen zu wollen. Der Brief wirkte wenig intelligent, aber entscheidend war das Papier: Es trug denselben Fingerabdruck wie ein Bilderbuch in der Kinderarztpraxis. Eine eindeutige Täterspur.
Und dann waren da noch die Filterzigarillos der Markte Brand, die im Hausflur des Praxisgebäudes gefunden wurden. Diese Billigmarke wurde nur an drei Orten in Mannheim verkauft. Eine Verkäuferin erinnerte sich an einen seltsamen Stammkunden, der immer am Monatsende kam und sich gleich zwei oder drei Stangen kaufte. Ihre Beschreibung führte die Ermittler zu Karlheinz B.
, einem 50-jährigen, stark übergewichtigen, flegmatischen Mann mit gescheiterter Existenz. Als die Beamten seine Wohnung betraten, saß er vor einem vollen Aschenbecher, umgeben von Papieren, als hätte er auf seine Verhaftung gewartet. Sein Motiv war unfassbar banal: Er brauchte Geld für Weihnachtsgeschenke für seine Kinder. Ursprünglich wollte er die Postbankfiliale überfallen, die sich im selben Haus befand.
Doch die Bank schloss an diesem Tag früher. Der Plan war vereitelt, er rauchte nervös im Treppenhaus und sah, wie der Arzt die Praxis verließ. Spontan passte er seinen Plan an. Als der Arzt zurückkam, überwältigte er ihn.
Die Arzthelferin war noch da, und die Frau des Arztes kam ahnungslos mit der EC-Karte dazu. Als sie die PIN nicht nennen konnte, wurde seine Wut weiter angefacht. Nach Einschätzung der Ermittler wurde zuerst die junge Frau getötet, dann der Mann und zuletzt die Ehefrau. Karlheinz B.
schwieg vor Gericht. Das Landgericht Heidelberg verurteilte ihn wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld. Vor einigen Jahren starb er in der Haftanstalt. Ohne die Beharrlichkeit der Ermittler, die auf die Zigarettenmarke und den Fingerabdruck setzten, wäre ein Mann davongekommen, der aus einer Laune heraus unschuldige Menschen kaltblütig ermordet hatte.
Ein anderer Fall, der die Ermittler lange beschäftigte, begann mit einer Vermisstenmeldung. Im September 2015 verschwand die 23-jährige Judith T. aus Nienburg. Sie wurde zuletzt am 12.
September gesehen. Ihre Freundin meldete sich besorgt, weil Judith nie unentschuldigt fehlte. Die Polizei ortete ihr Handy, doch es war seit drei Tagen ausgeschaltet. Eine Nachbarin erinnerte sich, Judith mit einem jüngeren Mann mit kurzen Haaren und Stiernacken gesehen zu haben.
Die Ermittler suchten öffentlich nach Judith und ihrem roten Fiat. Der Wagen wurde schließlich auf einem Parkplatz in Loccum gefunden, ordentlich geparkt und verschlossen. Spuren gab es kaum, nur Judiths DNA. Der Parkplatz war ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen in den Klosterwald – und Judith war naturverbunden.
Die Polizei durchsuchte den Wald, zunächst ohne Erfolg. Doch dann fand Judiths Vater, der selbst auf die Suche gegangen war, tief im Wald die Leiche seiner Tochter. Sie lag unter Ästen, unbekleidet bis auf eine Socke. Die Obduktion ergab, dass sie durch Ersticken gestorben war.
Der Todeszeitpunkt wurde auf den Tag ihres Verschwindens datiert. In der Nähe des Fundorts entdeckte die Spurensicherung eine Stelle, an der jemand offenbar gelegen hatte. Dort fanden sie ein Centstück, ein Kaugummipapier und Zigarettenfilter. Doch die Witterung hatte die Spuren weitgehend zerstört.
Die Ermittler konzentrierten sich auf Judiths Umfeld. Sie lebte in unmittelbarer Nähe zu einer forensischen Klinik für verurteilte Straftäter. Die Beamten ließen sich die Freigängerlisten geben, doch niemand fiel auf. Dann tauchte ein Name auf: Chris aus Köln, Judiths Verlobter aus einer Fernbeziehung.
Sie war völlig vernarrt in ihn, aber niemand hatte ihn je gesehen. Alle Accounts führten ins Leere – Fake-Profile. Etwa eine Woche nach dem Leichenfund meldete sich ein Mann telefonisch bei der Polizei, gab an, Chris zu sein, und sagte, Judith habe die Beziehung vor drei Monaten beendet. Doch die Rückverfolgung des Anrufs ergab: Die Nummer gehörte einer Frau namens Nadin aus Krefeld.
