Trotz des strömenden Regens drängten sich am 18. Februar 1997 rund 20. 000 Fans ins Millerntorstadion. Für den FC St.

Pauli stand ein Heimspiel gegen den VfL Bochum an, ein Sieg wäre in der schwachen Saison wichtiger denn je gewesen. Auch Andreas Dünkler machte sich gut gelaunt auf den Weg, um mit zwei Freunden einen entspannten Fußballabend zu verbringen. Doch daraus wurde nichts. Der Regen hörte nicht auf, das Spiel wurde nie angepfiffen und Andreas verschwand für immer.
Andreas war mit zehn Jahren adoptiert worden und seiner Familie seitdem sehr verbunden. Er lebte mit seiner Mutter und einer Schwester in Hamburg-Eppendorf, studierte noch Jura nebenbei und arbeitete erfolgreich in der Kanzlei eines Notars. Alles deutete auf eine Festanstellung nach dem zweiten Staatsexamen hin, das 1997 kurz bevorstand. In seiner Freizeit segelte er, kochte gern oder ging ins Stadion.
Am Nachmittag des 18. Februar kam Andreas von der Arbeit nach Hause. Er trank mit seiner Mutter Kaffee und setzte sich später noch einmal an den Schreibtisch, um für das Examen zu lernen. Er war zuversichtlich, aber er wollte bestmöglich vorbereitet sein.
Am Abend sollte es dann zum Fußball gehen. Als er das Haus um etwa 18 Uhr verließ, traf er zufällig seine Schwester auf der Straße. Sie redeten nur kurz, dann machte er sich auf den Weg. Er verabschiedete sich von seiner Mutter mit einem breiten Grinsen.
Gegen 19:15 Uhr traf Andreas am Millerntorstadion seine Freunde Thorsten und Thomas. Trotz des anhaltenden Regens waren die Fans bester Laune. Doch bald wurde klar, dass dieser Abend nicht nach Plan laufen würde. Die Stadiontore blieben geschlossen.
Das Wetter war zu extrem, Teile des Stadiondachs waren lose, Werbetafeln waren über den Platz geweht worden. Das Sicherheitsrisiko wurde als zu groß eingestuft. Um 19:32 Uhr wurde den Fans per Lautsprecher mitgeteilt, dass das Spiel abgesagt war. Es war bereits das vierte Mal, dass die Partie verschoben werden musste.
Verärgert und enttäuscht machten sich die drei Freunde auf den Weg in die Innenstadt und gingen in einen Irish Pub. Sie setzten sich an einen Tisch und tranken bei bester Unterhaltung ein Bier. Für Andreas reichte das. Zu Hause lagen noch Akten für die Kanzlei auf dem Schreibtisch.
Also brachen er und sein Freund Thorsten gemeinsam zum Hauptbahnhof auf. Sie wollten beide mit der U-Bahn nach Hause fahren, allerdings mit derselben Linie in unterschiedliche Richtungen. Die U-Bahn für Thorsten kam zuerst. Sie verabschiedeten sich, und als Thorsten in seinen Waggon stieg, konnte er Andreas am Gleis noch winken sehen.
Dann fuhr die Bahn los. Es war das letzte Mal, dass Thorsten seinen Freund sehen würde. Im Fall Andreas Dünkler gibt es ein bis heute großes Problem: die Überwachungskameras des Hauptbahnhofs. Genau in dem Zeitraum, in dem Andreas dort wartete, wurden die Bänder der Kameras ausgetauscht.
Es gibt keine Bilder von den entscheidenden Momenten. Niemand weiß, was nach Thorstens Abfahrt geschah. Vielleicht stieg Andreas in die nächste Bahn, vielleicht ging er noch einmal in die Wandelhalle, vielleicht traf er jemanden. Vielleicht war er allein.
Man weiß es nicht. Andreas Mutter bemerkte erst am nächsten Morgen, dass ihr Sohn nicht nach Hause gekommen war. Sie hatte sofort das Gefühl, dass etwas passiert war. Seine Schwester versuchte, die Sache rational zu sehen – vielleicht hatte Andreas nach der Spielabsage spontan bei einem Freund übernachtet.
