Die Nacht, in der die Polizei mich auf der Wache in München abholte, saß ich neben ihm im Auto. Er war gefesselt, aber ich spürte, dass er unruhig wurde. Dann plötzlich bekam er Tränen in die Augen und sagte: „Jetzt wisst ihr es ja. Jetzt habt ihr mich.

Jetzt wisst ihr, dass ich das gemacht habe. “
Ich fragte: „Was? “
„Ja, das mit den beiden Jungs. “
Mir fiel fast die Kinnlade runter.
In diesem Moment begriff ich erst wirklich, wem ich da entkommen war. Ich heiße Rafael und wurde am 2. Oktober 1992 auf dem Heimweg von der Schule in Hof entführt. Ich war sechs Jahre alt.
Was mir damals niemand sagen konnte, war, dass der Mann, der mich in sein Auto gezerrt hatte, bereits zwei Kinder getötet hatte. Der kleine Michael aus Sanne in Sachsen-Anhalt war elf Tage zuvor entführt und ermordet worden. Und im März hatte man den neunjährigen Rudolf Bröckel aus Celle sexuell misshandelt und in einem Wald erstochen aufgefunden. Die Polizei vermutete einen Serientäter, weil die Opfer alle gleich aussahen: zierlich, schlank, blond.
Ich passte genau in dieses Muster. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als er mich ansprach. Er fragte nach einer Straße, glaube ich. Ich bin weitergelaufen.
Dann wurde er aufdringlicher, bis er ein Messer zog und mich zu seinem Auto schleifte. Er war nicht außergewöhnlich aggressiv, kein brüllender Verrückter. Ein ganz normaler Mensch, wie wir alle. Aber ich sehe ihn noch heute auf fünfhundert Meter.
Im Auto machte er mir sofort klar, dass das kein Scherz war. Er zeigte mir eine Handfeuerwaffe im Handschuhfach. Und dann sind wir gefahren. Stundenlang.
Ich hatte keine Ahnung, wer er war, wohin wir fuhren oder was er mit mir vorhatte. Ich glaube, er wusste es selber nicht. Wir machten keine Pausen. Er ließ mich keine Sekunde aus den Augen.
Das Erstaunliche ist: Während dieser Fahrt hat er mir seine halbe Lebensgeschichte erzählt. Mir, einem sechsjährigen Kind. Er vertraute mir Dinge an, die er vermutlich niemandem sonst je gesagt hatte. Und gleichzeitig drohte er mir: Wenn ich ihn verrate, ob die Polizei ihn nun schnappte oder nicht, würde er mich und meine Familie umbringen.
Er kannte meinen Namen. Er wusste, wo ich wohnte. Damals verstand ich nicht, warum er so redete. Heute weiß ich es: Ich hatte etwas getan, das ihn innerlich verändert hatte.
Ich war ruhig geblieben. Ich hatte kein Geschrei, keine Panik, kein Weinen. Ich habe das Gespräch mit ihm gesucht. Und das hat bei ihm etwas ausgelöst, das ihn bei mir anders handeln ließ als bei seinen früheren Opfern.
Später erzählte mir jemand, der Täter habe gesagt, der Junge habe positiv auf ihn reagiert. Er habe das Gespräch gesucht, sei auf Augenhöhe gewesen. Und dann sagte er den Satz, der mein Leben gerettet hat: „Da konnte ich ihn nicht töten. “
Das Messer hatte er die ganze Zeit im Seitenfach der Fahrertür liegen gehabt.
Ich selbst konnte mir das damals nicht erklären. Ich wusste nicht, dass mein ruhiges Verhalten der einzige Grund war, warum ich diese Geschichte überlebt habe. Das wurde mir erst im Nachhinein gesagt. Ich hatte einfach Glück.
Glück, dass er in mir etwas anderes sah als in den anderen Kindern. Glück, dass er sich entschied, mich nicht zu töten, sondern zu meinen Eltern zurückzubringen. Denn das hat er tatsächlich getan. Nach einer langen Fahrt mit über tausend Umwegen, vermutlich fast zehn Stunden, standen wir irgendwo in der Nähe des Oktoberfests in München.
Er sagte mir, ich dürfe nach Hause. Er würde mich gehen lassen. Ich wusste nicht, ob das ernst war oder nur dazu diente, mich zu beruhigen. Aber ich war froh, dass ich das Gefühl hatte, dass mir nichts passieren würde.
Am Ende hat er sogar selbst bei meinen Eltern angerufen und gesagt, er habe mich auf dem Oktoberfest aufgegabelt und sie könnten mich abholen. Ich telefoniere auch selbst noch einmal mit ihnen, um zu sagen, dass es mir gut geht. Dann kam die Polizei. Er wurde überwältigt und festgenommen.
Ich wurde auf eine Polizeiwache in München gebracht und später abgeholt. Die Zeit verging schnell, ich weiß nicht mehr, ob es dieselbe Nacht war oder der nächste Tag. Aber die Fahrt nach Celle, als er mir gegenüber saß, gefesselt, und plötzlich anfing zu weinen – diese Fahrt werde ich nie vergessen. „Jetzt wisst ihr ja, dass ich das gemacht habe.
“ Er meinte die beiden Jungs. Die beiden toten Jungs. Der Kinderpfleger Thomas E. aus Celle, der in seiner eigenen Jugend sexuell missbraucht worden war, stand vor Gericht.
Er war in nahezu allen Anklagepunkten geständig. Ich bin froh, dass er eingesperrt ist. Dass er nicht entkommen ist. Dass es keine weiteren Morde gab.
Und ich bin froh, dass ich überlebt habe, obwohl andere nicht so viel Glück hatten. Ich bin definitiv einer der Jungs mit dem meisten Glück. Das hat mich verändert. Ich genieße mein Leben mehr, sehe viele Dinge mit anderen Augen und schätze Dinge, die früher selbstverständlich waren.
Weil ich weiß, dass es auch hätte anders ausgehen können. Wenn ich nicht ruhig geblieben wäre. Wenn er in mir nicht etwas anderes gesehen hätte. Dann wäre es nach zehn Stunden Fahrt vielleicht nicht auf dem Oktoberfest geendet.
Sondern dort, wo die anderen Jungs gelandet sind.