Sie hatte sich als Chris ausgegeben und eine Fake-Identität aufgebaut. Ein Alibi hatte sie. Wieder eine Sackgasse. Die Ermittlungen stockten.
Erst im März 2016, als das Team alle Spuren erneut durchging, fiel ein Fehler auf: Das Kaugummipapier vom Tatort war nie untersucht worden. Es wurde nachträglich eingeschickt – und es trug die DNA eines registrierten Straftäters: Jörg Edgar N. , ein Sexualstraftäter, der in Sicherungsverwahrung saß – genau in der Klinik hinter Judiths Wohnung. Doch wie konnte er am Tattag im Wald sein?
Zunächst schien er nicht auf der Freigängerliste zu stehen. Dann stellte sich heraus: Freigänger war der falsche Begriff. Jörg Edgar N. hatte an dem Tag Ausgang – eine Vollzugslockerung, die ihm im Rahmen der Therapie zustand.
Er wurde festgenommen, schwieg aber. Es folgte ein langwieriger Indizienprozess mit mehreren Urteilen und Revisionen. Erst 2022 wurde er wegen Mordes zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Die genaue Todesursache von Judith konnte nie rekonstruiert werden – zu weit war die Verwesung fortgeschritten.
Doch ein extrem gefährlicher Täter war endlich aus dem Verkehr gezogen. Auch in Thüringen beschäftigte ein Fall die Ermittler jahrelang. Am 8. September 1994 kam der 13-jährige Mike G.
aus Unterwellenborn nicht nach Hause. Er war am Abend noch bei einem Freund gewesen und wollte mit dem Fahrrad die kurze Strecke über den Mühlweg nach Hause fahren – doch er kam nie an. Die Polizei suchte mit Hunden und einem Hubschrauber, ließ Felder abräumen, doch es gab keine Spur. Zwei Jahre lang blieb Mike verschwunden.
Im August 1996 fanden Kinder beim Schwimmen in einem Teich ein Fahrrad. Es war Mike‘s Rad – mit dem markanten fehlenden Pedal. Das Rad lag so im Wasser, als hätte jemand es hineingeworfen. Einen Monat später entdeckte ein Arbeiter in einer Feldscheune menschliche Knochen: das Skelett eines Kindes, mit massiver Gewalteinwirkung gegen den Kopf.
Es war Mike. Er musste kurz nach seinem Verschwinden getötet worden sein. Doch Spuren am Tatort gab es kaum, die Ermittlungen endeten in einer Sackgasse. Erst 1998, als ein neuer Kripoleiter die Cold Cases neu bewertete, kam Bewegung in den Fall.
Er gründete eine Sonderkommission. Man ging davon aus, dass der Täter aus der Region stammte, und fragte sich, was übersehen worden war. Der Teich wurde ein zweites Mal abgepumpt und der Schlamm gesiebt. Dabei fanden die Kriminaltechniker einen Norweger-Pullover in Größe 52 mit Blutspuren und Tierhaaren.
Das Blut war von Tieren, aber der Pullover schien perfekt zu einem Mann zu passen, der im Visier der Ermittler stand: Reinhard K. , ein Bekannter aus dem Umfeld der Familie, der gelegentlich in der Feldscheune gearbeitet hatte. Er trug Größe 52, schlachtete Kaninchen und galt unter Alkoholeinfluss als gewalttätig. Eine Wirtin berichtete, dass Reinhard K.
nach Mikes Verschwinden nicht bei der Suche geholfen, sondern sich in ihrer Kneipe betrunken hatte. Und dann fanden die Ermittler ein altes DDR-Verfahren: Reinhard K. hatte in den 70er Jahren versucht, eine ältere Dame auszurauben und zu erschlagen. Die Vorgehensweise passte zum Mord an Mike.
Reinhard K. wurde observiert und schließlich festgenommen. Zunächst gestand er nur einen Unfall: Mike sei mit dem Fahrrad gegen ihn gefahren und leblos liegen geblieben. Doch die Verletzungen des Kindes sprachen eine andere Sprache.
In den späten Abendstunden erreichte die Polizei die Nachricht: Reinhard K. hatte vollumfänglich gestanden. Er war so verärgert über den Zusammenstoß, dass er mit einer vollen Schnapsflasche mehrfach auf Mikes Kopf eingeschlagen hatte. Dann schleppte er den Jungen in die Scheune.
Als er merkte, dass Mike noch lebte, nahm er ein Werkzeug und schlug erneut zu. Die Tatwaffe ließ er in der Scheune zurück, das Fahrrad warf er in den Teich. Sein Motiv war Angst: Er befürchtete, dass der Junge den Vorfall erzählen würde. Kurios war: Der Norweger-Pullover aus dem See gehörte gar nicht ihm.