1997 war man nicht ständig erreichbar, spontane Planänderungen kamen ohne Anruf vor. Also gingen Mutter und Schwester zur Arbeit und hinterließen einen Zettel. Am Nachmittag fanden sie alles unberührt vor: das Bett fein säuberlich gemacht, die Lernunterlagen auf dem Schreibtisch, der Zettel unangetastet. Am 20.
Februar erstattete seine Schwester Anzeige wegen Vermisstenmeldung. Doch die Polizei konnte zunächst wenig tun. Andreas war erwachsen, er konnte seinen Aufenthaltsort frei bestimmen. Es gab keine Hinweise auf Eigengefährdung.
Seine Familie machte sich trotzdem große Sorgen – Andreas einfach so abzutauchen ergab für sie keinen Sinn. Die Gewissheit seiner Mutter, dass ihm etwas zugestoßen sein musste, wurde immer stärker. Sie erstellte Suchplakate und Flyer, aber niemand wusste etwas. Nach einigen Tagen stieg auch die Polizei ein.
Man versuchte, Andreas Bewegungen nachzuvollziehen – doch außer Arbeit, Kaffee, Lernen und dem gescheiterten Fußballabend gab es nicht viel. Nur eine Ausnahme: Am Tag seines Verschwindens hatte Andreas bei seiner Bank in der Eppendorfer Landstraße 600 D-Mark abgehoben. Das musste nichts bedeuten, konnte aber auch vieles erklären. Der Fall wurde schnell still.
Es gab einfach nichts zu berichten. Erst 18 Monate später, am 1. November 1998, gab es eine wichtige Entdeckung. Ein Mädchen fand beim Spaziergang mit ihrem Hund am Elbstrand in Brokdorf, Kreis Steinburg, Schleswig-Holstein, den Personalausweis von Andreas – mehr als 60 Kilometer von seinem letzten bekannten Aufenthaltsort entfernt.
Das Dokument war weitgehend unversehrt, nur mit Gebrauchsspuren. Es konnte nicht lange im Wasser gelegen haben und wahrscheinlich auch nicht lange am Fundort. Dass das Dokument auf wundersame Weise von Hamburg nach Brokdorf geschwommen war, war ausgeschlossen. Andreas Familie war sich sicher: Andreas hatte seinen Ausweis immer im Portemonnaie getragen.
Der Perso war nicht die heutige Plastikkarte, sondern Papier. Und der Ausweis von Andreas wies Abnutzungsspuren auf, als wäre er lange Zeit in der Gesäßtasche einer Hose mitgetragen worden – etwas, das Andreas laut seiner Familie nie getan hätte. Bis heute ist unklar, wie der Ausweis nach Brokdorf kam und wo er in der Zwischenzeit war. Ein Hinweis wurde gegeben: Wenn jemand den Ausweis an sich genommen hatte, war das inzwischen verjährt – denn man könnte helfen, ein wichtiges Rätsel zu lösen.
Der nächste wichtige Zeuge meldete sich am 15. Juli 2002, mehr als fünf Jahre nach Andreas Verschwinden. Peter M. , ein Hamburger, las in einer Zeitung einen Artikel über die vermisste Person.
Als er das Foto sah, wurde er stutzig: Er erinnerte sich an einen Mann, den er mit zwei anderen Männern in der U-Bahn gesehen hatte – in der U1, genau der Linie, die Andreas genommen haben musste. Peter hatte eines Abends gegen 23 Uhr in einem Wagon der U1 Richtung Ohlsdorf beobachtet, wie ein Mann von zwei weiteren Männern gestützt wurde. Die Gruppe saß auf einem Vierersitz, Peter schräg gegenüber. Einer der Männer wirkte verletzt, abwesend und schlaff – es könnte Andreas gewesen sein.
Die drei sollen an der Haltestelle Kellinghusenstraße ausgestiegen sein, etwa zwölf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Peter sah, wie der gestützte Mann beim Aufstehen einen Fleck auf der Sitzlehne hinterließ – er berührte ihn, es war frisches Blut. Peter stieg ebenfalls aus und beobachtete die Gruppe genau. Die beiden Männer sprachen eine fremde Sprache, wohl eine osteuropäische.
Der Mann in der Mitte konnte nicht mehr auf eigenen Beinen gehen – er wurde von den anderen die Treppe hinuntergeschleift. Peter sah außerdem einen dunklen Fleck auf dessen Rücken. Er handelte vorbildlich und meldete seine Beobachtung über eine Notrufsäule am Bahnsteig. Die Aufzeichnung der Notrufzentrale existiert jedoch nicht mehr, sodass nicht überprüft werden kann, ob es tatsächlich am 18.
Februar 1997 war. Doch die Aussage von Peter ist für die Polizei höchst interessant. Er konnte alle drei Personen genau beschreiben. Der Mann, der Andreas gewesen sein könnte, war etwa 1,80 Meter groß, kräftig, trug einen kaki-farbenen Militärparka und eine nach hinten gedrehte Cap – ein wichtiges Detail, denn die hatte Andreas wirklich getragen.
Die beiden Begleiter waren schlank, einer etwa 1,80 Meter groß mit dunkelblonden Haaren, der andere rund 1,75 Meter mit dunkelbraunen Haaren, die zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden waren. Der Ausstieg an der Kellinghusenstraße würde Sinn ergeben, denn die Haltestelle liegt in Eppendorf, wo Andreas mit seiner Mutter und Schwester lebte. Auch die Uhrzeit passte. Die Frage bleibt: Was könnte Andreas passiert sein?
Wurde er am Bahnsteig oder in der Bahn am Rücken verletzt? Von wem, weshalb? Oder waren die beiden Männer vielleicht Zeugen, die ihm geholfen haben? All das weiß man nicht.
Die Polizei nimmt Peters Beobachtung ernst – sie ist einer der Gründe, weshalb die Ermittler mittlerweile ausdrücklich von einem möglichen Tötungsdelikt ausgehen. 2017 wurde der Fall von einer Cold-Case-Einheit neu aufgerollt. Im Oktober 2018 strahlte das ZDF eine Sonderausgabe von „Aktenzeichen XY ungelöst“ mit dem Titel „Wo ist mein Kind? “ aus, in der auch der Fall Andreas Dünkler behandelt wurde.
Seine Mutter, eine Schwester, sein Freund Thorsten und Zeuge Peter M. erzählten von ihren Beobachtungen. Es wurden Nachstellungen gezeigt, und es wurde nach Andreas ehemaligen Kommilitonen in Saarbrücken und Göttingen gefragt sowie nach Leuten, die während seiner Zeit in Hamburg-Kleinensee Kontakt zu ihm hatten. Der Ermittler betonte: Je mehr wir über Andreas erfahren, desto näher kommen wir dem Täter.
Auch nach den beiden beschriebenen Begleitern wurde gefragt. Schon kurz nach der Ausstrahlung gingen erste Hinweise bei der Polizei ein. Wie viele Anrufe eingingen und was dabei herauskam, wurde nicht veröffentlicht. Es ist das letzte, was über den Fall öffentlich bekannt ist.
2023 sprach Andreas Mutter, damals 84 Jahre alt, noch einmal mit einer Zeitung. Sie hofft, dass sie erfährt, was ihrem Sohn am 18. Februar 1997 zugestoßen ist. Es scheint unmöglich, dass niemand etwas gesehen hat.
Der Tag war zwar ein Dienstag, und um 22 bis 23 Uhr war es spät, aber am Hamburger Hauptbahnhof und an der Kellinghusenstraße, einem Knotenpunkt der Linien U1 und U3, ist es auch zu dieser Zeit nicht menschenleer. Es muss mehr Menschen wie Zeugen Peter geben – Menschen, die etwas gesehen haben. Es ist nie zu spät, sich mit Hinweisen zu melden. Andreas Mutter, seine Geschwister und Freunde warten bis heute auf Antworten.
Es wird Zeit, dass sie sie bekommen.