Am Ende konnte er ihm nicht eindeutig zugeordnet werden – eine falsche Spur, die zum richtigen Täter geführt hatte. Im Mai 2000 wurde Reinhard K. wegen Mordes zu 13 Jahren Haft verurteilt, mit verminderter Schuldfähigkeit wegen starker Trunkenheit. Und dann war da noch der Fall, der eine ganze Ortschaft unter Verdacht stellte.
Im August 1985 fand ein junger Mann seine Schwester leblos in deren Schlafzimmer in Untergriesbach bei Passau. Die 31-jährige Roswita K. lag nackt auf dem Doppelbett, teilweise mit einem Bettvorleger und Kissen bedeckt. Die Tür war von innen verschlossen, der Schlüssel steckte im Schloss.
Ein Fensterflügel stand offen – so war der Täter offenbar ein- und wieder ausgestiegen. Die Obduktion ergab: Tod durch Erwürgen mit erheblicher Gewalteinwirkung. Zudem war das Opfer sexuell misshandelt worden. Unter einem Fingernagel fand man einen Holzsplitter, am Tatort einen Herrenkamm, einen Schuhabdruck und einen Fingerabdruck, der weder zum Opfer noch zu ihrem Umfeld passte.
In der Nähe wurde eine abgeschnittene Holzleiter von einer Baustelle gefunden – der Täter hatte sie offenbar benutzt, um durch das Hochparterre-Fenster einzusteigen. Auf einer Wiese lag ein Damenslip, auf einer Bettdecke unter dem Fenster fanden sich Urinspuren. Die Ermittler waren sicher: Der Täter musste aus Untergriesbach stammen, denn nur ein Ortskundiger konnte die Leiter finden und wissen, welches Fenster zu Roswitas Schlafzimmer gehörte. Fast alle Männer des Ortes gerieten unter Verdacht, das Misstrauen war groß.
Die Polizei bat etwa 2000 Männer zwischen 16 und 60, freiwillig Fingerabdrücke abzugeben. Doch nur gut 800 kamen; nach vier Wochen musste die Aktion abgebrochen werden. Der Fall blieb ungelöst, und die Ungewissheit in der Bevölkerung blieb. Jahre später übernahm Uli Moser, stellvertretender Kommissariatsleiter der Kripo Passau, den Cold Case.
Zusammen mit einem Kollegen wertete er die Akten neu aus. Dabei fiel ihm der Urinfleck auf der Bettdecke unter dem Fenster auf. Die damaligen Ermittler hatten angenommen, Roswita sei im Bett überrascht worden. Doch Moser schloss aus der Muskelschwäche im Todeskampf, dass sie vor dem Fenster erdrosselt worden sein musste – genau dort, wo der Urinfleck lag.
Und der Holzsplitter unter ihrem Fingernagel passte zu einem verwitterten Teil des Fensterrahmens. Roswita war also vor dem Fenster gestorben, nicht im Bett. Auf dem Herrenkamm konnte dank moderner Technik mittlerweile DNA gesichert werden. Der Abgleich in den Datenbanken war negativ, auch die früheren Verdächtigen aus den Akten schieden aus.
Moser erweiterte den Kreis und stieß auf drei Männer, die in der fraglichen Nacht in einer Gaststätte gewesen waren. Einer davon war Erwin M. , 47 Jahre alt, wohnhaft nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt. In der Todesnacht kam er auf dem Heimweg an Roswitas Wohnung vorbei.
Moser ließ ihn festnehmen und eine Speichelprobe nehmen – die DNA stimmte mit der vom Tatort überein. Erwin M. gab zu, nachts ins Schlafzimmer eingestiegen zu sein, bestritt aber den Mord. Zuerst behauptete er, beim Einsteigen gestolpert und mit dem Arm auf den Hals des Opfers gefallen zu sein.
Als das widerlegt wurde, sagte er, er sei beim Liebesspiel mit ihr aus dem Bett gestürzt. Doch die Tatortrekonstruktion von Moser widerlegte auch diese Aussage. 2004 wurde Erwin M. vom Landgericht Passau zu 15 Jahren Haft verurteilt.
Er gestand den Mord aus sexuellen Gründen. Ironie des Schicksals: Sein Fingerabdruck war bereits 1985 mit dem am Tatort abgeglichen worden – warum die Übereinstimmung damals nicht festgestellt wurde, konnte nie geklärt werden. Moser zog eine ernüchternde Lehre aus diesem Fall: Der Mensch ist das intelligenteste, aber auch grausamste Lebewesen auf diesem Planeten.
Er findet immer neue Wege, einen perfekten Mord zu begehen – aber die Kriminaltechnik macht es Tätern zunehmend schwerer, damit davonzukommen.


